Über das Lesen

Früher war ich eine Leseratte par excellence. Schon in der Grundschule verbrachte ich sehr viel Zeit in der Stadtbibliothek (die in meiner Heimatstadt Andernach im wunderschönen historischen Rathaus untergebracht ist) und mit 13 oder 14 habe ich mich dann begeistert von der Jugendbücherei Richtung Erwachsenenbücherei aufgemacht. Meine Töchter fragten mich neulich, wie viele Bücher ich schon gelesen habe. Ich weiß es nicht, aber es sind Tausende. Wobei die Anzahl in den letzten zehn Jahren eher überschaubar war. 

Es kamen zwei Dinge zusammen: Internet und Kinder. Kleine Kinder sind absolute Zeitfresser und Störenfriede beim gemütlichen Lesen. Irgendwann hatte ich es aufgegeben, mich in Ruhe (!) auf ein Buch einzulassen, in der Stimmung zu leben und mich von der Geschichte wegtragen zu lassen. Das hat sich insbesondere auf meinen Science Fiction-Konsum ausgewirkt. Da muss man sich tatsächlich auf etwas Neues einlassen, ist auf fremden Welten und mit fremden Wesen unterwegs. Die Autoren entwerfen oft ein ganzes Universum, in dem dann Zyklen oder diverse Romane spielen. Alle fünf Minuten gestört zu werden ist dem Eintauchen nicht zuträglich.

Hinzu kam das Internet. Praktische kleine Häppchen. Waren es früher eher Foren, die ich mochte, bin ich mittlerweile zu Blogs übergegangen. Ähem. Die konnte man auch immer zwischendurch lesen und wurde man gestört – kein Problem. So tiefschürfend war es dann meist nicht.

Nun sind die Kinder größer (wir nähern uns dem Zickenalarm sprich Pubertät) und eins meiner Ziele (50 Bücher in 2015) kam nicht von ungefähr. Ich starrte auf die Stapel von ungelesenen Büchern, die ich gewohnheitsmäßig angeschafft hatte und sah die wenigen Exemplare, die ich gelesen hatte und es gefiel mir nicht mehr.

Mittlerweile lese ich wieder deutlich mehr (s. meine Liste) und ich habe auch gemerkt, wie sehr ich mich vom Lesen entfernt hatte. Ich habe Monate gebraucht, um mich von Krimis und seichter Lektüre wieder in eine andere Richtung zu bewegen. Dieses Einlassen auf den Flow eines Buchs – ich lerne es gerade wieder. Dieses „unbedingt wissen wollen, wie die Story endet“ – ich lerne es gerade wieder. Und ich lese wieder Science Fiction und bin auf fremden Welten unterwegs. Tatsächlich auch wieder Romane, habe ich ganz lange nicht gemacht. Mir war mein eigenes Leben stressig genug, was brauchte ich da noch die Probleme von anderen.

Sollte das Lesen das Spiegelbild zu meinem neu gefundenen Leben sein? Bei beidem probiere ich noch herum, was ich wirklich mag, aber es wird.

11 Kommentare

  • Liebe Irit,
    dazu 2 Anmerkungen: je stressiger mein Alltag, desto härter dürfen die Krimis sein, die mich davon ablenken. Bin ich entspannt, lese ich gern was anderes. Ich schiebe es auf mein Alter, aber wenn mich heute etwas (nach 100 Seiten Vorschuß) nicht packt und interessiert, dann lege ich das Buch auch wieder weg. Obwohl genügend Zeit, für langweiliges/ schlechtes bin ich mir zu schade. Das gilt auch für Filme übrigens.
    Also weiterhin viel Lesegenuß, besonders am Wochenende.

  • Ja, ich war auch schon früh Stammgast in der Bücherei. Als mein Leben schlechter wurde, waren Bücher meine Fluchten aus dem Alltag. Dann gab es Ereignisse, in denen ich das Lesen vergaß. Jetzt geht es mir wieder gut, ich stapele wieder Bücher und lese mich allmählich wieder rein und freue mich darüber. Lesen ist so schön.

  • Irit! Schwester! Same here … Ich war eine Leseratte, wie sie „schlimmer“ nicht sein könnte. Ich habe Bücher „gefressen“ … und dann kamen Kinder und vor allem das Internet, und ich habe damit aufgehört.

    Entsetzlich!!!!

    Momentan versuche ich es mal mit Hörbüchern, beim Sport. Aber das kann doch nicht sein??? Es kann doch nicht sein, dass ich das Lesen verlernt habe, hallo??? Mich packen Bücher einfach nicht mehr so wie früher. Und ich merke auch: Ich halte nicht so lange durch, bin ganz schnell ungeduldig und unkonzentriert.

    Seufz.

  • PS: Lustigerweise kaufe ich Bücher aber immer noch gerne – und staple sie …

  • Ist die Leihbücherei eigentlich immer noch im historischen Rathaus? Obwohl ich damals dort fast zu Hause war, habe ich bei meinem heutigen, seltenen Besuchen in unserer gemeinsamen Heimatstadt darauf nie mehr geachtet. Dass wir uns damals dort nicht über den Weg gelaufen sind, liegt sicher daran, dass ich ein zwei, drei Jahre jünger bin als du. Ich war nämlich dann noch in die Kinderabteilung zu Michael Ende und Jim Knopf verdammt.

    Ich fühlte mich bis kurzem nur wohl, wenn ich min. drei ungelesene Bücher hier liegen hatte. Ansonsten hatte ich das Gefühl meine Droge geht mir aus und ich könnte einen Entzug erleiden.

    Zu Weihnachten habe ich aber nun ein Ipad von meimem Mann geschenkt bekommen und nicht nur das. Er hat dazu eine E-Bibliothek mit 5000 Büchern gekauft. Auch wenn mir manchmal das haptische Gefühl fehlt, habe ich seitdem nie mehr das Gefühl gehabt, mir könnte der Stoff ausgehen. 🙂

    Und ich habe seitdem Bücher gelesen, die in einer Buchhandlung noch nicht mal mit der Kneifzange angefasst. Ich meine diese Bücher auf denen halbnackte Menschen zu sehen sind oder ein Liebespaar in hist. Kleidung. Aber es waren sehr interessanten Geschichten dabei. Zum Beispiel eine schwulen Vampirgeschichte.

    Meine Liebe zu Fantasygeschichten wurde mit den Nebeln von Avalon geweckt. Aber seit den Kindern gab es kaum Platz für diese Liebe. Es waren andere Seiten an mir wichtiger für unser gemeinsamens Leben.Jetzt sind sie älter und ich kann wieder Teile von mir entdecken, die ich lange Zeit unterdrückt habe.
    Und da ist das Lesen von Fantasyromanen nur ein kleiner Teil…

  • Als Schülerin habe ich jede Zeile von Thomas Mann gelesen, etwas später den gesamten Proust. Ich fand das zwar schwierig, aber lohnend und bereichernd.
    Vor einigen Jahren griff ich wieder einmal zur Josephs-Trilogie und habe nach wenigen Seiten aufgehört. Ich habe einfach die Geduld nicht mehr für diesen Satzrhythmus, für all die Details. Textvolumen dagegen schreckt mich auch heute nicht ab-
    Bei Filmen mache ich eine vergleichbare Erfahrung. Alte Filme, die ich als spannend erfahren habe, empfinde ich heute oft als sehr langatmig, betulich erzählt. Ich glaube, das so schnell getastete Leben hat mich so verändert, dass ich mich auf langsam Erzähltes nicht mehr einlassen kann – ich bin im Laufe der Zeit viel ungeduldiger geworden.
    Mal gucken, ob sich das wieder zurückstellen lässt.

  • Ich habe immer gerne und viel gelesen, und versuche es heute noch, wenn ich die Zeit dazu habe. Ich habe noch alle Bücher aus der Schulzeit ( Deutsch Leistungskurs, Th. Mann, Böll, Frisch, Benn, Schiller, Sophokles, usw. alleine die Anm. mit Bleistift geschrieben lassen mich staunen, was ich da alles so zu wissen schien ;-). Wenn ich heute, dank Abo, einmal im Monat in`s Theater gehe, dann gucke ich bei klassischen Stücken vorher, ob ich die Reclamausgabe noch habe…oder bei Wikipedia.

    Ich lese je nach Stimmung, ALLE Brunettis ( ich liebe diese Stimmung auch in den Filmen), mit Begeisterung alle Mankell, Olsen,( überhaupt sehr gerne skand. Krimis) und viele der hier vorgestellten, allen voran Kindeswohl. Ich habe es schon einmal geschrieben, das Buch ist einfach toll.
    Nur für schwieriger zu lesende Bücher, für mich zB Distelfink, weil sehr kompakt und dicht in der Sprache, muss ich ausgeruhter sein und Zeit haben.
    Lesen ist für mich eine wunderbare Möglichkeit, abzuschalten. Ich gehe dann früher ins Bett, hab etwas schönes zu trinken neben mir, und dann ist Ruhe.

  • Für mich ist Lesen meist schon geistige Arbeit. Die Entspannung stellt sich dadurch ein, dass die Alltagsprobleme ausgeblendet werden, weil der Kopf beschäftigt ist.

  • hm, ich weiß nicht, ob es geistige Arbeit richtig beschreibt. Ich mag Bücher, bei denen ich in eine eigene Welt eintauchen kann. Das war ganz früher mal Karl May (habe ich geliebt und bestimmt 80% davon gelesen). Bei Science Fiction ist es natürlich extrem. Aber auch bei guten Romanen „lebt“ man das Leben anderer. Vermutlich mag ich deswegen keine blutrünstigen Krimis…

  • Du beschreibst dankenswerterweise eine Entwicklung, von der ich dachte, mir ginge es allein so. Nachdem ich als Kind und Jugendliche alles las, was nicht bei drei auf dem Baum war (incl. Einwickelzeitungen und Erwachsenenbücher), hat das Lesen von Büchern bei mir in den letzten Jahren deutlich abgenommen.
    Mir geht es ebenso, dass ich z.T. nicht mehr die Geduld aufbringe, mich in anspruchsvollen Satzwindungen und langwierigen Handlungen zu verlieren. Ich schiebe die Schuld daran teilweise auf die Schnelligkeit, die das Leben gewonnen hat, aber vor allem darauf, dass mein Kopf nach den Arbeitstagen mit viel Anforderung an Denken, Kommunikation, Vermitteln, Leiten etc. nicht mehr gewillt ist, weiter Leistung zu bringen, sondern bei – zugegeben meist seichterer – Unterhaltung entspannen möchte. Dazu kommen neue Interessen, wie z. B. im Internet hier und da Häppchen aufnehmen oder – ganz neu bei mir – Sport 🙂 .
    Dabei liebe ich es, mich in ein Buch „fallen zu lassen“, ganz und gar in die Atmosphäre einzutauchen und im Flow die Umgebung völlig auszublenden. Das erreiche ich aber nur, wenn ich genug Zeit dafür habe/ mir nehme und ungestört bin. So wie viele Leute mal schnell zwischen 2,3 Haltestellen 10 Seiten lesen gibt mir nichts, deshalb lasse ich es gleich.
    Noch tröste ich mich damit, dass ich ja einen großen Teil der klassischen und sogenannten „Weltliteratur“ zwischen 12 und 25 verschlungen und damit einen guten Bildungsvorlauf habe 🙂 Außerdem muss ich nicht alles mitnehmen, was auf dem Markt ist, denn ein weiser Schriftsteller (M. Twain???)sagte mal „Der Erfolg mancher Bestseller liegt nur darin, dass man erst kauft und dann liest.“ Umso mehr genieße ich, wenn ich mal wieder zum „richtigen“ Lesen komme und in eine andere Welt eintauchen kann, gern die französischen und englischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, aber auch Abenteuer, Science Fiction und Fantasy (in Maßen) geht. Krimis lese ich selten und überhaupt nicht die z.Z. so modernen blutrünstigen Schocker und Thriller. Da geht es mir wie Irit, diese Gedanken möchte ich nicht denken, dann kann ich nicht schlafen 🙂
    Ach so, und für mich bitte Literarisches immer lieber in Papierform, das rundet mir den sinnlichen Gesamteindruck ab.

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