Everybody’s darling…

… is everybody’s Arschloch. Ich mag diesen Spruch, weil er einer von denen ist, die meinem Leben eine Wendung gegeben haben. Ich denke mal, jeder hat einen oder mehrere Sätze, die einfach wichtig im Leben sind – aus den unterschiedlichsten Gründen. 

Warum ist nun ausgerechnet dieser für mich wichtig?

Ich bin Jahrgang 66 und stamme aus einer Arbeiterfamilie. Ich war die erste in der Familie, die aufs Gymnasium ging und studierte. Ich habe geraucht und getrunken und habe nicht meinen ersten Freund geheiratet. Ich stamme aus einer Familie, in der es die eine oder andere „Muss-Hochzeit“ gab und als ich ein Kind war, waren anständige Frauen Hausfrauen und Mütter und rauchten und tranken nicht. Ach so, sie schminkten sich natürlich auch nicht. Ich hatte schon immer einer Vorliebe für roten Lippenstift.

Frauen studierten auch keine Männerberufe wie Ingenieurswesen oder Mathematik, nein, die wurden Kindergärtnerin oder Krankenschwester oder Arzthelferin oder Verkäuferin. Damals konnten Frauen nicht zur Bundeswehr und der Ehemann konnte ihre Arbeit kündigen. Es gab Scheidungen mit Schuldprinzip.

Also: Frauen haben nett und freundlich zu sein. Sonst bekommen sie natürlich auch keinen Mann ab. Davon auch bitte nicht zu viele, weil ja keiner eine Schlampe heiratet und geheiratet werden ist ein Muss – und wenn der Mann auch nur im Bett sitzt und hustet (Zitat Janne – ich mag es!).

Diese Zeiten sind längst vorbei – glücklicherweise. Zwar noch nicht so ganz (s. Sexismus-Debatte), aber es wird.

Was bei mir nicht wurde, war das Bedürfnis, nett zu sein und gemocht zu werden. Ich habe noch nicht mal darüber nachgedacht, es war einfach so, keine Reflexion.

Bis mein damaliger Chef diesen Satz zu mir sagte.

Ich arbeite immer noch daran.

Im Beruf bin ich mittlerweile ziemlich tough und setze mich durch, ich kann etwas, habe das schon oft unter Beweis gestellt und ich will noch weiterkommen. Wie sagt mein jetziger Chef: „Diplomatie ist nicht deine Kernkompetenz.“

Privat ist das schon ganz anders. Nach der Debatte zum Anruf-Artikel waren meine Gedanken am nächsten Tag (nicht in der chronologischen Reihenfolge): „was für bekloppte Leserinnen haben wir eigentlich?“ „lohnt sich die ganze Arbeit, die ich in den Blog stecke – kaufe ich meine Cremes halt selbst“ „wenn wir da angepisst werden, bitte, lest doch woanders, ich mache das Ding einfach zu und gut ist“ „wieso haben die uns nicht lieb?“

Tja, wieso haben die uns nicht lieb.

Weil wir uns eigentlich nicht kennen. Weil hier nur kleine Ausschnitte aus unserem Leben zu sehen sind. Weil wir eben sind wie wir sind. Weil es viele Leute gibt, die ich auch nicht lieb habe.

Womit wir wieder beim ersten Satz wären. Ja, ich halte giftige Kommentare und persönliche Angriffe aus. Ich bin nämlich nicht everybod’s darling, sondern Irit. Mit allem drum und dran und einer eigenen Meinung. Ich habe gelernt, nicht dem ersten Impuls nachzugeben, sondern erstmal nachzudenken und dann zu agieren und nicht zu reagieren.

Auch wenn es manchmal richtig unangenehm ist.

  • Ich halte mich zwar auch für stark, bin ne Karrierefrau, die bisher Kind und Arbeit gut packt. Ich will gemocht werden. Aber: nur von Leuten, von denen ich es auch wirklich will. Alle anderen sind mir egal. Und deren giftige Kommentare sind noch egaler, weil sie so verzweifelt sind. Ich stelle mir vor, dass solche Leserinnen ein echt trauriges, trostloses Leben haben, in dem es nur ein Highlight ist, in der Anonymität des Internets etwas Giftiges loszuwerden. Solche Leute machen im realen Leben sicherlich nicht solchen Stunk…

  • Zebralein

    Sind nicht kritische Leserinnen, die sich mit dem auseinander setzen, was ihr schreibt, das was ihr schlussendlich wollt?

    Stell dir das Gegenteil vor. Die Herde Lämmchen, die alles gut und richtig findet. Damit kommt man doch keinen Schritt weiter 😉

  • Bravo, Irit. Und: mich nerven giftige Kommentare auch als Mitleserin gewaltig. Stichwort Fremdschämen. Na jedenfalls sind meine Schwester und ich auch die ersten technisch versierten und studierten Mädels braver Mütter, die uns aber immer ermutigt haben, uns frei zu entfalten und zu verwirklichen. Mantra: Bindet Euch nicht an den erstbesten Mann und verdient um Himmels willen Euer eigenes Geld! Einen sonnigen Sonntag :))

  • Ha, was schreibe ich denn? Brave Mütter – also gemeint hab ich unsere weiblichen Vorfahren Mutter, Großmütter, Tanten usw. Wir kommen nicht wirklich aus der 60s Kommune mit vielen Müttern *haha*.

  • Du hast völlig Recht, ich seh das genauso….Aber da ich schon immer sehr impulsiv war und mein Herz auf der Zunge trage ( und immer noch, trotz fortgeschrittenen Alters) manchmal erst rede und dann nachdenke, komme ich ganz bestimmt nicht in Versuchung, everybody’s Darling zu sein! 🙂 Ich sage was ich denke und wer damit nicht klar kommt, hat Pech gehabt! Damit hab ich mich zwar schon so manches Mal um Kopf und Kragen geredet, aber, wenn ich so drüber nachdenke….so richtig ernsthaft geschadet hat’s mir nie. Den meisten Leuten ist dann doch jemand lieber, bei dem man weiß, woran man ist, als jemand der vornerum scheißfreundlich ist und einem bei nächster Gelegenheit von hinten ein Messer zwischen die Rippen haut! 🙂

  • Irit, vielen Dank für deine offengelegten Gedanken. Bekloppte gibt es überall, vor allem, wenn sie sich dazu entschlossen haben, in digitalen Welten zu wüten. Das Internet versaut die Menschen, weil es im losen Kontaktverhältnis keinen persönlichen Bezug zum Gegenüber gibt und damit auch die natürlichen Respektgrenzen immer mehr verschwimmen. Die Dienstleistungsbranche könnte Arien davon singen, aber darum geht es gerade nicht. Zum letzten Teil deines Textes: Blogs und Online-Diskussionen ziehen automatisch Negativblogger an. Es gibt hier weder Gestik, Mimik, Sprache, Betonung nochsonstirgendwas. Nur geschriebene, stille Worte. Jeder Text, so klar er dem Verfasser auch erscheinen mag, besitzt einen Interpretationsfreiraum. Man kann ihn 1x, 5x, 10x oder 100x durchlesen und immer könnte man ihn anders verstehen…bzw. möchte man ihn anders verstehen. Auch eine Unart von einigen Personen heutzutage. Hätte die Diskussion um den Schulanruf in einer „lebendigen“ Runde (meinetwegen in einem Cafe) stattgefunden, wäre es garantiert nicht zu solch ausufernden Reaktionen gekommen. Erstens: weil man das Gesprochene nicht hundertfach zurückspulen und damit auch nicht hundertfach auswerten kann. Zweitens: weil Einige sich samt ihres Naturells mehr in Zurückhaltung als in der Offensive geübt hätten. Die höchste aller Gefühlseruptionen wäre da noch der Biss auf den Strohhalm gewesen (vorausgesetzt die Servicekraft hat einen gebracht und er passte zum Getränk). Oder die eine „Betroffene“ verständigt sich mittels nervöser Lidzuckungen mit der anderen „Betroffenen“, Beide suchen die Sanitäranlagen auf, um in kleingeistiger Manier die Lästeroffensive zu starten. Zum Ende sanieren sie ihre Lippen, damit auch ja jedem auffällt, dass sie sich sinnvoll auf den Toiletten beschäftigt haben. Was ich damit sagen will liebe Irit: Luschen und Profillose sind eine immerzu präsente Plage! Nur nicht irritieren lassen! Ich selbst lebe zu einem undefinierten Prozentsatz nach dem kategorischen Imperativ aber ich bin viel zu eigensinnig, dickköpfig und autark, als dass ich mich für irgendjemanden verbiegen würde. Zweifelsohne eckt man damit früher oder später an, ist mir aber egal 🙂 Wenn ich ein Gegenstand wäre, dann wohl eine massive Brücke im Meer, an deren Pfeilern sich kleine, mittlere und lästige große Wellen brechen. Aber keine von ihnen bringt mich drastisch ins Wanken 😉

  • Gut gesprochen bzw. geschrieben, Iris. Danke dafür.
    Grüße an Janne und dich! Und: Macht weiter so!
    LG ava

  • Die Diskussion in der Anruf-Story fand ich jetzt nicht so tragisch, aber auch nicht Jannes Gedanken, die auf mich etwas schwülstig gewirkt haben.

    Ich fände es schade, wenn bei kritischer Auseinandersetzung und grenzwertigen Kommentaren sofort mit Kommentar-Sperrung gedroht oder der Hahn einfach abgedreht wird.

    Wer nicht der Depp für alle sein will, muss Kritik auch mal aushalten können, der muss auch mal sehen, dass er nicht unfehlbar ist und vielleicht auch mal einsehen, dass er daneben gelegen hat.

    Natürlich trifft einen das, aber dann ist man vielleicht doch nicht so tough wie man dachte, wenn man das beklagt.

  • noch ein schöner – und so wahrer – spruch in ergänzung:

    gut, daß ich nicht alle kenne, die ich nicht mag …….

  • everybody`s darling is everybody`s depp….so isses!

    ich versuche, gradlinig, und authentisch zu sein/ bleiben, was nicht immer ganz einfach und auch ziemlich anstrengend ist bzw. sein kann, und zwar für mich und auch meine Umwelt. Aber ich übe jeden Tag.

  • Ach, ich kann Kritik ganz gut aushalten – wenn sie berechtigt ist 😉

    Zum Kommentarsperren: ich habe leider an anderer Stelle (im Beautyboard) erlebt, wie Dinge aus dem Ruder laufen können und das möchte ich hier einfach nicht haben. Ich möchte keine Beschimpfungen, Beleidigungen oder ähnliches. Ich denke auch, dass es einen Unterschied zwischen Kritik bzw. kritischen Lesern und schäbigen Bemerkungen gibt. Ich erwarte, dass man die Manieren, die wir alle hoffentlich haben, auch im Internet auslebt.

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