Zwei Bücher über Magersucht, ein ernstes Thema, oder

versteht eine von euch dieses immer gehäufter auftretende Phänomen? Ich nicht so richtig, aber ich dachte, ich versuche es mal wieder und habe mir daher sowohl Kerstin Grethers „Zuckerbabys“ als auch Lara Schützsacks „Und auch so bitterkalt“ bestellt.

Beide waren sehr interessant und jedes auf seine Art auch lehrreich. Zuckerbabys ist aus der Sicht einer fiktiven jungen Hamburgerin geschrieben, die in eine manifeste Magersucht hineinrutscht. Die junge Graphikerin Sonja könnte die Zeit ihres Lebens haben: Gerade in die Großstadt gezogen, lernt sie die lässigste Mädchenband und einen umschwärmten Rocksänger kennen und lieben. Sogar ihr Traum, Sängerin zu werden, erfüllt sich Schritt für Schritt. Da schlägt ihr Lebenshunger plötzlich in echten Hunger um. Den perfekten Bildern unserer Medienwelt entkommt sie genausowenig wie einst den überkritischen Ratschlägen ihrer Mutter. Kerstin Grether hat nicht einfach einen Roman über Magersucht geschrieben, sondern – auf verblüffend humorvolle Art und Weise – das Psychogramm einer ganzen Gesellschaft in der Krise gezeichnet. Die Autorin ist 1975 geboren und lebt als Künstlerin in Berlin – ich war sehr beeindruckt von ihrem Sprachtalent und ihrem Witz.

Bitterkalt wird es auch dem Leser, wenn er das Buch von Lara Schützsack, das übrigens für jedes Alter empfohlen wird, liest. Erzählen tut Malina, die Schwester von Lucinda, einem wunderbar strahlenden Sternenkind, furchtlos, abenteuerlustig und der Schwarm aller Jungen. Doch es ist nicht alles gut, was strahlt. Lucinda verfängt sich in der Pubertät, der Entwicklung vom Mädchen zur Frau und schließlich in ihrer Todessehnsucht, die sie über ihre Magersucht ausagiert. Dieses Buch geht nicht gut aus. Ich empfehle es trotzdem, weil es sensibel und klug den selbstzerstörerischen Mechanismus dieser Krankheit zeigt, die die von ihr bessenene Lucinda dazu bringt, jede Hilfe mit äußerster Kreativität in ihr Gegenteil zu verkehren, indem sie nicht ihr Leben, sondern ihre Magersucht mit allen Mitteln schützt.

Ich verstehe zwar immer noch nicht alles, aber eine Menge mehr. Es gibt ja auch ein intuitives Verstehen über Literatur, das klappt bei mir manchmal besser als das Nachschlagen von Informationen.

 

3 Kommentare

  • Liebe Janne,
    leider bin ich seit Jahrzehnten mit dem Thema vertraut. Eine nahe Verwandte (geprügeltes Kind, Einserabiturientin, Medizinstudium, heute Mitte 60) hält sich immer so an der Grenze zum Verhungern. Mit eiserner Energie bewältigt sie ihren Alltag, versucht es allen recht zu machen. Sie hat natürlich volle Einsicht in ihre Krankheit, aber riesige Angst, sie loszulassen, in ein tiefes Loch zu fallen. Ein Leben lang hungert sie, sieht anderen beim Essen zu.
    Mir tut es in der Seele weh, das mit anzusehen. Welcher Verlust an Lebensqualität!
    Medien oder Vorbilder hatten damals bestimmt keinen Einfluss auf die Entstehung der Krankheit, eher der Wunsch, wenigstens in einem Bereich die Kontrolle zu haben. Nicht nur ohnmächtig, sondern auch stark zu sein, stärker als die (heimlich) gehassten Autoritäten.

  • Ich finde es auch grauenhaft, das mit anzuschauen. Ich habe es in den letzten Jahren teils hautnah mitbekommen und mich friert es dabei. Wirklich helfen ist fast unmöglich, und es scheint auch eher zufällig, wer dieser Todesfalle entwischt und wer es nicht schafft.

  • In der Literatur wird es immer so dargestellt, dass Anorexie ein Problem junger Frauen sei. Ich weiß nicht, ob es möglich ist, ohne (Psycho-)Therapie da rauszukommen. Wenn man nicht daran stirbt, hat man irgendwann einen durch Unter- und Mangelernährung geschädigten Körper, nur noch Flaumhaar auf dem Kopf, Osteoporose.
    Und nicht zu vergessen, dass keine Kraft für Sozialkontakte bleibt. Die gesamte Energie wird in den Kampf gegen den eigenen Körper gesteckt.
    Du hast recht, es friert einem dabei. Und ich sehe nicht, wie ich helfen kann.

Deine Meinung?