Minimalismus: Beziehungen

Heute mal ein etwas spröderes Thema, über das man beim Thema „Aufräumen“, „Ballast abwerfen“ oder auch „Bewusster leben“ irgendwann ganz automatisch stolpert. Überflüssige Beziehungen.

Wir kennen es alle: da gibt es die „Freundin“, die gerne mal vergiftete Komplimente loslässt. So etwas in der Richtung „tolles Kleid, bei dem sieht man deine Speckrollen fast überhaupt nicht!“. Oder den Nachbarn, der einen tot quatscht mit seinen Geschichten, aber nie fragt, wie es einem geht. Oder eine Mutter, die die Kinder gerne abgibt, aber selbst immer so beschäftigt ist, dass sie nicht helfen kann. Oder jemand, der einen bewusst hintergeht und dann so tut, als wäre nichts gewesen. Oder. Oder. Oder.

Und man fragt sich jedes einzelne Mal: bin ich eigentlich doof?

Ja.

Und natürlich indoktriniert vom Glauben, man müsse als Frau immer nett sein und überhaupt.

Ich mache das nicht mehr. Ich möchte mit Menschen sprechen, die mich wirklich mögen und mich nicht nur als Mittel zum Zweck ansehen. Das heißt jetzt nicht, dass ich auf einmal nur noch drei gute Freunde habe und ansonsten einsam vor mich hinlebe. Es gibt unglaublich viele tolle Menschen, die mir am Herzen liegen. Mit diesen Menschen habe ich aber unterschiedliche Verbindungslinien.

Da gibt es zum Beispiel euch hier, die allermeisten kenne ich nur aus Kommentaren, aber im Lauf der Jahre ist das Ganze dann doch gewachsen. Man schreibt sich eben ab und an.

Es gibt Menschen, die ich nur einmal im Jahr zu bestimmten Ereignissen wie Karneval oder Urlaub auf Djerba sehe – wir freuen uns, haben eine tolle Zeit und freuen uns dann aufs nächste Jahr. Oder es gibt nur unregelmäßigen Kontakt, manchmal auch ein oder zwei Jahre nicht. Was aber nichts an der Zuneigung oder dem gegenseitigen Interesse ändert.

Und das ist der Punkt: geben und nehmen.

Bei allen anderen habe ich mir angewöhnt, nicht meine Zeit zu verschwenden. Im Zweifel verabschiede ich mich höflich mit gutem Grund und entschwinde. Und minimiere den Kontakt. Am liebsten auf Null.

Meine Zeit widme ich den Menschen, die ich mag. Das ist schön.

10 Kommentare

  • Liebe Irit, du sprichst mir aus der Seele. Es ist das erste Mal das ich lese, dass jemand so offen und ehrlich darüber berichtet. Meistens heißt es „Kontakt abbrechen/einschlafen lassen“ – das kannst du doch nicht machen oder geht gar nicht. Ich habe mich anfangs auch schwer damit getan, aber es befreit und es lebt sich besser damit.

  • Ich bin und war schon immer Einzelgänger. Durch meine vielen Umzüge, habe ich immer nette Menschen kennengelernt, aber nach ein, zwei Jahren war ich wieder weg und die meisten Menschen auch. Dann kam Facebook, und auf einmal hatte ich alle diese Menschen (und die Freunde, Verwandte und Hundesitter dieser Menschen auch) auf einem Haufen. Das war mir nach einigen Jahren einfach zuviel. Im November habe ich FB den Rücken gedreht…und, es geht mir wieder gut.

  • JA! JA! JA! !!! Das hast du sehr treffend gesagt, liebe Irit! Zeit ist etwas so Kostbares, man sollte sie nicht mit Menschen verschwenden, die einem nicht gut tun. Und es gibt so tolle Menschen, die jede Sekunde wert sind und das Leben bereichern.

  • Liebe Irit,
    Du hast Recht, aber es ist immer so einfach gesagt und so schwer umgesetzt. Ich habe es allerdings in den letzten Jahren gelernt, den Menschen die mir nicht gut tun auch Tschüß zu sagen. Aber es war teilweise schon ganz schön hart und heute, mit etwas Abstand betrachtet, geht es mir gut dabei.

    LG
    Sandra

  • Aaaah, ich bin nicht allein. Ich denke ja nach wie vor, dass das hauptsächlich erzieherische Indoktrination ist von wegen man müsste als Mädchen/Frau immer nett und freundlich sein und auch glücklich, wenn sich ein Mann interessiert. Alles Unfug.

  • Mein „40er“ (der in Kürze schon 16 Jahre zurückliegt) war „mein“ Termin, an dem ich befand „ich habe keine Zeit mehr zu verlieren“, zumindest nicht länger für Sinnloses, Unwichtiges, oder einfach Alles, was einen runterzieht, klein(er) machen will, oder schlicht und einfach nicht mehr von Bedeutung ist.

    Dass davon vereinzelt sogar ehemals vermeintlich enge Freunde/Freundinnen betroffen waren, hat mich anfangs auch in Hinblick auf eine ohnehin eher überschaubare Schar sehr verunsichert .. die schlichte „Gegenüberstellung“ – wie geht’s mir eigentlich bei oder nach einem Treffen/Gespräch mit dem- bzw. derjenigen?? – war jedoch (erst ernüchternd, dann befreiend)eindeutig.

    Diese „Inventur“ hatte letztlich etwas ungemein Erleichterndes :-). Ich denke, dass das bei fast allen so wäre, viele können, wollen oder trauen sich das aber nicht einzugestehen.

  • Wie wahr! Gesellschaftlich ein schwieriges Thema, viele pflegen ja ihr Leben lang dieselben paar Kontakte, die man eben „schon immer“ kennt. Wäre nichts für mich, oft lebt man sich ja wirklich auseinander – gerade in Zeiten wie Studium, Familienplanung oder so – oder jemand benimmt sich daneben.
    Das erste Mal Freunde ausgemistet habe ich mit 18 – mein damaliger Freundeskreis tat mir nicht gut. Mit der Zeit habe ich dann neue Menschen kennengelernt und drei sind davon tatsächlich noch unter meinen Freunden! Beste Entscheidung überhaupt. Durch Umzüge sortiert sich das sowieso automatisch und die „halbgaren“ Bekanntschaften verschwinden von alleine.

    Liebe Grüße
    Valandriel

  • Das finde ich übrigens auch ganz fürchterlich: nur weil Menschen schon immer da waren, sind sie nicht meine Freunde. In Kleinstädten ist das ganz besonders ausgeprägt

    • Absolut! Ich habe in meiner Abistadt keine Freunde, aber alle erwarten, dass ich da regelmäßig auftauche zu irgendwelchen Treffen. Ja wieso denn bloß? Und dann bin ich mir zu gut zu erscheinen – stimmt genau. Meine Zeit ist es wert, dass ich sie mit Menschen verbringe, die ich wirklich gerne mag.

  • Ich finde auch, dass wir Besseres zu tun haben, als unsere Zeit mit Menschen zu verbringen, die dies nicht wertschätzen. Geben und Nehmen muss im Gesamtergebnis nach einer Zeit ausgeglichen sein. Dass es übergangsweise mal anders ist, ist auch normal. Alternativ verbringe ich gerne Zeit mit Menschen, die mir einfach gut tun. Weil sie fröhlich oder locker oder eben irgendwie so sind, dass ich mich auf sie freue.

    In der letzten Zeit habe ich auch einige Verbindungen gekappt. Bei einigen bedurfte es nicht einmal Worte. Das sagt ja auch schon viel aus.

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