Drei großartige Familiengeschichten zum Lesen, oder

hier ist für jede etwas dabei: „Es ist nie zu spät für alles“ von Kasja Ingemarsson, „Der Sommer, in dem Linda schwimmen lernte“ von Roy Jacobson und „Wir sind doch Schwestern“ von Anne Gesthuysen.

Es ist gar nicht leicht zu entscheiden, mit welchem Buch ich anfangen will, weil ich gar nicht sagen kann, welches mir am besten gefallen hat. Sie sind sehr unterschiedlich, abgesehen davon, dass es sich jeweils um Familien- bzw. Entwicklungsgeschichten im weiteren Sinne handelt, aber jede ist auf ihre Art ganz besonders.

„Es ist nie zu spät für alles“ erzählt von drei ganz verschiedenen Frauen, die in einer Vorortsiedlung in Schweden aufeinander treffen. Unterschiedlich alt, unterschiedlich gebildet, in unterschiedlichen Lebenszusammenhängen, eint sie doch jeweils die Notwendigkeit, an dem eigenen festgefahrenen Leben etwas zu ändern. Da ist Miriam, die nach dreißig Jahren Ehe für sie völlig überraschend von ihrem Mann verlassen wird, was ihre zuvor sehr genauen Vorstellungen darüber, was man tut und was man nicht tut, doch erheblich durcheinanderwirbelt. Weiter Nina, die begeisterte Friseurin, die nach wie vor von einem neuen Mann und einer Karriere als Künstlerin träumt und schließlich Ellinor, die kluge Juristin, die in Elternzeit fast den Boden unter den Füßen und den Kontakt zu ihrem Ehemann verliert. Geeint als Nachbarinnen gegen eine neue Nachbarin, in deren Haus ominöse Dinge vor sich gehen, gibt ihnen genau diese neue Nachbarin die Anstöße, die sie alle brauchen, um notwendige Schritte erst zu denken und dann zu gehen. Sie unterstützen sich gegenseitig, wobei die einfache Lösung sich nicht in jedem Fall als die richtige herausstellt, und finden in den Fluss des Lebens zurück.

„Der Sommer, in dem Linda schwimmen lernte“ ist sehr berührend – Norwegen in den beengten 1960er Jahren, eine junge Witwe, die sich neben ihrem klugen und introspektven Sohn auch noch um das uneheliche Kind ihres toten Ehemannes kümmern will, das aus schwierigen Verhältnissen zu ihren kommt. Die beklemmende Sprachlosigkeit dieser Zeiten, das Ausgeliefertsein an die Beengtheit der Verhältnisse und des Denkens, und vor allem die großartige Kompromisslosigkeit des Erzählers sind sehr beeindruckend. Ein etwas sperrigeres Buch, aber es lohnt sich sehr.

Last, but not least, „Wir sind doch Schwesters“ – die Autorin erzählt eine Familiengeschichte ihrer drei Großtanten und einer ganzen Großfamilie, die sich über das gesamte letzte Jahrhundert erstreckt. Interessant wird dieses Buch durch die unterschiedlichen Lebenswege der drei Schwestern, sämlich starke und eigenständige Frauen, die ihren jeweiligen Weg finden und gehen und sich dabei auch im Wesentlichen unterstützen, auch wenn sie sich nicht immer einig sind. Ein faszinierendes Zeit-und Sittengemälde, ohne Selbstmitleid, sondern spannend und lustig erzählt. Ein Geschenk, das nicht umsonst auf der Spiegel-Bestsellerliste steht.

Ein Kommentar

  • „Wir sind doch Schwestern“ habe ich letzte Woche gelesen. Erst hatte ich Bedenken; steinalte Frauen als Protagonistinnen, aber die alten Damen haben mehr Elan als die meisten meiner Altersgenossinnen.
    „Der Sommer, in dem Linda schwimmen lernte“ – im Orginal heisst der Titel „Wunderkind“. Aber zur Zeit müssen die Buchtitel irgendwas mit „Schwimmen“ zu tun haben. (Ich müsste mal eine Liste aufstellen.) Ich mochte das Buch sehr, die Perspektive des jugendlichen Erzählers ist gut durchgehalten, ohne dass es künstlich wirkt. Manches muss man sich selbst zusammenreimen, wie der Erzähler auch.
    Und da unser Literaturgeschmack offensichtlich ähnlich ist, freue ich mich auf den dritten Titel, den ich noch nicht kenne. Vielen Dank, liebe Janne!

Deine Meinung?