Sind die wirklich so?

Mit reichlich Verspätung ist der Julia Engelmann-Hype bei mir angelandet, wer mal schauen möchte: Link. Ich war entsetzt. Nein, nicht wegen der eher mittelmäßigen Qualität der „Lyrik“, sondern tatsächlich vom Inhalt. Vermutlich würde meine Tochter sagen: wie leben die denn? Genau, das frage ich mich auch. Mit 21 muss man wild und gefährlich leben. 

Mit jugendlichen Maßstäben gemessen habe ich ein stinklangweiliges Leben. Neben der Kinderaufzucht bin ich seit 25 Jahren mit demselben Mann zusammen bzw. verheiratet und ich arbeite seit 22 Jahren bei einem Energiekonzern und aus Zeitmangel sehe ich meine beiden Freundinnen selten, wir telefonieren. Der krönende Höhepunkt ist der Blog für Frauen über 40, die Falten nicht so prickelig finden oder sich wahlweise über Frauenquoten unterhalten. Ich sag es ja, langweilig.

Allerdings scheint es mir DEUTLICH aufregender zu sein als das Studentenleben heutzutage, denn ich habe nie das Gefühl, ich würde mein Leben morgen erst erleben oder könnte später keine Geschichten erzählen. Heute ist es, jetzt, genießen, was immer geht. Lachen mit meinem Mann, schmusen mit den Kindern, lästern mit meinen Freundinnen, streiten mit den Kollegen (natürlich nur fachlich), nebenher noch eine Geschäftsidee gefunden, Karneval geplant, Tanzen gehen, Krafttraining machen, bis die Muskeln quietschen, der nächste Konzertbesuch (28.3. Blixa Bargeld und Teho Teardo in Essen), Geburtstagsparty bei meiner ältesten Freundin (ich äußere mich nicht zu den Getränken und anderen Dingen, die es erfahrungsgemäß geben wird), Bücher lesen, neue Musik hören, tatsächlich etwas gestrickt, was ich anziehe und so weiter und so weiter.

Falls das Leben von Frau Engelmann wirklich so aussieht – herzliches Beileid. Ich habe jede Menge Geschichten zu erzählen aus der Studentenzeit, Parties ohne Ende, die legendäre Silvesterfete, auf die ich noch 15 Jahre später angesprochen wurde (du warst doch die mit der Party, oder?), blaue Haare, grüne Haare, lila Haare, Prüfungsstress (naja, ging so), Film gedreht, in einer Band gesungen, im Hellen nach Hause gekommen, Liebeskummer, Liebesglück, die Nacht, als der Kollege das HB-Männchen mit Betonfuß im Bahnhof geklaut hat. Im Nachhinein habe ich eh den Eindruck, dass ich zwischen 1986 und 1991 wenig Tageslicht gesehen habe.

Wenn ich darüber nachdenke, lebe ich heute nicht viel anders. Mehr Tageslicht, weniger Parties, das mit dem Liebeskummer hat sich auch erledigt. Aber LEBEN, Spaß haben, morgens gerne aufstehen, Dinge ändern, die nicht gefallen, Neues ausprobieren, Menschen kennenlernen.

Liebe Frau Engelmann, kommen Sie mal zum Praktikum vorbei. Vielleicht im Sommer auf dem Balkon, ich spendiere den Weißwein und lade meine Freundinnen ein. Und bitte NIE WIEDER Langeweile und verpasstes Leben.

16 Kommentare

  • Irit, genieß Dein Leben!

  • Haha, jawoll! Ich habe von Mitte der 80er bis Mitte 90er auch quasi kein Tageslicht gesehen, höchstens beim morgendlichen nach-hause-fahren. Meine Haarfarben waren ähnlich bunt, bis auf das Grün, das haben wir mit unseren beschränkten Mitteln nicht hinbekommen.
    Unsere Große ist auch gerade nach bestandenem Abi auf der Suche nach einem Studienplatz und ihre Kriterien sind: mit möglichst wenig Aufwand einen möglichst gut auf dem Arbeitsmarkt verwertbaren Abschluss in möglichst kurzer Zeit zu schaffen. Nun ja, ich finde das für eine 18-jährige auch etwas befremdlich und versuche sie erst mal in die Welt hinaus zu schicken, aber das ist ihr zu anstrengend…

    Viele Grüße
    rosalili

  • Leben und leben lassen…
    Gruß,
    Heidi

  • Für das Motto bin ich bekannt 🙂 ich habe da eher, hm, Mitleid? Mit 40 ist wild und gefährlich leben ein bisschen merkwürdig bis peinlich – das Privileg der Jugend!

  • Steffani Freund

    Hätte ich nicht mit Anfang Dreißig meinen Mann kennengelernt, wäre ich an Übermüdung gestorben. Min. 6x die Woche ausgehen, ein Arbeitstag von ca 12 Std, von Leopardenmuster im Haar und 3Tage und Nächte den 30. feiern,es war alles dabei.Nicht gefährlich, aber schön wild. Keinen Tag dieser Zeit möchte ich missen. Die Unbeschwertheit der Jugend eben.

  • Ich kann das auch nicht so ganz verstehen.
    Klar – jeder wie er will und kann. Aber wann, wenn nicht zwischen 20 und naja, sagen wir mal Ende 20 ist doch die Zeit um mal über die Stränge zu schlagen und sich richtig auszuleben.
    Ich kann mich auch noch gut an durchgemachte Nächte und Von-der-Disko-direkt-weiter-zum-Frühstücken-Tage erinnern. Und mit Mitte 20 hat das auch anstandslos mit wenig Schlaf und gleich in die Vorlesung/ zur Arbeit funktioniert.
    DA werde ich wehmütig.
    Denn jetzt muss ich solche Abende so planen, dass ich einen Tag „Regenerations-Puffer“ habe. Sonst geht auf der Arbeit nix mehr.. Tse. 😉

  • Christiane

    Klingt mir ein bisschen zu selbstgerecht, so nach dem Motto schaut her wie toll das bei mir damals war.
    Ich find schon dass man akzeptieren sollte, dass andere-gerade jüngere Menschen-eben anders drauf sind, als vor fast 30 Jahren.
    Heutzutage ist eben auch vieles anders, um nicht zu sagen härter und schwieriger als damals.
    Ich hoffe ich werde eher neugierig sein, wenn meine Tochter mal älter ist, um zu verstehn wie sie so drauf ist und fühlt, und warum.

    • Das war auch mein erster Gedanke – ein bisschen sehr selbstgerecht dieser Beitrag. Ich stimme Christiane zu, dass heute vieles härter ist als zu „unserer“ Zeit. Am Beispiel meiner 3 studierenden Kinder seh ich deutlich, dass das Studentenleben nicht mehr ganz dasselbe ist wie es meins damals war.

      Davon abgesehen glaube ich, dass Julia Engelmann nicht träge ihr Leben verpasst und uns das mitteilen möchte. Ich denke eher, dass sie auf ihre Weise alle – und zwar altersunabhängig, denn jung sein hängt doch nicht von der Zahl im Personalausweis ab – dazu auffordern möchte, das Leben bewusster zu leben und sich nicht verkopft Chance selbst zu verbauen. Also ich fühle mich von Frau Engelmann ganz und gar nicht ausgeschlossen obwohl ich schon weit jenseits der 20 bin, sondern eher angesprochen und motiviert.

  • Irit tut mir leid, hätte mir jemand in dem Alter ein „Alter“ gesagt, wie mein Leben aussehen muss, dem hätte ich was gezeigt. Sollen die Jungen jetzt ihr Leben leben, so wie sie es wollen. Genauso unpassend finde ich es, wenn Junge mir alter Frau sagen, wie ich leben sollte.
    Aber ich glaube, die Frau Engelmann hat einfach einen netten Weg gefunden, einen Text zu fabrizieren, mit dem sie gut ankommt. Wäre sie tatsächlich so träge wie sie textet würde sie den nicht vortragen.
    Und wo und wieso ist das ein Hype?

  • hm, ich habe nicht gesagt, dass es toll war, vermutlich eher gesundheitsschädlich 😀 ich fand es einfach erschreckend, dass man beim Zuhören das Gefühl bekommt, das Leben findet später statt. Ich hoffe, bei meinen Töchtern wird das nicht so sein.

    Ich weiß nicht, ob es heute härter und schwieriger ist. Wenn man suchen geht, findet man solche Aussagen über das Verhältnis von Jüngeren und Älteren schon bei Plinius dem Jüngeren (oder war es Plinius der Ältere? Latein ist schon etwas länger her).

    Zugegeben haben die jungen Leute heute das Problem sich abzugrenzen. Die Eltern sind die 80er Jahre Generation – eine Zeit, in der es wirtschaftlich gut ging, die Emanzipation so richtig ans Fliegen kam und die Nachkriegszeit endgültig vorbei war. Und die gehen heute immer noch auf Ü40 Parties und feiern und leben auch ansonsten nicht zu knapp. Wir sind die erste Generation, in der Frauen flächendeckend Geld verdienen und sich nicht mehr an den Herd stellen lassen. Und auch bei Dingen wie rauchen, trinken, Drogen und One Night Stands – haben die Eltern alles schon gemacht. Der 25-jährige Sohn einer Freundin sagte neulich auf einer Party zu mir, es wäre nicht leicht mit seiner Mutter – egal, was er anstellt, wir haben garantiert schon übleres gemacht…

    @Carlotta: das schwirrt über Facebook und bei Youtube über 4 Mio Aufrufe

  • Ich finde das gar nicht so schlimm. Wieso darüber aufregen? Wir waren auch jung und hatten bestimmt auch ansichten und meinungen die für die „älteren“ zum kopfschütteln waren. manchmal vllt alles a bisserl entspannter sehen 😀

  • Ich sehe es so:
    Am Ende seines Lebens bereut man nicht das was man getan hat, sondern das was man nicht getan hat!

  • Danke für die Info: FB und YT, beides nicht mein Revier. So gehen Hypes an mir vorbei.

    • @Carlotta, geht mir genauso. Angeschaut, herzhaft gegähnt, kann man getrost gleich wieder vergessen.

  • Ja, ist tatsächlich ein Hype. Die war gerade in der NDR-Talkshow.

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