Wer wir sind, oder ein Wahnsinnsbuch,

in mehrerer Hinsicht: Zum einen wahnsinnig dick (über 2000 Seiten), unglaublich fesselnd (ich war froh, dass ich im Urlaub war, und meine Kinder haben noch nie soviel Ruhe vor mir gehabt) und tief berührend. Dieses Buch ist meines Wissens der erste ernsthafte Roman über den deutschen Widerstand, und zwar nicht nur einen Teil wie den Kreisauer Kreis oder die Rote Kapelle oder die Weiße Rose, sondern umfassend.

Natürlich bietet auch dieser Roman jede Menge historischer Tatsachen. Das ist nicht das Faszinierende, denn die meisten davon kennt der gebildete Nachkriegsdeutsche selbst meiner Generation noch, die Namen, die Eckdaten – mir ist vieles so gut bekannt, dass ich die Gesichter der beschriebenen Personen von den häßlichen Schwarzweißfotografien aus dem Gerichtssaal noch abrufen kann. Es ist auch nicht so neu, dass sich einige der Widerständlicher untereinander kannten. Aber dass es umfassende verwandschaftliche und/oder gesellschaftliche Verbindungen unter fast allen gab, das wusste ich nicht. Und ich war natürlich auch über ihre privaten Verhältnisse nicht so g

ut informiert, soweit ihre Frauen und Kinder nicht aufgrund der angeordneten Sippenhaft auch von Verfolgung betroffen waren.

Das Buch bietet einerseits unfassbar viele Erzählstränge zu den einzelnen Personen und eine Masse an „Handlung“, aber vor allem auch Einblicke in die Persönlichkeit der Einzelnen einschließlich ihrer Herkunft und Sozialisation, der Bogen reicht von Willy Brandt (vormals Herbert Frahm), Dr. Julius Leber über das Ehepaar Harnack, Bonhoeffer und Helmuth James Graf von Moltke bis zu Stauffenberg und seinen Brüdern. Es hat mich tief berührt und zu Tränen gerührt, insbesondere die Solidarität der Ehefrauen und Angehörigen und ihr Leid. Schockiert hat mich die Schilderung des Russlandfeldzuges durch ihre Detailtiefe – ich wusste beispielsweise nicht, dass es einen offiziellen Erlass gegeben hat, wonach Gewalt gegen Zivilisten nicht verfolgt werden sollte. Ich habe an diesem Buch viel gelernt und kann es nur jeder, die in nächster Zeit eine Woche Urlaub hat, dringend ans Herz legen. Mit knapp dreißig Euro ist es im Vergleich ausgesprochen preiswert. Und vielleicht ist es auch angezeigt, es für die nächste Erkältung, wenn man ohnehin im Bett liegen muss, an selbiges zu legen.

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  • Oh danke für den Tipp! Habs gleich mal auf meinem Merkzettel gespeichert. Das werd ich sicher auch lesen. Das klingt nach genau der richtigen Mischung für mich. Was für den Intellekt und das Herz, mit Spannung, Fakten, Gefühlen. Von allem etwas. Und dann auch noch „ein dicker Schinken“, dass man so richtig darin versinken kann. Klingt toll!