Ein ständiges Ärgernis

Kürzlich geisterte es mal wieder durch die Schlagzeilen: jeder sechste Deutsche ist armutsgefährdet. Alarm! Alarm? Bei mir geht da bestenfalls die Alarmglocke in Sachen „Wie lügt man mit Statistik“ an. Ich möchte damit jetzt nicht sagen, dass hier jeder in Saus und Braus lebt (was mit Sicherheit nicht der Fall ist), sondern mich ärgert der fahrlässige Umgang mit Zahlen.

Wie vielleicht bekannt habe ich Statistik studiert und ich fand schon während des Studiums weniger die Zahlen an sich, sondernmehr die Interpretation und Schlussfolgerungen daraus interessant. Eins meiner absoluten Lieblingsbeispiele sind die sauren Gurken, die an Flugzeugabstürzen schuld sind. Es ist nämlich so, dass ca. 90% aller abgestürzten Piloten gerne saure Gurken gegessen haben, womit der kritische Faktor ausgemacht ist. Das nennt sich im Fachjargon Scheinkorrelation und bedeutet, dass Dinge in Zusammenhang gesetzt werden, die nichts miteinander zu tun haben oder die keinen tatsächlichen Einfluss haben.

Die Tricksereien mit Statistik sind endlos, es gibt auch schöne Bücher dazu. Das fängt bei den beliebten bunten Bildchen mit Linien an, bei denen die Auswahl des Maßstabs von entscheidender Bedeutung ist. Mit der richtigen Skalierung sieht auch der kleinste Effekt gigantisch aus – oder umgekehrt. Ohne breitere Kenntnis des Drumherums lässt sich damit so ziemlich alles verkaufen.

Gern genommen werden auch Zahlenbeispiele wie die obigen. 16,1% der Deutschen sind von Armut bedroht. Das ist keine schöne Zahl. Es gibt aber wohl nur wenige Leute, die nachfragen, wie das denn gemessen wird. In dem Fall ist die Grenze 60% des mittleren Einkommens nach Steuern und Abgaben. Im Extremfall (vereinfachtes Beispiel) sähe das dann so aus: das Land hat 1000 Einwohner, die in Summe 1 Mrd Euro verdienen, also im Schnitt 1 Mio pro Person. Nun ist es aber ungleich verteilt. 200 Leute verdienen 500.000 Euro im Jahr, 800 Leute 1,125 Mio im Jahr. Alarm! 20% der Bevölkerung sind armutsgefährdet, denn die verdienen weniger als 60% des mittleren Einkommens. Die absolute Höhe des Einkommens ist nicht relevant.

An diesem plakativen Beispiel sieht man sehr einfach, wie schön man Zahlen aufbereiten kann. Wenn man alle Definitionen und Prämissen weglässt.

Mich ärgert das jedes Mal aufs Neue. Damit bin ich nicht allein, weswegen es die schöne Website Unstatistik gibt. Dort wird jeden Monat die „Unstatistik des Monats“ veröffentlicht und die Daten genau unter die Lupe genommen. Verantwortlich sind die Herren Gerd Gigerenzer (dessen BUch über Bauchentscheidungen ich nur wärmstens empfehlen kann), Thomas Bauer (den kenne ich nicht) und Walter Krämer (den kenne ich, bei dem habe ich meine Diplomarbeit geschrieben).

Das Stöbern im Archiv macht Spaß. Besonders gut fand ich den Beitrag zum Zusammenhang zwischen Herztod und Frühstück und „Schokolade macht dünn“. Letzteres fände ich ganz prima, aber leider leider… muss man hier nochmals über Scheinkorrelationen nachdenken. Das sind natürlich keine „Sensationsartikel“ mit Schlagzeilenpotential, sondern es wird nur genau hinterfragt, was denn tatsächlich an Zahlenmaterial da ist und was es aussagt.

13 Kommentare

  • Als Sozialwissenschaftlerin ist mir Statiaik auch nicht ganz fern. Ich bekomme jedesmal einen Anfall, wenn ich meine Zahlen angebe für die vierteljährliche Verdiensterhebung der LSKN, wo unser Betrieb Daten liefern muss. Da liefere ich jedes Vierteljahr den „Beweis“ dafür, dass Frauen bei gleicher Tätigkeit weniger verdienen als Männer. Was in machen Bereichen ja sein mag, aber in der Produktion ergeben sich die Unterschiede ganz klar dadurch, weil die Statistik Zuschläge für Spät- und Nachtschichten sowie Samstags- und Sonntagszuschläge mal ganz locker auf das Grundgehalt dazu zählt. Und Frauen arbeiten nun mal weniger ausserhalb der normalem Arbeitszeit. Also steht bei den Männern bei dem umgerechneten Stundenlohn locker mal ein Euro mehr…. Bei den Ergebnissen wird aber natürlich nicht darauf hingewiesen. Die Akten vieler dieser Menschen, die man in der „Armutsstatistik“ sicherlich dazu zählen würde, habe ich dann auch auf dem Tisch. Der Lebenslauf ist dann stets entsprechend. Junge Menschen, nichts durchgezogen, oft nach 2 Tagen wieder ausgeschieden, weil arbeiten dann „doch nix so für sie ist“, Kind mit der neuen Freundin ist natürlich obligatorisch, aber irgendwie wurde ihnen trotzdem eingeimpft, dass sie die Helden sind, und unter 12 Euro (wohlgemerkt in sturkurschwacher Kleinstadt) morgens gar nicht aufstehen sollten.

    • Das letzte Drittel kommt mir doch sehr bekannt vor, aber damit müssen wir leben, solange es nicht möglich ist Menschen besser zu machen.
      Seit ich 15 bin arbeite ich, erst neben der Schule und Ausbildung, dann nach der Ausbildung hochgearbeitet, weiterhin nebenher gejobt, dann Umschulung wg Krankheit, weitergearbeitet bis ich 42 war. danach Selbständigkeit, die erst nach fünf Jahren tragfähig war. Ergebnis: 434 € Rente ab 67. Is´n Witz, oder?

  • Da fällt mir nur ein: Traue keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast

  • Danke, Irit, für das wieder ins Gedächtnis rufen der Relationen von Statistiken. Die Bezugswerte werden ja i.d.R. unterschlagen.
    Altersarmut oder überhaupt Armut in einem reichen Land ist ein sehr ambivalentes Thema. Beispiele wie deines, Charlotte, machen mich jedesmal wütend, Arbeit muß sich lohnen und eine Absicherung des Alters garantieren !
    Die andere Seite ist diese: Mein Mann hat mal einem jungen und offensichtlich gesunden Mann, der in unserer Fußgängerzone bettelte, angeboten, er könne ihm 1 Nachmittag bei der Gartenarbeit helfen, für 10 Euro pro Stunde. Und nun dürft ihr 1x raten, ob der junge Mann das Angebot angenommen hat oder nicht… In derartigen Fällen habe ich dann auch kein Mitleid, falls „Armut“ eintritt.

  • Ich habe mal einer bettelnden Frau (sie klingelte an der Haustür) ein Essenspaket hergerichtet, wie ich es auch für die Familie machte. Butterbrote, Joghurt, Kekse, Obst, alles hübsch verpackt. Ich fand es dann in unserem Vorgarten wieder.

  • @Lissy: das hatte ich letztens so ähnlich. Auf der Einkaufsstraße (direkt vor einem Bäcker) sprach mit jemand an mit einem Spruch rund um Hunger. Ich bot dann an, beim Bäcker nach Wunsch etwas zu kaufen. Die Antwort war dann auch negativ…

    @Charlotte: wie alt bist du denn jetzt? Der Rentenanspruch richtet sich nach den Einzahlungen. Wenn du so viel gearbeitet hast, muss doch mehr da sein.

    • 49. Das is schon alles richtig berechnet, leider. Im Einzelhandel wird nunmal schlecht bezahlt und von den Nebenjobs fließt ja nichts in die Rentenkasse. Beim Steuerberater verdient man noch schlechter, daher die Selbständigkeit, mit der ich rund ein dutzend junge Menschen ins Leben „einführe“, und artig bei Schnupfi und Husti gesetzestreu den Lohn fortzahle.
      Ich sehe es so, daß ich mehr als andere im jetzt lebe und Geld einfach keine Rolle spielt. Jeden Ö lege ich beiseite, denn meine Lebensdauer und Qualität hängt mit meiner Haushaltung der Resourcen extrem stark zusammen. Hört sich befremdlich an, sehe mich aber einfach nur als Realist. Mein Leben soll nicht besonders lang, sondern besonders erfüllt sein, und das ist bereits im heute eingetreten. Wenn mich morgen ein Bus überfährt, is das ok. Niemand hat mehr geliebt und genossen als ich und meine persönlichen Ziele habe ich erreicht. Außerdem gibts noch WWM, da muss ich mich mal wieder bewerben…

  • genau aus diesem grund gebe ich bettlern an der haustür oder in den fußgängerzonen nichts. ich finde ich unterstütze durch meine steuern jeden monat unsere schwächeren mitbürger. und zusätzlich spenden kann ich ja an organistationen oder durch arbeitseinsätze für kindergärten und schulen etc. ich denke in deutschland muss man nicht hungern und eigentlich auch nicht obdachlos sein. wenn man die angebote des staates annimmt und sich um seine angelegenheiten kümmert.
    tja statistiken… das ist so eine sache. damit werden ja seit jahren auch unsere arbeitslosenzahlen aufgehübscht.

    was solls es war schon immer so und wird auch so bleiben.

  • Wenn jeder, der einem Obdachlosen helfen möchte, ihm ein Essenspaket kauft, dann wird derjenige irgendwann nicht mehr gegenan essen können. Ehrlich, ich finde solche Angebote an Obdachlose nicht wirklich klug. Ich gebe durchaus gerne ein paar Euro und wenn davon Alkohol gekauft wird, kann ich das sogar verstehen. Wer bettelt ist ganz tief unten. Das Elend müsste ich mir wahrscheinlich auch wegspülen. Das Leben besteht nicht einfach nur aus satt sein, jedenfalls nicht meins und ich gestehe Obdachlosen durchaus zu, dass es bei ihnen ähnlich ist.

  • Wenn jemand an der Haustür klingelt, sagt, dass er Hunger hat und um Geld bittet, damit er sich etwas zu essen kaufen kann, wenn ich weiß, dass der nächste Supermarkt nicht gerade in der Nähe ist, dann biete ich etwas zu essen an. Wenn ich jung und unerfahren bin. Heute weiß ich es besser.

  • Carlotta, so sehe ich das auch!

    Irit, danke für das Erinnern an Walter Krämer *Buchrauskram*

  • ich bin übrigens auch in einem seiner Bücher „verewigt“

    http://www.amazon.de/schreibe-Seminar–Examensarbeit-concret-ebook/dp/B004WN879W/ref=sr_1_11?ie=UTF8&qid=1383483702&sr=8-11&keywords=Walter+Kr%C3%A4mer

    als positives Beispiel für ein übersichtliches und gut strukturiertes Inhaltsverzeichnis 🙂

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