Buchclub (2): „Das schräge Haus“ von Susanne Bohne

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Der Buchclub geht in die zweite Runde (apropos: nächste Woche kommt der Aufruf zur dritten Runde) und das haben wir gelesen:

Susanne Bohne Das schräge Haus

Über das Buch:

Ella war schon immer irgendwie anders. Wäre sie ein Haus, dann eins mit schrägem Giebel. Das hat zumindest Mina immer gesagt, in deren Ruhrpott-Schrebergarten-Welt Ella aufgewachsen ist, weil Ellas Mutter, die das Gefühlsleben einer Dörrpflaume besitzt, sich nicht wirklich um sie kümmern mochte. Und Mina lag richtig: Spätestens seit die kleine Ella den Bergmann Manfred tot in seinem Liegestuhl gefunden hat, ist etwas in ihr verdreht.

26 Jahre später ist Ella erwachsen, Psychologin und ihr Haus schiefer denn je. Aber damit ist sie nicht allein, denn in ihrer psychologischen Praxis geben sich Menschen die Klinke in die Hand, die alle mit ihren eigenen Schrägheiten zu kämpfen haben. Auch Herr Oebing, der gern Krümelmonster-T-Shirts trägt und seine Frau Traurigkeit pflegt. Vielleicht ist er genau deshalb gerade richtig für sie.

Über die Autorin:

Susanne Bohne, selbst ein Ruhrpott-Kind – sie lebt und arbeitet in Dortmund -, studierte Germanistik und arbeitete als Designerin, bevor sie anfing, Kinderbücher zu schreiben und zu illustrieren. Sie findet, dass Humor eine gute Überlebensstrategie ist und dass die kleinen Dinge des Lebens oft größer sind, als sie scheinen. Davon erzählt auch ihr erster Roman «Das schräge Haus».

Besprechung von Anne

Ein wunderschönes Buch über Leben, Liebe und Tod. Und über die Seele.

Ich liebe das Buch, die Sprache, wie einfach die Worte auch sind, so berühren; wie z.B. dieser Absatz:

„…Mina ließ HAMZ und FUNT trotz meiner Erklärungen nicht gelten. Scrabble müsse man schon so spielen, dass beide Spieler faire Chancen hatten. Das sei sowieso sehr wichtig im Leben, sagte sie, und deswegen wollte sie mir zeigen, wie man richtig spielt.

Im Frühling also, als wir in den ersten Sonnenstrahlen vor dem Häuschen saßen und sich vor uns das Spielbrett wie eine Landkarte ausbreitete, auf dem Mina das Wort TORTE gelegt hatte, beugte sie sich quer über den Tisch, um auf mein Buchstabenablagebänkchen schauen zu können. Ich hatte bereits SNOF  und DAK zusammengeschoben, was einerseits das Naseputzgeräusch von Manfred war und andererseits ein für mich sehr deutliches Entenquaken.

Mina rollte mit den Augen und wusste seitdem, dass es in meinem Sprachschatz wohl immer ein wenig anders aussehen würde.“

Das Buch war schnell gelesen, ich wollte nicht, dass die Geschichte endet; ich wünschte Susanne Bohne hätte weitererzählt von Ella, Mina und Herrn Öbel….

Das Buch brachte mir Wärme ins Herz. Dicke Empfehlung. Lest dieses Buch!

Besprechung von Sandra

Ich habe das Buch an einem ruhigen Nachmittag zwischen den Feiertagen angefangen zu lesen und konnte nicht mehr aufhören – ich habe tatsächlich alle 350 Seiten in einem Rutsch gelesen. Das Buch ist bestens geeignet, es im Sommer im Park oder am Strand zu lesen oder eben, so wie ich, im Winter bei Tee und Kerzenlicht, um an den Sommer zu denken. Die Handlung plätschert dahin, ohne dass es langweilig wird. Bis zum Ende war ich mir nicht sicher, wie die Geschichte ausgeht, ob es ein „Happy End“ geben wird oder der Schluss bittersüß wird

Die Ich-Erzählerin schafft es wunderbar, sowohl die schrägen Gestalten aus ihrer Kindheit in einer Schrebergartensiedlung im Ruhrpott als auch ihre Patienten, die zu ihr als Psychotherapeutin kommen, detailliert, humorvoll aber vor allem liebevoll zu beschreiben. Gerade wenn es um die Beschreibung von Menschen mit Depressionen und Ängsten geht, zeigt die Autorin meiner Meinung nach ein sehr feines Gespür. Trotz der teilweise bedrückenden Thematik war das Buch für mich ein richtiger Stimmungsaufheller. Dazu trägt unter anderem die Sprache bei. Im ersten Teil, als Ella noch ein kleines Mädchen ist, wirkt ihr Blick auf die Welt passenderweise sehr kindlich. Teilweise hat mich der Sprachstil hier ein bisschen an Astrid Lindgren erinnert, da so konsequent aus der kindlichen Sicht erzählt wird. Dazu immer wieder das Zwischenstreuen von Dialekt und regionalen Ausdrücken, ohne dass dieses übertrieben oder nervig wird. Ellas Suche nach demjenigen, der sie selbst und ihr Leben zurecht rückt, kann ich, die sich im selben Alter befindet, anhand ihrer Schilderungen gut nachvollziehen. Und ihre letztendliche Erkenntnis: „Nichts hatte mich schräg gemacht. Ich war einfach ich. Und niemals mehr würde ich mir das verbieten.“ (S.315) hat bei mir zu einer richtigen Erleichterung geführt, als ob ich förmlich mit ihr mit gelitten hätte.

Besprechung von Uta

Die Geschichte:

1986 besucht die Erzählerin ihre Großmutter Mina in ihrem Schrebergarten.

Mina ist ihr sehr wichtig, von ihr erfährt sie die Zuwendung, die ihre Mutter ihr offenbar nicht gibt/geben kann ( angedeutet wird eine depressive Symptomatik), sie ist viel in ihrem  Schrebergarten, oft mit Yvonne, ihrer besten Freundin.

Ausführlich wird ein Fest und die Teilnehmenden in der Schrebergartenkolonie geschildert, die  irgendwo im Ruhrgebiet liegt.

Ella, die Erzählerin findet einen Nachbarn aus der Kolonie tot in der Liege und wird davon sehr traumatisiert, weil sie sich verantwortlich fühlte, ihn zu retten.

Ein Vierteljahrhundert später ist Ella Psychotherapeutin, aber sie ist nicht glücklich, sie schafft es nicht, eine Beziehung zu einem Mann aufzubauen und leidet immer noch unter dem Erlebnis von damals und dem Gefühl von Schuld.

Auf der Hochzeit von Yvonne trifft sie einen ihrer Patienten, Herrn Oebing,  den sie wegen Depressionen behandelt. Sie verleben einen schönen Abend und schlafen in der Gartenlaube der Schrebergartenkolonie miteinander.

Obwohl der Abend und die Nacht wunderschön waren, hat Ella am nächsten Tag Gewissensbisse, weil sie mit einem Patienten geschlafen hat.
Mina sieht, wie glücklich Ella ist und rät ihr, das Wagnis einzugehen, stirbt jedoch direkt danach.

Von Trauer und Schuldgefühlen überwältigt, bricht Ella den Kontakt zu Herrn Oebing ab und wird depressiv. Yvonne kommt aus ihren  Flitterwochen ab, um ihr beizustehen. Herr Oebing, der von Minas Tod nichts weiß und tief verletzt ist, denkt an Selbstmord. Nach einiger Zeit wird Ella klar, dass sie schwanger ist und Herrn Oebing liebt. Sie sucht ihn und findet ihn in Minas Schrebergarten in der gleichen Liege, in der damals der Tote lag. Er lebt aber und freut sich über das Kind, sie kommen wieder zusammen.

·      Ich habe die Geschichte absichtlich einmal in ganz dürren Worten erzählt, um mir selbst klarzumachen, warum ich das Buch einerseits mochte und gleichzeitig aber auch genervt von ihm war.

·      Was mir sehr gut gefiel: der Anfang, hier besonders die Schilderung der Schrebergartentypen  – ich arbeite und lebe selbst im Ruhrpott, diese Welt ist sehr liebevoll und gut beschrieben. Auch das langsame Nacheinanderauftreten bzw. Erwähnen  der wichtigen Personen in Ellas Erzählung, während gleichzeitig die Geschichte weiterläuft, fand ich toll (etwas schwer zu beschreiben, der Erzählfluss  mäandert hier so vor sich hin, man weiß noch nicht, was wichtig ist und was nicht von dem Erzählten, aber es fügt sich alles zu einem Gesamtbild, sehr schön!). Was ich auch mochte, war die liebevolle Art, in der eigentlich alle beschrieben werden (bis auf Guido und die Mutter, wobei sogar hier noch versucht wurde, ihr Verhalten zu erklären).

·      Zunehmend anstrengend fand ich die ständige Benutzung von Bildern – das Haus war noch völlig okay für mich, als kindliches Sinnbild der inneren Verfassung eines Menschen. Aber je weiter ich las, um so mehr Bilder/Vermenschlichungen wurden es (Frau Traurigkeit, Fledermäuse, Angst, die davon kriecht, das Alter als eine parfümierte Maklerin, Zeitpudding, Depression als schwarze Kapuze, Ella als strubbeliger Köter, der an einer Raststätte zurückgelassen wird….das sind gefühlte maximale 5% der Bilder, die die Autorin benutzt ( hätte ich einen Deutschlehrer zur Hand, könnte er/sie mir sagen, wie man diese Erzählweise/ Beschreibung von Dingen, Gefühlen und Menschen korrekt nennt)…..

·      Ich hätte mir auch ein weniger klischeehaftes Ende gewünscht, für Ella geschieht   Erlösung vom Leiden an sich selber  und Lösung des Traumas  zack, einfach durch den richtigen Mann – und das Kind dazu. Obwohl – bei so einem Buch muss ein Happy End einfach sein😀😀.

·      Fazit für mich: 350 Seiten, das  erste Drittel sehr großartig, dann fiel es mir zunehmend schwerer, weiterzulesen. Insgesamt würde ich es eher als Urlaubslektüre empfehlen.

Besprechung von Irit

Ich merke gerade, dass es sehr schwierig ist nach drei anderen Besprechungen noch eine andere zu schreiben… das nächste Mal schreibe ich selbst bevor ich die anderen lese.

Ich habe mich in das Buch so richtig verliebt, die warmherzige Darstellung der Personen, die ungewöhnlichen Ideen und der schräge Blick von Ella auf die Welt. Plus einer Großmutter, die sich wohl jeder wünschen würde. Minus einer Mutter, die man niemanden wünscht. Und natürlich das Ruhrgebiet mit den Schrebergärten und all den Dingen, die sich zwar wie ein Klischee lesen, aber tatsächlich stimmen (wir hatten mal ein paar Jahre einen Schrebergarten…).

Die Geschichte von Ella ist einfach wunderbar, je weiter ich las, desto neugieriger wurde ich aufs Ende. Und das ist so gut gelungen! Ich konnte mich nicht losreißen und habe bis morgens halb zwei gelesen und natürlich am Ende geheult. Ich bin gern mal rührselig.

Auf jeden Fall: ein wunderbares Buch und unbedingt lesen!

2 Kommentare

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Guten Morgen Irit, hach was für ein Timing!
Gerade habe ich es mir mit meiner Tasse Kaffee am Tisch gemütlich gemacht und greife zu meinem Tablet, und denke an meine Buchrezession, welche ich an dich gesandt habe, und an diese wunderbare Geschichte vom schiefen Haus.
Als zweiten Blog, sorry! lese ich immer deinen; kommt die Buchbesprechung. Das war eine nette Überraschung am morgen.
Liebe Grüße
Anne.

Ich finde es sehr schwer, mich bei Büchern (oder Filmen) auf das Urteil anderer zu verlassen. Das vorgestellte Buch würde ich nach den Besprechungen n i c h t lesen, weil es mir zu gefällig und „nett“ erscheint.

In den ersten fünf Minuten entscheide ich, ob eine Geschichte mich reizt oder nicht. Das kann ordentlich daneben gehen. Die Serie „The Crown“ ist dafür ein Beispiel. Oder „Fleabag“. Die ersten fünf Minuten haben mich genervt. Zum Glück gab ich eine zweite Chance — beide Serien sind großartig!

Mein letzter Fail bei Büchern war Hanya Yanagiharas „Ein wenig Leben“. Rezensionen verhießen eine über 950seitige intensive (!) Leseerfahrung. Leser schrieben, sie hätten das Buch ständig weglegen müssen, weil es so unerträglich gewesen sei. Genau das Richtige für mich… ;-)
Leider versteh ich nicht, was die hatten. Nach 350 Seiten verlor ich die Lust.

Geheult habe ich hingegen beim Lesen von Frank Ostaseskis „Die fünf Einladungen. Was wir vom Tod lernen können, um erfüllt zu leben“. Er hat bei über tausend Menschen am Sterbebett gesessen und erzählt, was er dabei erlebt und gelernt hat.

Zu sehen, wie stark Rezensionen auseinander gehen (können), finde ich spannend. Danke an die Leserinnen!

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