Berlinale 1. und 2. Tag

Berlinale, wie immer geht’s im Februar traditionell um die Welt, ein U-Ticket ist ausreichend. Wir reisen tageweise: an einem Tag werden Karten gekauft, am nächsten geht’s ins Kino. Dann wieder Karten, wieder Kino.

1.Tag  TAXI und „Meurtre à Pacot“

Wir beginnen unsere cineastische Reise in Teheran. Hier dreht der vom Berufsverbot betroffene Regisseur Jafar Panahi seinen Film im Taxi. So heißt er dann auch. Überall wird dieser Film positiv besprochen und begeistert empfohlen. Zu Recht! Er ist von Beginn an witzig, spielt komplett mit dem Sujet Filmemachen, Zensur, und ihrer Unterwanderung. Was ist Realitätsverdrehung? Mehrmals fragten wir uns, ist das jetzt echt oder gestellt? Es ist egal, denn es ist Film! Es ist auch traurig, wenn Jafar Stimmen hört und erklärt wird, das kommt von den Verhören mit Augenbinde; und es macht wütend, wenn eine Rechtsanwältin, die eine Hungerstreikende besuchen will, erzählt. Von Teheran sieht man Straßen, ein bisschen Leben auf ihnen, viele kleine Gässchen mit hohen Mauern, die die Enge fühlen lassen. Aber unschöne Realität darf nicht gezeigt werden, sagt das Lehrbuch der Filmhochschule. Läßt man sein Auto unbeoachtet, wird schnell alles geklaut. So endet der Film, als Jafar kurz weggeht. Ich bin gespannt, ob er einen Preis bekommt.

Nachmittags geht es mit der U 8 ins Cubix, also genauer nach Haiti, hier spielt Meurtre à Pacot. Er handelt von der Zeit nach dem Erdbeben, ein bürgerliches Paar lebt in den Resten seiner Villa und kommt nur hadernd mit der Situation zurecht. Auch haben sie ein adoptiertes Kind unter den Trümmern verloren. Um wieder zu etwas Geld zu kommen, vermieten sie einen Teil ihrer „Bruchbude“ an einen Entwicklungshelfer, der dann mit einer patenten farbigen Freundin dort einzieht. Kammerspielartig werden die gesellschaftlichen Gegensätze verhandelt und am einer Handvoll Individuen deutlich. Wer hilft wem, was ist gerecht, was ist Schuld, wie kann das Leben weitergehen? Der Film arbeitet sich langsam (er läuft 130 Minuten) an diesen Fragen ab, das Ende bietet ein überraschendes Show-Down. ARTE hat mitproduziert, vormerken und unbedingt anschauen, wenn er ins TV kommt.

2. Tag

Während ich auf den Film warte, mache ich eine Schokoladenverkostung mit den Sitznachbarn, sie haben Mandel-Honig-Salz, ich biete dafür schweizerische Ingwer-Schoki. Das sind die immer wieder netten Momente, die ich so mag.

Offiziell wird dieses Festival ja als Berlinale der „Starken Frauen“ verkauft, wobei die Filme mit Nicole Kidmann und Juliette Binoche eher mittelmäßig wegkommen. Ich kann nur feststellen auch in meinem bisherigen Programm beeindrucken die Frauen: in „Taxi“ ist es die ca. 12jährige Nichte des Regisseurs, die sehr klug argumentiert. In „Meurtre a Pacot“ rahmte sich das Spiel um die Ehefrau des Paares sowie die Freundin des Entwicklungshelfers, deren Aktionen den Film vorantreiben…

Heute nun sah ich „Que horas ela volta?“, eine portugiesische Produktion und die Regisseurin ist eine Frau (Pro Quote Regie weist dieses Jahr auf das eklatante Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen in dieser Branche hin; je teurer der Film desto weniger Macherinnen gibt es). Im Festival-Reader steht zu „Que horas ela Volta? (The second mother)“: „subtiles Gesellschaftsbild und zugleich Studie einer beginnenden Emanzipation.“ Für mich gab es viele Parallelen zu dem haitischen Film. Ein bürgerliches Paar im brasilianischen Sao Paulo (die Mittelschicht wird auch hier durch 1 Swimmingpool repräsentiert!) hat eine Hausangestellte –Val-, die den Sohn großzieht. Derweil lässt sie ihre eigene Tochter im entfernten Zuhause von einer Freundin aufziehen. Als die inzwischen erwachsene Jessica zum Studieren ebenfalls nach Sao Paulo kommt, kippt die austarierte Standesgesellschaft. Die Tochter nimmt die lediglich formal-höfliche Einladung das Gästezimmer zu nutzen an, anstatt es „standesgemäß“ abzulehnen. Sie tafelt mit dem Hausherrn, kifft mit dem Sohn am Pool usw. .Ihre Mutter kann diese Widersprüche kaum aushalten. Nach und nach missfällt es auch der Hausherrin, die schon damit zu kämpfen hat, dass ihr Sohn sich lieber von der Angestellten küssen und herzen lässt als von ihr.

In dezenten Szenen, ohne die Beteiligten vorzuführen, sehen wir z.B. wie der 17jährige Fabinho nachts zu Val, der Haushälterin, ins Bett schlüpft, weil er nicht schlafen kann und sie genau weiß wie sie ihn am Hinterkopf zu kraulen hat. Am nächsten Morgen verschläft sie prompt. So kommt Dona Barbara  in die Küche, wo Vals Tochter bereits wartet. Schließlich macht Barbara ihr das Frühstück, das Rollenklischee wird umgedreht. (Aber wieso kann eine 20-jährige sich eigentlich nicht selbst ein Frühstück machen?)

Neben dem Sohn des Hauses gibt es noch den blassen kränklichen Hausherrn, der sich zum Malen ins Gartenhäuschen zurückzieht und diese Standesdünkel irgendwie nicht so ganz mitspielen mag, jedoch – obwohl er der Finanzier des Ganzen zu sein scheint – seiner resoluten Frau das Regiment überlässt.

Es eskaliert als Vals Tochter – enttäuscht und genervt von der Untertanenhaltung ihrer Mutter abhaut. Langsam beginnt Val das System zu durchschauen, welches letztendlich alle unglücklich macht. Sie kündigt ihre Stelle und zieht zur Tochter, die ja auch schon 1 kleinen Sohn zurückgelassen hat…

Der Film zeigt, wie sich Systeme konservieren, perpetuieren und kopieren; wie aber auch Bewegung und Veränderung möglich ist, wenn man Dinge einfach mal in Frage stellt.

Mein Lieblingsdialog: Der Hausherr fragt die Tochter der Angestellten „Glaubst du an Wiedergeburt?“ „Ich weiß nicht, darüber habe ich noch nicht nachgedacht“, antwortet diese. Darauf er „Ich glaube es nicht, wir haben nur diese eine Chance. Heirate mich!“

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