Schöner leben: Carpe diem

Wer von euch kennt noch das gute Sonntagsgeschirr? Oder noch schlimmer: das Aussteuergeschirr?? Alltags wurde gerne das günstige oder zusammengewürfelte Geschirr benutzt und zu Feierlichkeiten oder eben am Sonntag das gute Geschirr ausgepackt. Was für ein Schwachsinn.

In Sachen Geschirr habe ich vorletztes Jahr aufgeräumt: das ungeliebte Aussteuergeschirr habe ich gegen mein Traumfrühstücksgeschirr von Dibbern namens „Solid Color“ in Blau- und Grüntönen eingetauscht. Und das wird jedes Wochenende benutzt, was aber nur daran liegt, dass wir nur am Wochenende richtig frühstücken. In der Woche bekommt von uns keiner morgens früh etwas runter.

Bei dem Ansatz „Aufsparen für den richtigen Anlass“ habe ich mich schon öfter erwischt, da gibt es diverse Ausprägungen:

  • der tolle Wein, der zu schade ist für einen Mittwochabend. Der Ansatz führte irgendwann mal zu diversen entsorgten Flaschen, weil der Wein nämlich nicht mehr gut war. Also kühlt die letzte Flasche meines Vorrats an Monbazillac 2008 vom Chateau Montdoyen gerade runter und die wird diese Woche geköpft. Ich bin ganz sicher, dass ich mir irgendwie Nachschub besorgen kann. Carpe diem!
  • „Rausch“ von Schwarzlose, ein sehr teures Parfum und ich liebe es sehr. Im letzten Winter habe ich es endlich öfter benutzt, die Flasche ist nun ziemlich geleert – ja und? Vermutlich dauert es nicht mehr allzu lange, bis die Flasche kippt. Und wenn sie leer ist, habe ich auch etwas für meine Geburtstags- oder Weihnachtswunschliste. Carpe diem!
  • Meine Schuhe von Louboutin. Gekauft vom ersten mit dem Blog verdienten Geld. Ich laufe jeden Tag mehrfach an ihnen vorbei, finde sie wunderschön – und ziehe sie nicht an. Sie könnten ja einen Kratzer bekommen oder so. Ich sehe Verbesserungspotential.

Wie ihr schon merkt: es geht darum, den Tag zu genießen (Carpe diem!) und zwar mit all den schönen Dingen, die man hat. Warum habe ich diese Angewohnheit, Dinge für den Sankt-Nimmerleinstag, der ganz besonders ist, aufzusparen? Bei mir definitiv zu Hause erlernt, man schwelgt halt nicht im Luxus und spart Dinge auf.

Was für ein Schwachsinn. Falle ich morgen tot um, würde ich mich vermutlich auch noch tot ärgern.

Also habe ich mir mal eine kleine Liste gemacht mit meinen Schwachpunkten. Zugegeben: in meinem reduzierten Haushalt gibt es nicht so richtig viel, was unbenutzt herumliegt, aber dennoch.

  1. Die schöne Unterwäsche wird erstens angezogen (ich habe da einen bedauerlichen Hang zu bequemen Baumwollslips) und zweitens endlich aufgestockt.
  2. Die Louboutins werden nächste Woche ins Büro angezogen. Und danach auch noch all die anderen aufgesparten Highheels (könnte ja was am Absatz dran kommen, völlig bescheuert)
  3. Der Champagner, der schon seit einem halben Jahr auf mich wartet, wird für nächstes Wochenende kalt gestellt. Ih vermute, der tolle Mann hilft mir sehr gerne bei der Entsorgung.

Erstaunlicherweise habe ich dieses Phänomen nicht bei Schmuck, da trage ich völlig hemmungslos auch den teuersten Ring zum Einkaufen. Bei Beautykram auch eher nicht, das muss ja alles getestet werden. Wobei ich mich dann dabei erwische, nicht ganz so geliebtes „aufzubrauchen“ anstatt es einfach zu verschenken.

Bei Kleidung ist es schwierig, weil ich nicht sehr viel besitze (hm, das ist noch ein anderes Thema, da spare ich nicht am Tragen, sondern gleich schon beim Einkauf…). Moment, da ist noch der wunderbare schwarze Vintage Pelzmantel, ein Erbstück. Der wird nächsten Winter auch nicht mehr geschont, sondern getragen, getragen und getragen. Jawohl.

Also kurz gesagt: man muss nicht im Luxus prassen, aber die schönen Dinge, die man hat – einfach benutzen.

Und nun keine Ausreden mehr: was spart ihr auf für den besonderen Tag anstatt euch einfach HEUTE daran zu erfreuen?

16 Kommentare

  • Gar nichts, wirklich nicht. Ich bin schon so aufgewachsen, weil das meinen Vater immer gestört hat.
    Bei mir war vor vielen Jahren Champagner so eine Offenbarung. So nebenbei beim Umzug getrunken entfaltete sie einen Zauber, den ich nie entdeckt hätte, hätte man das zelebriert. Heute weiß ich: Champagner muss man nebenbei trinken und nicht wie ein Glas Sekt zum Kuchen oder Stehempfang.
    So generell nehmen Anlässe viel vom Zauber der Dinge, denn eigentlich steht der Anlass im Zentrum.

    • Den Aspekt hatte ich noch nicht auf dem Schirm: der Anlass steht im Mittelpunkt. Genau das ist es!

      Und der Champagner wird nebenbei getrunken ;-)

  • Geht mir genauso. Viele schöne Dinge werden für den Tag X, der vielleicht nie kommt, aufgehoben.
    Vielleicht schaffe auch ich es dank des Artikels nun auch endlich über meinen Schatten zu springen und die schönen Dinge, von Luxus will ich nicht sprechen, in den Alltag zu integrieren.

    Ich denke, diese Verhaltensweise ist irgendwie anerzogen… Jedenfalls rede ich es mir ein :-)

    Sehr gelungener Artikel, in dem ich mich leider zu 100 % wiederfinde !

    Ich gelobe mir selbst Besserung und Carpe Diem an alle !

  • Genauso bin ich auch erzogen. Habe mir vor 30 Jahren ein schönes Geschirr von Eschenbach gekauft und nur einmal im Jahr an Weihnachten benutzt. Jetzt ist es unmodern und ich bring es nach wie vor nicht übers Herz es zu entsorgen.
    Bei besonders schönen Kleidern gehts ebenso. Nur angezogen zum
    besonderen Anlass, zwei mal getragen und dann einfach wieder rausgewachsen. Als ich es weiter verschenkt hab musste ich heulen. Verrückt..hab da meiner Figur und verpassten Gelegenheiten echt nachgeweint.
    Jetzt versuch ich es abzulegen „dieses aufsparen“, oft gelingt es. Manchmal auch nicht.
    Dieses Bewusstsein ist ja da, nur ist es nicht immer einfach.
    Aber ich versuche es definitiv abzulegen und bin zuversichtlich dass es mir gelingt.

    • Ich kenne das auch. Hab mir kurz nach dem Umzug ein weißes Geschirr gekauft welches ich aber jetzt auch sehr gern im Alltag benutze. Oder mein Lieblingsparfum. Wenn ich es da habe trage ich es mittlerweile täglich, nicht nur alle Jubeljahre für einen schönen Anlass. Oder Highend-Schminke. Schließlich geht’s um MICH und erst in zweiter Linie um die Anderen. Ich gehe immer noch gern ungeschminkt, aber wenn geschminkt, dann mit meinen Lieblingssachen, die auch funktionieren. Für MICH.

      Und was mir auch aufgefallen ist (nicht sicher, womit genau das zusammenhängt): Mein Klamottengeschmack hat sich in den letzten Monaten schleichend gewandelt. Ich mag es jetzt schick, dezent und weniger bunt. Immer noch Jeans, aber bitte in Edel, ebenso Shirts. Schöne, fließende, anschmiegsame, hautsympathische Stoffe, dezente Farben. Solche Outfits hätte ich früher nur zum Ausgehen oder so getragen, jetzt möchte ich sie bitte täglich tragen (wird nach und nach umgestellt, aber dauert noch). Kennt das jemand?

  • Genau das hab ich von meinem Mann gelernt: genieße jetzt, wer weiß was kommt! Und heute bin ich froh drüber, dass wir so gelebt haben! Er musste so früh sterben- was hätte da das Aufsparen( wie ich erzogen wurde) genutzt? Also: Carpe diem!
    Liebe Grüße aus Hamburg

  • Ich bin auch so erzogen worden, die guten Dinge zu schonen bzw. für besondere Anlässe aufzuheben.
    Durch unseren Umzug vor 5 Jahren, der sehr radikal war – von großem Haus in kleine Wohnung – haben wir sehr viel entsorgen müssen, das keinen Platz mehr hatte. Das, was behalten wurde, waren die Teile, die man am liebsten hat und auf die man nicht verzichten will oder kann.
    Seitdem wird alles, wirklich alles benutzt. Auch Kleidung musste drastisch reduziert werden, dabei fällt dann auf, wieviel Zeug man hat, das man nicht trägt. Heute habe ich eine kleine, feine (nach meinem Maßstab) Garderobe, die Sachen kommen alle und dauernd zum Einsatz. Etwas neues gibt es nur, wenn etwas altes geht.
    Und man freut sich einfach mehr an seinen Dingen. Carpe diem!

  • Und was lerne ich? 1. ich bin nicht allein und 2. gibt es Menschen, die den Tag genießen. Also kann ich da auch schaffen :-)

  • Von meiner Omi habe ich einen funkelnden Diamantring geerbt, den ich oft und gerne trage. Meine Kolleginnen sagen: Viel zu schade, eine ältere Kundin sagte: Richtig, Schmuck muss getragen werden! Finde ich auch- und es ist im Sinne meiner Omi, die ihre Ringe sogar bei der Küchenarbeit trug!

  • Carpe Diem- genau so soll es sein! Das bekomme ich auch nicht immer hin, aber erinnere mich meist rechtzeitig wieder dran, mir selbst etwas Gutes zu tun. Das Solid Color habe ich übrigens in zig Formen und Farben. Ich sammle es inzwischen 30 Jahre und jedes Jahr kommen 2-3 neue Teile dazu. So bleibt es für mich spannend und es wird täglich im wechselnden Farbkombis benutzt. Meine Söhne kloppen sich schon drum, was davon sie in ihren ersten eigenen Haushalt mitnehmen dürfen😂.

    • hm, ich überlege ja schon seit längerem, ob ich mir nicht auch noch Frühstücksgeschirr in rot/gelb/orange Tönen zusammenkaufe. Ich glaube, das kommt jetzt auf die Weihnachtswunschliste!

  • Ich erziehe mir das seit dem 35. an. Wozu Seidenblusen kaufen und dann nicht tragen? Hatte neulich zum Einkaufen weisse Marlenehose mit passendem Seidentop an und fühlte mich mondän und wunderbar.darauf einen Champagner!

    • ich arbeite noch daran, mir die Seidenblusen zu kaufen… ich habe echte Probleme, mir schöne (und teure) Kleidung zu kaufen. Da muss ich noch an meiner eigenen Wertschätzung arbeiten

  • Man ehrt die Dinge, indem man sie verwendet. Hätte der Modedesigner ein Kleidungsstück entworfen, damit es im Kasten hängt?

  • Mein Schrank ist voll mit Klamotten „für gut“, die ich nur einmal, teilweise gar nicht getragen habe… :-(
    Da liegen sie dann jahrelang und passen irgendwann nicht mehr. Ich seh ja, was viele Wäschen den anderen Teilen antun. Die schönsten und mir liebsten werden deshalb „geschont“. Wofür? Für den Schrank? Das ist so bekloppt.

    Champagner sollte übrigens dringend *vor* dem erwarteten Anlass getrunken werden. Dann wird’s mit dem Anlass was (self fulfilling prophecy ;-).

    • der Tipp mit dem Champagner ist gut :D

      Und mit der Kleidung hast du völlig recht. Andereseits… gäbe es dann keine guten Vintagekleider. Nein, aber anziehen, bis kaputt und wenn man es gerne trägt, dann nicht aufsparen. Das ist so verrückt.

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