Es gibt Männer, die melden sich drei Tage nicht. Männer, die sich nicht festlegen wollen. Männer, die behaupten, gerade nicht bereit für eine Beziehung zu sein, während sie bereits die nächste kennenlernen. Und dann gibt es Graf Dracula. Der reist eigens aus Transsilvanien an, um eine Frau zu besuchen. Nachts. Persönlich. Ohne vorher zu fragen, ob es gerade passt.
Man muss Bram Stokers Dracula von 1897 einfach lieben. Natürlich würde man den Grafen heute als wandelnde Red Flag bezeichnen. Er respektiert keine Grenzen, erscheint unangemeldet im Schlafzimmer und entwickelt ein bedenkliches Besitzdenken. Sein Bindungsstil dürfte irgendwo zwischen ängstlich-anklammernd und strafrechtlich relevant liegen. Auf Instagram würde eine Beziehungscoachin mit sanfter Stimme erklären, dass niemand einem anderen Menschen Zugang zum eigenen Körper schulde, nur weil dieser dafür mehrere Jahrhunderte aufgewendet habe. Und selbstverständlich hätte sie recht.
Aber Stokers Roman ist weit mehr als die Geschichte eines übergriffigen Aristokraten mit problematischen Ernährungsgewohnheiten. Er ist ein Meisterwerk über Verführung, Macht und die erschreckende Erkenntnis, dass das Böse nicht unbedingt hässlich sein muss. Manchmal ist es ausgesprochen höflich, hervorragend gekleidet und verfügt über Immobilienbesitz in mehreren Ländern.
„Listen to them—the children of the night. What music they make!“
Wenn Dracula diese Worte über das Heulen der Wölfe sagt, versteht man, weshalb diese Figur seit mehr als einem Jahrhundert die Fantasie der Menschen beschäftigt. Wo andere ein Rudel hungriger Raubtiere hören, entdeckt er ein musikalisches Erlebnis. Das ließe sich als ausgeprägte Naturverbundenheit interpretieren. Allerdings wäre es vermutlich klüger, die Fenster zu verriegeln.
Besonders liebe ich, wie Stoker seine Geschichte erzählt. Statt eines allwissenden Erzählers lässt er Tagebücher, Briefe, Telegramme, Zeitungsartikel und Tonaufzeichnungen sprechen. Ein viktorianischer Gruppenchat gewissermaßen, nur dass die Beteiligten tatsächlich ganze Sätze formulieren und niemand mit einem Daumen-hoch-Emoji auf die Nachricht reagiert, dass Lucy möglicherweise sterben wird.
Seine Figuren sammeln Informationen, vergleichen Beobachtungen und versuchen, aus verstreuten Hinweisen eine Wahrheit zu rekonstruieren. Jonathan Harker führt Tagebuch, Mina organisiert das Wissen, Dr. Seward protokolliert seine Fälle. Würde die Geschichte heute spielen, hätte Mina vermutlich eine perfekt gepflegte Cloud-Ablage eingerichtet, während Van Helsing verzweifelt versuchte, den Zwei-Faktor-Authentifizierungscode zu finden.
Mina ist ohnehin eine der wunderbarsten Figuren des Romans. Intelligent, mutig, loyal und organisatorisch allen anderen haushoch überlegen. Während die Herren über das Unvorstellbare philosophieren, sorgt sie dafür, dass überhaupt jemand den Überblick behält. Ohne Mina wäre Dracula vermutlich niemals besiegt worden. Die Männer hätten noch wochenlang über geeignete Maßnahmen beraten und schließlich einen Arbeitskreis gegründet.
Und dann ist da Lucy. Arme Lucy, die sich gleich mit drei Heiratsanträgen an einem einzigen Tag auseinandersetzen muss. Heute würde man ihr vermutlich raten, zunächst ihre Bedürfnisse zu reflektieren und an ihrer emotionalen Unabhängigkeit zu arbeiten. Stattdessen gerät sie an einen Mann, der nachts an ihrem Hals hängt und ihr buchstäblich die Lebenskraft aussaugt.
Womit wir bei einem der beliebtesten Begriffe unserer Gegenwart wären: dem Energievampir.
Heute genügt schon eine anstrengende Bekanntschaft, um diesen Titel zu erhalten. Wer zu viel erzählt, raubt Energie. Wer Erwartungen formuliert, überschreitet Grenzen. Wer zweimal nachfragt, ist möglicherweise toxisch. Dracula würde diese Debatte vermutlich mit Verwunderung verfolgen. Schließlich hat er das Konzept des Energieraubs perfektioniert, lange bevor irgendjemand dafür einen Onlinekurs für 299 Euro anbieten konnte.
Wie unwiderstehlich dieser Vampir trotz allem sein kann, zeigt Francis Ford Coppolas grandiose Verfilmung von 1992, Bram Stoker’s Dracula. Was für ein Film! Was für Bilder! Was für eine herrlich hemmungslose, opulente, blutrote Liebeserklärung an den Gothic Horror! Und vor allem: Gary Oldman.
Dieser Mann spielt Dracula nicht einfach. Er verwandelt sich in ihn. Mal ist er ein uralter, unheimlicher Graf mit einer Frisur, die selbst die experimentierfreudigsten Hairstylisten vor Herausforderungen stellen dürfte, mal ein eleganter junger Verführer, mal eine Kreatur aus unseren schlimmsten Albträumen. Oldman schafft es, dass man vor Dracula zurückschreckt und im nächsten Moment beinahe Mitleid mit ihm empfindet. Eine schauspielerische Leistung von geradezu unverschämter Intensität.
Und dann Keanu Reeves als Jonathan Harker. Jung, schön, etwas verloren und mit jenem Gesichtsausdruck, den vermutlich jeder hätte, der feststellen muss, dass sein neuer Geschäftspartner weder ein Spiegelbild besitzt noch die üblichen Vorstellungen von Gastfreundschaft teilt. Neben Oldmans dämonischer Präsenz wirkt er wie ein sehr höflicher Praktikant, der versehentlich in der Hölle gelandet ist.
Winona Ryder als Mina und Anthony Hopkins als Van Helsing vervollständigen dieses wunderbare Ensemble. Coppola inszeniert das Ganze mit einer Leidenschaft, die heute beinahe unanständig wirkt. Hier wird nicht minimalistisch angedeutet. Hier wird gelitten, begehrt, geblutet, gestorben und wiederauferstanden. Alles in Samt, Seide, Nebel und Kerzenschein.
Dabei verleiht Coppola dem Stoff eine romantische Dimension, die Stokers Roman in dieser Form gar nicht besitzt. Sein Dracula ist ein tragisch Liebender, der über Jahrhunderte hinweg nach seiner verlorenen Liebe sucht. „I have crossed oceans of time to find you“, sagt er zu Mina.
Hand aufs Herz: Wann hat zuletzt jemand etwas derart Romantisches gesagt? Heute darf man sich schon glücklich schätzen, wenn um 23.47 Uhr noch ein „Na, alles gut?“ eintrifft.
Gary Oldman sagt diesen Satz mit einer solchen Verzweiflung, dass man für einen kurzen Moment bereit ist, sämtliche Warnsignale zu ignorieren. Und genau darin liegt die große Kunst dieser Verfilmung: Sie verführt, obwohl man es besser weiß.
Stokers Graf hingegen ist keine missverstandene Seele, die nur einmal richtig geliebt werden müsste. Er ist eine Bedrohung. Ein Eindringling. Eine Macht, die andere Menschen zu Werkzeugen ihres eigenen Willens macht.
„The blood is the life!“, heißt es im Roman. Ein Satz, der bei Stoker weit mehr bedeutet als eine ungewöhnlich konsequente Ernährungsempfehlung.
Das Großartige an diesem Buch ist, dass seine Figuren dem Bösen tatsächlich entgegentreten müssen. Es genügt nicht, Dracula zu entfolgen oder eine Affirmation über den eigenen Selbstwert an den Badezimmerspiegel zu kleben. Man braucht Mut, Zusammenhalt, Wissen, Knoblauch und im Zweifelsfall einen Holzpflock.
Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum ich diesen Roman so liebe. Hinter all dem Blut, den nächtlichen Besuchen und den offenen Gräbern steckt eine Geschichte über Freundschaft, Treue und die Bereitschaft, für andere Verantwortung zu übernehmen. Niemand sagt zu Lucy, sie müsse ihre Probleme erst einmal selbst lösen. Niemand erklärt Jonathan, seine traumatischen Erfahrungen seien eine Frage der inneren Einstellung. Man glaubt einander, man hilft einander, man handelt gemeinsam.
Wie wohltuend altmodisch.
Dracula selbst bleibt dabei eine der faszinierendsten Gestalten der Literaturgeschichte. Er verkörpert das Versprechen ewiger Jugend, grenzenloser Macht und eines Lebens ohne gewöhnliche menschliche Beschränkungen. Er ist gewissermaßen der ultimative Selbstoptimierer: Er altert nicht, schläft tagsüber ausreichend, ernährt sich konsequent nach einem strengen Plan und hat seine persönliche Marke über mehr als ein Jahrhundert erfolgreich etabliert.
Nur mit der Work-Life-Balance klappt es nicht so recht.
Ich liebe Dracula, weil dieser Roman mich noch immer packt, obwohl ich längst weiß, was geschieht. Weil Stoker eine Atmosphäre erschafft, in der ein geöffnetes Fenster bedrohlicher sein kann als jede moderne Spezialeffektorgie. Und ich liebe Coppolas Film, weil er all das in Bilder übersetzt, die man nie wieder vergisst: Gary Oldman im roten Gewand, Schatten, die ein Eigenleben führen, und eine maßlose, völlig unzeitgemäße Leidenschaft, mit der hier Kino gemacht wird.
Mein Rat: Dracula lesen. Unbedingt. Und anschließend Coppolas Verfilmung ansehen. Am besten an einem verregneten Abend, mit einem Glas Rotwein und sorgfältig geschlossenen Fenstern.
Und sollte dann ausgerechnet Gary Oldman vor der Tür stehen und behaupten, er habe Ozeane der Zeit überquert, um mich zu finden, würde ich wohl doch das Fenster öffnen.
Man wird ja schließlich noch schwach werden dürfen. Auch am Hals.

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