Kino: Rückblick Berlinale

Auch dieses Jahr hieß es wieder: Einmal um die Welt mit der Berlinale. Oder: viereckige Augen

Dafür setze ich mich nur in den M 41–Bus, der mich direkt von um die Ecke bis zum Potsdamer Platz chauffiert. Beim Lesen der Film-Rezensionen in der Zeitung entdeckte ich dann, dass auch der 41-er-Bus inzwischen ein virtuelles Eigenleben führt. Jemand hat ein Lied auf ihn gedichtet und vertont, es gibt ein You-tube-video und Crowd-Funding-Aktivitäten, um das Lied zu verbreiten. Der Bus kommt nämlich gar nicht oder gleich zweimal hintereinander…

Erst mal verbessert die Berlinale ja die Englisch-Kenntnisse, weil fast alles in dieser Sprache oder in Englisch untertitelt läuft. Jetzt weiß ich auch was Schrottplatz heißt, nämlich „scrapyard“, wichtig wenn frau im Ausland mal dringend ein Ersatzteil benötigt. „Casse“ heißt es wahrscheinlich auf französisch wie der gleichnamige Film von Nadége Trebal, die einen französischen Schrottplatz und seine Nutzer beobachtet. Sehr fein gemacht, liebenswerte ruhige Einstellungen und philosophische wie politische Betrachtungen der Schrauber. Ich schau mir im Urlaub ja immer gerne Friedhöfe an, weil das über den Umgang der entsprechenden Kultur mit dem Tod und damit auch dem Leben viel aussagt. Das gilt offenbar auch für einen Autofriedhof!

Gestartet habe ich meine Filmreise in Italien. Der Film „in Grazia di dio“ zeigt 4 Frauen aus 3 Generationen die die Landarbeit aufnehmen, nachdem die Globalisierung ihre kleine Textil-Fabrik ruiniert hat. Die Oma verliebt sich und heiratet, was die Enkeltochter ganz schrecklich findet (Sex mit 65, iiih). Diese wiederum ist ledig schwanger und findet nicht den Vater heraus, wird stattdessen vom Ex-Lover verprügelt (dann lieber Sex mit 65, oder?). Und die Tomaten glühten in der Sonne und die Vermarktung funktionierte auch. Der Film spielt mit unseren Vorstellungen und bedient sie nur bedingt bzw. lässt andere Perspektiven zu. Allerdings wird das (italienische) Landleben auch ein bisschen arg romantisiert.

Von dort gings am nächsten Tag direkt nach Indien, wir (die Schwiegermutter meines Sohnes und ich) sahen  „Amma & Appa“. Bayrisches Girl wird den tamilischen Eltern ihres Freundes vorgestellt, 5 Monate später reisen die bayrischen Schwiegereltern in spe nach, stilgerecht mit Trachten und Lebkuchenherzen im Gepäck. Ein semidokumentarischer Film, sehr bunt und lustig, nicht nur die Tradition der arrangierten Ehe kommt auf den Prüfstand. Die Mutter des zukünftigen Ehemannes ist sehr traurig, weil die Söhne in Indien bei der Mutter bleiben und deren Altersversorgung sichern. Dazu belastet sie die Problematik Alkohol, dem er in Deutschland ausgesetzt sei. Zumindest die beiden jungen FilmemacherInnen arbeiten auf ein Happy End hin, sie heiraten noch diesen Monat. Alles Gute! Bemerkenswert fand ich die Übereinstimmungen zwischen bayrischer und tamilischer Kultur, farbenprächtig bunt und kitschig, wie auch die ehrlichen Statements aller Beteiligten.

Nicht so glücklich sind die Eindrücke von Kairo, eine Langzeitdoku über den Tahrir, wie geht es dort weiter, immerhin offen, das zeigt der Film „Al midan“. Die jungen Revolutionäre werden erwachsen, aber so richtig konkret ist es nicht greifbar, es verharrt doch in Parolen.

Ganz schrecklich die Geschichte eines iranischen Päarchens, die nicht zusammen sein können, er tötet im Psychowahn ihren Vater (der gegen die Verbindung ist) und wird dafür gehenkt. Dies wird explizit gezeigt in „Asabani Nistam“ von Reza Dormishian! Ein grausames Statement gegen die Todesstrafe, zeigt aber gut, wie der Alltag im Iran die Leute verrückt macht.

Anstehen nach Karten? Diesmal nicht, nur am Anfang einmal 1,5 h, dafür mit Gesprächen und Tipps an die Mitwartenden, ich finde das ganz lustig. Meistens bin ich zur Tageskasse und habe meine Favoriten, oder die 2.Wahl problemlos bekommen. Ich kaufe dann meist gleich 2 Karten und frage reihum die Freundinnen.

Vorab hatte ich Karten für „Anderson“ bestellt und das war eine richtig gute Entscheidung. Es wollte zwar niemand mit und so freute sich jemand aus der langen Schlange vorm ausverkauften International zum

Abstecher in die frühere DDR (bei den Q&A* nach diesem Film gibt es sogar eine  Übersetzerin, weil unsere Brüder und Schwestern in 25 Jahren immer noch nicht englisch können?): die schillernde Persönlichkeit des Underground-Künstlers und IM Sascha Anderson wird sehr persönlich beleuchtet. Die Zeitgenossen geben Auskunft, sind immer noch eitel: „Wir haben uns doch früher nur alle 3 Wochen die Haare gewaschen, das sah dann richtig gut aus.“

Gibt’s auch heute noch: ich sitze eigentlich immer am Rand im Kino, damit ich ggf. ohne zu stören gehen kann. Nun hatte ich keinen anderen Platz als in einer Reihe und ein junger Mann setzt sich neben mich. Ich muß die Luft anhalten, was kann ich tun? Platz wechseln bedeutet immer auch, es könnte ja noch schlimmer werden (Parfüm, Haare, Großköpfe). Ich bleibe und sehe den Film eher aus den Augenwinkeln, weil ich meine Nase zur anderen Seite wenden muss.

Zurück zu „Anderson“. Dieser Film gehört in den Schulunterricht, Fach „Staatsbürgerkunde“. Auch ist er komplett unvoyeuristisch gemacht. Unbedingt anschauen, er soll ins Kino kommen!

Als Feministin interessierten mich auch „Vulva 3.0“ und „She´s lost control“ (spielt übrigens in Manhattan). Ich bestaune im Sportstudio ja schon diese wahnsinnigen Tattoos, aber das ist nichts gegen die um sich greifende (Un-)Art, dass frau sich die Genitalien richten lässt! Die müssen heute symmetrisch sein, ja so wie meine Füße gleich groß, meine Beine gleich lang und meine Brüste gleich schwer sind. Haha, kleiner Scherz, da lass ich ja auch nicht dran rumhacken. Zumindest eine lukrative Einnahmequelle für Ärzte, der Film bezieht Position dadurch, dass er das Thema ziemlich trocken und umfassend beleuchtet, sollte auch in die Schule – vielleicht in den Ethikunterricht? Ich dachte, einerseits kämpft mensch gegen Genitalverstümmelung und andererseits hier zahlen vorwiegend Frauen viel Geld, um sich welchem Ideal an zu passen?

„She´s lost control“ zeigt die Arbeit einer Psychologin, die mit Männern die körperliche Nähe einübt.  (Vielleicht sind die von den vielen Tattoos abgeturnt?) Es wurde hervorragend geschauspielert und die junge deutsche Regisseurin war auch sehr sympathisch; der Film ließ aber mehr Fragen offen als er sie beantwortete.

In Tadschikistan hält „Chilla“ ein 40-tägiges Schweigegelübde ab. Folgerichtig wird wenig gesprochen, ich muss das nicht verstehen, aber ich habe es gerne gesehen.

Den Film über den rumänischen Schriftsteller und KZ-Überlebenden Norman Manea habe ich auch nicht verstanden, da wurde auch kaum geredet, hauptsächlich wurden seine Texte eingeblendet, ich bin dann früher gegangen.

Für „Macondo“ wiederum stand ich samstags früh auf, und hatte meine Premiere im Zoo-Palast. Ein tolles Kino, sehr bequem mit Tischchen zwischen den Sitzplätzen, aber Getränkeverbot in den Vorstellungen. Dies war auch mein erster Wettbewerbsfilm und richtig schönes Kino. Diesmal sind wir in Österreich in einer Asylbewerber-Siedlung. Aus der Perspektive des 11-jährigen Tschetschenen Ramasan wird die ganze Bandbreite der Asylpolitik aufgefächert. Ohne viel zu sprechen wird ganz viel erzählt, die Zwänge und Zwickmühlen, die kleinen Freuden und die großen Probleme werden offensichtlich.

Am Sonntag ist der sogenannte Kinotag, für Filme an diesem Tag gibt es die ganze Zeit Karten im Vorverkauf. Irgendwie ist wohl die Luft raus, denn ich bekam noch Karten für „Love is strange“ sowie „Two faces of january“ an der Tageskasse und beendete meine Berlinale-Reise stilgemäß im Zoopalast, bzw. in New York, wo der erste Film spielt und von dort weiter ins Griechenland der 60er, Kreta und nach Istanbul, wohin die Protagonisten fliehen. Dieser Film von Hossein Amini basiert auf Patricia Highsmith, die Musik ist von Alberto Iglesias, die schönen Schauspieler sind schön angezogen und anzusehen. Von Istanbul ist es nicht weit, ich nehme die U-Bahn und fahre heim nach Kreuzberg.

Ach ja, und außer Konkurrenz sah ich noch den Film über Tanja Liedtke „life is movement“, siehe dazu die Besprechung bei Berlin-woman, der verfolgt ihr Tanzleben von Stuttgart bis Australien.

 

Ein Kommentar

  • Danke für diese informative „Mitnahme“ durch die Berlinale. Wie schaffst du es so viele Filme in der kurzen Zeit zu sehen (Urlaub?) und zu verarbeiten?
    “ Anderson“ würde ich mir ansehen, schon um zu sehen, wie man mit 3 wöchiger Waschpause glauben kann, noch richtig gut auszusehen. Das war übrigens auch in der DDR die Ausnahme, im Normalfall waren wir schon relativ sauber 😀

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