Warum eigentlich Minimalismus?

Ich bin seit Jahren im Zustand “zu wenig Zeit”. Aus den unterschiedlichsten Gründen: gearbeitet habe ich schon immer gerne und viel, dann kamen die Kinder, dann der Blog und nachdem ich mich gerade mal häuslich im Singleleben eingerichtet hatte und nicht ständig durch die Gegend gehetzt bin: der tolle, neue Mann. Und nie hat der Tag genug Stunden und immer ist die ToDo-Liste lang bis sehr lang.

Ich bin erst vor ein paar Monaten über die allgemeine Minimalismuswelle gestolpert. Natürlich gab es schon immer diese tollen, riesigen und fast leeren Wohnungen, fand ich schon immer gut. Aber das Thema fand ich ansonsten eher uninteressant.

Über die letzten Jahre ist aber reduziertes Besitztum für mich ein immer größeres Thema geworden – eine nicht unwichtige Facette des Minimalismus. Vielleicht hat es ja auch mit den Wechseljahren zu tun, man wechselt ja durchaus auch die Sicht aufs Leben.

Zum einen ist eine aufgeräumte und eher leere Wohnung ein Ruhepunkt in meinem hektischen Leben. Einer der Vorteile an wenig Besitz ist nämlich, dass nicht überall etwas herumsteht und die Dinge ihren festen Platz haben. Der feste Platz war eines der ganz großen Themen in 2015, als ich meine Wohnung komplett auf den Kopf gestellt habe. Ich weiß tatsächlich bei 99,99% meiner Dinge, wo sie gerade sind. Zum Beispiel hier:

Der Engel ist eins meiner ganz wenigen Dekostücke, aus Pappmaché und ursprünglich zu Weihnachten wohnt er seit ewigen Zeiten bei mir.

Zum anderen habe ich kaum noch materielle Wünsche – was soll das auch sein? Ich habe alles und mehr, was ich zum Leben brauche. Ja klar, eine tolle Designercouch statt Ikea wäre klasse. Ein anderer Tisch auch. Noch ein Raumfeldgerät für die Küche. Und so weiter und so weiter. Aber brauche ich das?

Ganz klar: nein.

Vielleicht kaufe ich mir das eine oder andere noch, wenn es ein wirklicher Herzenswunsch geworden ist. Aber eher nicht. Ich habe meine Wunschliste einfach mal zusammen gestrichen.

Womit wir auch wieder beim Thema Zeit sind – diese aufgeräumte Wohnung und das Nicht-Nachdenken über Wünsche (oder im Internet stöbern) ist ein Entspannungsfaktor und es schenkt mir Zeit. Wunderbar.

8 Kommentare

Minimalismus war nie mein Ding und wird wohl auch nie meins werden. Ich mag meine Wohnung mit Deko und Erinnerungen schmücken und nehme dann in Kauf , dass Staubwischen und Aufräumen länger dauert.

Mir geht es seit etwa einem Jahr genauso. Mehr war für mich immer mehr. Ich hatte 80 Paar Schuhe, 30 Röcke, 10 Jeans und wollte immer mehr. Mein Haus war voll mit allem was man sich denken kann. Ich dachte ich hätte zu wenig Platz, brauchte mehr Stauraum, etc. Irgendiwe fing ich dann an mich über Minimalismus zu informieren (youtube). Es gefiel mir. Die leere, das ruhige und aufgeräumte fand ich toll. Dann noch Marie Kondo’s Buch gelesen, und dann fing ich an. Tja…ich bin immer noch dabei. Ich bin mit meinem Mini-Van (VOLL beladen) 14 mal zum Second Hand Shop gefahren (die nehmen alles). Ich habe bei ebay Kleinanzeigen Möbel verkauft, und endlich mal einiges einfach weggeschmissen. Ich bin noch nicht fertig, aber der Wandel gefällt mir. Von manchem habe ich immer noch zuviel. Aber, jetzt sind es 20 Paar Schuhe, 5 Jeans und 6 Röcke. Es hallt im Esszimmer und das mag ich. Im Bad ist noch viel zuviel, und meine Duftsammlung ist auch etwas zu gross…aber es wird. Grosse Wünsche habe ich auch weniger. Ich gehe noch gerne “shoppen”, aber das bedeutet eher gucken, anfassen, liegenlassen. Ich freue mich auf mehr mobilität. Sobald meine Tochter die Schule fertig hat (nächstes Jahr) kann ich meinen Mann auf Geschäftsreisen begleiten ohne an unserem Kram zu denken. Es macht mir viel Spass…dieses weniger ist mehr denken. Und solange es sich gut anfühlt, mache ich auch weiter!

Ich habe noch einen Nachtrag zum Thema Bücher minimalisieren, spät, aber ich musste halt noch etwas denken. Ob ich überhaupt schreiben soll …
Schon vor 35 Jahren war es bei uns so weit, dass sich abspielte, was Karl Gerstner den “Kampf der Bücher gegen die Bilder” nannte. Zwei fast deckenhohe Bücherwände (Altbau), einige laufende Meter in Schienbeinhöhe, die drohten, in die Höhe zu wachsen, zwei Vielleser. Die Rettung waren für uns öffentliche Bibliotheken. Während ich im Studium noch Bücher aus der Unibibliothek nach Hause brachte, von denen mein Mann meinte “Da kannst du eine Suppe drauf kochen”, sind die Bücher, die ich heute entleihe, oft ganz neu. Heutzutage suche ich nicht mehr die als Lesezeichen zwischen die Seiten gesteckten Salamischeiben, die ich im Studium als Urheber der vielen Fettflecken vermutete. Wir kaufen nur noch die Bücher, die wir besitzen wollen – gelegentlich auch nach dem Entleihen. Und natürlich miste ich gelegentlich aus – mit unguten Gefühlen, wie wohl die meisten Bücherliebhaber.
Ich gebe aber zu bedenken, dass man die Sache auch aus einer anderen Perspektive betrachten kann.
Arno Schmidt (dessen Gesamtwerk hier Bleiberecht genießt) geht von der Annahme aus, dass wir nach unserem physischen Tod nur noch im Gedächtnis unserer Mitmenschen weiter leben und zwar, bis das letzte Zeugnis unseres Namens erloschen ist. Bis wir ins Nichts eingehen, leben wir in einer öden Schattenwelt weiter, die Schmidt unter Darmstadt vermutete, wo er damals seinen (überirdischen) Wohnsitz hatte. Der Normalmensch muss vielleicht 100, 200 Jahre aushalten, bis sein Grab eingeebnet ist, alle schriftlichen Unterlagen durch Krieg oder Brand vernichtet sind. Wenn man aber das Pech hat, Namensgeber für Gymnasien oder Universitäten zu sein, in Anthologien, Lexika verzeichnet zu sein kann man “ewig” warten. Schmidt schildert, wie die Autoren gespannt vor dem Fernseher verfolgen, wie der letzte Leser seiner Werke “so ein alter Bockmist” schimpft, das Buch zerreißt und die Schnipsel zum Anfeuern nutzt. Welche Freude! Jubel, ein Abschiedsfest und dann – endlich das Nichts.
Wie konnte man nur so blöd sein, auf einer Klowand in Pompei mit seiner sexuellen Eroberung zu prahlen und mit seinem Namen zu unterschreiben – es droht die Unsterblichkeit.
Zögert also, dies bedenkend, nicht, alles Mittelmäßige in die Tonne zu kloppen.

Und da ich ja hier nur unter Pseudonym schreibe, habe ich es riskiert.

Eure Lissy

Oh, ich habe vergessen, die Quelle anzugeben: “Tina oder über die Unsterblichkeit”. Ein kurzer Text, leicht zu lesen. Man muss, wenn man sich Schmidt nähert, nicht zwingend mit “Zettels Traum” beginnen, der 1970 (wenn ich mich recht erinnere) um 400 DM kostete. Ich schenkte ihn meinem Mann einige Jahre später zum Geburtstag und hatte Mühe, das Buch nach Hause zu tragen. Ein Monumentalwerk, in jeglicher Hinsicht und nicht zuletzt dafür verantwortlich, dass Schmidt noch sehr lange in der Schattenwelt umhergeistern wird. Verdientermaßen.

Wir haben vor drei Jahren unser relativ großes Haus (ca. 260 qm) plus Monstergarten verkauft und sind in eine Mietwohnung mit 3 Zimmern/90 qm und Minigärtchen gezogen. Ich konnte schon immer gut abgeben bzw. teilen, als Einzelkind lernt man das schnell, aber erst beim Umzug wurde mir klar, dass ich soviele Dinge, Kleider, Deko, Schuhe, Möbel, Küchengeräte usw. usw. weder wirklich brauche noch haben möchte.
Ich möchte nicht mehr der Verwalter des leider oft ungebrauchten und somit für mich nutzlosen Hab und Gutes sein. Und wenn man einmal mit dem Weggeben angefangen hat, ist es nicht mehr schwer. Zurück bleibt in unserem Fall ein aufgeräumtes Zuhause, in dem nur das bleiben darf, was wirklich benutzt wird und/oder was wirklich das Herz erfreut.
Und wie Irit so schön schreibt, Zeit, und zwar jede Menge, die ich nicht mehr mit der Suche nach allem Möglichen im Netz fülle, sondern die mir/uns allein gehört, ganz zur freien Verfügung.
Meinen Kleiderschrank habe ich nach der Lektüre des “Kleiderschrankprojektes” von Anuschka Rees völlig neu erfunden, was mir viel Freude gemacht hat.
Oh, soviel wollte ich gar nicht schreiben. Allen ein schönes, sonniges Wochenende,
Isapia
@Lissy: wunderbarer Text, danke dafür!

Ist das wieder schön hier – und jeder Text von mir gibt Anregungen für drei neue durch Texte von Euch!

Kommentare sind geschlossen.