Hermann Koch: Angerichtet

Dieses Buch erschien schon von 2010, bzw. die holländische Originalausgabe war bereits 2009  „Das beste Buch des Jahres“ und auf Platz 7 der europäischen Bestsellerliste. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt, und dass das vergleichbar ist. Eigentlich interessieren mich solche Listen auch nicht, diesen Autor hatte mir aber mal eine sehr freundliche Mitreisende im Zug empfohlen, als wir uns über unsere Enkel (sie zitierte: „Enkel sind der Nachtisch des Lebens“ – das finde ich so schön gesagt und es stimmt) und unsere Lesevorlieben austauschten.

Nun fand ich am Sonntag dieses Buch auf dem Flohmarkt, am Mittwoch hatte ich es durchgelesen!

Ein gutes Buch hat oft auch etwas zeitloses, und das trifft hier zu. Gleichzeitig weist es sehr modern und spannend auf ein paar gesellschaftliche Phänomene hin.

Zwei niederländische Mittelklassepaare treffen sich zum Essen in einem gehobenen Restaurant. Die Männer sind Brüder. Der Ich-Erzähler ist einer davon und in den vorzeitigen Ruhestand versetzter Lehrer. Das Buch ist anhand der Speisenfolge aufgebaut, von A wie Aperitif bis Digestif und zu guter Letzt Trinkgeld. Dieses Ambiente bekommt im waren Wortsinne auch sein Fett ab. Der andere Bruder und zukünftiger Ministerpräsidenten-Kandidat will über die halbwüchsigen Söhne beider Paare sprechen, die schrecklichen Mist gebaut haben. Das wird ganz behutsam entwickelt, spannende Rückblenden und Schleifen zeigen nach und nach das komplette Desaster dieser ach so glücklich sein wollenden Mittelschichtpaare. Ist dieses Glück wichtiger als jegliche Moralvorstellungen? (- und jenseits davon möglich, frage ich mich?) Der Erzähler und seine Protagonisten drehen und wenden das aus ihrer Betroffenheit heraus und scheuen auch nicht vor drastischen Handlungen.

Zwischendurch beim Lesen habe ich mich mehrmals gefragt, ob das jetzt realistisch ist oder der Erzähler uns Visionen auftischt (einen Psychologen sucht er auch auf), die sich später in Luft auflösen. Das Buch hält die Spannung wirklich bis zur letzten Seite. „Ein Pageturner“ steht auf dem Umschlag, bei mir auf jeden Fall.

Dann wollte ich es an Janne weitergeben, die kannte es aber schon und fand es schrecklich. Ja, das ist der Inhalt letztlich auch, aber dieses moderne „Sittengemälde“ regt zum Nachdenken, den eigenen Standpunkt reflektieren und drüber reden an, und das ist für mich immer auch ein Kriterium. Den Rest muss jede selber herausfinden.

3 Kommentare

  • Ich habe das Buch vor Jahren gelesen, mein Eindruck ist also nicht mehr ganz frisch.
    Was dieses Buch so irritierend macht, ist die Erzählerfigur – ein selbstgerechter Psychopath, von Neid auf seinen Bruder zerfressen, voller Aggression. In Unterhaltungsliteratur vermutet man nicht unbedingt einen „unzuverlässigen Erzähler“ und vertraut diesem, bis man ihm nicht mehr folgen kann.
    Beim zweiten Lesen funktioniert dieses Buch für mich nicht mehr, Edgar Allan Poe, der häufig wahnsinnige Erzälhler auftreten lässt, kann man aber mehrfach lesen.

  • Ich habe dieses Buch auch vor einigen Jahren gelesen und fand es auch alles andere als gut. Aber ich hatte vielleicht auch falsche Erwartungen an das Buch.
    Als Diskussionsstoff ist es aber empfehlenwert.

  • Ich möchte klarstellen, liebe LeserInnen und liebe Sabeene, dass ich das Buch schon sehr gut geschrieben und auch spannend und faszinierend aufgebaut fand. Ich fand die Geschichte aber einfach total grausam und das Ende für mich sehr unbefriedigend. Weil nämlich die aufgeworfende moralphilosophische Frage nicht diskutiert und daher auch nicht beantwortet wurde…

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