Ein wunderbarer Gesellschaftsroman und eine großartige Geschichte, oder

wie sollte man sonst das Buch „Das Leben, natürlich“ von Elizabeth Strout beschreiben? Nach „Mit Blick auf s Meer“, eine wunderbare Geschichtensammlung, das zweite Buch dieser Autorin, das ich mit Begeisterung gelesen habe.

Der Originaltitel „The Burgess Boys“ trifft den Roman besser als die etwas beliebige deutsche Übersetzung, finde ich jedenfalls. Erzählt wird nämlich die Geschichte zweier Brüder und ihrer Schwester – die beiden Männer haben sich so schnell wie möglich aus der Kleinstadt Shirley Falls nach New York davon gemacht, während die Schwester dort geblieben ist. Ihr dortiges Leben ist deprimierend und freudlos (tatsächlich ist es in ihrem Haus wegen der Heizkosten so kalt, dass die Besucher den Mantel anbehalten), und als nun auch noch ihr einziger Sohn eine äußerst dumme Straftat mit massiv ausländerfeindlichem Aussehen begeht, bricht ihre Welt zusammen.

Die Brüder, von denen einer ein erfolgloser Sozialarbeiter ist, der es nicht mal schafft, seinen Mantel aufzuhängen oder seine geliebte Ehefrau zu halten, und zuviel trinkt, während der andere ein äußerst erfolgreicher Anwalt ist, verheiratet mit einer reichen Dame der Gesellschaft, machen sich auf. Sie hassen ihren Herkunftsort und fühlen sich dort gleichermaßen unwohl. Nichtsdestotrotz führt sie gerade die Beschäftigung mit der Vergangenheit auch an das Ereignis zurück, das ihrer drei Leben bestimmt, auch wenn es ihnen nicht bewusst ist. Es ist nämlich der Vater der drei Kinder zu Tode gekommen, als das Auto, in dem die drei Kinder spielten, zurückrollte. Bis heute dachten alle, es sei der jüngere (erfolglose) Sohn gewesen. Er trägt diese Bürde sein Leben lang und muss nun erfahren, dass in Wirklichkeit sein älterer Bruder ihn nur vorgeschoben hat, um sein eigenes Versagen zu decken. Auch die Schwester ist sich dessen nicht bewusst, nichtsdestotrotz hindert sie dieses „Geheimnis“ an einem selbstbestimmten Leben.

Nachdem die Karten auf dem Tisch liegen, verändern sich die Leben aller drei Geschwister. Die Schwester erlaubt sich kleine Freuden und freundet sich mit ihrer Untermieterin an. Der bis dato erfolglose Bruder zieht um, ohne dies seinem Bruder mitzuteilen – er gönnt sich eine gepflegte Wohnung und ein anderes Leben. Der erfolgreiche Bruder stürzt schwer über eine Affäre, die sich zu einem Skandal um sexuelle Belästigung Angestellter ausweitet und seine berufliche Laufbahn ebenso beendet wie zumindest zunächst seine Ehe. Aber auch hier ist die Geschichte noch nicht zuende: Der kleine hilflose Bruder hilft nunmehr seinem großen Bruder.

Ich war begeistert, es ist nicht nur eine Geschichte von tiefer menschlicher Wahrheit, sondern sie ist wunderbar erzählt in einer packenden Sprache, ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Und es gehört zu den Büchern, die frau auch ihren Eltern schenken kann, das ist ja manchmal auch gut zu wissen.

Dringende Leseempfehlung, dieses Buch behalte ich selbst!

Ein Kommentar

  • Ich stimme in allen Punkten zu. Strout ist wirklich eine wunderbare Erzählerin und ich habe beide Bücher mehrmals verschenkt. (Ihren Erstling kenne ich noch nicht.)

Deine Meinung?