Begegnungen #8: Muttertag

Ein bisschen spät, weil fast schon vorbei – aber manchmal dauert es eben etwas länger.

Begegnung 2 hatte ich heute Mittag mit meiner jüngeren Tochter. Wie ganz normal in dem Alter (fast 17) schläft sie eher bis mittags (absolut beneidenswert, wenn ihr mich fragt…) und meinte zu mir, dass der Muttertag eine Nazi-Hinterlassenschaft sei und daher nicht in Ordnung und folglich gäbe es nichts zum Muttertag.

Wirklich gestaunt habe ich nicht, das Kind hat einen scharfen Verstand (was beim angestrebten Jurastudium nützlich sein wird) und ist politisch korrekt. Zumindest wäre das meine Bezeichnung, die vermutlich nicht korrekt ist. Und natürlich hat sie sich mit ihrer Schwester die heutige Hausarbeit aufgeteilt, die Küche ist tipptopp und heute Abend werde ich bekocht.

Begegnung 1 hatte ich gestern an der Aldikasse. In unserer Filiale gibt es einen sehr netten jungen Mann (neben den anderen netten Mitarbeitern!) und eine ältere Dame direkt vor mir kaufte einen Blumenstrauß. Der war nicht im System, sie sagte etwas von Blumensträußen zu Muttertag, fasste den jungen Mann ins Auge und fragte: “Macht man das bei Ihnen nicht?”. Der junge Mann antwortete, dass er in Deutschland geboren sei und die Sitte schon aus dem Kindergarten kennt. Die ältere Dame fasste nach, und ja, er hat türkische Wurzeln.

Beim unvermeidlichen Zuhören hatte ich abwechselnd Mitleid mit Beiden. Es ist ein schwieriges Thema und ich konnte nicht umhin, ihm beim Bezahlen mitzuteilen, dass er in meinen Augen schlicht ein Deutscher sei. Was vermutlich auch unangemessen war.

Zuhause angekommen habe ich das politisch korrekte Kind (s.oben) befragt. Mittlerweile ist sie nicht mehr so radikal wie noch vor einem Jahr (ich wurde abwechselnd als Sexistin, Rassistin und so weiter beschimpft) und wir hatten ein sehr interessantes Gespräch. Ich denke, sie liegt richtig damit, dass es einen Unterschied zwischen Pass und kulturellem Hintergrund gibt. Und die Kunst ist es herauszufinden inwieweit letzterer ausgeprägt ist. Wobei das ehrlicherweise für alle gilt.

Schönstes Muttertagsgeschenk: Töchter, von denen ich dazu lerne. Das Balkongespräch mit der älteren Tochter von gestern Abend behalte ich aber für mich.

15 Meinungen zu “Begegnungen #8: Muttertag

  1. Das Nazi-Hinterlassenschaftsargument lag bei mir im Kopf auch irgendwo parat, falls meine Mutter heute ‘unauffällig’ mit dem Zaun winkt. Für Kinder finde ich diesen Sensibilisierungstag noch irgendwie süß… (Im Flur hängt ein gerahmtes Tuschebild mit bunten Herzchen: “Mami ist coll” [Anm. d. Red.: cool] ❤️), aber spätestens wenn wir selbst Mutter geworden sind, checken wir, dass j e d e n Tag Muttertag ist und dass Muttersein nicht mehr aufhört, bis wir tot sind.

    Ich liebe Sprachen und finde sprachliche Akzente interessant!
    Weil ich langsam keine Ahnung mehr habe, wie ich meine Frage nach einer ‘Herkunft’ politisch korrekt formulieren soll, verzichte ich auf Neugier und Gespräch. Immer öfter Eiertanz. Vielleicht ist es mir auch einfach zu anstrengend, meine Kommunikationsgewohnheiten zu ändern… Toll, jetzt fühl ich mich uralt. 😉

    1. ich finde, das ist wirklich ein Problem – ich möchte niemandem etwas Böses oder gar “nach Hause” schicken. Es ist wie du sagst: Neugier und Gespräch verstummen. Ich bin mir nicht sicher, ob das die gewünschte Wirkung ist. Ich bin schon sehr sehr oft nach meinem Vornamen gefragt worden, aber ich habe das nie als unangenehm empfunden

      1. Bitte versteht mich nicht falsch – schön, dass es dir nie unangenehm war, nach deinem Vornamen gefragt zu werden. Das sagt sich als weiße Europäerin, die auch so aussieht, sehr leicht und unbeschwert von irgendwelchen Konnotationen.
        Aber wie sich so etwas anhört für jemand, der eben nicht klassisch „deutsch“ aussieht, mag ich mir gar nicht ausmalen.
        Denn seien wir mal ehrlich – der überwiegende Teil dieser Nachfragen zielt doch eher darauf, dem Gegenüber, wenn auch noch so unbewusst oder unbeabsichtigt, klarzumachen, dass er eben doch nicht so richtig dazugehört. Sonst müsste man ja die Person nicht darauf hinweisen/fragen etc.

        Schwieriges Thema mit der Political Correctness.

        1. ach Quatsch, warum sollte ich dich falsch verstehen? Ich finde es sehr schade, dass man nicht mehr interessiert sein kann/darf. Ich glaube, dass die erwähnte “Zugehörigkeit” sich weniger am Äußeren, sondern mehr an der “Klasse” orientiert, die wiederum eng mit Bildung verknüpft ist. Das ist dann das nächste Minenfeld…

          1. Ich finde es schon schwierig zu unterscheiden, ob nun eine Frage rassistisch oder interessiert ist. Die Frage nach der Herkunft ist da ja das beste Beispiel. Wenn ich mit jemanden ins Gespräch komme, der sichtlich erkennbar so aussieht, als ob evtl. frühere Verwandte aus einem fernen Land kommen, dann interessiert mich das doch oder? Aber bin ich Rassist, weil ich neugierig oder interessiert bin? Ich finde das schwierig und sehr schade, weil im Zweifelsfall man gar nicht mehr kommuniziert aus Angst, man sagt was Falsches. Ist doch voll bescheuert. Andererseits kann ich betroffene Personen auch verstehen, daß solche Fragen nerven. Ich für mich finde es immer besser, zu sagen was man denkt und wie wir in Bayern sagen „durch‘s Reden komma d‘Leut zamm“. Und irgendwie ist es doch so: Rassist bin doch nicht, wenn ich denke, jemand sieht indisch aus. Rassist bin ich doch, wenn ich was gegen Inder habe… oder vergesse ich da andere Sichtweisen, ist das zu schlicht gedacht? Schwierig, schwierig….

            1. ich denke, es kommt auch auf den Zusammenhang an: “einfach so” fragen ist halt schon seltsam (macht man ja auch nicht, wenn man zufällig einen anderen Dialekt hört), aber wenn man sich eh schon unterhält ist es für mich dann oft der Elefant im Raum…

              1. Jetzt bin ich neugierig und muss, politisch ganz unkorrekt, doch mal nachhaken: Wieso wirst du nach deinem Vornamen gefragt, Irit?
                Klingt für mich eigentlich nicht sonderlich exotisch, oder doch?

                1. wieviele andere Irits kennst du denn?? 😀 ich kenne nur eine, es ist allerdings ihr Zweitname

                  Die meisten tippen auf etwas Norddeutsches, ist aber jüdisch bzw. aramäisch und bedeutet “kleiner Engel” (dazu sage ich jetzt mal nichts)

                  1. Achso ja, selten ist dein Vorname schon. Klingt für meine Ohren aber jetzt nicht so exotisch, dass ich danach fragen würde.

                    Da ich in einem international agierenden Konzern tätig bin, sind ausländische, exotische, lustige, langweilige, komische, biblische…einfach alle möglichen Namen, Nationalitäten, Hautfarben etc. an der Tagesordnung. Über sowas habe ich mir nie Gedanken gemacht 🤷‍♀️

        2. Ich habe eine andere Nationalität, sehe definitiv nicht deutsch aus und kam als Erwachsene nach Deutchland. Ich weiß aus erster Hand wie sich ausländisch anfühlt, dennoch bin ich sehr stolz wo ich her komme. Das man mich mit der Frage beleidigt, war noch nie der Fall. Wie denn auch? Ich schäme mich ja nicht dafür wo ich her komme und dafür was ich bin. Deshalb frage ich wo jemand her kommt, wenn es mir danach ist.
          Von lautem political correctness unterhält sich keiner mehr mit einander und genau da fängt die Diskriminierung an.
          Es ist kein schwieriges Thema, außer man macht es kompliziert und schwierig.

          1. Sehr gut ausgedrückt, so empfinde ich es auch. Du hast es viel besser beschrieben😊 Fragen ist doch eher ein Zeichen von Interesse an jemand anderem und eben auch Wertschätzung und weniger von Abwertung oder gar Rassismus.

  2. Hallo Irit, ich bin jetzt über den Nazi-Ursprung des Muttertags verwirrt.
    Kommt der nicht aus den USA und wurde ‘mitbenutzt’ und ausgebaut?
    Gerne Quellen abseits von Wikipedia.
    Schönen Tag
    Edith

    1. Hallo Edith,
      Soweit ich weiß, gab es die Idee des Muttertags schon vor den Nationalsozialisten, besonders im angloamerikanischen Raum.
      In Deutschland haben aber tatsächlich die Nazis daraus einen Feiertag gemacht und viel Brimborium drumherum (Ehrung der Mütter, besondere Rolle der Mütter, das Mutterkreuz…) eingeführt. Mittlerweile findet er immer am 2. Sonntag im Mai statt und ist auch bei uns kein Feiertag mehr. Der nationalsoz. Anteil ist also wieder rückabgewickelt ☺️

      1. ich habe keine Quelle, sondern habe nur meine Tochter zitiert, ich vermute, es gab etwas in der Schule? Ich hatte es aber eh noch nie mit dem Muttertag (meine Mutter glücklicherweise auch nicht), genauso wenig wie mit dem Valentinstag. Deswegen habe ich nicht nachgeforscht.

        Aber: ich werde sie mal fragen

  3. Das ist schon interessant! Ich bin US Amerikanerin (seit meiner Geburt). Habe 48 meiner 55 Jahre in Deutschland verbracht, habe aber nur Amerikanische Schulen (in Deutschland) besucht (daher ist meine Grammatik nicht immer perfekt😏). Die Sprache hat mir meine Mama beigebracht…lesen und schreiben waren immer “do it yourself”.
    Ich wurde in Deutschland immer gefragt wo ich eigentlich herkomme und warum ich in DE bin. Ich habe einen sehr Amerikanischen Nachnamen, und egal ob beim Arzt, Friseur oder egal wo, ich wurde nach meiner Herkunft gefragt. Manchmal hab’ ich tolle Stories erfunden (meine Lebensgeschichte muss ja nicht immer jeder wissen!)
    Als wir nochmal umziehen mussten (mein Mann ist Zivilangestellter bei der US Army) fragte ich den Vermieter ob er auch an US Bürger vermietet. Er sagte daß würde er nach dem Treffen entscheiden denn “es gibt Amerikaner und Amerikaner”. Zum Glück waren wir die “richtigen” und konnten ein super schickes Haus mieten. Hätte auch anders ausgehen können.

    Meinen Muttertag hat mir mein super toller Mann schön gemacht. Mit meiner Tochter gibt es Streit. Im Prinzip war es ein beschissener Tag. Oh well…

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