Nicht zu fassen

Gestern Abend auf der Heimfahrt von der Arbeit hörte ich Radio und dann so kurz vor sieben kamen die Nachrichten aus Indien. Homosexualität ist dort wieder strafbar. Herzlichen Glückwunsch.

Bisher war mein Bild von Indien geprägt von einer wilden und faszinierenden Mischung: Gandhi, Taj Mahal, schöne Frauen in Saris, Bettler, die auf der Straße übernachten, unglaublich volle Städte, alte traumhafte Paläste, sagenhafte Landschaften usw usw. Tourikram halt.

Mittlerweile hat sich dieses Bild gründlich gewandelt. Auf Anhieb fällt mir folgendes ein: Abtreibung weiblicher Föten, Zwangsverheiratungen, Diskriminierung von Witwen, ein Kastensystem aus dem mind. vorletzten Jahrtausend. Hinzu kamen dann dieses Jahr die erschreckenden Statistiken in Sachen Vergewaltigung (wenn ich mich recht erinnere, wird alle 26 Minuten eine Frau vergewaltigt, gerne auch mal eine Ausländerin auf der Durchreise) sowie dieser furchtbare Fall der jungen Frau, über die gleich sechs anscheinend völlig frustrierte Männer hergefallen sind. Und zwar gleich so, dass sie gestorben ist.

Und nun der vorläufige Höhepunkt: homosexueller Sex ist wieder strafbar, ein 150 Jahre alter Paragraph, noch von den Briten in Kraft gesetzt. Weil widernatürlich.

Sind die da eigentlich völlig durchgeknallt? Wenn selbst die höchsten Juristen die Menschenrechte für verhandelbar halten – was ist das für ein Land? Auf jeden Fall ein Urlaubsland weniger.

Ich gehöre nicht zu denen, die gerne und regelmäßig auf den deutschen Statt, die Politiker usw usw schimpfen. Und ich kann auch sagen warum: ich bin froh und glücklich, in diesem Land zu leben. Wir haben eine stabile Demokratie und hier gibt es keine Todesstrafe. Wir haben rechtmäßige Wahlen, ich muss auf einer beliebigen Behörde keine Schmiergelder zahlen, unsere Justiz ist unabhängig, das ganze Land funktioniert (meistens jedenfalls, sieht man mal von der S-Bahn in Berlin ab), ich habe als Frau die gleichen Rechte wie jeder andere. Meine schwulen Freunde haben dieselben Rechte. Die Lesben natürlich auch.

Manchmal denke ich, dass wir gar nicht mehr wissen, wie gut es uns eigentlich geht. Ich wollte nicht woanders leben.

20 Kommentare

  • Ich erlebe die Welt seit einigen Jahren als im Rückschritt begriffen, was Werte wie Toleranz oder gleiche Rechte angeht. Genau wie du hatte ich früher ein,positives Bild von Indien und wollte da immer mal hin – nicht völlig naiv; über die krassen Gegensätze von Arm und Reich wusste ich schon Bescheid und über die Rückständigeit in vielen Bereichen. Aber das ist jetzt ins Negative gekippt. Vermutlich ist das bezüglich der Vergewaltigungskultur ungerecht, denn die gab es sicher immer schon und jetzt wird endlich erst darüber berichtet.
    Ja, uns geht es hier wirklich sehr, sehr gut. Und doch erlebe ich Vergleichbares auch hier, wenn auch in mikroskopischem Ausmaß: Weniger die Gesetzeslage, aber die Einstellung vieler Menschen unter 45 bezüglich Geschlechterrolen zB, wie ihr das hier auch schon oft diskutiert habt, Aufteilung von Familienarbeit, wieder zunehmend sexualisiertes und auf Äusserlichkeiten beruhendes Frauenbild (gerade bei Frauen selbst! da muss ich nur im BB die Hetzerei über Fotos völlig normal aussehender Frauen lesen). So, darauf brauche ich noch einen zweiten Kaffee.

  • du hast die unsäglichen (selbst-)Verbrennungen vergessen…….
    aber was mich letztens unglaublich schockiert hat war die nur kurze Meldung in der deutschen presse, daß Herr erdogan jetzt Kaiserschnitte verboten hat. auch die medizinisch indizierten!!! sprich Frauen sterben, weil der Staat versucht auf diesem Wege die kinderrate hoch zu halten (lt.statistik ist die reproduktionsrate nach Sektionen niedriger).
    ein mann kam zu wort, dessen Frau man beim dritten kind bewußt nicht gerettet hat.
    und das in der türkahei!! mich wundert gar nichts mehr.

  • Ich hatte beruflich eine Weile in Indien zu tun und kann bestätigen, sobald es zu Konflikten kommt fällt die Maske und man wird als Frau herabgesetzt und angeschrien. Nur per E-Mail und am Telefon – nie direkt Auge in Auge. Thema war auch schon, dass ich als Frau Vorschriften machen wollte. Vor Ort wird man wieder in Watte gepackt. Es gibt dort ein unheimliches Wirtschaftswachstum. Die Vermögenden werden dort gerade Multimillionäre wegen steigender Grundstückspreise etc. Das führt noch mehr dazu, dass die herrschenden Kasten (nur die haben dort das Sagen) um jeden Preis das Kastensystem aufrecht erhalten werden. Die Rückbesinnung auf die „guten“ Werte der Kolonialzeit, der Maharadschakult usw. – alles das Gegenteil von dem, was Gandhi mal wollte. Urlaub in Indien kann wunderbar sein, wenn man die Augen verschließt vor der Realität, sich den Taj Mahal usw. anschaut und in den neuen luxuriösen Hotels absteigt. Arbeiten in Indien kann sehr heilsam sein – denn man könnte jeden Tag auf die Knie fallen vor Dankbarkeit, dass man hier geboren wurde und nicht dort, nicht als Frau und nicht in einer Kaste unterhalb der beiden oberen! Aber ich gebe zu bedenken – wir in Europa kaufen hier sehr, sehr billig und in großem Stil ein – auch aus dem Grund, dass Inder noch billiger produzieren als jetzt beispielsweise zunehmend die Chinesen. In China sind die Löhne in den letzten Jahren massiv gestiegen (Fachkräfte um 100% binnen 2 Jahren). Indien ist da einer der Riesen-Alternativmärkte für Billigproduktion und wir alle hier kaufen privat mehr oder weniger bewusst die Produkte ein, unterstützen auch durch unsere Kaufkraft diese Systeme. Da können die großen Textilketten beispielsweise erzählen, dass deren Nähereien streng kontrolliert werden – ja, aber was ist mit den Spinnereien, Färbereien und Ledergerbereien, also Zulieferern, bei denen fast nur Frauen (Mädchen) für fast 0 arbeiten müssen? Bei billigen Masthähnchen oder Pelztieren oder Bildern von Hunden in Tierheimen entsetzen sich (gefühlsmäßig) immer mehr Menschen als bei billigen Schuhen und Kleidern. Bin selbst aber da auch absolut nicht moralisch einwandfrei, wiewohl bemüht, den „richtigen“ Preis für ein gutes Produkt zahlen zu wollen.

  • Soweit ich das verstanden habe, sind nur geplante Kaiserschnitte verboten. Das finde ich zwar auch schwierig, aber nicht so schlimm wie das, was du schilderst.

  • Ein positives Bild von Indien hab ich schon lange nicht mehr…

    Aber auch hier sind mMn wieder nur zwei Umstände schuld, die mangelnde Bildung und das Festhalten an unmenschlichen und lange überholten Traditionen.
    Traditionen sind gut und schön, solange sie nicht auf Kosten von Frauen, Minderheiten und Menschenrechten gehen.

    Ja, und auch bin ich oft sehr froh, hier zu leben und empfinde das notorische Jammern der Deutschen oft als nervtötend.

  • Mein schwuler Freund arbeitet seit 2 Jahren in Indien, ich habe gestern lange mit ihm telefoniert.
    Homosexualität wird in Indien sowieso nur verdeckt geduldet und jetzt kann er sich auch noch eine Burka überziehen. Soviel zum einem der sprirtuellsten Länder, die Freiheit des Geistes hat wohl doch Grenzen.

  • Ja, wir meckern in Deutschland auf sehr hohem Niveau.

    Irit, was unsere Berliner S-Bahn betrifft, da bist du ja sehr streng :).
    Usere S-Bahn in Berlin und dem brandenburger Umland funktioniert schon gut. Wir haben halt ein sehr weit ausgelegtes S-Bahnnetz, das mehrere Städte miteinander verbindet. Beispielsweise die S1 von Oranienburg im Norden bis Potsdam im Süden deckt ganze 4 Städte ab. Wir haben hier einfach das Problem, dass so manches Mal eine Bombe aus dem 2.Weltkrieg entschärft werden muss (in den letzten Wochen leider öfter, Obdachlose in vorübergehend wegen Baumaßnahmen stillgelegten Tunneln übernachten, sich Menschen in Kurzschlusshandlung vor die S-Bahn werfen. Die S-Bahn macht sicher einiges verkehrt bzw. hatte es vor drei Jahren, weil sie nicht genug in funktionsfähige Züge investierte. Und ab und an müssen Gleise auch saniert werden.Eigentlich ständig irgendwo auf der Strecke. Schließlich fährt die S-Bahn schon sehr lange hier. Aber im großen und ganzen komme ich immer von A nach B. Aber wenn meine S-Bahn Verspätung hat, dann schimpfe ich auch :). Klar.

  • Janne hat gesagt, dass es nicht richtig funktioniert mit der S-Bahn 😀

    war auch mehr ein launiges Beispiel, genauso gut hätte man Elbphilharmonie, Berliner Flughafen, Stuttgarter Bahnhof, ICEs usw usw nennen können

  • Aha ;).

  • Es ist entsetzlich, was da in Indien geschieht. Aber war es je wirklich anders? Und liegt diese Fehlperzeption einer anderen Kultur nicht einfach an uns? Wir legen unsere Wertmaßstäbe an etwas an, das nach eigenen Regeln spielt.
    Letztlich sind wir es doch gewesen, die Indien zu einem „spirituellen“ Land stilisiert haben.

  • Exilberlinerin

    Homosexualität strafbar in Indien, ich dachte ich les nicht richtig ! Es war mir neu, dass das in Indien ein Thema ist, ich bin entsetzt. Aber es stimmt schon, das Land (ich war noch nie dort und wollte immer mal hin, gerade ich auch als Yoga-Tante und Meditaions-Trine) hält jede Menge archaische und unmenschliche Traditionen aufrecht. Aber dazu noch einen Schritt zurück machen, und DANN aber gleichzeitig eine Prostitutionskultur pflegen, in der Jungen schon von klein auf als Mädchen und künftige Trans-Prostituierte erzogen werden… je strenger das System, desto heuchlerischer scheint es zu sein.

    Die S-Bahn in Berlin hatte schon so ihre Probleme in den letzten Jahren, und der M48 Bus kommt nie ! Gerade jetzt in der Weihnachtszeit. Natürlich sind wir alle froh, dass wir in einer Demokratie leben und unsere Menschrechte geachtet werden. Aber man darf doch trotzdem ein bisschen meckern, wenn der M48 mal wieder nicht kommt und einem der Eisregen um die Ohren peitscht 🙂

  • Ich habe gerade das Buch „Das Gleichgewicht der Welt“ ausgelesen und bin fassungslos. Auch wenn das in der Vergangenheit spielt, die Geschichte des Landes geht weiter bzw steckt eigentlich fest und macht unsagbar traurig.

  • Ingo Noczynski

    @beautyjungle: Was für ein Zufall, habe das „Gleichgewicht der Welt“ auch vor kurzem ausgelesen. Es sollte von jedem, der (dicke) Bücher liebt, gelesen werden. Witzig, klug, aufwühlend. R. Mistry versteht es, die Schattenseiten, den Charme und die Tragödie Indiens einzufangen.

  • Ingo Noczynski

    Dass wir, nach Voltaire, die Welt bei unsrem Ausgang genauso dumm und erbärmlich zurücklassen, wie wir sie bei unsrem Eintritt fanden, wäre noch erträglicher, als sie auch in zweitausend Jahren noch genauso dumm und erbärmlich vermuten zu müssen, wie sie schon vor zweitausend Jahren war. Je vernünftiger man die Welt anschaut, desto unvernünftiger schaut sie zurück. „Ein bißchen gesunder Menschenverstand, ein bißchen Toleranz, ein bißchen Humor – wie behaglich es sich dann auf diesem Planeten leben läßt.“ Vorausgesetzt
    , Mr. Maugham, es kommt noch ein bißchen Gesundheit dazu, ein bißchen Liebe, ein bißchen Geld und noch so ein bißchen von diesem und jenem. Oje, das Wetterleuchten meiner Schwermut kommt wieder hervor.

  • @ janne
    ich habe letztens einen kurzen Bericht zu dem Thema gesehen, wo eben dieser Vater weinend zu wort kam und es dabei belassen.
    nachdem ich das Thema auf deinen Hinweis hin eben kurz angegoogelt habe scheint es – wie du es sagst – doch eher so zu sein, daß es um geplante Kaiserschnitte geht – diese Politik des „äußersten notfalls“ soll aber auch schon zu etlichen Todesfällen geführt haben.

  • @Ingo: schöner Zufall 🙂
    Und ja, das Buch ist wunderbar, es berührt und lässt lachen, so viel Mut und Zuversicht in diesen Menschen.

  • Ingo Noczynski

    @beatyjungle: Besonders der Korrekturleser mit einer Allergie gegen Druckerschwärze bleibt mir unvergesslich. Wenn du mal Zeit hast, lese ein Mal Correllis Mandoline von Bernieres. Ich wollte es nie lesen ob der schlechten Verfilmung mit Cage. Wie gut, dass ich es dennoch getan habe. Kann die Liebe den Krieg besiegen? Ja! Ein erstaunlicher Roman, der sanft zwischen Glück und Tragik schwebt, zwischen perrsönlichem Schicksal und historischem Ereignis. Ein Meisterwerk!

  • Irit: es ist unfassbar !
    Und nicht nur in Indien- man denke an Russland!

  • Oh mann, wenn ich sowas lese werde ich richtig wütend. Was geht in Menschen nur vor, die soetwas bestimmen?
    Es stimmt schon, dass es uns da richtig gut geht, aber die Rechte der Schwulen sind leider immer noch nicht gleichgesetzt.

  • Wollte schon so lange einen Kommentar hier hinterlassen und zwar mal etwas positives, ein super Video (full-length!) von einem amerikanischen Komiker, der ursprünglich aus Saudi-Arabien kommt und dieses Video anläßlich des Protest-Tages gegen das Fahrverbot gegen saudi-arabische Frauen online stellte:
    http://news.yahoo.com/video/protest-song-no-woman-no-171252824.html
    Vielleicht schaut noch jemand rein, dann viel Spaß damit ;-))

    Grundsätzlich finde ich, kann man in so manchen Ecken unserer Welt einen „gewissen“ Rückschritt wahr nehmen (siehe auch Ungarn oder Ukraine). Wenn man bedenkt wie beeindruckend sich Indien während der Zeit von Ghandi entwickelt hatte… Jedenfalls werden durch solche „negativen“ (Rückwärts-)Entwicklungen oft und gerne alte, überholte und meist angstgesteuerte Vorurteile oder Verhaltensweisen „neu belebt“. Davon sind dann wiederum leider meist Randgruppen oder sozial Schwächere etc. betroffen. Oder vllt. könnte man auch sagen, wenn genau das passiert, hat man es nicht mit einer „innovativen“, sondern mit einer negativen (Rückwärts-)Bewegung zu tun.
    Ja und absolut können wir froh sein heute und hier zu leben – bin ich auch ;-). Aber ich sehe es auch so, wenn die „Meckerei“ einhergeht mit einem allgemein wachen, kritischen und auch integren Geist – dann spricht das nur uns.

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