Berlinale 2. Teil

Berlinale, wie immer geht’s im Februar traditionell um die Welt, ein U-Ticket ist ausreichend. So schön zu sehen, dass „Taxi“ den goldenen Bären bekommen hat, ebenso wie „Que horas ela volta?“ den Panorama-Publikumspreis. Für beide steigt damit die Chance, ins Kino zu kommen und ich gönne allen dieses Vergnügen.

Nach Brasilien komme ich nochmal für „Brasil S/A“, ein Film komplett ohne Dialog. Er ist mehr so eine Choreografie, um Agrarindustrialisierung zu verdeutlichen. So gibt es eine Art Bagger-Ballett, nachdem die schwer körperlich arbeitenden Zuckerrohr-Erntehelfer zu Maschinisten ausgebildet wurden. Der Film ästhetisiert diese Entwicklung und starke Musik unterstützt das.

Auch zum Thema ländliche Entwicklung macht der 3-stündige österreichische Film „Über die Jahre“ eine Bestandsaufnahme. Es wurde nicht langweilig, der Film hat ein ruhiges Tempo, so wie die Leute im Waldviertel auch. Über 10 Jahre werden Arbeiter und Arbeiterinnen einer Textilfabrik begleitet, die den Betrieb einstellt. Einige wenige suchen und finden neue Arbeit, am energischsten eine Frau. Andere behalten ihren alltäglichen Rhythmus bei, erweitern ihre Hobbies oder Unterhalts-möglichkeiten. So gräbt einer aufwändig Wurzeln aus, die ein Sturm hinterlassen hat, um günstig an Brennholz zu kommen.

Was mich an diesem Film beeindruckt hat, war einmal, das ich akustisch absolut nichts verstanden habe und die englischen Untertitel lesen musste (sollte man überhaupt untertiteln, wenn die Originalsprache unverständlich ist?); weiterhin die stoische Kameraführung, kaum Bewegung, außer man begleitet ein Gefährt. Die Protagonisten werden an immer derselben Stelle frontal zur Kamera platziert, was ihre Unbeweglichkeit zusätzlich unterstreicht. Mit der Zeit nimmt man dadurch Veränderung oder auch Nicht-Veränderung sehr genau wahr; die Einfachheit, Bescheidenheit, Anspruchslosigkeit der Personen ist phänomenal. Aber auch die Offenheit gegenüber der Kamera, sofern man nicht die unverständliche Aussprache als Gegenteil interpretieren will. Von den Mittelklasse-Pärchen der ersten Filme bin ich hier weit entfernt…. Trotzdem haben die Menschen ihr Auskommen und eine unglaubliche Zufriedenheit.

Am Freitag reise ich wieder auf den amerikanischen Kontinent, „El Incendio“ spielt in Argentinien. Ein junges Paar will eine Wohnung kaufen. Der Kauf wird kurzfristig um 1 Tag verschoben, was ihre Planung durcheinander bringt. Erst einmal müssen sie das komplette Bargeld (was sie in Outdoor-Gürteln eng am Körper durch die Gegend karrten) in der alten, schon von Umzugskisten vermüllten Wohnung und offenbar auch voreinander verstecken. Dann stellen sie die Beziehung infrage. Sie hat einen Teil des Geldes für die Wohnung von ihren Eltern bekommen. Er verkraftet das nicht. Dazu kommen Schwierigkeiten auf der Arbeit, weil er einen Schüler, der wiederum ein Mädchen ekelhaft bedrängt hat, hart angegangen ist. Zuhause redet er nicht darüber, hat schlechte Laune. Also geht sie alleine auf eine Party, doch er kommt später nach und provoziert. In der Garage streiten und prügeln sie sich, was dann in Sex „ausartet“. Nachts demoliert er die alte Wohnung, legt sich mit einem Nachbarn an, der sich über den damit einhergehenden Lärm beschwert. Sie weint, reden können sie wieder nicht. Aber am nächsten Tag unterschreiben sie gemeinsam den Kaufvertrag. Der Film ist zu Ende, die Spirale der Gewalt wird weitergehen, denn sie ist allgegenwärtig.

Zurich: Eigentlich gehe ich eher nicht in Filme, die sich explizit mit Tod und Trauer u.ä. beschäftigen, das Leben bietet mir da genug. Aber an „Zurich“ gefiel mir die Beschreibung, das Vage, „intime Nähe…eine Bewegung des Driftens und Abdriftens“. Der holländische Film spielt überwiegend auf deutschen Autobahnen, die Hauptdarstellerin trampt mit LKW-Fahrern, manchmal singt sie in einer Kneipe. Sie bleibt auf Distanz, wenn jemand mehr von ihr wissen will, haut sie ab. Der Film wirkt dokumentarisch und er arbeitet mit dem Trick Teil 2 vor Teil 1 zu zeigen. So weiß man lange nicht, was passiert ist, was die Verstörung der Frau auf die Zuschauer überträgt. Es ist nicht nur Trauer, die sie zu bewältigen hat, es ist so viel mehr und bleibt bis zum Ende ausweglos.

Den letzten Tag beschließe ich mit „Superwelt“ aus Österreich und einem rumänischen Film „Why me?“. Auch Superwelt spielt auf dem Land, eine Kassiererin hat seltsame Ausfälle (wird sie dement? fragte meine Begleiterin) oder sind es Einfälle – und gibt dem nach. Damit stößt sie nach und nach ihre ganze Familie vor den Kopf. Das Ambiente dieser Reihenhaus-Familie mit Grillen am Samstag und „eine neue Küche bekommst du nicht mehr, diese muss bis zum Ende reichen“ –Ehemann ist so komplett einfältig, das das Abdriften der Hauptperson zwar skurril, aber nachvollziehbar wird. Eigentlich sucht sie nach Antworten auf die üblichen Fragen: wer bin ich und wozu? Aber Gott, den sie fragt, bleibt die Antwort schuldig. Ihre Not ist zu spüren, und wenn hier die Kamera sehr nah an die Personen herangeht, ist es nicht voyeuristisch; der Film arbeitet stark mit Symbolen, teils märchenhaft. Nach Unwetter mit Blitz und Donner findet das Ehepaar wieder zusammen und die Rückkehr zur Normalität beginnt. Enden tut das Ganze mit einem überflüssigen happy end á la soap opera: in der Waschküche gibt es Sex. Dieser Film ist ein krasser Gegensatz zu „Zurich“ und hat doch Gemeinsamkeiten: was ist normal, wie weit kann/muß ich gehen, kann ich (mit-)teilen was in mir vorgeht?

Sehr akribisch zeigt der rumänische Film „Why me?“ die Auseinandersetzung mit der Korruption im Nach-Securitate Rumänien von 2002 beruhend auf Tatsachen. Ein ambitionierter Staatsanwalt wird auf einen Betrüger, ein hohes Tier angesetzt. Erst scheint er die Rückendeckung bis zur Ministerin zu haben, aber es ist ein Spiel und alle spielen mit, da kann ein einzelner nicht aussteigen. Seine Bemühungen werden bis zur Lächerlichkeit konterkariert, und da er den legalen Rahmen nicht verlassen will, scheitert er. Als er trotz Suspendierung weiter ermittelt, bekommt er die Methoden des Geheimdienstes selbst zu spüren, wird gelinkt und erpresst. Auch seine Lebensgefährtin, ihm helfen wollend, spioniert ihm nach. Sein Vertrauen ist gebrochen, er springt.

Mein Resümee

Beginnend mit einer „Taxi“fahrt spielten auf dieser Berlinale die Fortbewegungsmittel eine große Rolle. Und selten habe ich in so kurzer Zeit so viele Szenen in und mit LKWs gesehen. Die meisten Protagonisten waren auf der Suche: nach sich selbst, nach Erlösung, nach einer neuen Arbeitsstelle, nach der Wahrheit, nach einem Weg aus dem Schmerz.

…und ein Geheimtipp: In der Woche nach der Berlinale wiederholt das Kino Arsenal einige der Filme aus der Forum-Reihe. In dieser Woche wird u.a. „Superwelt“ noch einmal gezeigt.

Viel Spaß im Kino!

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.