Die Middlesteins, ein großartiger Familienroman, oder

was könnte interessanter sein als die Anatomie einer gescheiterten Familie, betrachtet mit wohligem Voyeurismus (zum Glück sind wir es nicht!) und gnadenlosem Humor.

Dieses Buch von Jami Attenberg hat mich ausgesprochen gut unterhalten.

Edie ist noch nie schlank gewesen, und sie wird immer dicker und noch dicker. Mit ihren Essgewohnheiten richtet sich Edie allmählich und für alle sichtbar zugrunde. Abgesehen davon ist sie ein unglücklicher Mensch (was auch sonst?) und macht ihrem Mann das Leben zur Hölle. Dieser beschließt deshalb eines Tages, seine Frau zu verlassen. Als Richard die Biege macht, sind beide Anfang 60. Edie hat Diabetes, massive Herzprobleme und einen Stent im morschen Oberschenkel. Innerhalb der Familie, im Bekanntenkreis und der Nachbarschaft sind alle empört und entsetzt über das Verhalten von Richard. Seine Tochter meidet ihn fortan. Die Verunsicherung reicht bis in die Generation der Enkel. Denn (nicht nur) in US-amerikanischen Mittelklasse-Familien gilt das ungeschriebene Gesetz, dass man sich ab einem bestimmten Lebensalter nicht mehr trennt. Und vor allem haben ja auch all die anderen gar keine Lust, sich um Edie zu kümmern – bis auf die ultrasportlich gesunde Schwiegertochter, die ihren privaten Feldzug beginnt, um Edie zu retten.

Wer ist für wen verantwortlich in Familien? Und wie lange? Ist Richards Verhalten nur egoistisch oder vielleicht sogar heroisch? Diese und viele andere Fragen wirft das Buch von Jamie Attenberg auf. Die zentralen Fragen aber lauten vielleicht: Warum essen, trinken, rauchen wir im Übermaß – anstatt ausreichend miteinander zu kommunizieren? Und warum stehen wir uns auf der Suche nach dem Glück immer so sehr selbst im Wege? Wobei die asketische Schwiegertochter mit ihrem Gesundheitswahn ebenso problematisch ist wie die Völlerei der anderen.

Viel Spaß, auch wenn das Lachen manchmal ein bisschen beklommen ausfällt.

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