Entschleunigung, die Realitätslücke, #supportsmallbusiness und mehr

Achtung: Werbung! Lesen auf eigene Gefahr*

Wie geht es euch?

Ich hoffe gut. Ich denke in diesen Tage oft an eure ersten Kommentare, Susie in den USA, Beate als Krisenmanagerin und alle anderen. Es sind merkwürdige Zeiten.

Die Realitätslücke

Ich stehe an meiner Balkontür (oder auf dem Balkon), genieße die Sonnenstrahlen und es sieht aus wie immer. Die schönste Zeit des Jahres beginnt, ab Mitte März blühe ich gewöhnlicherweise auf und die gute Laune hält sich bis Ende Oktober nach Djerba. Nur ist alles ganz anders und dieser Gap ist für mich sehr schwer zu begreifen.

Ich hätte im Leben nicht gedacht, dass ich nicht einfach Toilettenpapier kaufen gehen kann (und frage mich immer noch, was die Leute damit machen?), Kuchen backen ist auch nicht so einfach (was machen die mit dem Mehl?). Aber neben diesen kleinen Ungelegenheiten und den langen (und wie ich finde sehr angenehmen) Abständen in den Warteschlangen ist es insgesamt alles sehr entspannt. Die Welt dreht sich langsamer und ich bin dabei.

Entschleunigung

Nachdem der Anfang der letzten Woche sehr hektisch war, kommt irgendwie Ruhe ins Leben. Die Kinder finden ihren Rhythmus, machen Berge von Übungsblättern und Hausaufgaben sowie Telefonkonferenzen mit den Lehrern. Wir hatten die erste Klavierstunde per Skype, Tanzunterricht folgt und die heimischen Workouts nehmen zu. Die Abende zusammen mag ich sehr, wir kochen abwechselnd, ich werfe ein wenig Hausarbeit in Richtung Töchter und das scheint alles gut zu klappen. Auf jeden Fall wird viel gelacht.

Was mir aufgefallen ist: viele Menschen sind in den Geschäften sehr freundlich. Ich habe im Aldi noch nie so viele gute Wünsche für die Mitarbeiter gehört. Natürlich gibt es auch Stinkstiefel, aber gefühlt sind alle freundlich.

Ich habe es schon persönlich vielen Menschen in meinem Umfeld gesagt (natürlich auf Abstand): Danke an all die in den Supermärkten, den Krankenhäusern, bei den Lieferanten von Post bis Pizzadienst und nicht zuletzt der Müllabfuhr. Ohne euch würden wir untergehen.

Was mir in der Seele weh tut: all die Menschen, die jetzt um ihre Existenz bangen. Der Wollladen bei mir um die Ecke hat für immer zugemacht, meine Reinigung kämpft und all die vielen anderen. Die Welt ändert sich gerade mit einem gewaltigen Ruck, die Wirtschaftsordnung gleich mit und ich persönlich glaube, dass wir uns in sechs Monaten die Augen reiben und auf etwas ganz Neues schauen. Und bis dahin wünsche ich Euch allen, dass ihr halbwegs beruhigt und abgesichert durchhaltet.

Und ich glaube auch, dass es nicht nur anders, sondern auch besser wird. Vielleicht nicht sofort, aber Mutter Natur hat mal eben einen Virus losgelassen, es wird Aberzehntausende an Toten geben (apropos: ich kann diese Website empfehlen für einen Überblick) und wenn das kein Anlass zum Umdenken ist – dann weiß ich es auch nicht.

Falls es jemand noch nicht gelesen hat: der Text von Horx gleich weiter unten.

Nun aber noch ein Thema, das mir am Herzen liegt:

#supportsmallbusiness

Ihr kennt all die Cremes und Produkte von kleinen Firmen, die ich hier regelmäßig vorstelle. Es gibt genau einen Grund für die Zusammenarbeit: sie machen einfach gute Sachen. Und das soll auch so bleiben.

Daher ein kleiner Aufruf: wenn es euch möglich ist, unterstützt die kleinen Unternehmen in dieser schwierigen Zeit. Um genau zu sein rede ich von Beyer & Söhne, HighDroxy, Cicé, Uncover Skincare, Velo Cosmetics und auch Paula’s Choice (in Deutschland sind die auch kein Konzern – Tipps zur Glamour Shopping Week sind in Arbeit) und Teoxane und Instytutum. Ich versuche gerade, die eine oder andere Rabattaktion für euch zu machen, nächsten Montag wird es losgehen.

Ein kleines Unternehmen aus einer ganz anderen Ecke liegt mir auch sehr am Herzen: Anke Runge. Die Taschen begleiten mich nun schon seit zwanzig Jahren und ich würde sie sehr vermissen. Hier auf dem Blog findet ihr zahlreiche Posts dazu. Es ist gerade eine neue Kollektion namens Adele herausgekommen, die stelle ich euch noch vor – ich brauche mal wieder eine neue Tasche fürs Büro (kommt ja irgendwann wieder), mein letzter Kauf ist nach gut zwei Jahren und vielen, vielen Reisen ziemlich hinüber.

Bleibt mir alle gesund, meldet euch mal, wie es euch geht und hier noch etwas schönes zum Lesen.

48 – Die Welt nach Corona

Hinweis: www.horx.com und www.zukunftsinstitut.de

Ich werde derzeit oft gefragt, wann Corona denn „vorbei sein wird”, und alles wieder zur Normalität zurückkehrt. Meine Antwort: Niemals. Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. Wir nennen sie Bifurkationen. Oder Tiefenkrisen. Diese Zeiten sind jetzt.

Die Welt as we know it löst sich gerade auf. Aber dahinter fügt sich eine neue Welt zusammen, deren Formung wir zumindest erahnen können. Dafür möchte ich Ihnen eine Übung anbieten, mit der wir in Visionsprozessen bei Unternehmen gute Erfahrungen gemacht haben. Wir nennen sie die RE-Gnose. Im Gegensatz zur PRO-Gnose schauen wir mit dieser Technik nicht »in die Zukunft«. Sondern von der Zukunft aus ZURÜCK ins Heute. Klingt verrückt? Versuchen wir es einmal:

Die Re-Gnose: Unsere Welt im Herbst 2020

Stellen wir uns eine Situation im Herbst vor, sagen wir im September 2020. Wir sitzen in einem Straßencafe in einer Großstadt. Es ist warm, und auf der Strasse bewegen sich wieder Menschen. Bewegen sie sich anders? Ist alles so wie früher? Schmeckt der Wein, der Cocktail, der Kaffee, wieder wie früher? Wie damals vor Corona?
Oder sogar besser?
Worüber werden wir uns rückblickend wundern?

Wir werden uns wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zu Vereinsamung führten. Im Gegenteil. Nach einer ersten Schockstarre führten viele von sich sogar erleichtert, dass das viele Rennen, Reden, Kommunizieren auf Multikanälen plötzlich zu einem Halt kam. Verzichte müssen nicht unbedingt Verlust bedeuten, sondern können sogar neue Möglichkeitsräume eröffnen. Das hat schon mancher erlebt, der zum Beispiel Intervallfasten probierte – und dem plötzlich das Essen wieder schmeckte. Paradoxerweise erzeugte die körperliche Distanz, die der Virus erzwang, gleichzeitig neue Nähe. Wir haben Menschen kennengelernt, die wir sonst nie kennengelernt hätten. Wir haben alte Freunde wieder häufiger kontaktiert, Bindungen verstärkt, die lose und locker geworden waren. Familien, Nachbarn, Freunde, sind näher gerückt und haben bisweilen sogar verborgene Konflikte gelöst.

Die gesellschaftliche Höflichkeit, die wir vorher zunehmend vermissten, stieg an.

Jetzt im Herbst 2020 herrscht bei Fussballspielen eine ganz andere Stimmung als im Frühjahr, als es jede Menge Massen-Wut-Pöbeleien gab. Wir wundern uns, warum das so ist.

Wir werden uns wundern, wie schnell sich plötzlich Kulturtechniken des Digitalen in der Praxis bewährten. Tele- und Videokonferenzen, gegen die sich die meisten Kollegen immer gewehrt hatten (der Business-Flieger war besser) stellten sich als durchaus praktikabel und produktiv heraus. Lehrer lernten eine Menge über Internet-Teaching. Das Homeoffice wurde für Viele zu einer Selbstverständlichkeit – einschließlich des Improvisierens und Zeit-Jonglierens, das damit verbunden ist.

Gleichzeitig erlebten scheinbar veraltete Kulturtechniken eine Renaissance. Plötzlich erwischte man nicht nur den Anrufbeantworter, wenn man anrief, sondern real vorhandene Menschen. Das Virus brachte eine neue Kultur des Langtelefonieren ohne Second Screen hervor. Auch die »messages« selbst bekamen plötzlich eine neue Bedeutung. Man kommunizierte wieder wirklich. Man ließ niemanden mehr zappeln. Man hielt niemanden mehr hin. So entstand eine neue Kultur der Erreichbarkeit. Der Verbindlichkeit.

Menschen, die vor lauter Hektik nie zur Ruhe kamen, auch junge Menschen, machten plötzlich ausgiebige Spaziergänge (ein Wort, das vorher eher ein Fremdwort war). Bücher lesen wurde plötzlich zum Kult.

Reality Shows wirkten plötzlich grottenpeinlich. Der ganze Trivia-Trash, der unendliche Seelenmüll, der durch alle Kanäle strömte. Nein, er verschwand nicht völlig. Aber er verlor rasend an Wert.
Kann sich jemand noch an den Political-Correctness-Streit erinnern? Die unendlich vielen Kulturkriege um … ja um was ging da eigentlich?

Krisen wirken vor allem dadurch, dass sie alte Phänomene auflösen, über-flüssig machen…
Zynismus, diese lässige Art, sich die Welt durch Abwertung vom Leibe zu halten, war plötzlich reichlich out.
Die Übertreibungs-Angst-Hysterie in den Medien hielt sich, nach einem kurzen ersten Ausbruch, in Grenzen.

Nebenbei erreichte auch die unendliche Flut grausamster Krimi-Serien ihren Tipping Point.

Wir werden uns wundern, dass schließlich doch schon im Sommer Medikamente gefunden wurden, die die Überlebensrate erhöhten. Dadurch wurden die Todesraten gesenkt und Corona wurde zu einem Virus, mit dem wir eben umgehen müssen – ähnlich wie die Grippe und die vielen anderen Krankheiten. Medizinischer Fortschritt half. Aber wir haben auch erfahren: Nicht so sehr die Technik, sondern die Veränderung sozialer Verhaltensformen war das Entscheidende. Dass Menschen trotz radikaler Einschränkungen solidarisch und konstruktiv bleiben konnten, gab den Ausschlag. Die human-soziale Intelligenz hat geholfen. Die vielgepriesene Künstliche Intelligenz, die ja bekanntlich alles lösen kann, hat dagegen in Sachen Corona nur begrenzt gewirkt.

Damit hat sich das Verhältnis zwischen Technologie und Kultur verschoben. Vor der Krise schien Technologie das Allheilmittel, Träger aller Utopien. Kein Mensch – oder nur noch wenige Hartgesottene – glauben heute noch an die große digitale Erlösung. Der große Technik-Hype ist vorbei. Wir richten unsere Aufmerksamkeiten wieder mehr auf die humanen Fragen: Was ist der Mensch? Was sind wir füreinander?

Wir staunen rückwärts, wieviel Humor und Mitmenschlichkeit in den Tagen des Virus tatsächlich entstanden ist.

Wir werden uns wundern, wie weit die Ökonomie schrumpfen konnte, ohne dass so etwas wie »Zusammenbruch« tatsächlich passierte, der vorher bei jeder noch so kleinen Steuererhöhung und jedem staatlichen Eingriff beschworen wurde. Obwohl es einen »schwarzen April« gab, einen tiefen Konjunktureinbruch und einen Börseneinbruch von 50 Prozent, obwohl viele Unternehmen pleitegingen, schrumpften oder in etwas völlig anderes mutierten, kam es nie zum Nullpunkt. Als wäre Wirtschaft ein atmendes Wesen, das auch dösen oder schlafen und sogar träumen kann.

Heute im Herbst, gibt es wieder eine Weltwirtschaft. Aber die Globale Just-in-Time-Produktion, mit riesigen verzweigten Wertschöpfungsketten, bei denen Millionen Einzelteile über den Planeten gekarrt werden, hat sich überlebt. Sie wird gerade demontiert und neu konfiguriert. Überall in den Produktionen und Service-Einrichtungen wachsen wieder Zwischenlager, Depots, Reserven. Ortsnahe Produktionen boomen, Netzwerke werden lokalisiert, das Handwerk erlebt eine Renaissance. Das Global-System driftet in Richtung GloKALisierung: Lokalisierung des Globalen.

Wir werden uns wundern, dass sogar die Vermögensverluste durch den Börseneinbruch nicht so schmerzen, wie es sich am Anfang anfühlte. In der neuen Welt spielt Vermögen plötzlich nicht mehr die entscheidende Rolle. Wichtiger sind gute Nachbarn und ein blühender Gemüsegarten.

Könnte es sein, dass das Virus unser Leben in eine Richtung geändert hat, in die es sich sowieso verändern wollte?

RE-Gnose: Gegenwartsbewältigung durch Zukunfts-Sprung
Warum wirkt diese Art der »Von-Vorne-Szenarios« so irritierend anders als eine klassische Prognose? Das hängt mit den spezifischen Eigenschaften unseres Zukunfts-Sinns zusammen. Wenn wir »in die Zukunft« schauen, sehen wir ja meistens nur die Gefahren und Probleme »auf uns zukommen«, die sich zu unüberwindbaren Barrieren türmen. Wie eine Lokomotive aus dem Tunnel, die uns überfährt. Diese Angst-Barriere trennt uns von der Zukunft. Deshalb sind Horror-Zukünfte immer am Einfachsten darzustellen.

Re-Gnosen bilden hingegen eine Erkenntnis-Schleife, in der wir uns selbst, unseren inneren Wandel, in die Zukunftsrechnung einbeziehen. Wir setzen uns innerlich mit der Zukunft in Verbindung, und dadurch entsteht eine Brücke zwischen Heute und Morgen. Es entsteht ein »Future Mind« – Zukunfts-Bewusstheit.

Wenn man das richtig macht, entsteht so etwas wie Zukunfts-Intelligenz. Wir sind in der Lage, nicht nur die äußeren »Events«, sondern auch die inneren Adaptionen, mit denen wir auf eine veränderte Welt reagieren, zu antizipieren.

Das fühlt sich schon ganz anders an als eine Prognose, die in ihrem apodiktischen Charakter immer etwas Totes, Steriles hat. Wir verlassen die Angststarre und geraten wieder in die Lebendigkeit, die zu jeder wahren Zukunft gehört.

Wir alle kennen das Gefühl der geglückten Angstüberwindung. Wenn wir für eine Behandlung zum Zahnarzt gehen, sind wir schon lange vorher besorgt. Wir verlieren auf dem Zahnarztstuhl die Kontrolle und das schmerzt, bevor es überhaupt wehtut. In der Antizipation dieses Gefühls steigern wir uns in Ängste hinein, die uns völlig überwältigen können. Wenn wir dann allerdings die Prozedur überstanden haben, kommt es zum Coping-Gefühl: Die Welt wirkt wieder jung und frisch und wir sind plötzlich voller Tatendrang.

Coping heißt: bewältigen. Neurobiologisch wird dabei das Angst-Adrenalin durch Dopamin ersetzt, eine Art körpereigener Zukunfts-Droge. Während uns Adrenalin zu Flucht oder Kampf anleitet (was auf dem Zahnarztstuhl nicht so richtig produktiv ist, ebenso wenig wie beim Kampf gegen Corona), öffnet Dopamin unsere Hirnsynapsen: Wir sind gespannt auf das Kommende, neugierig, vorausschauend. Wenn wir einen gesunden Dopamin-Spiegel haben, schmieden wir Pläne, haben Visionen, die uns in die vorausschauende Handlung bringen.

Erstaunlicherweise machen viele in der Corona-Krise genau diese Erfahrung. Aus einem massiven Kontrollverlust wird plötzlich ein regelrechter Rausch des Positiven. Nach einer Zeit der Fassungslosigkeit und Angst entsteht eine innere Kraft. Die Welt »endet«, aber in der Erfahrung, dass wir immer noch da sind, entsteht eine Art Neu-Sein im Inneren.

Mitten im Shut-Down der Zivilisation laufen wir durch Wälder oder Parks, oder über fast leere Plätze. Aber das ist keine Apokalypse, sondern ein Neuanfang.

So erweist sich: Wandel beginnt als verändertes Muster von Erwartungen, von Wahr-Nehmungen und Welt-Verbindungen. Dabei ist es manchmal gerade der Bruch mit den Routinen, dem Gewohnten, der unseren Zukunfts-Sinn wieder freisetzt. Die Vorstellung und Gewissheit, dass alles ganz anders sein könnte – auch im Besseren.

Vielleicht werden wir uns sogar wundern, dass Trump im November abgewählt wird. Die AFD zeigt ernsthafte Zerfransens-Erscheinungen, weil eine bösartige, spaltende Politik nicht zu einer Corona-Welt passt. In der Corona-Krise wurde deutlich, dass diejenigen, die Menschen gegeneinander aufhetzen wollen, zu echten Zukunftsfragen nichts beizutragen haben. Wenn es ernst wird, wird das Destruktive deutlich, das im Populismus wohnt.

Politik in ihrem Ur-Sinne als Formung gesellschaftlicher Verantwortlichkeiten bekam dieser Krise eine neue Glaubwürdigkeit, eine neue Legitimität. Gerade weil sie »autoritär« handeln musste, schuf Politik Vertrauen ins Gesellschaftliche. Auch die Wissenschaft hat in der Bewährungskrise eine erstaunliche Renaissance erlebt. Virologen und Epidemiologen wurden zu Medienstars, aber auch »futuristische« Philosophen, Soziologen, Psychologen, Anthropologen, die vorher eher am Rande der polarisierten Debatten standen, bekamen wieder Stimme und Gewicht.

Fake News hingegen verloren rapide an Marktwert. Auch Verschwörungstheorien wirkten plötzlich wie Ladenhüter, obwohl sie wie saures Bier angeboten wurden.

Ein Virus als Evolutionsbeschleuniger
Tiefe Krisen weisen obendrein auf ein weiteres Grundprinzip des Wandels hin: Die Trend-Gegentrend-Synthese.

Die neue Welt nach Corona – oder besser mit Corona – entsteht aus der Disruption des Megatrends Konnektivität. Politisch-ökonomisch wird dieses Phänomen auch »Globalisierung« genannt. Die Unterbrechung der Konnektivität – durch Grenzschließungen, Separationen, Abschottungen, Quarantänen – führt aber nicht zu einem Abschaffen der Verbindungen. Sondern zu einer Neuorganisation der Konnektome, die unsere Welt zusammenhalten und in die Zukunft tragen. Es kommt zu einem Phasensprung der sozio-ökonomischen Systeme.

Die kommende Welt wird Distanz wieder schätzen – und gerade dadurch Verbundenheit qualitativer gestalten. Autonomie und Abhängigkeit, Öffnung und Schließung, werden neu ausbalanciert. Dadurch kann die Welt komplexer, zugleich aber auch stabiler werden. Diese Umformung ist weitgehend ein blinder evolutionärer Prozess – weil das eine scheitert, setzt sich das Neue, überlebensfähig, durch. Das macht einen zunächst schwindelig, aber dann erweist es seinen inneren Sinn: Zukunftsfähig ist das, was die Paradoxien auf einer neuen Ebene verbindet.

Dieser Prozess der Komplexierung – nicht zu verwechseln mit Komplizierung – kann aber auch von Menschen bewusst gestaltet werden. Diejenigen, die das können, die die Sprache der kommenden Komplexität sprechen, werden die Führer von Morgen sein. Die werdenden Hoffnungsträger. Die kommenden Gretas.

„Wir werden durch Corona unsere gesamte Einstellung gegenüber dem Leben anpassen – im Sinne unserer Existenz als Lebewesen inmitten anderer Lebensformen.”

Slavo Zizek im Höhepunkt der Coronakrise Mitte März

Jede Tiefenkrise hinterlässt eine Story, ein Narrativ, das weit in die Zukunft weist. Eine der stärksten Visionen, die das Coronavirus hinterlässt, sind die musizierenden Italiener auf den Balkonen. Die zweite Vision senden uns die Satellitenbilder, die plötzlich die Industriegebiete Chinas und Italiens frei von Smog zeigen. 2020 wird der CO&sub2;-Ausstoss der Menschheit zum ersten Mal fallen. Diese Tatsache wird etwas mit uns machen.

Wenn das Virus so etwas kann – können wir das womöglich auch? Vielleicht war der Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt.

Aber sie kann sich neu erfinden.
System reset.
Cool down!
Musik auf den Balkonen!
So geht Zukunft.

*Aufgrund der aktuellen Rechtslage ist alles von (unbeauftragter) Namens- bzw. Markennennung bis zu bezahlten Kooperationen als Werbung zu kennzeichnen. Mehr Informationen dazu gibt es hier

13 Kommentare

Kommentieren →

Ja, liebe Irit, das Leben wird sich für einige Zeit verändern, aber dann kommt der alte Trott wieder. Ich sage immer wieder, es ist ein kleines Virus, zwar mit großer Wirkung, aber man kann versuchen ihm aus dem Weg zu gehen. Wir haben hier Möglichkeiten, die es in armen Ländern ohne Desinfektion und Wasser/Seife nicht gibt.
Wäre bei uns ein Erdbeben ….
Wäre das Trinkwasser verseucht ….
Wäre die Luft verseucht ….
Wäre plötzlich Krieg und man wüsste nicht wann es von oben kommt ….
Chemiewaffen …..
Ein Kernkraftwerk geht hoch ….
Aber es ist ein kleines Virus, was „nur“ einem Teil der Menschheit schadet.

Ja, Geld regiert die Welt und wenn es der ganzen Welt schlecht geht, können nicht mal Spenden gesammelt werden. Aber, es gibt auch noch die Superreichen, die auch in Kriesenzeiten nichts davon spenden/abgeben wollen. Ein trost ist, die können mit ihrem vielen Geld nun auch kein Klopapier kaufen ;-)

Es gibt genug Oberreiche auf der Welt, die nicht mal viel für die Geldvermehrung tun müssen ….
Es muss keine Armen oder Menschen mit Verlustängsten geben ….

Aber es gibt auch Menschen, die nichts haben und immer täglich ums Überleben kämpfen und die bekommen im schlimmsten Fall auch keine ärzliche Versorgung.

Wie gut es uns doch im Moment geht ….

Ja, die Re-Gnose… :-)

Ich wünschte mir von Herzen so so sehr, dass das, was gerade weltweit passiert, Anlass zu tiefgreifender, dauerhafter Transformation wäre. Weniger zu fliegen, weniger zu prassen, weniger Mehr, weniger Weiter, weniger Höher, das Geld zum Wohle *aller* irgendwie umzuverteilen.

Wie Maggy glaube ich aber auch nicht an nachhaltige Veränderungen auf Dauer. Ja, es wird alles anders sein. Für eine Weile. Aber es wird alles daran gesetzt werden, den bekannten Status Quo wiederherzustellen.

Für den Moment genieße ich die verkehrsberuhigte Stille, die vielen Telefonate, das Lachen mit wildfremden Menschen und das ungewohnte „Alle-in-einem-Boot-Gefühl“…

Worauf ich mich am meisten freue wird die Zeit danach, ich denke dann knallt es im positiven Sinne an allen Ecken und Enden und die Lebensfreude wird sprudeln.

Ich meine auch das sich gewisse Dinge nachhaltig ändern werden wie zB die Einstellung zum home office. Was mein Team zz leistet ist echt der Wahnsinn und jeder Einzelne beweist das man zuhause genauso gut arbeiten kann wie im Büro.

Ich bin hier immer noch krank… es geht mir besser, aber ich hätte auch im Normal Zustand keine grosse Lust viel zu unternehmen. Ich traue mich aber nicht zum Arzt. In Virginia gab es mehrere Todesfälle…alle hier in dem kleinen Ort. Das kleine Krankenhaus läuft auf Hochtouren. Mein Mann arbeitet im Home Office. Die Tochter arbeitet im Tierheim und MUSS die Tiere versorgen. Die meisten halten sich an die Anweisungen, aber die Menschen fühlen sich sehr unsicher. Ich wohne in einem teueren Viertel. Den Bewohnern geht es hier gut. Drumherum aber, da tun mir so viele leid. Stunden werden gekürzt, fast alle Geschäfte/Restaurants haben zu. Nur die allerwenigsten haben eine Krankenversicherung, geschweige denn Ersparnisse um die Lohnkürzungen zu überbrücken. Ich bin so unglaublich dankbar dafür was wir alles haben! Was mich hier schon seit 18 Monaten stört ist das ständige “go, go, go”. Alles hat bis mindestens 2200 auf, die Autos sausen, von morgens bis nachts ist es laut…und dann auf einmal ist Ruhe. Und das ist unglaublich schön. Ich laufe mit dem Hund und habe keine Angst überfahren zu werden. Die Strasse ist ruhig. Die Menschen gehen zu Fuß und grüßen freundlich. Ich wünsche mir von Herzen daß die Menschen lernen ein bisschen zurückzustecken. Daß nicht immer alles sofort zur Hand sein muss. Daß Zuhause auch schön sein kann. Daß das Auto auch mal in der Garage bleiben kann. Die Lage wird sich noch verschlimmern, und ich hoffe das die Höflichkeit, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der meisten anhält. Passt auf euch auf!

Hallo Irit,
vielen Dank für die schönen Worte und Gedanken!
Ich musste Montag auch endlich mein Friseurgeschäft schließen.
Ich habe acht Mitarbeiter, viele von ihnen alleinerziehende Mütter ohne Partner.
Die Verantwortung die auf mir lastet ist hoch.
Ich habe seit einer Woche nicht gelesen bei dir, was in den letzten Jahren so gut wie nie vorgekommen ist.
Ich habe noch nicht mal Tretinoin gecremt letzte Woche und das will schon was heißen!
Deine Re-Gnose hat mir sehr gut getan und dafür möchte ich einfach nur Danke sagen.
Schön das es dich gibt!!!!
Deine Christina

Hallo, ja kann ich und ich werde auch Unterstützung bekommen.
Entscheidungen die ich heute treffe, wären vor zwei Wochen noch nicht vorstellbar gewesen.
Es geht alles so rasant schnell.
Gerade deswegen war dein Beitrag so gut!
Wann es weiter geht, weiß ich nicht.
Wie es weiter geht ,weiß ich nicht.
Aber es wird weiter gehen.
Und eines Tages werden wir nur noch auf diese katastrophale Zeit zurückblicken.
Liebe Grüße Christina

Hallo Irit,
leider musste ich heute erfahren…. ich kann keine Hilfe vom Land Niedersachsen bekommen. Ebenso nicht vom Bund.
Denn ich habe Rücklagen.
Ich muss erst mein gesamtes geschäftliches und privates , liquides Vermögen aufgebraucht haben, um diese Hilfe zu bekommen.
Ganz abgesehen von der gesundheitlichen Katastrophe für alle , werde ich bestraft für meine Sparsamkeit.
Das Land Niedersachsen bietet Einmalzahlungen, unkompliziert, ohne Rückzahlung.
Ebenso wird der Bund noch größere Hilfen bereit stellen, wenn die Zahlungen des Bundeslandes nicht ausreichen.
Aber nur für die, die nichts zurück gelegt haben.
Diese Aussage ist wieder eine Momentaufnahme!
Inzwischen habe ich gelernt: das alles ist eine Achterbahnfahrt.
Am Morgen habe ich Hoffnung, trage alle Unterlagen zusammen für Anträge, am Nachmittag erfahre ich , ich bin nicht berechtigt unterstützt zu werden, am Abend denke ich , dass können die ja nicht machen.
Die Regierung wird das schon gerecht regeln!
Oder lachen sich am Ende meine Mitbewerber( ohne Meisterbrief) die keinen offiziellen Umsatz machen und dementsprechend keine bis wenig Steuern zahlen, tot über mich?
Bin ich am Ende doch die Doofe?!
Ich habe einen Brief bekommen von einem Kunden der noch Haare schneiden lassen wollte.
Darin stand:
Leider hatten Sie schon geschlossen, für mich nicht ganz so schlimm wie für Sie.
Ich möchte meinen Haarschnitt trotzdem bezahlen!
Anbei ein 20 Euro Schein!
Unglaublich!
Ich setzte auf diese Menschen!
Obwohl ich natürlich nicht glaube, dass mir jetzt alle Leute Geld in den Briefkasten werfen 🤓🥴
Ich bin bereit alles zu geben um meine tollen Mitarbeiter zu unterstützen und ich kann auch meine Miete bezahlen….noch!
Ich bin auch bereit das Land damit zu entlasten indem ich einen alten Golf fahre und mir keinen Porsche gekauft habe und deswegen liquide bin.
Aber ich bin nicht bereit, indirekt die Geschäftsleute zu unterstützen, die mir und meinen Mitarbeitern das Leben schwer machen mit Dumpingpreisen, weil sie die Stundenlöhne nicht zahlen, und alles am Staat vorbei kassieren.
Das ist natürlich auch noch sehr stark auf die Friseurbranche bezogen.
Du/ ihr merkt schon… es ist Abend und es spricht eine ordentliche Portion Wut aus meinem Bauch.
Das Wichtigste ist Gesundheit, denn die kann man sich mit allem Geld der Welt nicht kaufen!
Wenn dir , liebe Irit , dieser Kommentar zu speziell sein sollte, dann gebe ihn nicht frei.
Ich wollte einfach nur klar stellen, dass meine Zuversicht auf Hilfe, bei angeordneter Schließung, sich nicht bewahrheitet hat.
Wenn sich da noch was ändern sollte, würde ich das auch an dieser Stelle berichten.
Ich habe noch zwei wirklich unglaubliche Momente gehabt in dieser Krise ( wirklich schöne Momente), das würde jetzt hier aber den Rahmen sprengen.
Liebe Grüße Christina

Liebe Christina, nein, der Kommentar ist nicht zu speziell. Ich weiß nicht, was ich sagen soll in dieser schwierigen Situation. Bzw. wäre das auch ein sehr langer Kommentar. Ich drücke dir die Daumen, dass du noch Hilfe bekommst.

Noch eine kleine Info am Rande: du erinnerst dich an Esther aus dem Urlaub? Die hatte Corona, ist aber wieder gesund. Stichwort Ischgl…

Liebe Irit
Dankeschön für deinen Blog.
Ich war auf der Suche nach einem Ostergeschenk für meine Tochter, sie sitzt zur Zeit im Home-Office in Hamburg, ich in Schleswig-Holstein.
So bin ich nun bei Anke Runge fündig geworden und verschenke einen Gutschein.
Ich denke sie wird bestimmt was finden — die cleanen Modelle kommen ihrem Stil sehr entgegen und es gab sogar einen Rabatt auf den gewünschten Gutscheinbetrag.
Lg an Dich und alle Deine Leserinnen
Sabine Wiegmann

Schreibe einen Kommentar