Manchmal lese ich auch schräge Bücher, und das ist gut so, oder

wie ich wirklich von diesem Buch überrascht wurde. Der Titel ist schon sperrig genug „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“,   das verspricht Tiefe.

Gudrun Ensslin eine Indianersquaw aus braunem Plastik und Andreas Baader ein Ritter in schwarzglänzender Rüstung? Die Welt des kindlichen Erzählers dieses mitreißenden Romans, der den Kosmos der alten BRD wiederauferstehen lässt, ist nicht minder real als die politischen Ereignisse, die jene Jahre in Atem halten und auf die sich der 13-Jährige seinen ganz eigenen Reim macht.

Frank Witzel ist es in dieser groß angelegten fantastischen literarischen Rekonstruktion des westlichen Teils Deutschlands gelungen, ein Spiegelkabinett der Geschichte im Kopf eines Heranwachsenden zu errichten. Erinnerungen an das Nachkriegsdeutschland, Ahnungen vom Deutschen Herbst und Betrachtungen der aktuellen Gegenwart entrücken ihn dabei immer weiter seiner Umwelt. Das dichte Erzählgewebe ist eine explosive Mischung aus Geschichten und Geschichte, Welterklärung, Reflexion und Fantasie: ein detailbesessenes Kaleidoskop aus Stimmungen einer Welt, die ebenso wie die DDR 1989 Geschichte wurde.

Das Buch liest sich nicht so richtig leicht, aber es lohnt sich, denn es entführt mich in eine andere Welt, einen anderen Kopf, im wahrsten Sinne des Wortes. Andreas Bader ist nicht sympathisch, aber das wussten wir ja alle schon, die wir uns mit der deutschen Nachkriegsgeschichte auseinandergesetzt haben. Aber er ist durchaus spannend, und das hätte ich nicht gedacht. Und überaus unterhaltsam, wenn man in das Buch hineingefunden hat.

Sehr empfehlenswert und auch ein sehr schönes Geschenk für die Menschen, die sich mit uns auch auf die nicht so ganz leichten Pfade begeben können.

4 Kommentare

  • Liebe Janne,
    dieser Empfehlung kann ich mich ohne Einschränkungen anschließen.
    Man sollte aber schon Freude daran haben, auch Hindernisse zu überwinden, durchzuhalten, wenn einige Seiten lang „gar nichts passiert“. Und man sollte sich Zeit nehmen können, denn dieser Text eignet sich nicht dazu, immer nur vor dem Einschlafen zehn Seiten zu lesen.
    Abgesehen davon, muss ich es zum Lesen ohnehin auf den Tisch legen. Man bräuchte schon eine nennenswerte Armmuskulatur, um es liegend längere Zeit zu stemmen.
    Liebe Grüße von Leserin zu Leserin
    Lissy

  • Liebe Janne,
    das hört sich sehr interessant an, bisher bin ich mit Deinen Empfehlungen nie reingefallen. Wenn es auch noch „dick“ ist, bin ich erst recht begeistert, denn ich schmökere mich am liebsten richtig ein.
    Saluti,
    Morris

  • Der Titel hat mich auch angesprochen. Das wäre doch was für „zwischen den Jahren“.
    Glg
    Jennifer

  • Ich schleiche schon eine Weile drum herum, seit es im Morgenmagazin vorgestellt wurde. So ganz wollte der Funke da aber noch nicht überspringen.
    Jetzt also ein weiterer Antoß von dir. Ich sollte es mir wohl doch näher anschauen.

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