Karneval und so weiter

Dieses Jahr setzen wir mit Karneval aus. Irgendwie war das nach drei Jahren etwas unwirklich – wobei ich dann bei den Berichten von Donnerstag schon dachte… auf jeden Fall nächstes Jahr.

Trotzdem ist die Familie in Köln vertreten, meine jüngere Tochter war gestern in Köln unterwegs. Ich habe dreimal geschluckt, als sie Donnerstag fragte, ob das ok sei. Natürlich ist sie nicht allein unterwegs, sondern mit einer ganzen Gruppe, die meisten wohnen auch in Köln. Aber trotzdem.

Ich habe ihr gestern einen längeren Vortrag gehalten, was zu beachten ist. Nicht allein irgendwohin, immer nur zu zweit aufs Klo, Vorsicht beim Alkohol, generell aufs Glas aufpassen (K.O.-Tropfen) und wenn irgendwer blöd kommt, sofort gehen – wahlweise zu den Freundinnen oder zu einer Ordnungskraft / Polizei. Außerdem hat sie Adressen von sicheren Orten (Edelgard Köln).

Und während ich erzählte und erzählte, ging mir auf, wie sehr sich das Karnevalsgeschehen verändert hat. Früher war die Hauptsorge, ein tolles Kostüm zu haben. Heute ist es die Angst vor Übergriffen oder einer Vergewaltigung.

Ich habe das zum ersten Mal 2016 bemerkt, nach den berüchtigten Vorfällen an Silvester auf der Domplatte. Das war ein Jahr, in dem wir (also die Mädelstruppe, mit der ich unterwegs war) Karten für ein Lokal gekauft haben, uns nicht großartig auf der Straße aufgehalten haben und ehrlicherweise auch jeden misstrauisch beäugt haben, der nicht “biodeutsch” aussah. In dem Jahr habe ich auch zum ersten Mal bemerkt, dass an jeder Kneipe zwei bis drei sehr breitschultrige Männer waren, die sehr genau geschaut haben, wer da rein möchte, und jeden Krawall im Keim erstickt haben. Ich würde heute auch nicht mehr (so wie noch vor einigen Jahren) nachts allein ins Hotel zurück.

Erschreckend.

Ist das jetzt nur meine Wahrnehmung? Andererseits gibt es solche Dinge wie Edelgard nicht umsonst. Und wenn nicht: wann hat sich der Karneval so gewandelt? Von einer feucht-fröhlichen Veranstaltung, bei der man unbesorgt lachen, tanzen, singen (und flirten) konnte zu einer “Krawallparty”, bei der man vorsichtig sein muss? Bei der offensichtlich die bekannten, aber unausgesprochenen Regeln wie z.B. weibliche Selbstbestimmung oder “nein heißt nein” nicht mehr gelten und man Angst um Freundinnen oder Töchter haben muss?

Bin ich jetzt ein Angsthase geworden oder einfach überinformiert und -sensibilisiert durch Internet und Co.? Oder ist es wirklich schlimmer geworden?

9 Kommentare

Erschreckend finde ich es auch, wobei ich nicht nur an Karneval denke. Immer der Hintergedanke, dass etwas passieren könnte. Hier liest man quasi tgl. in der Zeitung von Übergriffen auf Jugendliche; vor drei Wochen wurde ein Freund meines Sohnes attackiert was mit einem Nasenbeinbruch (glimpflich) ausging, denn oft sind ja Messer im Spiel. Mein Sohn will morgen mit meinem Auto nach Köln fahren. Gestern frage eine Freundin warum er nicht mit dem Zug fährt, doch gerade an Bahnhöfen ist es z.T. noch schlimmer, so dass selbst er mit seinem Trupp nicht auf die Idee kam Bahn zu fahren. Natürlich wollen die jungen Leute etwas erleben/feiern, daher finde ich es auch schlimm, dass man Vorträge über Verhaltensweisen halten muss, aber da bin ich genauso ein Angsthase wie du.
Und im nächsten Jahr möchte ich als Wattenscheider Mädel auch wieder Karneval feiern:) was in diesem Jahr aufgrund privater Ereignisse nicht geht.

Bekannter einer Freundin wurde auch in einer Schlange vor dem Club “einfach so” attackiert, ohne jeden Anlass. Und Nasenbeinbruch glimpflich, ich weiß ja nicht

Ich denke, das Bewusstsein der Leute fürs Karnevalgeschehen hat sich zumindest verändert.
Meine Stiefmutter hat mir mal erzählt, dass es vor 30 Jahren an ihrem Arbeitsplatz wohl üblich war, dass insbesondere viele Männer an Weiberfastnacht Schnaps mit auf die Arbeit gebracht haben. Dann hat man sich gegenseitig im Büro besucht und immer einen Kurzen getrunken. Und die Frauen sollten sich dann auch oft auf den Schoß der Männer setzen. Das war ganz normal und ist es heutzutage zum Glück nicht mehr. Das ist also eher etwas, was sich zum positiven verändert hat.
Aber die Warnungen, die du deiner Tochter gesagt hast, hat mir meine Mutter auch schon vor über 20 Jahren gesagt. Da hat sich nicht wirklich viel verändert. Ich denke, dass man da vielleicht durch die Lebenserfahrung einfach sensibler wird. Zumindest meinte das meine Mutter.
Security habe ich vor Kneipen in Köln an Karneval früher auch schon gesehen. Und mit öffentlichen Verkehrmitteln nach Köln reinfahren, war früher auch schon so eine Sache. Nach Köln rein geht ja noch ganz gut, aber hinterher raus war zumindest früher fruchtbar. Da hatte man total überfüllte Bahnen und meist wurde auf der Fahrt auch irgendwem schlecht. Entsprechend war ich selbst auch nur zweimal an Weiberfastnacht (2000 und 2004) in Köln mit der Bahn und bin dann auch am Nachmittag wieder gefahren. Aber von Freunden, die länger dort waren, gabs dann immer Horrogeschichten über die Bahnfahrt
Wenn so viele Menschen zusammenkommen und es außerdem viel Alkohol gibt, hat man einfach immer Leute dabei, die übertreiben, sich total unangemessen aufführen oder andere angreifen wollen. Das ist aber leider nicht nur an Karneval so.

ich kann mich noch gut an Zeiten erinnern, als man immer “das Mädchen” war, grauenhaft. Da passt deine Geschichte mit dem Schnaps ja genau dazu.

Und ja, es gab schon immer “Security” an Karneval, allerdings war das früher gerne mal der Sohn des Kneipenwirts. Oder die Frau. Da ging es auch mehr darum, völliges Chaos drinnen zu verhindern weil völlig überfüllt.

“Männer haben Angst, von Frauen ausgelacht zu werden. Frauen haben Angst, von Männern umgebracht zu werden.”

Gerade gestern eine Podcastfolge über das feministische Paradox gehört — https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/feminismus-fuehrt-mehr-gleichberechtigung-zu-mehr-gewalt-an-frauen
Ja, Frauen können Bundeskanzlerin und Außenministerin werden, wir haben so viel Gleichberechtigung wie nie zuvor und doch keine an sich. In Bars und Clubs können Frauen immer noch nicht sorglos ihr Getränk unbeaufsichtigt lassen und haben Angst, im Dunkeln allein mach Haus zu gehen.

Gegen männliche Ignoranz anzuerklären, aufzuklären, ist SO mühsam. Selbst in Gruppen mit devoten Männern (!) stoße ich auf diese lähmende “Ich doch nicht”-Bastion. Holt tief Luft, Ladies, wir brauchen einen unmenschlich langen Atem… 😉

Ich wäre früher niemals auf die Idee gekommen, auf mein Glas speziell aufzupassen. Das ging vor ein paar Jahren los (oder vor ein paar mehr, ich verliere da gerne mal den Überblick).

Tja, es gibt eine Menge Männer, die sich von Frauen bedroht fühlen, beruflich, privat und so weiter

Bis Mitte 20 habe ich in Köln regelmäßig Karneval gefeiert, das ist etwas mehr als 30 Jahre her. Die Problematik war damals m.E. nahezu die gleiche, allerdings war ich zu diesem Zeitpunkt der sicheren Auffassung , dass mir absolut nichts passieren könne. Hat ja auch funktioniert. Jugendliche Unbedarftheit.
Rückblickend denke ich, dass ich einfach Glück hatte und nicht in brenzlige Situationen geraten bin.
Heute, mit mehr Lebenserfahrung, nehme ich solche Situationen viel deutlicher und die Vorzeichen wesentlich früher wahr. Dementsprechend schätzt man vermutlich auch das Risiko im Verhältnis als erheblich höher ein.

Ich kann heute dem Karneval gar nichts mehr abgewinnen und gehe dem ganzen konsequent aus dem Weg. Das hat jedoch nicht mit der benannten Problematik zu tun.

ich weiß nicht, ob das einfach Glück war. Ich war in den späten 80ern regelmäßig in Dortmund nachts allein unterwegs, auch auf der schon damals sehr berüchtigten Brückstraße. Es gab NIE eine brenzlige Situation und auch im Freundes- und Bekanntenkreis gab es nichts dergleichen. Allerdings wurden damals auch keine Feuerwerkskörper (von wem auch immer) auf Feuerwehrleute oder Sanitäter geschossen

Ich habe Fasnacht / Karneval noch nie anders wahrgenommen, auch vor 20 Jahren, so wie heute, war/ist es einfach nur ein tagelanges Besäufnis mit allen Konsequenzen.
Ich konnte dem noch nie was abgewinnen und bin froh, wenn es in ein paar Tagen endlich wieder vorbei ist.

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