Ich bin defizitär

Lasst uns der „Wahrheit“ ins Auge sehen: „Was für ein Eiertanz um die einfache Tatsache, dass die schwule Liebe selbstverständlich eine defizitäre ist, weil sie ohne Kinder bleibt.“ (Zitat Matthias Matussek, Link). Ich bin zwar nicht schwul, aber nicht mehr so ganz im gebärfähigen Alter. Ok, da ginge vermutlich noch etwas mit massiver medizinischer Unterstützung, aber das ist ja auch nicht naturgewollt. Genau wie bei den Schwulen und Lesben und anderen „Exoten“. Und Frauen über 45 (sag ich jetzt mal pauschal, Ausnahmen immer gern gesehen).

Tja, meine Lieben (hier sind natürlich nur die Frauen gemeint) über 45 oder auch schlicht Unfruchtbare, da wissen wir es jetzt. Der Partner, mit dem wir womöglich seit Jahrzehnten liebevoll verbandelt sind, mit dem wir den Alltag teilen und uns ein schönes Leben machen – alles Unfug. Wer keine Kinder bekommen kann, lebt in einer defizitären Liebschaft. Hat irgendwie einen Anklang von moralisch verkommen. Naja, über gewollt Kinderlose wollen wir hier erst gar nicht reden – ein selbstsüchtiger Sumpf.

Blöd für all die Frauen, die später im Leben den Mann fürs Leben finden – defizitär. Blöd für die, denen Mutter Natur oder eine Erkrankung einen Strich durch die Rechnung mit dem Nachwuchs gemacht hat – defizitär. Liebe Senioren und Seniorinnen, die noch eine späte Liebe finden – leider defizitär. Man fragt sich, warum es noch keine Gesetzesinitiative gibt, die Frauen über 45 eine erneute Ehe verbietet. Von Familie kann ja da keine Rede mehr sein. Warum sollte da eine Ehe gestattet sein, denn die ist ja darauf ausgelegt, dem potentiellen Nachwuchs einen gemütlichen Rechtsraum zu bieten.

Mich regt das maßlos auf. Zum einen diese „ich bin ein heterosexueller Mann“-Perspektive, die ich in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts verortet hätte.

Aber noch viel mehr (weil da betrifft es auch mich und da regt man sich naturgemäß am meisten auf), weil es mich mittlerweile auch betrifft. Und genau zu dem neuen Buch  von Bascha Mika (Mutprobe) passt. Ihr Thema ist das Ausrichten von Attraktivität an Jugend und  Fruchtbarkeit. Ich habe das Buch noch nicht gelesen (Janne, mach mal) und vielleicht denkt jetzt die eine oder der andere, der das hier liest: „die spinnt doch“.

Wie perfide ist es, eine Liebe als defizitär zu bezeichnen, nur weil sie ohne Kinder bleibt?  Es ist engstirnig. Eine Verteidigung des eigenen Lebensentwurfs, neben dem es nichts anderes geben kann. Und wenn, dann ist es Dreck.

Ich frage mich die ganze Zeit: was macht der Herr Matussek eigentlich, wenn er mal Potenzprobleme bekommen sollte? Mit den Kindern hat es sich ja dann erledigt. Hoffen wir, dass seine Frau dann bei ihm bleibt, sonst müsste er womöglich eine neue defizitäre Liebe finden.

5 Kommentare

  • Du hast alles gesagt, was ich denke!
    Tobe gerade wütend durch die Bude!

  • Irit, das Buch liegt hier, erstens lese ich sie gern, zweitens brauche ich es für die Einladung zu meinem 50.Geburtstag. Ich bin ohnehin kein Fan von Matthias Matussek, aber das schlägt dem Faß den Boden aus. Das einzig zweifelsfrei Defizitäre, was ich hier erkennen kann, ist die Gehirnmasse von diesem Herren – unvergessen, wie er vor Jahren den Frauen unterstellte, sie suchten ja nur einen Doofen (Mann, was sonst!), um ihm Kinder anzuhängen, sie ihm dann zu entziehen und sich lebenslang unterhalten zu lassen. Das hatte mit der gesellschaftlichen Realität auch nicht das Mindeste zu tun, spiegelte aber die persönlichen Erlebnisse des Herrn Matussek wider. Nun ja, das Persönliche war ja immer auch schon politisch. Oder so ähnlich, jedenfalls links…

  • Irit – mal wieder Daumen hoch für deine Gedanken!

  • Volle Zustimmung.

  • Tja, was soll man dazu noch sagen ? Gut zusammengefasst, Irit. In Sachen Defizit teile ich Jannes Einschätzung.
    Wer das Thema um den „Wert“ der Frau gemessen an Fruchtbarkeit literarisch verarbeitet lesen will, dem sei der Roman „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood empfohlen. Eine Fiktion. Aber mit erschreckend realen Bezügen (und spannend und gut geschrieben auch noch).

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