Ein ganzes Leben, und das in einem Buch, oder

sollte ich das glauben? Es ist ein schmales Buch von Robert Seethaler, und es ist ein ganzes Leben darin.

Das können Bücher eben, wenn sie gut sind. Mit wenigen Worten eine Situation, ein Gefühl, eine Umgebung so beschreiben, dass wir sie vor uns sehen, ja mitfühlen können. Dieser Autor, den ich mir merke (seine weiteren Werke stehen schon auf meiner Merkliste), kann das in ganz besonderem Maße.

Als Andreas Egger in das Tal kommt, in dem er sein Leben verbringen wird, ist er vier Jahre alt, ungefähr – so genau weiß das keiner. Es interessiert auch niemanden, denn er ist das uneheliche Kind eines gefallenen Mädchens, und hätte dieses Mädchen nicht noch ein paar Geldscheine in seine Brusttasche gesteckt, hätte der entfernt verwandte Bauer ihn gar nicht aufgenommen und als Hilfskraft auf seinem Hof beschäftigt. Er wächst zu einem gestandenen Hilfsknecht heran und schließt sich als junger Mann einem Arbeitstrupp an, der eine der ersten Bergbahnen baut und mit der Elektrizität auch das Licht und den Lärm in das Tal bringt. Dann kommt der Tag, an dem Egger zum ersten Mal vor Marie steht, der Liebe seines Lebens, die er jedoch wieder verlieren wird. Erst viele Jahre später, als Egger seinen letzten Weg antritt, ist sie noch einmal bei ihm. Und er, über den die Zeit längst hinweggegangen ist, blickt mit Staunen auf die Jahre, die hinter ihm liegen. Eine einfache und tief bewegende Geschichte.

Das Leben selbst wird hier beschrieben, und das aus der Sicht eines schlichten Mannes, der doch besser weiß als manch gebildeter Mensch, worauf es ankommt im Leben.

Unbedingt lesen, und auch unbedingt verschenken, verleihen, verbreiten.

14 Kommentare

  • Liebe Janne,
    ich habe das Buch vor einigen Monaten gelesen und meinem Mann, meinen literarisch interessierten Freundinnen weitergegeben. Ich habe ausschließlich positive Rückmeldungen erhalten.
    „Der Trafikant“ allerdings hat mich enttäuscht. Ich habe Ende der Achtziger Jahre „Mit brennender Geduld “ von Skarmeta gelesen und den Text in lebhafter Erinnerung behalten. „Der Trafikant“ ist strukturell sehr ähnlich, auf mich hat er wie ein sehr blasses Remake gewirkt.

  • Honeypearl

    Das Buch von Robert Seethaler steht schon seit längerem auf meiner Wunschliste, ich glaube, ich werde es jetzt vorziehen und freue mich nach deiner Empfehlung umso mehr es zu lesen. Im Gegensatz zu Lissy, fand ich das Buch „Der Trafikant“ wirklich gut. Ein kleines Tabak-/ Kiosk- Lädchen, in dem man die ganze Grausamkeit des Nazi-Regimes erkennen kann, in Verbindung mit der Liebesgeschichte des Lehrlings, fand ich großartig von Seethaler erzählt. Ich kenne aber auch das Buch von Skarmeta nicht.
    Momentan bin ich auf den letzten Seiten von „Während die Welt schlief“ von Susan Abulhawa. Unbedingt lesenswert, aktueller denn je. Einfach mitreißend, mitfühlend – toll!

  • „Der Trafikant“ hätte mich mit Sicherheit mehr begeistert, hätte ich Skarmeta nicht gekannt. Der Text ist so prall, so voller Witz und Lebensweisheit, deftiger erotischer Szenen – ich kann die Lektüre nur empfehlen.
    Skarmeta war ein Freund von Neruda, der in diesem Roman die Stelle Freuds bei Seethaler einnimmt.
    Die Bewunderung für diesen warmherzigen Dichter ist in jeder Zeile spürbar.

  • Honeypearl

    Lissy, du hast mich jetzt so neugierig gemacht, dass ich mir das Buch auch noch besorge. Ich hoffe, dass es mir mindestens genauso gut gefällt wie dir.

  • Ich bin sicher, Du wirst es lieben. Ich lese ja sehr viel und bin schon anspruchsvoll, was literarische Qualität angeht. Wenn ich mich nach so langer Zeit im Detail an einen Text erinnere, muss er außergewöhnlich gut sein.
    Wenn Du magst, schreib doch bitte nach der Lektüre, ob sie Dir gefallen hat – das interessiert mich wirklich.
    Und mich interessiert auch, ob Du die strukturellen Ähnlichkeiten genau so siehst. Den Rezensenten in den großen Zeitungen scheinen sie nicht aufgefallen zu sein, mag sein, dass sie Skarmeta nicht kennen.
    Lebe Grüße
    Lissy

  • Der Trafikant kommt übrigens nächsten Sonntag!

  • Honeypearl

    @ Lissy: Ich muss gestehen, dass ich auch von dir hier das erste mal von Skarmeta gehört habe. Ich habe mir das Taschenbuch gekauft und warte auf die Lieferung. Es gab leider keine Kindle-Version. Als Spät-im-Bett-Leserin ist das Kindle einfach super, weil es meinen Mann nicht stört. Du bist eine Vielleserin, hast du vielleicht noch ein paar Empfehlungen für mich? Hast du DAS EINE Lieblingsbuch? Wenn ja, würdest du es mir verraten, evtl. auch kurz warum? Ich bin schon gespannt…
    @ Irit: Ich habe den Film für nächsten Sonntag nicht gefunden…

  • @Honeypearl und alle anderen Interessierten
    Über Skarmeta bin ich bei meiner Neruda-Lektüre gestolpert.
    Das EINE Buch – schwierig, als Leserin bin ich polygam. Ich habe mal überschlagen, etwa 4500 Bände Erwachsenenliteratur muss ich gelesen haben, Urlaubskrimis und Totalausfälle ( die klappe ich nach spätestens 30 Seiten zu) nicht eingerechnet.
    Da ich Deine Vorlieben nicht kenne, versuche ich mal
    Michael Frayn: Das Spionagespiel. Wenn wir halbwegs auf einer Wellenlänge lesen, muss ich nicht erklären warum.
    Cees Nooteboom: Die folgende Geschichte.
    Viel Text, sprachlich umwerfend gut:
    A.TH. van der Heijden: DerAnwalt der Hähne
    Schwierig, etwas Hintergrund in Philosophiebeschichte erhöht das Lesevergnügen
    Thomas Lehr: 42
    Ein stilles Buch:
    John Williams: Stoner

    Das ist eine spontane Auswahl, ich würde mit dem „Spionagespiel“ anfangen.
    Ich wünsche Dir viel Lesevergnügen!

  • Honeypearl

    Vielen Dank für deine kleine, feine Auswahl. Stoner von Williams habe ich sogar auf meiner Wunschliste, die anderen Bücher und Autoren kenne ich leider (noch) nicht. Du bist keine Vielleserin, du bist ein Büchermonster… Respekt, das werde ich nie schaffen, außer ich werde 263 Jahre alt. Ich werde mir alle Bücher gleich noch ansehen. Ich freue mich, dass du mir ein „Einsteigerbuch“ genannt hast, ich wäre sonst mit „Der Anwalt der Hähne“ angefangen. Ich bin gespannt, ob wir in etwa die gleiche Wellenlänge beim Büchergeschmack haben. Bekommst du viele Bücher empfohlen oder wie gehst du bei deiner Auswahl vor? Darf ich fragen, ob du die Möglichkeit hast, dich mit anderen Lesern über ein Buch auszutauschen? Leider habe ich keinen in meinem Umfeld, der so gerne und auch relativ viel liest UND einen ähnlichen Geschmack hat, daher bin ich für jede Empfehlung dankbar!

  • Liebe Honeypearl (was für ein poetischer Name),

    Büchermonster, naja. Obwohl, wenn ich so nachdenke, … wahrscheinlich war ich die einzige Sekundanerin auf meiner süddeutschen Klosterschule, die chinesische erotische Literatur aus der Ming-Zeit und russische Avantgarde las.
    Als Teenager las ich zunächst, was meine älteren Schwestern im Unterricht lasen. (So viele altersgemäße Bücher gab es in meinem Elternhaus nicht.) Dann stieß ich auf eine Literaturgeschichte „Deutsche Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart“, die freundlicherweise österreichische und Schweizer Literatur einschloss. Und die Gegenwart reichte bis Th. Mann. Dann las ich Heinrich Mann, dann Erika und Klaus Mann, kam auf deutsche Literatur im Exil …. Du kannst Dir das vorstellen.
    Die Frage, was ich lesen könnte, stellte sich nie, die Frage, ob ich in meiner Freizeit Sport treiben sollte, auch nicht. Erwähnte ich eigentlich schon mal, dass ich wegen meiner fehlenden Bauchmuskulatur im Fach „Leibeserziehung“ unangenehm (und permanent) auffiel?
    Heute orientiere ich mich an Rezensionen überregionaler Zeitungen, den Neuerscheinungen der für mich relevanten Verlage.
    Und, auch wenn es vielleicht etwas „abgehoben“ klingt – mir genügt es nicht, wenn ein Roman mich unterhält, ich will schon jenseits des Inhalts etwas zu entdecken haben. Ich will ein präzise gearbeitetes Kunstwerk. Und wenn ich wieder eines entdeckt habe, bin ich glücklich.
    Und was die 263 Jahre angeht – Menschen, die nicht lesen, haben EIN Leben, Leser ganz viele.

  • Honeypearl

    Liebe Lissy,
    ich habe über deinen letzten Satz nachgedacht. Außer ein gutes Gespräch oder die täglichen Nachrichten (lassen wir die ‚Alttagssorgen‘ mal außen vor), geben mir Bücher die meisten Denkanstöße. Sie sind es auch, die mich immer wieder dazu bringen, mich mit Dingen auseinanderzusetzen und eine Weiterentwicklung voran treiben. Kunst und Musik mag ich auch – aber nur Lesen beflügelt meine Phantasie dermaßen. Es gibt kaum was Schöneres, als ein Buch nicht weglegen zu können und es noch bis in die Nacht zu Ende lesen zu müssen.
    Also dich in der Klosterschule zu sehen, mit einem Buch über erotische chinesische Literatur bringt mich echt zum Schmunzeln. Da prallen Welten aufeinander, außerdem hört es sich fast ein bisschen rebellisch an…
    Manchmal ist es ein Buch, wie bei dir das über deutsche Literaturgeschichte, das eine neue Tür öffnet. Bei mir hat ein Buch das geschafft, was mein Mann und meine Familie in Jahren nicht geschaffen haben, nämlich, dass ich meinen langjährigen Job aufgab.
    Ich bin kein Profi-Leser wie du (Bauchmuskeln sind nur marginal vorhanden aber ich treibe regelmäßig Sport), aber auch ich möchte von einem Buch gut unterhalten werden und auch gerne eine Nachhaltigkeit spüren. Damit meine ich nicht den Ärger darüber, dass ein Buch in meinen Augen Schrott war. Oft reicht mir aber auch ein Roman, der mich zum Lachen bringt. Sowas brauch ich auch. Aber wenn man während des Lesens und / oder auch danach, mal einen Moment inne hält und sich seine eigenen Gedanken macht, ist das der totale Lesegenuss für mich. Gab es bei dir Bücher, die deine Meinung und Ansichten grundlegend geändert haben?
    Du willst ein präzises ausgearbeitetes Kunstwerk. Wow, das hört sich beeindruckend an, wie ein typischer Gourmand eben. Da fällt mir, bei meinem bunten Lesestoff, in den letzten zwei Jahren eigentlich nur „Der Distelfink“ von Donna Tart ein.
    Gestern ist übrigens mein Skarmeta Büchlein (147 Seiten) angekommen. Ich hoffe, dass ich mich nach dem bevorstehendem Wochenende dazu melden kann. Deine anderen Empfehlungen habe ich leider noch nicht alle komplett durchgesehen. Der Anwalt der Hähne schon und ich freu mich schon drauf!
    Schön, dass dir mein Username gefällt. Ich heiße Simone, ist nicht ganz so poetisch, konnt ich mir aber dafür auch nicht aussuchen. Ich hoffe, das Irit und Janne es nicht stört, wenn wir hier so komunizieren, sonst gebe ich dir auch gerne meine Email Anschrift.
    Bis bald und liebe Grüße!

  • Liebe Honeypearl,
    Du machst mich neugierig. Was war das für ein Buch, das Dich dazu bewogen hat, Deinen Job aufzugeben?
    Zu weitreichenden Entscheidungen hat mich kein einzelnes Buch bewegt, aber in der Summe haben mich viele Bücher verändert.
    Zum Beispiel die erotischen chinesischen Romane (etwa 2 m im Regal, nicht alle ausgesprochen erotisch, aber viele mit farbig angelegten Miniaturen und Holzschnitten) habe mich mein Verhältnis zur Sexualität neu bestimmen lassen. Ich war geprägt von einem sehr konservativen Umfeld und las von Sinnenfreude und verspieltem Treiben. (Der Gegenpol war Heinrich Böll, dessen verklemmte Ansichten heute komisch erscheinen, den man damals aber sehr ernst nahm („Ansichten eines Clowns“, das pure Grauen.)
    Oder der zweite apokalyptische Reiter, der unsere jugendlichen Seelen bedrohte: der Kommunismus.
    Und dann las ich Anna Seghers („Das siebte Kreuz“ unter anderem) , Mitglied der Kommunistischen Partei, später Christa Wolf („Kindheitsmuster“, wärmstens empfohlen). Auch „Kassandra“ ist ein Muß.
    Noch später Autorinnen, die mich den real existierenden Sozialismus mit anderen Augen sehen ließen. (Brigitte Reiimann z B., Strittmatter)
    Meine geistige Biographie in Büchern- das würde zu weit führen und ist auch für andere nicht interessant.
    Zwei Empfehlungen noch zum Schluss:
    Joseph Roth: Hiob (Auch da wirst Du verstehen warum) und
    McEwan: Abbitte (sein meiner Meinung nach bestes Werk)
    Die gesamte nächste Woche werde nicht online sein, ich denke aber, Du bist erstmal versorgt – hoffentlich nicht erschlagen.
    Liebe Grüße!

    Liebe Irit,
    ich schließe mich Honeypearls Frage an – ufert das hier zu sehr aus? Sollen wir uns in die geheimen Gemächer zurückziehen? Und ich habe Dir eine Mail geschickt, ich hoffe, nicht an die falsche Adresse.
    Auch an Dich und Janne liebe Grüße!

  • Honeypearl

    Liebe Lizzy, hast du die Mail an mich geschickt oder an Irit? Ich habe leider keine Mail bekommen.
    Meine Anschrift lautet: honeypearl@t-online.de
    Bitte melde dich doch mal kurz, wenn du wieder online bist.
    Bis dahin liebe Grüße

  • Liebe Honeypearl,
    die Mail war für Irit.
    Wenn Du Lust hast, könnten wir zu Jannes Trafikanten-Rezension rübergehen, dort ist es bestimmt kühl und und noch allzu ruhig. Hast Du inzwischen Zeit gefunden, „Mit brennender Geduld“ zu lesen? Deine Meinung interessiert mich.

Deine Meinung?