Und heute ein großer Roman: Vogelweide

von Uwe Timm. Das Buch ist mit Goethes Wahlverwandtschaften in heutiger Zeit verglichen und auch sonst in der Presse in jeder Weise gelobt, ja gehypt worden.  Was soll ich sagen?

Sie haben alle Recht. Das Buch ist eine Hymne an das Leben, behandelt die großen Fragen nach Liebe, Tod, Schuld, Verrat und Verantwortung, beeindruckt aber vor allem dadurch, dass es keine Lösungen anbietet. Die Hauptperson hat sein „erstes“ Leben als reicher Unternehmer verloren, damit gingen sein Vermögen, seine Freundin, sein Beruf dahin. Alles, nachdem ihn die Leidenschaft für Anna, die mit Ewald verheiratet war, ebenso überwältigt hatte wie Anna die Liebe zu ihm. Es endet auch für Anna und Eschenbach nicht gut.

Jetzt lebt Eschenbach als Vogelwart auf der sonst unbewohnten Nordseeinsel Scharhörn. Ein moderner Eremit mit spiritueller Haltung. Auch als Anna anruft, sie will ihn nach Jahren besuchen kommen. Eschenbach hat ohnehin viel inneren Besuch, seine Geister kommen und besuchen ihn, alle wichtigen Menschen aus der Vergangenheit, und er redet, hört zu, klärt, lässt sein. So ist es auch mit Anna. Es gibt kein gutes Ende, aber auch kein schlimmes Drama.

Es gibt einfach das Leben, wie es nunmal ist, war und sein wird. Und das macht richtig Spaß zu lesen. Das Buch erfordert ein wenig Geduld, aber wer diese aufbringt, wird mit einer wunderbar kontemplativen Stimmung belohnt und darf sowohl den Geruch der Nordsee atmen als auch die Vögel dort sehen.

 

Ein Kommentar

  • Auf diesen Text freue ich mich! Den ein oder anderen Roman von Timm mochte ich nicht, manche Themen treffen die eigenen Interessen nicht oder sind einfach schwach. aber uneingeschränkt empfehlen kann ich „Die Entdeckung der Currywurst“ (sehr leicht zu lesen) oder „Rot“ (gewichtiger in mancher Hinsicht). Und jetzt, wie gesagt, kommt „Vogelweide“ auf meine Weihnachtswunschliste.
    Vielen Dank, liebe Janne !

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