Kino: 2 Tage, 1 Nacht und Im Labyrinth des Schweigens

Diese beiden Filme habe ich in den letzten Wochen gesehen und möchte sie empfehlen. Beide sind inhaltlich politisch, in der Form so unterschiedlich, passen sie doch auch zusammen.

Schon vor rund 3 Wochen sah ich „2 Tage, 1 Nacht“ in der deutschen Fassung. Noch immer ist er mir sehr präsent, was schon mal für ihn spricht. Die Brüder Dardenne haben diesen Film gedreht mit einer wunderbaren Schauspielerin: Marion Cotillard, die anderen Mitwirkenden sind Laien.

Zeit online schreibt: „Sandra“ oder „Bonus“ – knapper und treffender als Jean-Pierre und Luc Dardenne kann man die wirtschaftliche Krise kaum aufs Menschliche herunterbrechen.

Es geht um Solidarität. Wer ist wie lange mit wem warum solidarisch. Dieses Thema ist zu Zeiten der Streiks von Bahn und Lufthansa ja durchaus aktuell. Hier wird es sehr wirklichkeitsnah, ja fast dokumentarisch inszeniert: Sandra hat nach 3 Monaten Fehlzeit wegen einer Depression ihre Arbeit in einer Solarmodulfabrik wieder aufgenommen. Da die KollegInnen auch in ihrer Abwesenheit gute Leistungen erbracht haben, stellt der Abteilungsleiter sie kurzerhand vor die Wahl: entweder bekommen alle 1 Prämie (das sind 1000.-€) oder Sandra wird weiter beschäftigt. Man stimmt für die Prämie.

Erst auf Druck einer Kollegin soll die Abstimmung am Montag anonym wiederholt werden. Sandra hat also die Chance ihre KollegInnen umzustimmen. So begleiten wir sie bei ihrer Überzeugungsreise. Zwischendurch muss sie immer mal wieder selbst überzeugt werden. Ihr  Mut verlässt sie, noch ist die Depression in frischer Erinnerung und so stellt sie  nicht nur sich und ihre Beziehung in Frage, geht schließlich bis zum Äußersten…

Nach und nach lernen wir ihre KollegInnen kennen – ganz normale Menschen in der belgischen Provinz – und damit die verschiedensten Beweggründe, die für das Geld sprechen. Keine ist mit Reichtümern gesegnet, sondern hat arbeitslose Partner, unbezahlte Wohnungen. Nur: so geht es Sandra ja auch. Wir bekommen die Situationen aus nächster Nähe präsentiert, das Wechselbad der Gefühle, wenn die knappe Mehrheit erreicht scheint.  Das Ergebnis bleibt spannend und der Film überrascht auch am Schluss mit einer weiteren Wende. Man fragt sich, wie würde ich entscheiden? Wer hat die Macht, Menschen so gegeneinander auszuspielen – und doch gibt es immer eine Wahl!

Das leitet direkt zum zweiten Film über:  Auch „Im Labyrinth des Schweigens“ ist eine Erkenntnis `Wir haben eine Wahl`. Nach der fast dokumentarhaften Dreharbeit von „2 Tage, 1 Nacht“ schlägt dieser Film den umgekehrten Weg ein. Er dokumentiert die Geschichte der juristischen Aufarbeitung der Gräuel-Taten in Ausschwitz als Spielfilm; dabei zeigt er in geschmackvollen Bildern (was bei den dumpfen 50/60ger Jahren teilweise irritiert) wie seit 1958 Staatsanwalt Johann Radmann (Darsteller Alexander Fehling gibt den Berufsanfänger geradlinig und ehrlich) akribisch versucht die Täter des KZ Ausschwitz zu finden und vor Gericht zu stellen.

Alle scheinen gegen dieses Ansinnen zu sein, wollen vergessen, was gewesen ist, unsere amerikanischen Freunde inklusive. Alle außer sein Vorgesetzter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (sehr überzeugend dargestellt vom kürzlich verstorbenen großartigen Wiener Burgschauspieler Gert Voss), der die Einordnung in die große Politik vornimmt und den Überblick behält. Ich finde es bezeichnend, dass dieser Film von einem italienischen Regisseur und unter amerikanischem Verleih zu uns kommt, im Ausland kann man sich diesem Stoff unbefangener nähern. Nichtsdestotrotz: seinem Anliegen wird er gerecht. Nach diesem Film versteht man umso besser wie notwendig für die 68ger Bewegung die Abnabelung von der (Groß-)Väter-Generation war. Ohne Verarbeitung der Vergangenheit kann man sich nicht der Gegenwart widmen, weh tut es trotzdem. Und wie gesagt eben auch: Man hat immer eine Wahl. Ergänzend möchte ich mein Lieblingszitat von Adorno anfügen: es gibt kein richtiges Leben im falschen.

Ein Kommentar

  • „Zwei Tage, eine Nacht“ ist definitiv sehr sehenswert. Wer den im Kino verpasst hat, kann ihn auf DVD nachholen, die erscheint im März. Trotz des eher schwierigen Themas ist der Film nie deprimierend, sondern durchaus lebensbejahend und unterhaltsam. Marion Cotillard ist eine wunderbare Schauspielerin und hier eine perfekte Besetzung. Kann ich nur empfehlen.

Deine Meinung?