Ist es nicht wieder schön?

Heute auf Spiegel Online: der Sturm im Wasserglas in Baden-Württemberg. Im neuen Lehrplan soll doch tatsächlich berücksichtigt werden, dass nicht alle weiß und heterosexuell sind, sondern dass es durchaus auch andere Menschen gibt. ALARM!

Als erstes hat ein Realschullehrer eine Petition gestartet, um das ganze zu verhindern. Ist ja auch klar, durch eine liberale Erziehung steigt die Zahl der Lesben, Schwulen, transsexuellen etc ins Unermeßliche. Schließlich muss den Kindern gleich schon mal Intoleranz beigebracht werden.

Als nächstes haben sich die beiden großen Kirchen nicht entblödet, eine Pressemitteilung heraus zu geben, in der sie fordern, dass die kontroverse Diskussion um homosexuelle Lebensentwürfe auch so dargestellt werden muss.

Aha.

Ich frage mich immer, welche Menschen das sind. Glauben die tatsächlich, dass man sich aussucht, welche sexuelle Identität man hat? Werde ich in der Pubertät verwirrt – huch, schon ist es geschehen und man ist verloren für die heterosexuelle Fortpflanzung. Ich bin mir nicht sicher, ob das Dummheit oder das Fehlen jeder sexuellen Identität ist – aber ich kenne absolut niemanden, der durch „Einflüsterung“ von außen auf einmal Frauen statt Männer und umgekehrt attraktiv findet.

Mir geht diese Intoleranz so dermaßen gegen den Strich.

Gestern Abend hatten wir das Thema auch in der Familie. Meine große Tochter sagte: „Der Fußballer hat ja auch gestanden, dass er schwul ist.“ Ich meinte, dass man nur etwas gesteht, wenn man etwas falsch gemacht hat, er hätte es schlicht gesagt. Offensichtlich konnte sie (sie ist 10) noch nicht so richtig etwas mit dem Thema anfangen. Zufällig ist einer unserer Nachbarn (mit dem wir befreundet sind) schwul, ich fragte sie dann, ob sie ihn anders findet. Großes Erstaunen. Er ist schwul? Aber der ist doch ganz normal und nett.

Genau.

Ich hoffe, meine Beiden haben es jetzt nachhaltig verstanden.

31 Kommentare

  • Hi!
    Also ich finde das ja auch alles soo „retro“. Mein Sohn (auch 10) wurde letztens von einem Klassenkameraden beschimpft, dass er schwul aussehe- weil seine Haare etwas länger sind und er ne rote Jacke trug. Gehts noch? Einglück hat meiner das nicht als Beleidigung aufgefasst (so wie es eigentlich gemeint war), er war nur irritiert und hat den Jungen gefragt, wie er das gemeint habe. Ne Antwort hat er natürlich nicht gekriegt 😛
    Liebe Grüße aus der Regenbogenstadt Berlin,
    Mizzjay

  • Und wie soll das in der Praxis aussehen, wenn das in den Lehrplänen steht?

    Werden dann die Schulbücher geändert?

    „Klaus heiratet Monika. Und Tim verpartnert sich mit Martin. Sabine verpartnert sich mit Gisela“.??

    Sorry, diese ewige politisch korrekte Gutmenschentümelei hängt mir sowas von zum Hals raus!

    Dinge sind, wie sie sind. Menschen lieben, wen sie lieben.
    Und wen ein Fußballspieler liebt, interessiert mich absolut nicht. Der soll guten Fußball spielen. Nicht mehr, nicht weniger.
    Gleiches gilt für Politiker, Moderatoren, Schauspieler, Ärzte, Dachdecker, Bäcker, Lehrer, Kindergärtner…

    Hat unser Schulsystem nicht ganz andere Probleme, die wesentlich dringlicher sind?

    • Hi Juliandra,
      bestimmt gibt es noch zeitgemäßere Methoden, Aufklärung und Toleranz herbeizuführen, ohne gleich ganze Printauflagen revolutionieren zu müssen… diese Firma hat es gut gemacht (leider kein besseres Beispiel gefunden aber vielleicht ist das Produkt für hier noch interessant).

  • eins der Probleme hast du ja schon benannt: warum kann Tim Martin nicht heiraten? Ich finde das unmöglich. Vor allem, wenn ic die Begründung mit Schutz der Familie höre – dann dürften Frauen über 50 ja nicht mehr heiraten, weil sich die Sache mit dem Nachwuchs erledigt hat.

    Es geht hier nicht um politisch korrektes Gutmenschentum, sondern darum, dass die Kinder lernen, dass schwul normal ist. Genau wie lesbisch, hetero etc das finde ich schon wichtig.

    Ich finde auch, man sollte Lehrinhalte nicht mit organisatorischen Problemen vermischen. Welche Probleme meinst du denn?

  • Wo soll ich da anfangen? ;o)

    – Lehrermangel und dadurch bedingter Unterrichtsaufall
    – schlechte Ausstattung der Schulen sowohl baulich als auch von den Lehrmaterialien her
    – Lehrer, die mehr und mehr Erziehungsaufgaben wahrnehmen müssen, die eigentlich ins familiäre Umfeld gehören

    Um nur drei zu nennen.

  • Ich bin entsetzt, dass die Medien nur noch den schwulen Fußballer auf den Titelseiten haben. Es gibt nichts weltbewegenderes?? Wann ist das endlich normal?

  • tja, offensichtlich ist es eben nicht normal.

    @Juliandra: ich stimme dir in allen drei Punkten zu, aber das hat alles nichts mit Lehrinhalten zu tun. Das ist halt das Problem, es gibt vordergründige Punkte wie zu wenig Geld, aber darüber sollte man nicht vergessen, dass immer noch gilt: non scholae sed vitam discimus

    Und das geht notfalls auch in nicht toprenovierten Gebäuden

  • @irit: danke fuer deinen wunderbaren Beitrag, rege mich schon den ganzen Tag ueber das Thema auf. Du hast es wunderbar erfasst und alles beruecksichtigt.
    Wenn ich daran denke, was in unser ach so modernen Stadt Hamburg los war, als mein Sohn sich als schwul outete! Von unserr Apothekerin, ueber Freunde und gnz schlimm in seiner Schule( er konnte letztendlich nicht mit auf eine Klassenfahrt),im Internet: es war beschämend fuer unsere, ach so aufgeklärte Gesellschaft!!!!!!
    Auch wir als Eltern wurden schief angesehen , nicht nur, weil der Sohn schwul ist, nein: wir litten nicht mal darunter! Unvorstellbar , dass man nicht leidet, wenn das Kind nicht “ normal “ ist oder nach Fehlern bei sich, ob dieses „Fehlers“, sucht!!!!!
    Wie gesagt , wir wohnen nicht auf dem Dorf, sondern in einem sogenannten priviligierten Stadtteil einer Weltstadt!!!!

  • @’juliandra: Zu dir moechte ich nur sagen: waere dein Posting ein Aufsatz und ich dein Lehrer, wuerde ich “ Thema verfehlt“ drunterschreiben!

  • @sabine: das ist ja unglaublich unverschämt! und ich dachte immer, in hamburg sind die leute so schön gelassen und relaxt. pustekuchen! diese wachsende „neue spießigkeit“ ist mir wirklich nicht geheuer.

  • Steffani Freund

    Allein, dass ein Outing soviel Aufsehen erregt, ist im Grunde traurig.
    Ein Fußballer ist schwul… Na und?

  • Ich denke wir haben in Deutschland noch einen sehr heterogenen „geistigen“ Entwicklungstand, aber auch Bewußtseinszustand in dieser Angelegenheit. Ich schreibe noch, da ich der festen Überzeugung bin, dass eine Änderung bzw. Verbesserung sich nicht aufhalten läßt.
    Ich glaube @Irit, Deine Tochter hat das Wort gestehen sehr klug gewählt. In der Jugendkultur/Hip Hop wird schwul oft auch als Schimpfwort benützt, unabhängig davon ob es zutrifft oder nicht. Ich kann mich noch an meine Schulzeit erinnern, in der es nicht aus kaltem Hass gegen die Sache an sich, sondern eher so benützt wurde um jemand in Bedrängnis zu bringen bzw. zu beschämen und zwar möglichst vor Publikum. Dann kam es immer darauf an, wie cool man darauf reagieren konnte (ich will das sicher nicht verharmlosen!). Das macht es für die tatsächlich Betroffenen tlw. natürlich furchtbar schwierig, sich zu „outen“. Oder man „gesteht“ ja z.B. auch jemanden seine Liebe, obwohl dies das einfachste der Welt sein sollte 😉 .

    Zurück zum Thema: Genau das hat Hitzelsperger ja auch beschrieben, das z.B. Schwulenwitze unter den Fußballern manchmal schon recht grenzwertig für ihn waren. Daher finde ich es toll, das er jetzt ein öffentliches Statement abgegeben hat, er öffentlich von noch aktiven Fußballern bestärkt wird und ein medialer Hype losgetreten wurde. Dies fördert hoffentlich noch viele andere öffentliche Statements. Warum, weil gerade Jugendliche, aber offensichtlich auch Lehrer 😉 Identifikationsfiguren brauchen. Es ist halt was anderes, wenn ein cooler Fußballer, Popstar, Figur in einem gehypten Videospiel (wäre doch mal ne Idee!) oder ein Intelektueller usw. usw. öffentlich Position ergreifen. Es gilt wahrscheinlich nicht nur das Extrem Homophobie zu bekämpfen, sondern möglichst vielen Menschen – auch vorsichtigen, reservierten oder schamhaften 😉 – den Umgang mit dem Thema zu erleichtern. Damit sind wir in der Summe, dann alle ein gutes Stückchen freier!

  • auch wenn das hier kaum einer lesen will: ich stimme juliandra zu!
    in unserem Schulsystem stehen die Kinder auch zeitlich so unter druck, daß zusätzliche Fächer mit Themen, die eigentlich in die Familien gehören, noch on top kommen sollen?
    mir geht der hype um das coming out ebenfalls auf die nerven. statt nach seiner aktiven zeit quasi in der Versenkung zu verschwinden,outet er sich just jetzt und steht überall im Mittelpunkt – was gemeinhin wie auch immer geartete „folgeaufträge“ bringen dürfte. Mut wäre in m einen Augen gewesen, sich noch als Spieler zu seiner Orientierung (huch, habe ich mich politisch korrekt ausgedrückt?) zu äußern. wobei – wen interessiert das? jeder so wie er will – wobei ich so ehrlich bin zuzugeben, daß mir bei drei söhnen doch drei Schwiegertöchter lieber wären. käme es anders, wäre das auch in Ordnung, aber ich müßte mich schon erst einmal daran gewöhnen.
    sorry, ich bin scheinbar so spießig und konservativ – sehe aber dazu. diese dauernde political correctness, die grundsätzlich in unserem gesellschaftlichen leben Einzug gehalten hat, geht mir mächtig auf die nerven.
    wärmstens empfehlen kann ich nur das buch „dann mach doch die bluse zu: ein Aufschrei gegen den gleichheitswahn“ von Birgit Kelle empfehlen (denen, die den Mut haben, sich auch mal andere Meinungen anzuhören).

  • Ich denke, Homosexualität in den Lehrplan unterzubringen wäre nicht so das Thema. Ersthaft: wie lange braucht man dazu, den Kindern zu erzählen, dass es unterschiedliche Gesinnungen gibt und das völlig klar geht…ob sie es verstehen und vor allem verinnerlichen, ist etwas anderes. Da spielt sicherlich das Elternhaus eine Rolle und das soziale Umfeld. Was die Schule allerdings wahrscheinlich machen wir, ist, wie oben schon angesprochen, im Lesebuch Peter und Martin zusammen ziehen zu lassen. Genau wie in Lesebüchern der Grundschule -damit alles politisch korrekt ist- jeder 2. dort auftauchende Kindername türkisch ist.
    Schlimm finde ich auch nach wie vor die Ansicht der Kirche, die sexuelle Ausrichtung könne man beeinflussen….

  • Also mich interessiert noch nicht mal Fußball, aber ich würde nie auf die Idee kommen mich über den medialen Overkill, insbesondere im Vergleich zu anderen Sportarten zu beschweren.

    Hab aber auch noch einen versöhnlichen Vorschlag… In England haben sie auf der Online-Version von „The Guardian“ für Informationsmüde, aber auch echte Anti-Royalisten einen „Anti-Baby-Button“ eingerichtet (damit werden alle Baby-News ausgeblendet) – wäre vielleicht was 😉 ??? Obwohl das Baby ja echt nix dafür kann.

  • Sorry, wollte eigentlich schreiben:
    Obwohl das Baby ja AUCH echt nix dafür kann ;-))))

  • Ich kann es nur noch mal wiederholen: es geht nicht um political correctness, sondern um Toleranz. Mich interessiert Fußball auch nicht – außer Borussia wird Meister o.ä. Der Hitzelsperger ist mir auch egal, ich kannte den noch nicht mal.

    Ich bin an einigen Stellen mit Sicherheit auch intolerant (vor allem bei Dummheit) – gebe ich auch offen zu. Aber diese Ausrichtung auf „normal“ finde ich merkwürdig. Ich denke, für homosexuelle Menschen ist die Ausrichtung auf das gleiche Geschlecht normal, die anderen haben ja das Problem. Manchmal denke ich auch, es liegt schlicht daran, dass viele wissentlich keinen Kontakt zu Schwulen, Lesben etc haben. Seit ich zum Studium weggezogen bin, hatte ich immer schwule Freunde, war früher sehr lustig, sich über Männergeschichten auszutauschen 😉 und Lesben gehören auch seit mind. 25 Jahren zu meinem Bekanntenkreis. Für mich sind die alle normal und leben genau wie andere auch, nur die sexuellen Vorlieben und Lebensentwürfe sind anders. Aber mein Lebensentwurf unterscheidet sich ja auch deutlich von sehr vielen anderen.

    Wobei man auch merkt, dass hier hauptsächlich Frauen unterwegs sind. Bei Männern gibt es da offensichtlich angstbesetzte sexuelle Praktiken (habe ich das nicht diplomatisch ausgedrückt?), die zu diversen Witzen und einer eher unsachlichen Diskussion führen.

  • Seit ich mit 19 nach dem Mauerfall damals für fast fünf Jahre als „Ossi“ nach Holland zog und dort fast 5 Jahre mit einem (Lebens-)Künstler lebte, empfinde ich so genannte „Normalität“ eh als völligen Quatsch. Ich war damals dort übrigens der Exot 🙂 Zu meinem Amsterdamer Bekanntenkreis gehören mit Männern verheiratete Männer mit Ordnungsfimmel, ein schwuler Galerist, der Baghwan Anhänger war, Bisexuelle und Lesben. Die lernen meine Jungs auch bei Besuchen kennen. Sie finden manche nett, manche nicht. Was nix mit deren sexueller Ausrichtung zu tun hat. Ich denke wie Irit: wir müssen mit Kindern darüber reden, auch in der Schule. Ihnen erklären, wie sehr man Menschen verletzen kann, wenn man ihr Leben in den Dreck zieht. Wir sprechen ja auch über Glauben und ich bin so frei mich als evangelisch zu „outen“, ob das nun gerade populär ist oder nicht. Unser Pfarrer ist übrigens ein kluger, belesener Mann und auch schwul. Mir kommt es aber auch so vor, als wäre heute bei manchen Leuten immer mehr alles was „anders“ als Reihenhäuschen, Stiftung Warentest geprüften Kindern, maximal 1 Glas Wein pro Tag und 2x pro Jahr in den Urlaub schon abnormal.

  • Ach, ich würden den sogenannten „Normalen“ jetzt nicht ihre Normalität vorhalten. Das finde ich ähnlich spießig, wie dieses „Huch, es gibt Schwule“. Ich denke, dass die, die viel mit Homosexuellen und Lesben Kontakt haben, es schon viel länger als normal empfinden, als die, die das halt nie erlebt haben. Und Normalität heißt ja nicht gleichzeitig Intoleranz.
    Erstaunlich finde ich dann eher die Äußerungen von Irits Tochter „Der ist doch ganz normal“. Woher hat eine 10jährige sowas? Das ist doch nicht die Prägung durch das Elternhaus, aber wo schnappt ein unter 10jähriges Kind etwas auf, dass zu der Meinung führt, Schwul sein könnte nicht normal sein?

  • ich denke es liegt – wie Nice auch geschrieben hat – an den alltäglichen Kontakten. Das sind halt die Freundinnen und deren Eltern und es ist kein Schwulen- oder Lesbenpaar dabei.

  • @ nice: hahshah

  • @birgit: Irit schrieb doch mehrfach, dass es nicht um pc, sondern um Toleranz geht!
    Sie hat es ihrer Tochter wunderschoen an Hand der Wortwahl( gestehen-sagen ) erklaert. Fuer ihre Kinder muesste es also nicht geben . Leider sind nicht alle Menschen so !Du schreibst ja, dass du ein Problem mit einem schwulen Kind haettest. Hast du mal ueberlegt, dass wenn einer deiner Soehne schwul ist, er nicht nur mit seinen eigenen Aengsten und Unsicherheiten, sondern auch noch die Last deiner Enttaeuschung tragen muss?

  • Sorry, habe Worte vergessen . Also,:
    Fuer ihre Kinder muesste es das Schulfach nicht geben !
    …er nicht nur mit seinen eigenenAengsten und Unsicherheiten kaempfen muss

    So, ich hoffe, dass es jetzt lesbar ist.

  • Hallo, die Damen,
    jetzt muss ich mich doch auch mal einmischen:
    Ich finde, 80% der öffentlichen Diskussion zum Thema verliert völlig aus dem Auge, für wen der Bildungsplan eigentlich gedacht ist, nämlich nicht für Parteipolitiker, ganz sicher nicht für die Kirchen, auch nicht für die hier in BaWü ständig zitierten „besorgten Eltern“, sondern einzig allein für die, die es betrifft.
    Wir sollten nicht vergessen, dass die überwiegende Mehrheit der Jungen Schwulen und Lesben nicht in Berlin oder Köln, sondern – so wie ich – in der „Provinz“ aufwachsen. Und davon gibt’s in BaWü reichlich !
    Auch wenn – verglichen mit den guten alten 80ern – die allgegenwärtige mediale Präsenz des Themas und das Internet inzwischen den Zugang zu enstprechenden Informationen erheblich erleichtern, sind es nach wie vor positive Rollenmmodelle und die Erkenntnis „ich bin nicht der Einzige“, die es heranwachsenden Schwulen erleichtern, die „Scheisse, was ist los mit mir“ – Phase gut zu meistern. Ich habe lange genug Coming-Out Gruppen geleitet, um zu wissen, dass es ziemlich belastend ist, wenn das eigene, offenbar von der Norm abweichende Erleben nirgendwo vorzukommen scheint. Und das geschieht lange bevor man’s überhaupt benennen kann. Dem für die Umwelt sichtbaren offensiven Umgang mit dem eignen Coming-Out geht eine Zeit der Unsicherheit voraus, in der es für die weitere Identitätsbildung und das zukünftige Selbstbild entscheidend ist, wie ich einordne und bewerte, was ich fühle. Und hier ist positive Unterstützung durch die Sozialgemeinschaft gefragt (und das ist für Teenager eben in der Regel der schulische Kontext).
    Und eine letzte Bemerkung: im Bildungsplan geht es um eine ganze Reihe von Dingen, unter denen sexuelle Vielfalt nur EIN Aspekt ist (es ist sehr bezeichnend, dass die Kirchen den Eindruck erwecken wollen, es sei anders). Und die haben in der Tat nichts mit „political correctness“ zu tun.
    Was wir für die Zukunft brauchen, ist im Übrigen nicht so sehr „political correctness“, sondern „cultural awareness“. Wenn sich mehr Leute darüber bewusst wären, dass es auf dieser Welt Länder gibt, die ganz gut ohne „Kehrwoche“ auskommen, wäre schon viel erreicht.
    Sorry, war jetzt ein bisschen ausführlich, aber ich dachte ich steuere mal die „Betroffenenperspektive“ bei

  • @Marcus, der Provinz-Aspekt ist da wirklich interessant. Amsterdam / Köln / Berlin sind ja eh Hochburg überhaupt aller, die sich in der Provinz in ihrer Haut nicht so wohl fühlten 🙂 Ich finde auch – wie Sabine – dass Eltern und deren Freunde und Bekannten auch in der Provinz ihre Liebe zu dem Kind („Betroffenen“) immer in den Mittelpunkt stellen müssen. Die Schule ebenso. Das Kind muss einfach wissen: So wie Du bist, bist Du wunderbar, 1a, perfekt in Ordnung – und nicht ein bisschen dünner, ein bisschen erfolgreicher, ein bisschen mehr Hetero und sonstiges. Leider wird die Zuneigung nur all zu oft an Bedingungen geknüpft, die das Kind nicht erfüllen kann resp. will.

  • Exilberlinerin

    Eigentlich war das schon ein gutes Schlusswort von Marcus !!! Als Mutter eines Teenagers muss ich aber doch auch noch kurz meinen Senf dazugeben. Ich stelle nämlich bei den Jungs doch eine noch recht ausgeprägte Homophobie fest, Elternhaus hin, Elternhaus her (denn ich habe ihm sowas bestimmt nicht vermittelt). Von daher halte ich es durchaus für sinnvoll, dieses Thema an Orten wie der Schule anders anzugehen. Es geht ja nicht darum, zum bereits existierenden Lehrplan ein Fach in „Schwulenkunde“ einzuführen, sonderen einfach, wie meine Vorredner schon sagten, gleichgeschlechtliche Paare einfach immer wieder als normal und selbstverständlich darzustellen. Aber das wird sicher noch dauern in unserer Gesellschaft. Und das Hitzelsperger-Outing finde ich insofern schon wichtig, denn meine Jungs interessieren sich sehr wohl brennend für Fussball, und Fussballer sind ihre Rollenmodelle, und dann kann es schon mal „heilsam“ sein, zu begreifen, dass der eine oder andere schwul ist. So wie in allen anderen Berufen auch.

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