Ich habe „Die Mitternachtsbibliothek“ von Matt Haig vor einigen Jahren gelesen und mochte das Buch sehr. Die Idee ist aber auch ziemlich unwiderstehlich: Nora Seed landet zwischen Leben und Tod in einer Bibliothek, in der sie all die Leben ausprobieren kann, die sie hätte führen können, wenn sie sich irgendwann anders entschieden hätte.
Was wäre gewesen, wenn?
Eine Frage, mit der man vermutlich problemlos mehrere schlaflose Nächte verbringen könnte.
In „Die Mitternachtsreise“ greift Matt Haig diese Idee wieder auf. Diesmal gibt es allerdings keine Bibliothek, sondern einen Zug – und statt Nora begleitet man Wilbur, einen erfolgreichen, aber ziemlich einsamen Buchhändler. Im Zug trifft er Agnes Bagdale wieder, die Buchhändlerin, deren Laden für ihn als Kind ein wichtiger Zufluchtsort war. Gemeinsam reisen sie durch Wilburs Vergangenheit.

Dabei geht es nicht nur um die großen Weggabelungen im Leben. Wilbur begegnet seiner Kindheit wieder, seiner Familie, seiner großen Liebe Maggie und vor allem sich selbst in verschiedenen Lebensphasen. Er sieht Situationen noch einmal, die er längst mit einer bestimmten Bedeutung versehen hatte, und muss feststellen, dass Erinnerung nicht unbedingt dasselbe ist wie Wahrheit.
Tatsächlich gefällt mir „Die Mitternachtsreise“ sogar ein bisschen besser.
Denn während Nora verschiedene Versionen ihres Lebens ausprobieren darf, muss Wilbur sich mit dem beschäftigen, was tatsächlich passiert ist. Mit seiner Kindheit, mit Maggie, mit Verlusten und Entscheidungen und mit der Erkenntnis, dass sich manches eben nicht mehr ändern lässt.
Das ist weniger spektakulär als die Grundidee der „Mitternachtsbibliothek“, aber für mich interessanter.
Vielleicht auch, weil die Frage nach dem ungelebten Leben heute allgegenwärtiger ist als noch vor ein paar Jahren. Man muss inzwischen nicht einmal mehr nachts wach liegen und sich fragen, ob alle anderen die besseren Entscheidungen getroffen haben. Ein Blick aufs Handy reicht.
Dort haben andere Menschen offenbar den interessanteren Beruf, die glücklichere Beziehung, die schöneren Reisen, die aufgeräumtere Wohnung und nebenbei noch genug Zeit, morgens um sechs Pilates zu machen und anschließend selbst gebackenes Sauerteigbrot zu frühstücken.
Dass wir dabei in der Regel nicht das Leben der anderen sehen, sondern dessen sorgfältig kuratierteVersion, wissen wir natürlich. Es hilft nur erstaunlich wenig.
Die „Mitternachtsbibliothek“ spielt genau mit dieser Sehnsucht nach der besseren Version des eigenen Lebens. Was wäre, wenn ich damals nicht abgesagt hätte? Wenn ich diesen Menschen geheiratet hätte? Diesen Beruf gewählt hätte? In diese Stadt gezogen wäre?
Haigs Antwort ist beruhigend und gleichzeitig ziemlich vernünftig: Auch das vermeintlich perfekte Parallelleben hätte seine Probleme. Wir kennen bei unseren ungelebten Leben schließlich immer nur die Möglichkeiten, nie die Konsequenzen.
„Die Mitternachtsreise“ geht noch einen Schritt weiter. Hier geht es weniger darum, welche Möglichkeiten verpasst wurden, sondern darum, wie wir auf das zurückblicken, was tatsächlich passiert ist. Und wie gnadenlos man im Nachhinein mit der Person sein kann, die man mit zwanzig, dreißig oder vierzig einmal war.
Das fand ich besonders gelungen. Denn Entscheidungen sehen rückblickend immer erstaunlich einfach aus. Man kennt schließlich inzwischen das Ergebnis. Die Person, die sie damals treffen musste, kannte es nicht.
Natürlich ist Matt Haig immer noch Matt Haig. Soll heißen: Falls man nach drei Seiten noch nicht verstanden hat, dass das Leben trotz allem lebenswert ist, muss man sich keine Sorgen machen. Er wird es noch einmal erklären. Und später sicherheitshalber noch einmal.
Manchmal ist mir das zu viel. Manchmal kratzt es ziemlich deutlich am Kitsch.
Und trotzdem funktioniert es.
Vielleicht weil Haig über Depression, Einsamkeit, Tod und Reue schreiben kann, ohne daraus ein Buch zu machen, nach dessen Lektüre man selbst dringend therapeutische Unterstützung benötigt.
Und vielleicht treffen seine Bücher gerade deshalb einen Nerv. Wir leben in einer Zeit, in der Selbstoptimierung fast schon als persönliche Verpflichtung gilt. Aus dem Beruf soll eine Berufung werden, aus Freizeit „Quality Time“, aus Essen ein Ernährungskonzept und aus einem ganz normalen Leben möglichst noch die beste Version unserer selbst.
Da ist die Vorstellung, dass ein Leben nicht perfekt verlaufen muss, um trotzdem ein gutes Leben gewesen zu sein, fast schon angenehm altmodisch.
„Die Mitternachtsbibliothek“ hat die originellere Idee und wahrscheinlich auch den größeren Wow-Effekt. „Die Mitternachtsreise“ fand ich ruhiger, melancholischer und erwachsener.
Das erste Buch fragt: Was wäre aus meinem Leben geworden, wenn ich mich anders entschieden hätte?
Das zweite fragt: Was mache ich mit dem Leben, für das ich mich entschieden habe?
Mit mittlerweile 50 finde ich die zweite Frage inzwischen ohnehin interessanter.
Link zur Mitternachtsbibliothek
(Titelbilder des Verlags und deswegen Links dorthin)

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