Alina Bronskys liebenswerte Geschichte handelt von Moni, die mit Anfang 50 nochmal Mathe studieren will und im Hörsaal auf den kontaktscheuen Oscar trifft – eine ungewöhnliche Freundschaft entsteht.
Moni versorgt ihren übellaunigen Mann, kümmert sich um ihre überforderte Tochter, ihre drei Enkel und arbeitet abends in einem Hotel. Für Kindergummistiefel, Feuchttücher, Gemüse schleppt sie eine blaue IKEA-Tasche mit sich rum. Mit dieser raschelnden Tasche betritt sie auch den Mathe-Hörsaal, zum ersten Mal, und setzt sich neben Oscar, einen erst 16-jährigen Studenten mit ausgeprägter Mathe-Begabung.
Er ist der Ich-Erzähler, der Moni in ihrer Bluse im Leoparden-Look für eine Frau aus der Kantine hält. Als sie beginnt mitzuschreiben, kann er sich nicht mehr konzentrieren: „Sie schrieb langsam, konzentriert, mit großen runden Buchstaben. Niemand würde es in diesem Tempo durchhalten. Mathematiker schrieben klein, schnell und unleserlich. Ich trainierte es seit der fünften Klasse“ (Zitat).
Oscar seinerseits ist vom ersten Semester elektrisiert. Seine wohlhabenden Eltern haben alle denkbaren Hindernisse aus dem Weg geräumt und ihm eine Wohnung in Uni-Nähe eingerichtet und Betreuung für ihn organisiert. Jetzt muss er nur noch seinem Idol Daniel Johannsen begegnen – das ist der Professor, den er bewundert: „Ich wollte schnellstmöglich mit ihm ins Gespräch kommen und ihn um ein Thema für meine Bachelorarbeit bitten, idealerweise einen Baustein seiner Forschung, den er mir überlassen würde, um unsere Namen für immer miteinander zu verknüpfen.“ (Zitat).
Etwas herablassend bietet Oscar an, die Hausaufgaben auch für Moni abzugeben. Sie wird sowieso bald aufgeben, da ist er sich sicher. Einmal begleitet er sie in die Mensa, obwohl er sich vor Menschenansammlungen ekelt, besonders vor nackten Oberarmen im Sommer. Aber einen Kamillentee lang wird er es aushalten. Er kann nicht fassen, dass ein Professor sich zu ihnen setzt und in dessen Schlepptau auch noch Daniel Johannsen. Wie sich herausstellt, kennt Moni ihn. Seit wann und woher, rückt sie nicht raus.
Alina Bronsky hält in dieser Geschichte einiges in der Schwebe. Lange erfahren wir nicht, warum Moni ihrer Familie verheimlicht, dass sie studiert. Als ihr Mann ausrastet, kommt sie erstmal bei Oscar unter. Zum ersten Mal kann sie ungestört lernen, sie steigert sich in Aufgaben und Lösungswege hinein. Oscar hat es wegen seiner autistischen Züge auch nicht leicht. Aber gerade seine Perspektive auf den Fachbereich macht die Lektüre unterhaltsam: Es befremdet ihn wenig, dass ein Professor sich Glöckchen in den Bart geflochten hat. Oder ein anderer seine Einkäufe so zusammenstellt, dass er an der Kasse immer exakt 3,14 Euro zurückbekommt.
Der Roman ist kein Erfolgsroman, es geschehen keine großen Dinge (aus dem kontaktgestörten Oscar wird kein soziales Wesen, Moni avanciert nicht zur Spitzenforscherin). Vielmehr passiert etwas viel Wichtigeres: Beide (und mit ihnen die Leserinnen) erkennen, worauf es wirklich ankommt: Dass man Menschen findet, mit denen man gerne zusammen ist und sich gut versteht.
Link zum Buch (Titelbild des Verlags und deswegen Link dorthin)

Antworten