Lest die Klassiker. Aber bitte freiwillig.
Es gibt Bücher, die man gelesen hat, und Bücher, die man in der Schule gelesen hat. Das ist nicht dasselbe.
Von Letzteren besitzt man häufig erstaunlich präzise Erinnerungen. Man weiß noch, dass die Farbe Rot ein Leitmotiv war, dass der parataktische Satzbau innere Zerrissenheit spiegelte und irgendwo auf Seite 73 eine Vorausdeutung lauerte. Man erinnert sich an Textmarker, Tafelbilder und die verhängnisvolle Frage: „Was will uns der Autor damit sagen?“ Nur an eines erinnert man sich gelegentlich nicht mehr: an das Buch.
Vielleicht sollte man einige dieser Bücher deshalb später noch einmal lesen. Wenn niemand mehr fragt, was in der Klausur drankommt.
Goethes Faust I zum Beispiel.
Ohne Erwartungshorizont liest er sich erstaunlich gut. Man muss nicht mehr entscheiden, ob Mephisto Antagonist, Alter Ego oder dialektisches Prinzip ist. Man darf ihn einfach genießen. Und stellt fest: Der Mann hat die besseren Sätze.
Überhaupt ist Faust I verblüffend modern. Ein hochqualifizierter Akademiker steckt in einer Sinnkrise, hält seine bisherige Karriere für weitgehend nutzlos, experimentiert mit bewusstseinserweiternden Verfahren, lässt sich von einem dubiosen Berater zu radikalen Veränderungen seines Lebens überreden und entdeckt schließlich die Liebe.
Die Auserwählte ist Gretchen: „über vierzehn Jahr“, während Faust sein bisheriges Leben bereits mit jener Gründlichkeit bilanziert hat, die gewöhnlich eine gewisse Anzahl an Lebensjahren voraussetzt.
Heute würde man vermutlich zunächst die Altersangaben prüfen.
Nun ist es immer etwas billig, mit den moralischen Maßstäben des 21. Jahrhunderts im 18. Jahrhundert aufzuräumen. Nur hilft der beliebte Hinweis „Damals heirateten die Mädchen eben so jung“ erstaunlich wenig: Das durchschnittliche Heiratsalter von Frauen lag in Mitteleuropa deutlich höher. Gretchen ist nicht nur nach unseren Maßstäben sehr jung. Sie ist sehr jung.
Faust ist hingerissen, Gretchen vierzehn, Mephisto hilfsbereit. Am Ende ist ihre Mutter tot, ihr Bruder ebenfalls, ihr Kind auch, und sie selbst sitzt im Kerker.
Faust hingegen bekommt einen zweiten Teil.
Und hier wird es schwierig.
Was Goethe mit Faust II zugestoßen ist, lässt sich nachträglich kaum rekonstruieren. Nachdem er Liebe, Schuld, Erkenntnisdrang und menschliche Hybris zu einem der wirkmächtigsten Dramen deutscher Sprache verbunden hatte, scheint ihm der Gedanke gekommen zu sein, das Ganze brauche nun unbedingt noch Papiergeld, antike Mythologie, einen künstlich erzeugten Menschen, Helena von Troja, Kaiserpolitik, Landgewinnung und eine beträchtliche Menge allegorischen Personals.
Goethe war bei der Vollendung 81 Jahre alt, kurz vor seinem 82. Geburtstag, und längst eine literarische Institution von europäischen Ausmaßen. Vielleicht widersprach ihm durchaus jemand. Vielleicht hörte nur niemand mehr auf denjenigen.
Man darf Faust II selbstverständlich für ein epochales Werk halten. Ich habe mich beim Lesen eher gefragt, ob Goethe irgendwann einfach sehen wollte, wie weit er gehen kann, bevor jemand „Johann Wolfgang, jetzt reicht es“ sagt.
Offenbar sehr weit.
Bei Kafka ist die Sache anders. Kafka sollte man nach der Schule unbedingt noch einmal lesen. Vielleicht gerade jetzt. Und vielleicht den Process.
Josef K. wird eines Morgens verhaftet, ohne zu erfahren, was ihm eigentlich vorgeworfen wird. Es gibt ein Verfahren, aber keine nachvollziehbaren Regeln; Gerichte, aber kaum Rechtssicherheit. K. versucht sich zu verteidigen und gerät mit jedem Versuch nur tiefer in eine Ordnung, deren Macht gerade darin besteht, dass sie sich nicht erklären muss.
In der Schule nennt man das „kafkaesk“. Im Jahr 2026 könnte man auch sagen: Nachrichtenlage.
Wahrheit und Behauptung geraten durcheinander, Institutionen werden benutzt und gleichzeitig verächtlich gemacht, Verfahren gelten als legitim, solange sie dem eigenen Interesse dienen, und als Verschwörung, sobald sie es nicht tun. Wer angeklagt wird, erklärt die Ankläger zu den eigentlich Schuldigen. Wer kontrolliert werden soll, stellt die Kontrolleure unter Verdacht.
Dass ausgerechnet die Orange aus den USA den Process gelegentlich wie Gegenwartsliteratur erscheinen lässt, konnte Kafka nicht ahnen. Donald Trump beherrscht jedenfalls die Verschiebung der Rollen mit bemerkenswerter Konsequenz: Der Beschuldigte wird zum Verfolgten, das Gericht zum Täter, die Untersuchung zum Komplott. Der entscheidende Unterschied zu Kafka liegt allerdings auf der Hand. Josef K. verzweifelt an einem undurchschaubaren System. Trump macht aus der Behauptung, Opfer eines solchen Systems zu sein, Politik.
Kafka hätte vermutlich interessiert zugesehen.
Vielleicht liest man den Process deshalb mit achtzehn zwangsläufig anders. Damals muss man mühsam erklären, weshalb ein undurchschaubares Gerichtssystem bedrohlich sein könnte. Später hat man Behörden, Versicherungen und Institutionen kennengelernt.
Inzwischen genügt aber eigentlich ein Blick über den Atlantik.
Und dann wäre da Jenny Erpenbecks Heimsuchung.
Das Buch genießt gegenwärtig eine besondere Ehre: Es gehört zur Pflichtlektüre für das Abitur in Nordrhein-Westfalen. Tausende junge Menschen dürfen sich ihm also unter jener Rezeptionsbedingung nähern, unter der große Literatur traditionell besonders gut gedeiht: Sie müssen.
Der Titel ist erfreulich ehrlich: Heimsuchung ist tatsächlich eine Heimsuchung.
Das Haus am märkischen See, die wechselnden Bewohner, deutsche Geschichte, Vertreibung, Enteignung, Besitz, Verlust, Gewalt, Erinnerung, Wiederholung: Das ist sorgfältig komponiert, sprachlich durchdacht und literaturwissenschaftlich ausgesprochen ergiebig. Man kann hervorragende Klausuren darüber schreiben.
Und irgendwann wünscht man sich trotzdem, das betreffende Haus möge nicht noch einen weiteren Besitzer bekommen, sondern einem größeren Infrastrukturprojekt weichen.
Ich weiß, dass das ungerecht ist. Aber Literatur muss auch aushalten, dass man sie nicht liebt.
Vielleicht ist das überhaupt etwas, das nach der Schule leichter wird. Man darf Goethe großartig und Faust II vollkommen entgleist finden. Man darf Kafka bewundern, ohne jeden Dachboden zum Symbol metaphysischer Unerreichbarkeit zu erklären. Und man darf die kunstvolle Komposition von Heimsuchung erkennen und trotzdem erleichtert sein, wenn die Heimsuchung vorbei ist.
Klassiker sind schließlich keine Reliquien. Man muss nicht vor ihnen knien. Man darf mit ihnen streiten, über sie lachen, sich über sie ärgern und sie auch einmal zuklappen.
Vor allem darf man zurückkommen.
Denn der interessante Effekt beim Wiederlesen besteht darin, dass das Buch dasselbe geblieben ist und man selbst nicht.
Mit siebzehn interessiert an Gretchen vielleicht vor allem die Frage, ob sie Opfer oder Mitschuldige ist und wie man das in einer Klausur möglichst differenziert formuliert. Später liest man ihre Geschichte und denkt weniger über eine Figurencharakterisierung nach als darüber, wie erschreckend ungleich die Folgen einer Leidenschaft verteilt sein können.
Mit achtzehn erscheint Kafkas Gericht als absurde Konstruktion eines Schriftstellers mit schwierigem Verhältnis zu Autoritäten. Ein paar Jahrzehnte, Behördenkontakte und Nachrichtensendungen später hat sich das Problem weitgehend erledigt.
Und selbst Heimsuchung könnte eines Tages von einem erstaunlichen Umstand profitieren: Man liest es freiwillig.
Vielleicht gefällt es einem dann sogar.
Man soll die Hoffnung nie aufgeben.
Deshalb: Faust I. Unbedingt. Kafka. Dringender denn je. Heimsuchung – nun ja. Wer in Nordrhein-Westfalen Abitur macht, hat ohnehin keine Wahl.
Und Faust II?
Man muss auch Goethe Grenzen setzen.

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