Weitergedacht von Iridia: Death Cleaning

Als ich vor kurzem wegen einer Kinderkrankheit wochenlang krank war und mitbekam, was ich alles so nicht schaffte, wenn ich mal lange krank bin, las ich von Margareta Magnussons Buch „Frau Magnussons Kunst, die letzten Dinge des Lebens zu ordnen“, sie nennt es Döständing, vermutlich im Anflug von Männergrippe.

Noch war es nicht erschienen und als es erschienen war, konnte ich nirgends reingucken, weil es noch nicht geliefert wurde. In der letzten Woche hab ich es nun gesehen und gelesen.

Es gibt Bücher, bei denen man sich nach dem Lesen wunderbar fühlt – das war eins. Es hat eine Last von mir genommen, von der ich gar nicht wusste, dass ich sie trage. Ich lebe nach dem Lesen leichter. Als Irit mich fragte, ob ich davon schon was gehört hatte, hatte ich es im Moment gerade ausgelesen und war sicher ganz euphorisch.

Ich hatte mir, als ich davor so krank da lag, das erste Mal überhaupt darüber Gedanken gemacht, wie schwer es mir von einem Tag auf den anderen fallen könnte, die Wohnung auszuräumen, nicht für das, was ich mag und nutze, sondern die vielen „lala“-Sachen, die noch in den Schränken sind.

Will ich das meinen Kindern zumuten? Will ich das meinem Mann zumuten? Wird mir mein Mann zumuten, Sachen, die auszuräumen er vielleicht zu faul war, um die Entscheidung nicht treffen zu müssen, es mir überlassen? Ich dachte dabei übrigens nicht mal an Sterben. Ich dachte an körperliche Beeinträchtigungen, Rollstuhl oder totaler Kraftverlust. Das ist keine Altersfrage, wird aber mit den Jahren wahrscheinlicher.

Ich hab vor einer reichlichen Woche meine DVDs, die ich vielleicht gar nicht mehr gucke, weil wir hauptsächlich streamen, aus den Hüllen geholt, in ein passendes Papierkuvert gepackt, die, die ich nie wieder sehen will, im Haus ausgesetzt und die leeren Hüllen weg geworfen. Ich bin dreimal mit einer großen, schweren Tüte zum Müll gegangen und war hinterher erledigt. Und da war ich wieder gesund. Fällt in der Wohnung nicht mal auf und die hat nur 2 Zimmer. Wie groß mag erst die Arbeit sein, neben der Trauer des Verlustes eines lieben Menschen auch noch diese Dinge tagelang tun zu müssen? Entscheiden, was man behält, nicht mal nur das emotionslose Ausräumen.

Ich will auf gar keinen Fall jemandem zur Last fallen, aber genau hier ist ein Punkt, das tatsächlich beeinflussen zu können. Es geht nicht darum, die Bude auszuräumen, um auf den Tod zu warten, sondern sich zügig von Sachen zu trennen, die man einfach lagert, weil der Platz da ist. Margareta schreibt, sie umgab sich nur noch mit Sachen, die sie liebte und die ihr was bedeuteten. Eine Kernessenz des Minimalismus.

Wer nicht mehr gut laufen kann, dessen Aktionsradius verkleinert sich sehr schnell rapide. Aber der kann oft nicht mal mehr größere Mengen Sachen sichten und entsorgen. Dafür kann es zu spät sein. Zudem kann ein Klammerreflex kommen, weil man ja nicht einfach mehr losgehen und sich was besorgen kann. Margarta schreibt, die allermeisten Haushaltsauflösungen müssen Frauen erledigen, auch in den Familien des Mannes – in Schweden!

Ich hab mir immer überlegt, falls ich plötzlich bettlägerig würde, mir die Bude wie ein schönes Wohn-Krankenzimmer einzurichten. Aber vielleicht mache ich es dann real auch wie meine Mutter, ignoriere alles und lebe faktisch im Sessel, in einem Haus voller Sachen, die mich nur belasten, die ich mir aber dann nicht mehr traue, wegzuwerfen. Davor hab ich Angst.

Das Buch zeigt Wege, ein schönes, erfülltes Leben zu fühlen, ohne anderen eine Last aufzubürden. Mir verschafft der Gedanke ein Gefühl der Freiheit. Was für eine Überraschung. Eine Seite des Minimalismus, die nicht nur auf mich selber wirkt.
Ich hab auch angefangen, eine Mappe anzulegen, in der, falls ich sterbe, alles drin ist, was man wissen muss, ohne die Wohnung durchwühlen zu müssen.

Mir ist klar geworden, dass es an einem Punkt zu spät sein kann, was zu regeln. Vielleicht ist er mit 90 da, vielleicht schon in diesem Herbst, wenn ich Pech habe.
Unbeschwert noch lange zu leben, würde mir sehr gefallen. Im Buch werden auch Wege gezeigt, wie man was behalten kann, dass dann ungesehen weggeworfen werden kann. Auch das ist Erleichterung.

Morbide oder nicht?

11 Kommentare

  • Ein sehr schöner Beitrag, der mich zum Nachdenken anregt. Man muß einfach anfangen aufzuräumen, Stück für Stück, Schrank für Schrank. Das fällt sehr schwer. Ich bin auch so erzogen worden, nichts wegzuwerfen ( meine Mutter ist im Krieg großgeworden). Man könnte ja noch etwas gebrauchen. Aber wenn ich es mal geschafft habe einen Schrank zu räumen, dann ist das wirklich ein großartiges Gefühl. Man fühlt sich befreit.

  • Ich habe durch Trennung und Scheidung von meinem Ex-Mann gezwungenermaßen gelernt minimalistisch zu leben.

    Entgegen all meiner Planungen (das Leben hat gerade noch andere Herausforderungen für mich parat) stehen noch immer nur die nötigsten Möbel in meiner Wohnung, und selbst die sind alle geliehen, weil es gerade nicht anders geht. Mein Besitz befindet sich in wenigen Umzugskartons, ein paar Elektrogeräte habe ich beim Auszug noch mitgenommen, das war es. Ich wollte es so, es hätte mich erdrückt die alten Sachen mitzunehmen. Abgesehen davon wäre das meiste eh zu groß und wuchtig für meine kleine Wohnung gewesen. Und selbst Kleinigkeiten wie das alte Geschirr das ich mitgenommen habe, nutze ich nicht. Habe mir ziemlich zügig neues gekauft.
    Das liest sich jetzt vielleicht alles etwas hart, aber man lernt sich in solchen Situationen wieder zu besinnen auf das was wirklich wichtig ist. Man „braucht“ keinen Krimskrams, keine kitschige Deko oder was weiß ich. Man lernt die einfachen Dinge wieder sehr zu schätzen, man wird fast schon demütig. Dafür bin ich dankbar und weiß, dass ich meine Wohnung mit Bedacht einrichten und gestalten werde.

    Irgendwann bald muss ich endlich noch meinen inneren Schweinehund überwinden und mich ans Aussortieren einiger Dinge machen die unser gemeinsames Leben betreffen. Momentan kreise ich noch wie ein Geier um meine Kartons und drücke mich davor.

    Eine Patientenverfügung will ich auch noch in Angriff nehmen, Testament brauche ich vorerst keins. Ich finde das nicht morbide, auch wenn ich erst 37 bin. Ich glaube es ist einfach schwierig, weil man sich mit der Endlichkeit (vor allem seines eigenen Seins) auseinandersetzen muss. Das tut weh und macht Angst. Überaus wichtig ist es dennoch.

    • Übrigens habe ich ein Handicap und bin auf Krücken und Rollstuhl angewiesen. Man lebt deshalb aber sicher nicht ordentlicher als andere. ;-)

    • Ich finde auch, dass Trennungen einen wieder vor die eigene Essenz stellen. So lange ich allein war, was super handhabbar. Ich hab festgestellt, dass es zu zweit ungleich schwieriger ist, selbst, wenn der andere auch so tickt.
      Es ist halt so, dass wir viel mehr Zeit haben, andere Dinge zusammen zu machen, in der ich vorher eher immer mal lustvoll die Leere gepflegt habe. ;)
      Wir lenken uns auch gern gegenseitig ab oder haben die Lust dazu nicht zur selben Zeit.
      Im Buch stand der Satz: Kinder wollen von uns Schönes erben, keinen nutzlosen Krempel.
      Wir selbst leben auch gern im schönen Umfeld, man merkt oft gar nicht, was sich alles wieder angesammelt hat. Man guckt sich das neutral. Also ich jedenfalls.

      • Damit hast du sicher recht. Ich hoffe, dass ich mir meine neue Sichtweise auch in einer neuen Beziehung einigermaßen bewahren kann. Ich mag das. Ich fühle mich irgendwie geerdet und innerlich ruhiger durch so ein Bewusstsein.

  • @Manu

    Ich ging davon aus, dass Ausmisten damit sehr viel schwieriger wird, man wird abhängig von anderen. Das ist schon für eine gesunde Person schwer, wie ich mit den DVDs andeuten wollte. Ordnung selbst sehe ich als fluiden Prozess, eigentlich ist das ständiges Aufräumen. Ausmisten ist aber eher als punktuell, zumindest wenn man noch viel hat, das man jetzt nicht mehr nutzt, später gehört es zur Ordnung. Das würde ich alles davor gern loswerden wollen, ist mir durch das Buch klar geworden. Und ich fand, in 6 Wochen Krankheit sah ich deutlich, wie es in der Wohnung wird, wenn ich über einige Zeit nicht fit bin. Ich fand das regelrecht augenöffnend.

    • Klar bin ich in manchen Dingen auf Hilfe angewiesen (eine Putzfee kommt alle 14 Tage und tut das was ich nicht selbst machen kann und vorher von meinem Ex-Mann erledigt worden ist, Einkäufe lasse ich mir nach Möglichkeit liefern, weil es mir Zeit und Nerven spart). Ich lebe aber trotzdem absolut selbstbestimmt und so unabhängig wie möglich. Wenn ich den Müll wegbringen muss, dann gehe ich ggf. eben mehrmals. Genauso würde es mir beim Ausmisten gehen. Dauert eben ein bisschen länger. Und zur Not gibts halt professionelle Helfer, was ich aber versuchen würde zu vermeiden oder zumindest auf ein Minimum zu reduzieren.

      Ich verstehe was du meinst, aber glaub mir, wenn man damit lebt kommt man ganz anders damit zurecht als jemand für den diese Situation durch Krankheit oder Unfall neu (und vorübergehend) ist. Man ist auch besser im Organisieren und Planen würde ich sagen. Vor allem kann man als „Gesunder“ unheimlich schlecht einschätzen wie es wäre wenn. Das sind alles ungelegte Eier. Das hängt dann auch wieder von der Situation und der jeweiligen Person ab.

      • @Manu

        Es gibt ganz sicher solche wie dich, die damit kein Problem haben und welche, die damit eins haben und das jeden Tag merken. Das Problem ist vermutlich nicht nur das reine Wegschaffen, sondern auch noch das Gefühl, dass Wiederbeschaffung bestimmter Sachen schwierig sein könnte – und man gar nichts mehr wegwerfen kann.

        Möglicherweise ist das tatsächlich eine Altersfrage, aber vielleicht auch eine der entsprechenden Persönlichkeit. Vermutlich ist es keine Katastrophe, aber für mich würde es Freiheit und Leichtigkeit bedeuten, diese Sachen zu regeln, bevor irgendwas eintreffen würde, also eine Steigerung des Wohlbefindens in der Jetztzeit. Das ist es u.a., das ich so positiv empfand. Ich hab das Gefühl, einen Rucksack abgelegt zu haben, von dem ich gar nicht wusste, dass ich ihn trug.

        Falls wir morgen sterben, würde ich gern nur das hier haben, was wir tatsächlich mögen, alte Sextapes entsorgt haben, eine letzte Mappe angelegt usw. warum es nicht jetzt tun, sondern im Hintergrund das Wissen haben, dass das die Kinder machen oder sich zusammensuchen müssen.
        Ich las neulich, dass man einigen Versicherungen nur wenigen Tage nach dem Tod diesen melden muss, warum das nicht so handhaben, dass es sofort gefunden wird? Kisten im Keller, die mit „einfach wegwerfen“ beschriftet sind usw. Es stört einen beim Leben nicht, aber es gibt Menschen wie mich, die das Gefühl haben, dass auch das erledigt ist und die das befriedigt.
        Ich möchte es gern in der Zeit machen, in der ich fit bin und nicht irgendwie eingeschränkt. Ich könnte mein Geschirr auch abwaschen, bevor ich es neu brauche, aber es ist super, das erledigt zu haben, weil es zum letzten Essen gehört und nicht zum Neuen. Das ist das, was ich unter Raum verstehe, den ich gern beim Minimalismus suche. Erledigte Aufgaben machen einfach ein schönes Leben, weil sie gebundene Aufmerksamkeit freisetzen. :)

        Sich mit ungelegten Eiern zu beschäftigen hat mitunter den Effekt, einen selbst zu erleichtern und machen wir uns nichts vor, die Sachen müssen irgendwann ohnehin entsorgt werden, wenn ich sie jetzt schon nicht mehr brauche, warum nicht jetzt? Ich glaube ehrlich nicht, dass die Zeiten dafür besser werden. :)

        • Ich verstehe dich doch. Ich wollte nur damit sagen, dass du manchmal Dinge planen kannst wie du willst, wenn die Situation dann da ist kann sie sich ganz anders darstellen und schon sind alle Planungen dahin. Was jetzt nicht bedeuten soll dass man alles auf sich zukommen lassen soll. Aber ich finde es auch befreiend sich ein Stück weit zu entspannen und nicht alles durchzuplanen (sage ich als Nachdenkende und Organisierende schlechthin), vor allem auch sich frei zu machen von der Erwartungshaltung anderer Leute (wenn ich die letzten Jahre auch gelernt habe. Ich lebe wie ich es mag und nicht so wie es von mir erwartet wird). Natürlich sollten gerade was das Ableben betrifft Dinge geklärt werden bevor man es selbst nicht mehr kann, wer begibt sich schon gern in Abhängigkeiten. Aber gerade so eine beschriftete Kiste wie von dir beschrieben würde ICH JETZT wahrscheinlich als Belastung empfinden (mit fortgeschrittenem Alter wäre es vielleicht/wahrscheinlich anders). Da gibt es wohl kein Patentrezept.

  • Das kann ich aber ebenfalls gut verstehen, Manu.

    Wenn du das Gefühl hast, dich überhaupt mal treiben lassen zu können, setzt dich das sicher unter Druck. Mit 37 hat man vermutlich auch selten das Gefühl, dass das ein Thema ist, über 20 Jahre später kommt das vielleicht auch ganz plötzlich mal bei einem Anlass von der Seite und nimmt dann Druck, der sich bis dahin doch unbemerkt irgendwie aufbaute und man möchte seine Sachen dann regeln. Vielleicht sind wir aber auch schlicht verschiedene Typen und bei dir kommt das niemals. :)
    Ist ja auch wirklich ein ungewohntes Thema, jedenfalls bei mir in der Gegend, üblich ist das nicht.

    • Ich denke öfter über das Thema nach als mir lieb ist. Spätestens seit ich vor 14 Jahren meine 22jährige Freundin durch einen Autounfall verloren habe. Man kann das gut verdrängen. Aber es kommt immer wieder durch, ob man will oder nicht. Und ich würde lügen wenn ich sagen würde dass ich bei dem Thema keine Beklemmungen bekomme. Ich hatte selbst vor etlichen Jahren einen schweren Unfall bei dem wohl gerade sämtliche Schutzengel bei mir waren. Es ist allgemein ein schwieriges Thema.

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