Erwischt!

Ich bin bekennend intolerant. Was ich zum Beispiel überhaupt nicht mag sind Männer mit struppigen Bärten, tussige Frauen in Pink und falscher Pradatasche (ach nein, eher Louis Vuitton) und allgemein Leute, die ungetrübt von jeder Fachkenntnis über Themen schwallen. Oder noch schlimmer: bloggen. Dass Männer, die meinen, Frauen sagen zu müssen, wie sie ihr Leben gestalten sollen, auch zu denen gehören, die ich noch nicht mal kennen will,muss ich wohl nicht erwähnen. Andererseits gibt es Dinge, bei denen ich maximaltolerant bin.

Angefangen bei der sexuellen Orientierung (mir ist es völlig egal, wer mit wem und wie zusammen lebt oder das Bett teilt), Religion (solange keine Missionierungsversuche stattfinden) und politischer Richtung (Extremismus jeder Couleur außen vor und ebenso: bitte keine Missionierungsversuche). Anders sieht es schon bei der Herkunft aus. Russen, Ukraine etc finde ich sehr in Ordnung, was vermutlich an meinen vielen Kontakten aus der jüdischen Gemeinde liegt. Was man kennt und so weiter. Noch etwas anders ist es bei unseren Mitbürgern aus der Türkei und dem angrenzenden Mittelmeerraum bzw. arabischen Raum. Ich habe da einfach zu oft die Erfahrung gemacht, schlicht aufgrund meines Geschlechts „anders“ behandelt zu werden, da hört es bei mir auf. Natürlich gibt es immer Ausnahmen wie mein lieber Freund Mustafa aus Köln.

Wobei wir beim Thema sind: die Ausnahmen bzw. was ist eigentlich mittlerweile „normal“. Das medial geprägte Bild mit Gangs aus Berlin, Frauen in dem schwarzen Ganzkörperkittel in der Dortmunder Nordstadt, Mädchen, die nicht zum Schwimmunterricht dürfen und stattdessen mit 10 mit Kopftuch zur Schule kommen. Die Straßenzüge in der Dortmunder Nordstadt mit rumänischen und bulgarischen Bewohnern, die ich auf gar keinen Fall betrete oder befahre.

Insgesamt habe ich bei mir festgestellt, dass ich vermutlich ein schiefes Bild über die Mitbürger habe, die aus eher südlicher gelegenen Ländern kommen.

Dann hörte ich letzte Woche wie jeden Morgen das Morgenecho auf WDR5 (nur noch zur Erinnerung: ein genialer Radiosender!), es kamen Nachrichten, dann wieder die Moderatorin, die sich freundlich als Asli Sevindim vorstellte.

Erwischt… bei all den Vorurteilen.

Tja, vielleicht ändert sich allmählich ja doch etwas in Deutschland. Und vielleicht sollte ich das eine oder andere auch noch mal überdenken.

10 Kommentare

  • Irit, genau – komm mich doch mal besuchen, mitten in der Nordstadt 😀 ich hab sogar einen Bulgaren im Garten wohnen :-O Nee, im Ernst: wie machst Du das? Nie durch die Nordstadt zu fahren? Fährst Du nicht mal nach Lünen, zur A2 oder zur A45 über die Mallinckrodtstraße? Ich verspreche Dir: Du wirst nicht erschossen 😀 (nochmal kleiner Spaß, sorry).
    Du hast übrigens recht: WDR 5 ist genial!

  • natürlich fahre ich durch die Nordstadt, aber es gibt ein paar Straßen, die ich meide. Ich hatte auch einen bulgarischen Werkstudenten, der leider wieder zurückgegangen ist – den hätte ich liebend gerne behalten.

  • Auch hier in Berlin gibt es derart viele Kontakt zu Menschen aus anderen Ländern, dass Intoleranz schlicht weggewaschen wird. Wir Berliner sind uns nämlich einig: Das Schlimmste sind die Touristen, die immer auf den Rolltreppen bräsig rumstehen und die normalen Menschen daran hindern, ihren Arbeitsweg in angemessener Zeit zu bewältigen (warum sind die eigentlich überhaupt schon so früh auf??)…

  • Irit, es war auch nur Spaß! 🙂

    Janne, genau – die Rolltreppenlinkssteher, ganz schlimme Art!

  • Exilberlinerin

    Ich bestätige: auch bei uns sind die Touristen und Ausflügler aus der Provinz die schlimmste Plage im öffentlichen Nahverkehr.
    Und der Rest wird sich wohl nach und nach und auch mit der kommenden Generation immer mehr abschleifen. Vorurteile hinsichtlich der Herkunft werden irgendwann sowas von überholt sein.

  • Ich bin ein Mischling. Halb Ukrainerin halb „Mittelmeerraum bzw. arabischer Raum.“ Ich bin in Deutschland aufgewachsen und daher sehr gut integriert. Meinen Eltern war Toleranz immer sehr wichtig. Ich war nie eingeschränkt und bin normal aufgewachsen. Jetzt arbeite ich sogar als Beamtin und mein Vater hätte nichts gegen einen deutschen Schwiegersohn. Sowas kannst du dir wahrscheinlich nicht vorstellen oder? 😉
    Man merkt deutlich, dass du unterbewusst eine fremdenfeindliche Einstellung gegenüber Türken usw. hegst. Du bist bestimmt keine Rassistin, aber hast eine Abneigung gegen solche Menschen. Man merkt es an der Art wie du die Dinge beschreibst. Ich finde das wirklich sehr sehr traurig. Es gibt überall schwarze Schafe, und nur weil du ein paar schlechte Erfahrungen gemacht hast, heißt das nicht, dass du einen halben Kontinent in eine Schublade packen darfst!!! Meine ukrainische Oma z.B. denkt sehr schlecht von den Juden. ( Was bei meinen Eltern und mir sehr schlecht ankommt)Sie wären gierig, würden sich die guten Stellen zuschieben usw. Und ich hab auch schon ein paar unfreundliche Juden kennengelernt! Soll ich jetzt wie du, alle diese Menschen verteufeln und Vorurteile gegen sie entwickeln? Soll ich mich der Masse anschließen? Nein, das mache ich nicht und das habe ich auch nie gemacht, denn ich bin anders erzogen worden. Über solche Gedanken wie du sie hast/hattest würde ich mich schämen. Ich möchte dich nicht angreifen, denn ich sehe, dass du anfängst umzudenken. Ich finde es nur schade, dass du bis jetzt fremdenfeindlich eingestellt warst und möchte dich durch meine Ansichten dabei unterstützen toleranter zu werden und die Vorurteile abzubauen. Viele Türken haben auch das Vorurteil, dass die Deutschen ihnen gegenüber fremdenfeindlich ausgelegt sind (es gibt Studien, die belegen, dass es leider wirklich so ist) und sowas ist nicht gerade förderlich.
    PS: Hab wahrscheinlich ein paar Fehler reingeknallt, weil ich mich ein wenig aufgeregt habe. 😉

  • du siehst das schon ganz richtig – fremdenfeindlich bin ich nicht, ich habe eine Zeitlang in einem Unternehmen mit Mitarbeitern aus 49 Nationen gearbeitet 😉 fand ich ausgesprochen spannend

    Die Sache mit dem halben Kontinent ist natürlich etwas vielschichtiger als oben kurz beschrieben. Ich denke, letzten Endes ist es auch eine Mischung aus Vorbehalten gegen den Islam (ich glaube an Artikel 3 des Grundgesetzes, dass alle Menschen gleich sind und ich habe noch keinen Mann mit Kopftuch gesehen, vor allem nicht zwangsweise) und gegen archaische Gesellschaften, in denen ein Hymen einen erstaunlichen Wert hat. Letzten Endes bin ich halt ein typischer Bildungsbürger und derlei Dinge gehen mir extrem gegen den Strich. Und das sind nun mal die Dinge, die man ab und an erlebt (ich möchte nicht als Nutte beschimpft werden, nur weil ich nicht den Maßstäben mancher Leute gerecht werde) oder im Straßenbild beobachtet.

    Und reg dich ruhig auf, solche Diskussionsbeiträge finde ich toll!

  • Ich bin auch eine „Zugezogene“, die seit mehreren Jahren in Deutschland lebt. Meine erste Schritte hier waren diverse Sprachkurse zu besuchen und sich eine Arbeit zu suchen. Ich habe die Jahre auch nie von einer Stütze gelebt. Ich musste mich aber öfter für das Verhalten der Ausländer schämen. Ich bin nämlich der Meinug, wenn man im fremden Land zu Gast ist, sollte man sich auch als Gast verhalten. Wer länger bleiben will, soll bereit sein sich zu integrieren. Leider ähnlich verhalten sich auch die Deutsche die ins Ausland fahren (siehe z.b. Mallorca). Im meinem Land hat man damals Deutschland als Vorbild für Sauberkeit und Ordnung genannt. Erst hier habe ich festgestellt, dass das nicht stimmt. Die Deutsche werfen ihr Müll auch auf die Straße, obwohl sie 1 m weiter einen Mülleimer haben. Hier funktioniert nur die Müllabfuhr besser als wo anders.
    Keine Religion ist auch besser oder schlechter. Es ist nur wichtig was die Menschen daraus machen (man vergisst nicht die Christen und ihre Kreuzzüge). Und der Kopftuch auf der Straße stört mich weniger als einige bauchfreie, übergewichtige Erscheinungen.
    Und so lange man andere zu nichts zwingt oder ihnen nicht weht tut, ist doch alles erlaubt.
    Es ist also nicht die Nationalität, die einen Menschen ausmacht sonder die Erziehung und Empathievermögen. Wir sollen also die Vorurteile vergessen und den Menschen offen und herzlich begegnen, dann hätten wir alle mehr davon…

    • Das Thema mit der Integration ist ein Punkt, das hier ist halt Deutschland und Gesellschaft, Kultur, Werte etc sind halt.. deutsch. In Sachen Mallorca hast du recht, ich finde Deutsche im Ausland auch oft peinlich, ich denke immer, man sollte sich wie ein Gast verhalten.

      Ich denke aber, es ist nicht nur Erziehung und Empathie, es ist auch Bildung. Je mehr man weiß und den eigenen Horizont erweitert, umso unwichtiger wird Nationalität.

      Und um ehrlich zu sein: ich möchte Menschen, die mich plump anmachen oder anpöbeln, nicht offen und herzlich begegnen.

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