Mal was Politisches

Gewöhnlicherweise haben politische Themen bei mir immer mit Feminismus zu tun. Diesmal auch. Und mit Antisemitismus. Und Angst.

Das Flüchtlingsthema ist derzeit omnipräsent und natürlich mache ich mir auch so meine Gedanken. Susi aka Texterella schreibt schon lange darüber (kürzlich hier) und gestern morgen las ich einen sehr differenzierten Beitrag bei Andrea von Dreiraumhaus (hier).

Tja, ich wiederhole mich ungern, aber wie immer gilt: für ein komplexes Problem gibt es keine einfache Lösung.

Um es deutlich zu sagen: auf dem Mittelmeer soll keiner ertrinken (wie abartig sind diese Dresdner Geschichten dazu?), Schutzsuchende sollen Schutz finden und ich bin auch nach wie vor der Überzeugung, dass niemand gerne seine Heimat verlässt.

Wenn da nicht das große Aber wäre: die meisten hier Ankommenden sind Muslime und diese Religion ist nicht gerade frauenfreundlich. Meine Meinung zu Kopftuch, Jungfräulichkeit und Co. ist bekannt – ich halte davon nichts. Und insbesondere halte ich nichts von Regeln, die nur für die eine Hälfte der Menschheit gelten sollen. Sobald die Herren Muslime auch ein Kopftuch tragen und sich züchtig bedecken – go for it. Leider sehe ich in der Dortmunder Innenstadt mit schöner Regelmäßigkeit tiefverschleierte Damen (ach so, wer mal eine Burka im realen Leben sehen möchte – das ist hier kein Problem) mit mehr als leicht bekleideten Herren davor. Nebeneinander passt ja auch nicht so recht zum Selbstverständnis einiger. Mag sein, dass das alles nur Äußerlichkeiten sind, aber irgendwie wirkt es doch wie die Lebensrealität für mich.

Womit wir den Feminismus abgehakt haben.

Und beim nächsten heißen Eisen sind: Antisemitismus. Ich finde das widerwärtig.

Die Vorfälle, die in letzter Zeit durch die Presse geistern, sind alarmierend. Natürlich kann man immer mit deutscher Geschichte etc argumentieren und dass die Israelis vielleicht auch einiges an Scheiße bauen – unbenommen. Aber das gibt niemandem das Recht, Träger eine Kippa anzugreifen, antisemitische Sprüche zu machen und man fragt sich, wieso vor jüdischen Einrichtungen Polizeischutz notwendig ist. Meine Töchter waren im jüdischen Kindergarten und später in der jüdischen Tagesschule und ich habe dort nur nette Leute kennen gelernt, allen voran der Rabbi und seine Familie. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich – wenn ich von erneuten Übergriffen lese – denke: raus mit dem Gesindel. Dem antisemitischen Gesindel. Sollen sie ihre Hetze woanders verbreiten, nicht hier in diesem Land. Das ist natürlich in keiner Weise rechtsstaatlich, weswegen ich den Gedanken sofort wieder verwerfe. Bis er bei der nächsten Pressemeldung wieder auftaucht. Ich kenne keine genauen Statistiken und der rechte Bodensatz ist mit Sicherheit auch mit von der Partie – aber ich lese immer nur über Angreifer arabischer Herkunft. Finde ich beunruhigend.

Womit wir beim dritten Thema sind: der Angst.

Vermutlich sind die allermeisten der Schutzsuchenden hier anständige Leute, die es im Leben übel erwischt hat. Dennoch, wenn ich mir den Beitrag von Andrea durchlese oder auch an Männer an der Supermarktkasse, die mir unverhohlen in den dezenten Ausschnitt starren und sich in fremder Sprache unterhalten – wird mir unheimlich. Als Frau. Und als Mutter von zwei Töchtern. Ich mag dieses Land, unsere Errungenschaften, meine Freiheiten so leben zu können wie ich möchte und die immer weniger werdenden Einschränkungen als Frau. Ich erinnere mich, dass ich in den 80ern nachts durch die verrufensten Straßen ohne Angst gegangen bin (ok, auf dem Weg in die angesagte Disco). Man wurde höchstens mal von einem Drogenhändler angequatscht. Heute gibt es Straßenzüge und Stadtteile, die ich vermeide. Ich hasse es, wenn mir irgendeiner etwas unverständliches (und vom Tonfall her zu schließen anzügliches) hinterher ruft, wenn ich einfach nur die Straße entlang gehe. Vorzugsweise aus einem Café heraus, in dem natürlich nur Männer sitzen. Da wollte ich als Frau auch nicht sitzen.

Ich möchte nicht wieder über Gleichberechtigung diskutieren und ich möchte auch, dass meine Töchter so leben können wie sie wollen. Vermutlich ist das eine Frage der Integration. Aber ehrlich: würde ich z.B. aus beruflichen Gründen in Saudi-Arabien leben, würde ich meinen Töchtern meine Gedankenwelt mitgeben. Ich vermute, es ist umgekehrt nicht anders. Ich hoffe auf die Töchter, die merken, dass man sich keine Vorschriften machen lassen muss in diesem Land. Ich möchte auch nicht auf „gute“ Stadtviertel beschränkt werden – weil ich es mir zufällig leisten kann.

Und was ich ausdrücklich festhalten möchte: die Hetzerei von einigen Parteien finde ich ungefähr genauso widerwärtig wie Antisemitismus. Wir reden hier über Menschen.

Tja, man sieht: komplexes Thema. Es gibt keine einfache Lösung – aber einen festen Grundsatz. Der heißt Grundgesetz.

Artikel 1

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

Artikel 2

(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.

(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.

Artikel 3

(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Damit wäre dann wohl alles gesagt. Ich wünsche mir, dass Neuankömmlinge das ernst nehmen – dann klappt es auch mit dem Zusammenleben.

26 Kommentare

  • Liebe Irit,
    ich bin Lehrerin im Brennpunktbezirk und kann deine Vermutung in Bezug auf den Antisemitismus bestätigen. Vielfach kommt es im Schulalltag vor, dass ich eingreifen muss und selbst bei Schülern der 5. Klasse fallen antisemitische Bemerkungen, deren Bedeutung die Schüler dann bei meinen Nachfragen gar nicht erklären können. Ich rede mir den Mund fusselig und denke, dass das Thema Nationalsozialismus deutlich früher als in Klasse 10 Thema sein müsste.
    Wenn ich in Klasse 6 geschichtlich mit den Frühmenschen starte, sitze ich regelmäßig vor großen Augen und offenen Mündern, da die Kinder bis dahin anscheinend nur religiöse Ursprungsgeschichten kannten.
    Und auch beim Besprechen des Grundgesetzes im Politikunterricht in Klasse 8 habe ich große Mühe Politik von Religion zu trennen. Dass z.B. das Ausleben von Homosexualität unter die Persönlichkeitsrechte fällt ist für viele Jugendliche mit Migrationshintergrund undenkbar. Ein Jugendlicher meinte sogar, er wolle lieber sterben als auf offener Straße von einem Mann per Mund-zu -Mund-Beatmung wiederbelebt zu werden.
    Ich sehe meine Arbeit als Tropfen auf den heißen Stein, aber jede Diskussion zählt und kann möglicherweise später einen Schalter umlegen für ein friedliches Zusammenleben.

    • Du hast völlig recht: jede Diskussion zählt. Und jeder einzelne Beitrag.

      Ich finde einfach, man kann sich bei diesem Thema nicht auf das „Gutmenschentum“ zurückziehen – fördern und fordern heißt die Devise!

      • Liebe Irit,

        erstmal lieben Dank fürs Verlinken. :-* Und: Ich stimme dir voll und ganz zu – in wirklich allen Punkten. Nur ist meine Wahrnehmung tatsächlich eine andere. Ich bin nachts noch nie gerne U-Bahn gefahren oder in dunklen Ecken unterwegs gewesen, das hat sich seit 2015 nicht verändert. Ich werde auch nie angestarrt (oder bemerke es zumindest nicht ;-)) – aber meine Lebensumstände sind natürlich auch andere (Dorf/Stadt). Aber auch von meiner blonden Tochter, die ja kurzberockt und viel häufiger in der Stadt unterwegs ist, höre ich nichts „bedrängendes“. Ebenso empfinde ich die Arbeit mit Geflüchteten immer als wertschätzend – auch von Seiten Männern.

        Liebe Grüße,

        Susi.

        • tja, ich vermute, es könnte tatsächlich etwas mit Dorf/Großstadt zu tun haben. Oder vielleicht auch mit der Rolle mit der du unterwegs bist.

          Ich hatte eigentlich nie Angst vor dunklen Ecken (meine Mutter hat mich als Kind schon immer in den Keller vorgeschickt) und ich bin mir selbst fremd… wenn mir am Bahnhof eine „laute Horde“ entgegen kommt und ich lieber zur Seite gehe – weil ich nicht weiß, was passieren könnte und ich es auch nicht ausprobieren will.

          • Welche Rolle meinst du?

            Vor einer „dunklen Horde“ hätte ich auch Angst. Ich hatte aber immer schon vor männlichen Horden „Angst“, auch wenn sie blond waren. Leider haben mir auf dem Oktoberfest auch schon Bayern an den Busen gegrabscht, von daher sind mir viele Männer auf einem Haufen immer suspekt. Leider.

            • beim ersten und zweiten Lesen habe ich zustimmt genickt, ja, genauso.

              Und dann fing es an in meinem Kopf zu gären. Mein Problem ist wohl eher, dass ich die Lage nicht einschätzen kann. Mit den „blonden Horden“ bin ich aufgewachsen, man erkennt relativ einfach, ob ein Trupp auf Spaß unterwegs ist oder ob es aggressive Tendenzen gibt. Bei den „dunklen Horden“ kann ich es nicht beurteilen – und damit fühle ich mich sehr unwohl

              PS: den Busengrapscher hätte ich an den *pardon* Eiern gehabt

  • Hallo Irit, ein wirklich facettenreiches Thema das du ansprichst und schön auch deine Meinung dazu zu hören. Der öffentliche Diskurs scheint sich sonst nur zwischen Schwarz und Weiß abzuspielen und die vielen Grautöne gehen völlig unter.

  • Ich bin gerade wieder in London und mir fallen auch oft sehr westlich gekleidete Männer mit ihren voll verschleierten Frauen auf.
    Ich hab das Gefühl, es geht von den Frauen aus, sich in einer Rolle sicher zu fühlen, in der sie traditionell aufgewachsen sind.

    Ich hab mich vor Jahren mal ziemlich lange mit einer Gruppe solcher Frauen unterhalten und Fazit war, dass die uns bedauert haben. „Ihr denkt, arbeiten zu müssen, statt es euch mit euren Kindern und Freundinnen schön zu machen und seht alle nur gehetzt aus. Ihr braucht Konsum, Kosmetik und Essen aus Trostgründen und steht im Alter (also nach der Menopause) allein da.
    Als Frau steht man bei uns mit dem Älterwerden in hohem Ansehen, ihr werdet offen als sexuelle Resteverwertung betrachtet. Nicht mal in der Arbeit habt ihr bessere Chancen als die Jugend“ und so weiter und so fort.

    Ich glaube nicht, dass man diese Frauen rundum als Opfer sehen sollte. Natürlich wird es das auch geben. Ich denke aber, dass sie deren traditionelle Rolle auch im Westen schützt und deswegen wird sie aktiv verteidigt unter dem Stichwort Tradition.
    Den Familiennachzug sehe ich deswegen mit Vorbehalt. Frauen, die in patriarchischen Gesellschaftsordnungen aufgewachsen sind, werden die gewohnheitsmäßig verteidigen, erst recht, wenn sie sich damit im Vorteil sehen. Teilweise (wie groß der Teil ist, weiß ich nicht) die sind wir für die Loser, mit denen sie nie tauschen würden.

    • ah, du bist wieder da *knuddel*

      Natürlich gibt es diese Sichtweise und sie stimmt mit Sicherheit auch, zumindest teilweise. Kollidiert nur leider extrem mit meinem Drang zur Unabhängigkeit – dafür nehme ich auch gerne ein wenig Hetze in Kauf. Ich muss mich auch nicht irgendwelchen Familiensitten unterordnen. Und am wichtigsten: ich würde sterben vor Langeweile beim schön machen mit Kindern und Freundinnen. Wo ist denn da die Herausforderung?? Der Thrill? Der nächste Erkenntnisgewinn?? Nein danke.

      Ach so, und das mit der Menopause… hihi, da kann ich nur schmunzeln. Da bekommen wohl eher die Herren ein paar Probleme, Stichwort Viagra und Co.

      Nun ja, meine Sichtweise.

  • Hmm, Hmmm, Hmmm,
    du packst hier heiße Eisen an und bringst mich zum nachdenken.
    Ein Punkt stört mich extrem.
    Du trittst für ein Religionsranking ein, Juden ja und gut, Muslime nein und gefährlich.
    Eine Kipa ist zu tolerieren, ein Kopftuch nicht.
    Wie ist das mit der Kopfbedeckung der Nonnen? Ein Statement. Tolerabel weil …
    Oder mit den Perücken tragenden Jüdinnen, die so unauffällig ihre Kopfbedeckung tragen.
    Ja, auch im Judentum gibt es dieses Gebot.
    Mich stört dieses Ranking ganz allgemein und ich finde es diskriminierend, daß Frauen nicht selber entscheiden dürfen, was sie auf dem Kopf tragen wollen.
    An einem Ort muss ich Kopftuch tragen und an einem anderen darf ich es nicht?
    Ich finde beides schwierig.
    Vielleicht sollte ich noch sagen, ich lehne alle Religionen ab.
    Solange Religionen behaupten, sie haben die eingebaute Vorfahrt, die ganz getreuen und tadellosen den Heiligenschein und vielleicht gibt es sogar Jungfrauen und solange auf dieser Grundlage getötet, gefoltert, geschändet (setze eine beliebige Gräueltätigkeit ein) wird, solange Humanismus im religiösen Imperialismus nichts gilt, solange will ich mit einer Religion nichts zu tun haben.
    Jetzt glauben aber viele Menschen aufrichtig und es ist sehr, sehr wichtig für sie, dann respektiere ich das mit und ohne Kopfbedeckungen, denn das System ist mein Problem, nicht der einzelne Mensch.
    Sollte eine Kopftuch tragende Frau oder ein Turban tragender Mann angemacht werden, dann Stelle ich mich daneben, egal ob das ein Fascho ist oder eine Feministin. 😉

    • Das ist ein Missverständnis, es gibt hier kein Religionsranking.

      Vor dem Hintergrund des Holocaust finde ich Antisemitismus total daneben. Das Ganze habe ich um meine persönlichen Erfahrungen erweitert.

      Und die Perücken orthodoxer Frauen finde ich genauso abstrus wie muslimische Kopftücher und vermutlich noch zahllose andere religiöse Kleidungsstile.

    • Liebe Petra,

      auch hier ist eine differenzierte Betrachtung wichtig.

      Das Beispiel mit der Kippa oder dem Schleier der Nonne wird immer wieder genannt. In diesen beiden Fällen ist es aber Zeichen der Demut vor Gott und hat nichts mit dem jeweils anderen Geschlecht zu tun. Insofern hinkt der Vergleich.

      Was den Sheitel betrifft: zum einen tragen nur sehr wenige Jüdinnen überhaupt einen Sheitel oder eine andere Kopfbedeckung und zum anderen tragen diese – wenn überhaupt – auch nur die verheirateten Frauen. Unverheiratete oder geschiedene Frauen tragen einen/eine solchen nicht. Das Ganze hat also mit der besonderen Intimität in der Ehe zu tun und nicht generell mit dem Frauenhaar. Davon abgesehen werden jüdische Frauen nirgendwo staatlich sanktioniert, wenn sie keine Kopfbedeckung tragen.

      Also, nicht alle religiösen Kopfbedeckungen haben die selbe Bedeutung. Daher kann man sie auch durchaus unterschiedlich bewerten.

      LG Mieke

  • Hallo Irit!
    …..dazu fällt mir dieses Buch ein:
    Mary Beard: Frauen und Macht. Ein Manifest – Perlentaucher
    https://www.perlentaucher.de/buch/mary-beard/frauen-und-macht.html
    Aus dem Englischen von von Ursula Blank-Sangmeister.
    Ein leidenschaftlicher Aufruf an Frauen, sich jetzt die Macht zu nehmen

    Mary Beard
    Das entscheidende Buch zur großen aktuellen Debatte Feminismus, Gleichberechtigung und #MeToo: Ein leidenschaftlicher Aufruf an Frauen, sich jetzt die Macht zu nehmen. Das Buch, das weltweit Furore macht! Spiegel-Bestseller und Nr. 1-Bestseller in Großbritannien.

    LG Margret

  • A. Rembold-Busch

    Liebe Irit,

    danke für deinen Beitrag. Ich wohne bei dir nebenan in einer Großstadt. Ich fühle mich unwohl in meiner Umgebung. Und das ist schleichend über zwei Jahrzehnte gekommen. Es findet eine Veränderung statt in meiner Stadt. Ich ziehe mich zurück, und möchte doch schreien, lasst mich so leben wie ich aufgewachsen bin. Wir waren doch eine liberale Gesellschaft, ein liberales Deutschland. Jetzt finde ich es dich mutig von dir, dass du deine Gedanken öffentlich mit uns teilst. Ich bin nicht so wortgewandt, mir fehlen die Worte und ich beginne zu verstummen.
    LG
    Ann

  • Exilberlinerin

    Islamophobie finde ich genauso schlimm wie Antisemitismus. Tut mir leid, das so sagen zu müssen. Diese Verallgemeinerungen, Muslime dies, der Islam das, sind ein Irrtum. Sorry. Bin seit 25 Jahren mit einem muslimischen Mann verheiratet, und zwar mit einem durchaus praktizierendem, und nichts davon trifft zu. Wir sind 100 % gleichberechtigt, und bei anderen Paaren in unserem Umfeld ist das ganz genau so. Und kein Mensch trägt Burkas. Aber wer das gerne tun möchte, weil er bzw sie aus einer Kultur ist, in der sich Frauen so am wohlsten fühlen, finde ich es deplaziert, mich darüber zu erheben und dies zu verurteilen. Bitte. Leben und leben lassen. Artikel 3(3) Grundgesetz. Damit ein friedliches Zusammenleben klappt, wird uns wohl auf Dauer nichts anderes übrig bleiben, als einander in all underen Unterschieden zu akzeptieren und respektieren. Übergriffigkeiten auf Frauen oder auch Andersgläubige, wie z.B. in dem Beispiel hier Juden, sind wohl eher auf eine allgemeine Verrohung und vorallem einen Mangel an Erziehung zurückzuführen. Das kenn ich auch aus der Stadt, in der ich lebe. Ich kenne einige Leute, die beruflich mit Migranten und Flüchtlingen arbeiten und einen extrem guten Job machen. Klar gibt es viele Debatten (Homosexualität ist und bleibt tatsächlich ein Problemthema, Homophobie ist natürlich genauso verdammenswert wie Rassismus, Antisemitismus, Islamophobie, you name it). Eines der grössten Probleme ist, dass sich viele Eltern aus diesen Milieus nicht genug um ihre Kinder und deren Erziehung kümmern, Stichwort Molenbeek etc. und die Erziehung ganz einfach total in die Hose geht bzw. weitgehend kaum stattfindet, bei EINIGEN Familien, nicht bei allen. Das ist aber ein soziales Problem und kein religiöses.

    • Das mit der Islamophobie muss dir nicht leid tun – hier darf jeder (wie immer) seine Meinung sagen.

      Zwei Sachen: erstens glaube ich, dass du eine weitere Problemfacette genau auf den Punkt getroffen hast. Es ist eine Frage der Bildung und Erziehung. Da gibt es noch eine Menge zu tun.

      Und zweitens sind diverse Auswüchse, die durch die Presse geistern (Ehrenmorde etc) oder auch mein Erlebnis von weiter oben ja nicht auf den Islam, sondern auf eine patriarchalische Kultur zurück zu führen. Was wieder ein ganz anderes Thema ist. Allerdings werden diese Strukturen ja gerne religiös begründet. Das gilt aber für alle außer den Buddhisten ;-)

      Man sieht: ein sehr weites Feld.

      • Glaubst du, dass Buddhismus nicht genauso frauenfeindlich sein kann wie alle andere großen Religionen? Das stimmt leider gar nicht. Ich lebe in einem pro-forma buddhistischen Industrieland und die Gleichberechtigung hier ist noch weniger gegeben als in Deutschland.

    • Sehe ich genauso. Ich habe manchmal das Gefühl, als würden die Deutschen gerne auf Einwanderer zeigen und sagen, „die sind Schuld“. Dabei habe ich schon vor fast zwanzig Jahren in der Schule Antisemitismus gespürt, von „einheimischen“, weißen Mitschülern. Die meisten Neonazis sind ja eher auch keine Moslems.
      Die deutschen Männer, die sich zu 90% nicht für die Rechte von Frauen interessieren, schreien auf einmal, dass „die Ausländer“ „ihre“ Frauen vergewaltigen und nicht respektieren – die meisten Frauen erfahren aber sexuelle Gewalt im näheren (deutschen) Umfeld, und respektiert werden wir auch von einheimischen Männern nicht besonders. Gut, man pfeift uns kaum noch hinterher, aber im Beruf wird man oft übergangen und für dumm verkauft. Von Deutschen. Aber davon kann man ja jetzt schön ablenken.

      Ich bin keine Anhängerin irgendeiner Religion und finde organisierten Glauben eher abschreckend, aber wir haben in Deutschland Religionsfreiheit. Ich kenne auch Musliminnen aus asiatischen Ländern wie Malaysia, die ähnliche Sachen sagen wie die, die Iridia oben beschreibt, oder ganz liberal leben. Andererseits gibt es in einigen stark katholischen Ecken Deutschlands eine extreme Machokultur, die der mancher Einwanderer in nichts nachsteht. Deshalb denke ich, man kann nicht eine Religion komplett verteufeln, sondern muss auf andere Faktoren schauen.

      Dass Deutschland eine lange Tradition hat, Andersgläubige zu Sündenböcken zu machen, muss ich wohl nicht noch mal extra vertiefen, oder?

  • Liebe Irit, vielen Dank für die Verlinkung meiner Sonntagskolumne. Das hat mich sehr gefreut.

    Ich freu mich auch über die vielen, differenzierten Ansichten. Es ist wichtig in die Diskussion zu gehen, nur eben ohne Hass und Wut.

    Ich finde auch, dass wir Angst haben dürfen (ich meine aus Sicht einer Frau) und ich finde auch, dass dies genauso ernstgenommen werden muss, wie all die anderen Debatten in diesen Zusammenhängen.

    Mir persönlich fehlt der „ROUND TABLE“ zum Durchschnitt. Also den Menschen, die ohne Wut und Hass durch den Alltag gehen, die niemanden ertrinken lassen und eben trotzdem besorgt sind. Weder die Wutbürger noch die Politiker in Berlin spazieren durch unseren Alltag. Sie spazieren aber auch nicht durch den Alltag der Flüchtlinge. Und ich finde in den wenigsten Fällen kann man von echter Integration sprechen. Wie auch?

    Eigentlich ist es doch der Wahnsinn, dass in unserem technischen Zeitalter keine schnelleren, formalen Lösungen möglich sind. Das Menschen monatelang auf Entscheidungen warten. Das macht mürbe und aggressiv und schürt Unzufriedenheit. Und diese Ghettos, die entstehen, sind ebenfalls wenig hilfreich. Bei uns gibt es ganze Stadtteile, da zieht keiner freiwillig hin. So entstehen riesengroße Kluften.

    Ich laufe nicht mit Angst durch meinen Alltag. Ich fühle mich immer noch pudelwohl in unserer Stadt. Nur eins ist Fakt….ich sehe an vielen Stellen Probleme auf uns zukommen und das liegt nicht nur an mangelnder Integration von Flüchtlingen, sondern auch an offensichtlich fehlenden Perspektiven von Deutschen. Menschen, die durchs Raster gerutscht sind.

    Oder vielleicht ist es gar nicht so schlimm und wir empfinden das nur so, weil wir so genau hinschauen?!

    Manchmal bin ich bei diesen Themen wirklich überfragt…..

    Im Grunde ist es doch ganz einfach….es sollte niemand…auf der ganzen verdammten Welt…in die Situation kommen auf Booten flüchten zu müssen. Kriege und Folter sollten überhaupt nicht existieren….Und wenn doch, sollte sich die Frage nach der helfenden Hand gar nicht erst stellen…sie sollte selbstverständlich sein.

    Liebe Grüße, Andrea

  • ich habe mir gerade bei einem Kaffee nochmal alles in Ruhe durchgelesen und es ist immer noch so wie oben geschrieben: keine einfache Lösung für ein komplexes Problem. Ich fasse mir auch selbst an die Nase, ich lebe mein Leben in meinen (kleinen) gewohnten Bahnen und weiß nicht so genau, was ich mit den Veränderungen anfangen soll. Ich versuche es zu greifen, aber es ist so komplex und es gibt so viele Ungerechtigkeiten auf der Welt, dass es mir einfach nicht gelingen will. Also falle ich auf meine Erfahrung zurück – genau wie alle anderen hier, wenn ich die Kommentare richtig lese.

    Es ist schwierig.

    • Ja, sehr schwierig. Vorgestern habe ich eine Dokumentation im TV gesehen: „Das verrohte Land… wenn das Mitgefühl schwindet“. Ich war fassungslos, was dort von Leuten, die kommunal öffentliche Ämter bekleiden, von Ärzten, Sanitätern, vor allem aber auch von Polizisten erzählt wurde.

      Ich glaube, es ist ein gesamt-gesellschaftliches Problem, die Religion (egal welche), besonders in ihrer traditionellen Form, verstärkt das Ganze nur. Es fehlt an Bildung und Erziehung, an stabilen Elternhäusern/Familien, an Jugend- und Sozialarbeit und natürlich auch an Erkenntnis, besonders dort, wo immer nur die anderen schuld sind.

      Ich kann mich Julia nur anschließen, auch in Deutschland ist, was Frauen betrifft, noch lange nicht alles Gold was glänzt und es gibt noch sehr viel zu tun.

      Ich selbst lebe in einem kleineren Vorort 3 km westlich von Köln, einer Insel der Seligen, hier gibt es einen massiv hohen Anteil an sehr reichen Leuten (und nein, ich gehöre nicht dazu), was dafür sorgt, dass die paar Flüchtlinge, die hier zugeteilt wurden, binnen kürzester Zeit eigene Wohnungen beziehen konnten, damit die Sporthalle schnell wieder für Tennisturniere genutzt werden konnte. Ghettobildung findet hier gar nicht erst statt.

      Ich kann mir jedoch sehr gut vorstellen, dass es Angst macht, in bestimmte Viertel zu gehen, abends mit der S-Bahn zu fahren u.ä. Ich sage nur Kölner Hauptbahnhof.

      Wir werden wahrscheinlich keine schnellen Lösungen finden, und meine Sorge ist, dass es bald gar keine Gesprächsbasis mehr zwischen schwarz und weiß geben wird. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Schreihälse in Dresden einem vernünftigen Argument zugänglich sind. Und ehrlich gesagt machen mir diese Leute mindestens genauso viel Angst wie die breitbeinig und glotzend in der Bahn sitzenden Männer, deren Sprache ich nicht verstehe.

      Ja, es wird wohl schwierig bleiben. Aber wir – und damit meine ich die Mitte unserer Gesellschaft – darf sich nicht klein machen und auch nicht klein machen lassen.

  • Exilberlinerin

    @Irit: rischtisch ! Seh ich auch so, wie in Deiner Antwort
    @ Julia: dito ! Genau so seh ich das auch, und ja, auch bei im Buddhismus gibt es genau die gleichen Phänomene. Schaut in Myanmar, da killen Buddhisten die Rohinga, eine muslimische Minderheit. Progrome, Verfolgung…

    Der Mensch ist leider eine sehr gefährliche Spezies.

    Wer weiss, wie lange wir hier in Europa überhaupt noch unseren Standard von Frieden und (relativem) Wohlstand aufrecht erhalten können.

  • Christiane

    Anmerkung von Irit

    Hallo Christiane, ich habe deinen Kommentar gelöscht. Ich kann deine Bedenken und Sorgen verstehen, aber ich bemühe mich hier um eine differenzierte Diskussion und das war mir ehrlich gesagt zu „populistisch“. Gerne deine persönlichen Sorgen schildern, aber nicht verallgemeinern. Es ist ein Unterschied, ob man schreibt „ich fühle mich unwohl, wenn neben mir eine vollverschleierte Frau steht, weil…“ oder „es gibt zu viele Vollverschleierte“

  • Ein ganz schwieriges und tatsächlich zu komplexes Thema, um es schnell zu greifen, geschweige denn, es schnell zu lösen. Es wurde schon vieles geschrieben und ich möchte da nicht wiederholen, aber anmerken – und das nicht, weil ich selbst Dresdnerin bin – dass ich es ebenso befremdlich finde, wie die „Dresdner Schreihälse“ verallgemeinert werden. Auch das ist meines Erachtens eine Form von Populismus. Bei denen ist genau so wenig alles nur schwarz und weiß, sondern das meiste grau. Wenn es schon gebildeten, interessierten Menschen wahnsinnig schwerfällt, richtige Antworten auf so schwierige Fragen zu finden, wundert es mich nicht, dass Menschen, deren Horizont vielleicht nicht ganz so weit ist, eher für „einfache“ Antworten zu haben sind. Das macht es nicht besser und entschuldigt nichts, ich denke nur, dass der Perspektivwechsel in jede Richtung nötig ist und verallgemeinernde Einschätzungen niemals helfen. Wichtig finde ich in diesem Zusammenhang, dass die Kommunikation nicht aufhört, sondern irgendeine Form von friedlichem Dialog stattfindet, gleichwohl befürchte ich, dass wir von Lösungen (noch) sehr weit entfernt sind.

    • @ Claudia: Sorry, die „Dresdener Schreihälse“ waren nicht verallgemeinernd gedacht, vielmehr liegt die Betonung auf den Schreihälsen, die genauso gut von woanders herkommen könnten, der Ort ist dabei nicht wesentlich.

      Nichtsdestotrotz finde ich es erschreckend, wieviel Raum diese Leute dort einnehmen. Insbesondere, wenn man das ins Verhältnis zu den Flüchtlingszahlen in Sachsen setzt.

      Und ja, es ist immens wichtig, dass die Kommunikation nicht abreißt, aber ich befürchte genau wie Du, dass es keine schnellen bzw. einfachen Lösungen gibt.

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