Luther oder tiefverwurzeltes Denken

Zu meinen Lieblingsradiosendungen (natürlich immer WDR5!) gehört neben „Gans und gar“ am Samstagabend schon seit Jahren „Das philosophische Radio“ am Freitagabend. Die Themen finde ich nicht immer interessant, aber ich lerne immer etwas dazu. Ich lerne gerne und erweitere meinen Horizont. Glücklicherweise gibt es heutzutage Podcasts, so dass man nicht mehr an Sendezeiten gebunden ist. Am vorletzten Freitag gab es eine Sendung, die mich sehr beschäftigt hat. Es ging um Luther.

Ich weiß nicht, wie lange die Infos auf der WDR5-Seite zur Verfügung stehen, daher zitiere ich mal hier die Sendungsankündigung.

Verantwortung, Bescheidenheit, Pflichtbewusstsein – typisch deutsche Werte? Oder eher typisch protestantische?

Anschlag seiner 95 Thesen, die ab 1517 zur Reformation führten, hat Martin Luther nach wie vor immensen Einfluss auf die gesellschaftlichen Werte. Weit über die Grenzen des Protestantischen hinaus gelten viele Prägungen, die von der Reformation und Luther herrühren als typisch Deutsch. Und das hat nach wie vor große Wirkung. In der politischen Sphäre zum Beispiel kann man nichts werden, wenn man nicht die Tugend der Bescheidenheit hoch hält, so wie Angela Merkel. Askese, nicht Pracht ist in unserer Gesellschaft ein Leitbild (politischer) Selbstentfaltung, nach wie vor. Sparsamkeit sowieso. Und unser Arbeitsethos lässt die Pflicht beinahe Vergnügen sein. Seine Bibelübersetzung, die Thesen, Luthers Briefe und Tischreden – die Reformation war eine emanzipatorische Bewegung mit Langzeitwirkung. Sie setzte auf ein Menschenbild der Freiheit und der Mündigkeit; sie baute auf die Vernunft und auf die Rationalität; sie förderte Kultur und Bildung. Ihre Schattenseiten: Antisemitismus, Sinnenfeindlichkeit, ein Hang zur Obrigkeitshörigkeit.

(Zitat von WDR5, hier ist der Podcast)

Ich bin als Protestantin aufgewachsen und nachdem ich die Sendungsankündigung in der Vorschau hörte und dann abends auch die Sendung angehört habe – wurde ich dann doch nachdenklich.

Zum einen hätte ich niemals gedacht, wie sehr mich die Werte des Protestantismus geprägt haben. Insbesondere die Sache mit dem Arbeitsethos. Im Pflichten erfüllen (egal ob tatsächlich da oder eingebildet) bin ich immer ganz vorne mit dabei. Auch Sparsamkeit ist mir nicht fremd. Naja, in Maßen.

Zum anderen war mir aber nie bewusst, dass ich dieses „Menschenbild der Freiheit und Mündigkeit“ verinnerlicht habe. Ein wesentlicher Aspekt bei der Bibelübersetzung war die Aufforderung an alle, die Bibel zu lesen und eigene Schlüsse daraus zu ziehen. Ein radikal anderer Ansatz als z.B. beim Katholizismus oder im Islam. Und als Religion auf Vernunft und Rationalität zu setzen, ist schon mutig.

Glücklicherweise sind die Schattenseiten an mir vorbei gegangen, Antisemitismus ist mir fremd. Sinnenfeindlichkeit und Obrigkeitshörigkeit sind bei mir auch nicht ausgeprägt…

Ich denke, daher rührt auch meine Abneigung gegen Kopftücher – ein sichtbares Beispiel für die „von oben“ übernommene Meinung anstatt mal selbst drüber nachzudenken und eine eigene Meinung über (buchstäblich!) Gott und die Welt zu haben.

Welch Glück, in diesem Geist aufzuwachsen.

6 Kommentare

  • Liebe Irit, sehr interessantes Thema! Dazu muss ich sagen, dass ich mich als Jugendliche in der DDR eher als Freigeist und Rebellin gefühlt habe. Dort war die Kirche eher Sammelpunkt für die nicht so Regime-konformen. Jedenfalls finde ich aber, dass sowohl das Schuldbewusstsein und „sich auf die Schultern laden“ typisch protestantische Dinge sind. Klar, Protestanten können ja nicht einfach beichten, Absolution erhalten und gut. Nein, für eigene Fehler einstehen ist schon sehr protestantisch. Aber auch das mir schon großmütterlicherseits eingetrichterte: „Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott.“ Ist für mich Ausdruck der protestantischen Lebenseinstellung. Mein Schicksal nehme ich gern in die Hand und ich finde in Werten des Protestantismus und im Glauben Unterstützung, ohne Verantwortung abzuladen. Das gefällt mir. Der lutheranische Antisemitismus liegt mir auch völlig fern. Aber ich bin extrem froh über die Selbstbestimmung, die die Reformation den Menschen mitgegeben hat.

  • Das sind interessante Gedanken, ich habe mich schon oft gefragt, warum Korruption in den skandinavischen Ländern so wenig verbreitet ist. Klar hat es auch was mit den wirtschaftlichen Verhältnissen zu tun. Oder die wirtschaftlichen Verhältnisse werden für alle besser, je weniger Korruption es gibt? Als Atheistin interessiert mich die Wertesysteme der Religionen eher wenig aber ich denke schon dass die protestantischen Werte auch unabhängig von den christlichen Bezügen dieser Organisation betrachten lassen (wer glaubt denn da ernsthaft an die leibliche Auferstehung?)

    Hier ein Link zum Korruptionsindex 2014:
    https://www.transparency.org/cpi2014/results

    Neben den Skandinaviern sind in Europa die Niederländer und Schweizer ganz weit vorn.

    • Das ist ein Aspekt, über den ich noch nie nachgedacht habe. Hm, tatsächlich, die klassisch protestantischen Länder

  • Luther hat einen POSITIVEN Zugang zum Glauben ermöglicht mit SEINER Interpretation und Fokussierung auf die CHRISTOLOGIEund dem daraus resultierenden Gottesbild von einem GNÄDIGEN GOTT.
    Diesem positive Zugang ist es zuzuschreiben, dass die ERWARTUNGSHALTUNG des Glaubenden an Handlungen (und seit Luther auch und besonders alle Alltags!handlungen) auf einer anderen LOGIK aufbauen; die LOGIK DER ERWARTUNGSHALTUNG formt Luther neu: der KALKULATIONSASPEKT DER GABEÖKONOMIE wird ÜBERWUNDEN.

    (Anmerkung zu „Gabeökonomie“: Luther protestierte gegen den ausufernden AblassHANDEL, den er als Abbild falsch verstandener Frömmigkeit erachtete, weil sich die Menschen von einer Vervielfachung von „guten Werken“ (die allerdings nicht in der Bibel stehen, sondern von der Kirche auferlegt worden waren wie beispielsweise Almosen, Fasten, bestimmte Gebetsleistungen, Mess- und Gedächtnisstiftungen für Verstorbene, Wallfahrten und Gelübde)versprachen, im Handel mit Gott dafür ins „rechte Verhältnis zu Gott“ gesetzt zu werden (verstanden als: ein Leben zu führen, das „richtig“ ist und deswegen die Heilsgemeinschaft mit Gott nach dem Tod bringt.

    Der Kalkulationsaspekt der Gabeökonomie wird überwunden, weil – stark verkürzt geschrieben –
    1. ZUERST GOTT die Gabe AN den Menschen gegeben hat als nächstes ist diese auch noch von ihrer Qualität her uneinholbar und sichert somit die Exklusivität in Gottes Heilshandeln: Jesu Christi-Selbsthingabe. -> Infolgedessen besteht die Aufgabe des Menschen zuerst einmal darin, Gottes Gabe ANZUNEHMEN. Das wiederum geht nur mit dem Wissen um den INHALT der Gabe. Und da ist der zweite Punkt zur Überwindung des Kalkulationsapektes: 2. Das BEZIEHUNGsangebot Gottes an den Menschen, das mit dieser allerersten & wertvollen Gabe zum Ausdruck gebracht worden ist. Die BEZIEHUNG, die Gott dem Menschen anbietet, ist eine schon angebrochene HEILSGEMEINSCHAFT mit Gott zu LEBZEITEN und weil nach diesem Verständnis nicht mehr dem Menschen Etwas weg-genommen wird („vor Luther“ nahm eine Geste Gottes die Sünden des Menschen ja weg), sondern ihm gegeben wird, deswegen wird dem Menschen die positive SelbstHINGABE an der Heilsgemeinschaft ermöglicht, die SelbstPREISGABE wird verworfen. Diese gewonnene SUBJEKTHAFTIGKEIT des Menschen ist wiederum wichtig, weil nur ein so verstandener Mensch Gottes GABE ADÄQUAT ANNEHMEN kann (und dabei ist der KALKULATIONSASPEKT dann überwunden: Es geht um das ETABLIEREN (zu verstehen als der Ausdruck der REALISIERUNG) der ANGEBOTENEN Gottesgemeinschaft und das kann nicht erschöpfend durch die soziale Kategorie der Ehre beschrieben werden, sondern muss ergänzt werden um – u.a. – das VERTIEFEN DES VERSTÄNDNISSES DER HEILBRINGENDEN BEDEUTUNG = Erst in der WEITERGABE AN DEN NÄCHSTEN erfasst also der Austausch zwischen Gott und Mensch das ganze Maß der göttlichen Sozialität – durch passives Empfangen allein kann der Mensch also nicht die Teilhabe erreichen, weil Gott in der Weitergabe geehrt wird.

    Auf diese Weise wird die Beziehung des einzelnen Menschen zu Gott und Gottes zum einzelnen Menschen erweitert um die BEZIEHUNG des Menschen ZU SEINEN MITMENSCHEN, die er zu gestalten hat aufbauend auf der POSITIVE ERWARTUNGSHALTUNG aus der Gottesbeziehung. HandlungsINTENTIONEN des Menschen bauen auf seiner Erwartungshaltung auf. Mit der neuen LOGIK der Erwartungshaltung ergeben sich neue Handlungsabsichten und Handlungsziele…

    … Ich mach da mal Schluss, will euch a nicht erschlagen. Habe gerade darüber wissenschaftlich geschrieben. Bin Lutheranerin und studiere Theologie, Sozialwissenschaften (auch Religionssoziologie) und Sprachwissenschaften auf dem zweiten Bildungsweg.

  • Oh, das ist ja mal eine Abhandlung. Das muss ich noch ein paar mal lesen, bevor ich mir das merken kann. Danke, Rinni, für deine Mühe. LG

  • „auf dem zweiten Bildungsweg“ ist Stuss – ich hab ein komplettes zweites Studium nach BWL hingelegt 😉

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