Kindeswohl von Ian MacEwan, eine unbedingte Empfehlung, oder

was habt ihr denn von mir erwartet? Ich liebe ihn und ausnahmslos alle seine Bücher (auch wenn ich Saturday nach wie vor mit Abstand am besten finde wegen der unglaublichen Erzähldichte) und das neue Exemplar ist keine Ausnahme.

Kindeswohl handelt von einer Londoner Familienrichterin am High Court in London – sie ist eine wichtige Richterin und sie nimmt ihr Amt ernst. Auch wenn ihre kinderlose Ehe derzeit dadurch durcheinander gewirbelt wird, dass ihr Mann seine sexuelle Befreiung mit einer Jüngeren sucht, da sie sich ihm nicht ausreichend widmet. Sie hat einen komplizierten Fall zu entscheiden: Ein Junge kurz vor der Volljährigkeit verweigert analog zu den Glaubenssätzen der Zeugen Jehovas, in deren Welt er aufgewachsen ist, Bluttransfusionen, obwohl aufgrund seiner schweren Erkrankung an Leukämie sein sicherer und qualvoller Tod droht.

Fiona Maye hat zu entscheiden, ob sie ihm diese Entscheidung überlassen will oder ihn gegen seinen und den Willen seiner Eltern zwangsweise behandeln lässt. Sie entscheidet sich in einem beeindruckenden Prozedere für die Zwangsbehandlung, und der Junge wird gesund. Nur wendet er sich jetzt aufgrund ihrer Argumentation und unter dem Eindruck ihrer Persönlichkeit von seinem Glauben ab und in einer beunruhigenden Weise ihr persönlich zu. Es erinnert an einen Stalker, Briefe, Gedichte, schließlich Verfolgung und unerwartetes Aufsuchen. Mit dem ebenso schlichten wie verstörenden Anliegen, nunmehr bei ihr leben und erwachsen werden zu wollen, nachdem er seine Religionsgemeinschaft verlassen hat, respektive von dieser wohl auch verstoßen wurde. Sie schreckt zurück, was ich gut verstehen kann – wie sieht das denn aus, das geht doch nicht, was sollen die Leute denken, ihr Mann…. Aber sie sorgt dafür, dass er gut auf den Weg kommt und seinen Eltern Bescheid gibt, und entlässt ihn mit einem Kuss in sein reiches vor ihm liegendes Leben. Bis etwas Unerwartetes geschieht…

Mehr nicht, ich hoffe, ich habe euch Appetit gemacht und ihr lest dieses großartige Buch!

7 Kommentare

  • Vielleicht irre ich mich, aber wurde das Buch nicht verfilmt und der Film läuft auch schon im Kino?

  • Appetit geweckt – Mission erfüllt. Klingt spannend und vom Plot her interessant. Den Autor kannte ich noch nicht, das wird sich jetzt ändern.

  • Nein, Tromsi, das kann nicht sein, das Buch ist ganz neu… Ich habe auch noch nichts davon gehört…

  • Für mich ist „Abbitte“ der stärkste Text von MacEwan. (Bitte keinesfalls mit „Zementgarten“ anfangen.)

  • …und die lustigste Geschichte ist „Die Entfernungscreme“ (schon ein bisschen älter). Gestern war Ian McEwan ein ganzer Tag mit Lesungen und sehr teils skurrillen Erlebnissen seines Übersetzers B. Robben in den Berliner Festspielen gewidmet. Er selbst stellte sich in einem 1-stündigen Gespräch den Fragen von Daniel Kehlmann. Aus dem neuen Buch las Eva Matthes. Eine wahrlich hochkarätige Veranstaltung. Ian McEwan schafft es immer DIE gesellschaftspolitischen Themen in spannende und fundierte Lektüre zu transformieren und derzeit ist das unbedingt die Rolle der Religion in unserer Gesellschaft.

  • Das ist das beste Buch, was ich seit langer Zeit gelsen habe. Und ich werde es ganz sicher noch einmal lesen ( müssen. Ich bin immer noch ganz hin und weg.

  • Das freut mich sehr, Julia!!

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