Mal wieder ein kontroverses Thema diskutieren? Inklusion

Ich hatte vor einigen Wochen eher erstaunt bei Spiegel Online gelesen, dass es diverse Anstrengungen durch die Mutter gibt, ihren Viertklässler Henri mit Downsyndrom auf örtliche Gymnasium zu schicken. Begründung: Umsetzung des Inklusionsgedankens und der Junge soll mit seinen Freunden weiter zur Schule gehen. Die Mutter sagt auch ganz offen, dass ihr Sohn das Abitur nicht schaffen wird, da er schon jetzt in der Grundschule an seine geistigen Grenzen stößt. Gestern ging die Diskussion im Fernsehen offensichtlich weiter. Ich bin erstaunt.

Ich war immer der Meinung, man besucht ein Gymnasium, um die allgemeine Hochschulreife zu erwerben. Verbunden mit diversen Anforderungen in Mathematik, Natur- und Geisteswissenschaften und Sprachen sowie Kunst, Musik und Sport. Verbunden mit dem Anspruch an die Schüler, die Fähigkeit zu lernen zu erlernen sowie systematisches Arbeiten.

Ich war auch immer der Meinung, dass die Schlauen aus der Klasse aufs Gymnasium gehen. Und nicht die Schulfreunde.

Nun ja, da bin ich wohl etwas konservativ. Oder nicht so ganz auf dem neuesten Stand.

Die Folge kann ja eigentlich nur sein, dass im Zuge der Gleichbehandlung jeder aufs Gymnasium darf. Das mag man kaum zu Ende denken. Wobei mir gerade einfällt: was ist eigentlich mit Ballettschulen, die ihre Schüler streng nach Talent UND Leistung aussieben? Da geht noch was.

Man kann jetzt viel über Bildungsniveau etc.pp schreiben, ich denke, meine Haltung ist an der Stelle klar. Irgendwann zählt halt mal Leistung, es ist auch keiner in der Nationalmannschaft, weil er oder sie mit einem anderen befreundet ist.

Erschreckend finde ich die Art und Weise, wie die Mutter ihr Kind durch die Medien zerrt. Was will sie damit erreichen? Ich verstehe es einfach nicht. Die bestmögliche Förderung für ihr Kind wohl eher nicht.

13 Kommentare

  • Ich war auch erschüttert. Ich bin da absolut für Inklusion, wo Kinder Handicaps haben, die sie nicht am Lernen hindern. Selbstverständlich dürfen körperliche Behinderungen niemand am Schulbesuch hindern. Aber man besucht kein Gymnasium, um mit seinen Freunden zusammen zu sein. Dafür gibt es Nachmittage und Wochenenden. Außerdem gibt es vermutlich eine Menge Fertigkeiten, die Henri gut lernen könnte und die ihm in seinem späteren Leben auch wirklich zugute kämen.
    Und auf Kosten des Jungen, den ich auch auf der Straße erkennen würde, nun öffentlich Druck aufzubauen, finde ich nachgerade fragwürdig.

  • Das verstehe ich nun auch gar nicht. Ich bin absolut für Inklusion, aber doch im Rahmen der Fähigkeiten, die das Kind hat! Grundschule ist okay – aber Gymnasium?

    Das ist doch auch für das Kind nicht gut, wenn es ständig seine Grenzen erleben muss. :-((((

  • Dein letzter Abschnitt Irit hat mich auch entsetzt. Ich denke dass sie sich und ihrem Sohn damit keinen Gefallen getan hat.
    Ganz provokant habe ich neulich in einem Gespräch folgenden Frage gestellt: Würde denn umgekehrt einer von Henrys Freunden mit ihm auf eine entsprechende Schule gehen nur damit sie zusammenbleiben können? Wohl eher nicht.

  • Es muss und kann nicht jeder auf’s Gymnasium. Das hat nichts mit Inklusion zu tun. Ob ein Schulwechsel bereits nach der 4. Klasse so toll ist, darüber kann man streiten. Aber die Eltern tun ihren Kindern mit diesem Zwang, das Gymnasium machen zu müssen keinen Gefallen. Sieht man im Freundeskreis meines großen Sohnes (14) ganz sehr – völlig überforderte Gymnasiasten, denen es auf einer Realschule sicher viel besser gehen würde. Die Eltern dieser Kinder und auch die Mutter von Henri könnten sich überlegen, was es heißt, seinem Kind wenige bis keine Erfolgserlebnisse in der Schule zu gönnen und was dann nach dem Abitur wird? Studienzwang? In diesem Zusammenhang finde ich auch toll, dass es wohl Schulen gibt (habe ich neulich gelesen), wo Leute gegen schlechte Abiturnoten klagen. Hallo?? Ist das dann die Konsequenz, dass ALLE Abitur machen müssen?

  • Achso, nicht dass es arrogant klang: mein Sohn ist in einer öffentlichen Gesamtschule und macht erst mal einen Realschulabschluss, dann kann er selbst sehen, ob er Abi machen kann und will. Seine Freunde sind über die Stadt an verschiedenen weiterführenden Schulen verteilt.

  • Steffani Freund

    Vorraussetzung für den Besuch des Gymnasiums ist der Notendurchschnitt des Kindes. Damit ist doch eigentlich alles gesagt . Ich halte diese Mutter für völlig verantwortungslos, ihrem Kind die ständigen Niederlagen unbedingt verschaffen zu wollen, nur um ihre eigene Profilneurose zu befriedigen.

  • Als Tante eines geistig behinderten Kindes sehe ich die Inklusion sowieso sehr kritisch. Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut. Mein Neffe ist an seiner Behindertenschule glücklich, er liebt seine Lehrer und Mitschüler, er wird optimal gefördert, hat Erfolgserlebnisse (die an einer Regelschule ausbleiben würden), und vor allem: Er lernt in einem geschützten Raum und wird vor allem in ganz praktischen Dingen auf den Alltag vorbereitet.

    Nicht alle Mitschüler nehmen behinderte Kinder tolerant an – ich kann mir denken, dass es einer Mutter ins Herz schneidet, wenn sie miterlebt, wie ihr Kind gehänselt, gemobbt und ausgegrenzt wird.

  • Exilberlinerin

    Eben. So ist es. Und deswegen hat das Gericht die Aufnahme des Jungens am Gymnasium ja auch abgelehnt. Was für eine Schwachsinns-Idee, was soll der Junge davon haben? Absurd.

  • Mädels, so geht das nicht. Wir wollen KONTROVERS diskutieren!

  • Dazu gibts nichts Kontroverses zu sagen.
    Beruflich bekomme ich oft Debatten zu den Themen Integration, Barrierefreiheit etc. mit. Meistens werden die fundamentalistischsten Standpunkte und extremsten Forderungen übrigens von denen vertreten, die selbst keine Behinderung haben. Betroffene diskutieren da viel pragmatischer und auch ausgewogener.
    Bestmögliche Chancen für jeden nach seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen – unbedingt! Alles für alle immer und um jeden Preis – nö.

  • Da kontroverse Diskussion gewünscht war, möchte ich mit ein paar Gedanken dazu beitragen. Ich arbeite seit Jahren in Berlin mit Menschen mit Beeinträchtigungen. Darunter auch junge Leute mit Down Syndrom, die an Gesamtschulen zusammen mit Schüler_innen ohne Behinderungen lernten. „Gestört“ wurde da meines Wissens niemand, auch keines der Kinder „frustriert“. Dass jeder in seinem Tempo und in manchen Fächern differenziert lernte und viele Unterrichtseinheiten gemeinsam absolviert wurden, war für alle -so weit mir bekannt- ok.
    Zweitens: Wer meint, ein Mensch mit geistiger Behinderung sei nicht lernfähig genug, um eine weiterführende Regelschule zu besuchen, dem sei der Film „me too“ empfohlen und die Geschichte des Hauptdarstellers, eines jungen Mannes mit Down Syndrom, Pablo Pineda Ferrer, der nicht nur das Abitur bestand, sondern auch ein Studium in pädagogischer Psychologie absolvierte…eine Ausnahme natürlich und dennoch entwickelten sich Kinder, die ich in den Jahren meiner Tätigkeit kennenlernte, in Gruppen mit nichtbeinträchtigten Kindern anders (meist schneller und z.B. sprachlich besser) als in „Sonder“-Gruppen.(tw. konnte ich den Unterschied beobachten, wenn das gleiche Kind in integrativen und segregativen Gruppen betreut wurde)
    Daneben ist die Idee von Inklusion eben nicht, dass ein Kind mit körperlicher Behinderung in eine Regelschule darf und Kinder mit geistiger Behinderung „zu ihrem eigenen Wohl und Schutz“ in ihren Förderzentren bleiben, sondern, dass Schule grundlegend umstrukturiert wird – so dass Kinder z.B. in altersheterogenen Gruppen lernen, Förderlehrerinnen ambulant Angebote für Lerngruppen unterbreiten und sowohl auf ein Kind mit Hochbegabung, ein Kind mit fehlenden Deutschkenntnissen und ein Kind mit Beeinträchtigung eingegangen werden kann.
    Wahr ist- wenn man „konservativ“ (siehe Beitrag von irit) denkt- dass ein Kind mit geistiger Behinderung auf ein Gymnasium nicht passt… denn das Gymnasium herkömmlicher Art ist ja nun rein statistisch betrachtet auch eine Sonderschule , nämlich für Kinder aus bildungsbürgerlichem Elternhaus. Ich fände schön, wenn sich an diesen Strukturen bald etwas ändert. Als mein Sohn vor einigen Jahren ein traditionelles Berliner Gymnasium besuchte, stellte ich nämlich mit Schrecken fest, dass sich seit meiner eigenen Gymnasialzeit 30 jahre zuvor rein gar nichts geändert hatte – einschließlich der Lektüren in den Fächern Deutsch und Englisch.
    Man mag den Presserummel als profilneurotisch abtun…aber welche Möglichkeit bleibt Eltern, die ihr Kind wohnortnah und mit Kindern zu denen es soziale Kontakte aufgebaut hat, beschulen möchten? Henri ist auch in der Realschule mittlerweile abgelehnt worden (durch eine Abstimmung der dortigen Lehrerschaft). Inklusion ist rechtlich verankert. Ein trauriger Witz, wenn die Umsetzung dieses Rechts durch die Ängstlichkeit eines Lehrer_innenkollegiums beeinflusst werden kann.

  • Am Donnerstag mehr, habe gerade viel zu viel zu tun auf der Arbeit – habe nur quer gelesen und ich finde den letzten Kommentar toll…

  • So, nun habe ich den Kommentar von MaLuMe in Ruhe gelesen. Das einfachste Thema zuerst: warum sollte sich am Lernstoff in den letzten 30 Jahren viel geändert haben? Da werden doch nur Basics vermittelt und ob z.B. der Satz von Fermat zwischenzeitlich bewiesen wurde oder nicht, ist gerade egal. Goethe bleibt halt Goethe und Shakespeare auch. Auch das Grundlagenwissen in den naturwissenschaftlichen Fächern hat sich meines Wissens in den letzten 30 Jahren nicht grundlegend geändert. Das finde ich nicht schlimm. Schlimm finde ich eher, dass meine Töchter in 8 Jahren lernen müssen, wofür ich 9 Jahre Zeit hatte. Aber das ist eine andere Diskussion.

    Interessant finde ich aber den Gedanken mit der geänderten Schule, bei der auf jeden Schüler individuell eingegangen werden kann. Das ist ein schöner Gedanke. Er funktioniert aber nur, wenn die Rahmenbedingungen stimmen und davon sind wir Lichtjahre entfernt. Schade eigentlich.

    PS: das Gymnasium als Sonderschule für bildungsbürgerliche Haushalte – KÖSTLICH!!!! Da hat sich auch nicht viel geändert, ich war in der Sexta unter 36 Schülern in unserer Klasse eins von zwei Arbeiterkindern.

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