Das ist das Jahr der Bücher mit Jahreszahlen, diesmal 1936, oder

Ostende, Sommer der Freundschaft. Nach 1913 und 1813, die ich beide mit großem Vergnügen gelesen habe, nun von Volker Weidermann die Geschichte der Emigranten, die sich vor den Nazis aus Deutschland nach Belgien geflüchtet haben in Erinnerung an bessere Zeite und Sommer in Ostende.

Die Nazis bereiten ihr Drittes Reich vor, die Bücher sind bereits verbrannt. Auf den Listen der verbotenen Bücher stehen die von jüdischen Schriftstellern, aber auch die von missliebigen deutschen Autoren wie beispielsweise Irmgard Keun, deren Protagonistinnen weit von dem nationalsozialistischen Frauenbild entfernt sind (wunderbare Bücher: Gilgi, eine von uns  oder Das kunstseidene Mädchen, sie lohnen sich heute noch unbedingt!).

1936 also reist Stefan Zweig reist mit seiner Geliebten Lotte und der Schreibmaschine an, Joseph Roth kommt trotz Schnapsverbot, um Ferien mit seinem besten Freund zu machen und zu schreiben. Er verliebt sich ein letztes Mal: in Irmgard Keun, die bloß wegwollte aus dem Land der Bücherverbrenner. So sonderbar die Freundschaft zwischen dem Millionär Zweig und dem gnadenlosen Trinker Roth ist, so überraschend ist die Liebe zwischen Roth und der jungen, leidenschaftlichen Keun. Es kommen noch mehr Schriftsteller nach Ostende. Sonne, Meer, Getränke – es könnte ein Urlaub unter Freunden sein. Wenn sich die politische Lage nicht täglich zuspitzte, wenn sie nicht alle verfolgt würden, ihre Bücher nicht verboten wären, wenn sie nicht ihre Heimat verloren hätten. Es sind Dichter auf der Flucht, Schriftsteller im Exil. Präzise, kenntnisreich und mitreißend erzählt Volker Weidermann von diesem Sommer kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, in dem Zweig, Roth und Keun noch einmal das Leben feiern, wie es nur die Verzweifelten können. Als es noch die Hoffnung gab. dass alles sich zum Guten wenden würde.

Was es nicht tut, wie wir alle wissen, nicht in Nazideutschland und auch nicht für Joseph Roth, der alsbald, verlassen von Keun und auch von Zweig, einsam verstirbt. Und auch nicht für all die anderen, die Manns und wer noch alles dort war.

Ein uneingeschränkt empfehlenswertes, liebevolles, ja leichtes Buch, auch wenn sich das vielleicht seltsam anhört. Ich habe es in einem Rutsch ausgelesen, ich konnte nicht aufhören.

3 Kommentare

  • Liebe Janne,
    Irmgard Keun habe ich in den achtziger Jahren für mich entdeckt und in mein Herz geschlossen. Neben den zwei von dir erwähnten Büchern liebe ich besonders „Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“. Kennst du das? Es gibt so köstliche Stellen im Buch, dass sie mir über all die Jahre im Gedächtnis geblieben sind. Deshalb ein dickes Dankeschön an dich, dass du mich an die Schätze in meinem Bücherschrank /Abteilung Studienjahre erinnert hast. Sie liegen nun schon zum Wiederlesen bereit. Dazu ein bisschen fränkischen Secco … Genuss im Doppelpack! Deinen Buchtipp zur Geschichte der Emigranten habe ich auf die Leseliste gesetzt.Ich freue mich schon auf deine nächsten Empfehlungen …. und den nächsten Secco!
    Herzliche Grüße
    Ava

  • Liebe Janne,
    Danke für die Lesetipps. „2013“ ist völlig an mir vorbei gegangen, aber nach Deinem Artikel bin ich beim googlen daran hängen geblieben und höre seit Samstag das Audible-Hörbuch. Habe eine Sucht nach Weiterhören entwickelt, schon länger ist mir das nicht mehr passiert. Ohne deinen Tipp hätte ich etwas Großartiges, Spannendes verpasst! Danke!

  • Liebe Janne,

    mir hat dieses kleine Buch auch sehr gefallen. Weidermann gelingt es vorzüglich, diese ganz spezielle Stimmung in Ostende einzufangen. Ich habe danch auch noch einmal „Das kunstseidene Mädchen“ aus dem Regal genommen.
    Viele Grüße
    Martina

Deine Meinung?