Kopftuch und so weiter

Lasst uns diskutieren…

Kürzlich schrieb ich über eine Klassenkameradin meiner großen Tochter, die ein Kopftuch tragen muss (Link). Susi schrieb bei den Kommentaren, dass es doch durchaus Muslima gibt, die freiwillig Kopftuch tragen. Daraufhin kam ich ins Nachdenken, einen Teil habe ich ja schon bei den Kommentaren geschrieben

naja, die meisten Religionen haben ja eins gemeinsam: sie reglementieren Sexualität und zwar insbesondere bei Frauen. Ein perfides Machtmittel. Nicht umsonst gab es mal die 68er, die Abtreibungsdebatte und den Wertewandel nach Einführung der Pille. Ich betrachte es als hohes Gut, dass ich als Frau machen kann wie und wann und mit wem ich will (ok, seit 25 Jahren mit meinem Mann, aber theoretisch). Es ist Freiheit. Auch geistige Freiheit, denn man muss sich sein eigenes Lebensmodell überlegen. Und nicht einfach das von irgendwelchen Männern nachkauen – und ich kenne keine große Religion, bei denen Frauen den Ton angeben.

Am Ende kam ich schließlich darauf, dass ich Vorschriften aller Art wie die Pest hasse. Das gilt natürlich nicht für allgemeine ethische Regeln wie „Du sollst nicht töten“, „Du sollst nicht stehlen“ oder „Du sollst nicht lügen“. Naja, fast nie. Nur kleine Notlügen und die sind erlaubt. Aber der Rest. Warum sollte ich mir von irgendjemanden Vorschriften für MEIN Leben machen lassen? Ich möchte nicht, dass irgendjemand anders bestimmt, wie ich lebe, wovon ich lebe, was ich esse und trinke und so weiter.

Vermutlich stehe ich deswegen auch auf Kriegsfuß mit jeder Art von Religion, bevor es überhaupt nur an eine Diskussion über das Gotteskonstrukt geht, kriege ich schon eine Krawatte wegen der diversen Vorschriften, die immer gerne daran gehängt werden.

Mir ist völlig unverständlich, wie man sich so gängeln lassen kann. Und woher die Gewissheit kommt, dass irgendein Mensch göttliche Vorschriften niedergeschrieben hat. Das ist doch ein Widerspruch an sich. Und wieso sind bei Religionen immer die Frauen die Blöden? Schön jungfräulich bleiben (mangels Vergleichsmöglichkeit steht da natürlich noch der letzte Armleuchter als Held im Bett da – haben Männer echt so viel Angst vor Frauen?), Abtreibung auf keinen Fall (Macht in Frauenhand, gar nicht gut) und so weiter und so weiter. Einer der krönenden Höhepunkte sind natürlich die Scheidungsrechte im Islam, wenn ich es richtig verstanden habe, wird man seinen Mann praktisch nur durch Totschlag los, wohingegen er einen einfach wegschicken kann. Na bravo. Mir ist schleierhaft, warum irgendeine Frau freiwillig diesen Zinnober mitmacht.

Aber zurück zum Thema Vorschriften. Ich muss da immer an das Buch denken, dass Janne vor einiger Zeit vorgestellt hat (Link). Sie schreibt dort:

Die häufigste Aussage betraf das Unglück, nicht das eigene Leben gelebt, sondern sich viel zu viel nach den Wünschen und Ansprüchen anderer gerichtet zu haben. Das stelle ich mir auch wirklich schlimm vor, wenn einem klar wird, dass das eigene Leben ganz anders ausgesehen hätte. Ich denke oft, dass den Leuten eher leid tun wird, was sie alles nicht gemacht haben, als das, was sie taten.

Ich weigere mich, die Vorstellungen anderer Menschen zu erfüllen. Es kann ja sein, dass meine Mutter meint, ich müsste dies und jenes tun. Mache ich aber nicht. Ich mache das, was ich für richtig halte. Meistens jedenfalls, nur bei meinen Kindern bin ich kompromissbereit. Glücklicherweise leben mein Mann und ich ziemlich symbiotisch und legen ansonsten Wert auf Eigenständigkeit. Eben jeder so, wie er möchte. Das mag ich auch an meinen Freundinnen Janne und Nanna, die erzählen mir nie, was ich machen soll, selbst wenn sie gerade denken, dass ich völlig durchgeknallt sein muss.

Tja, so ist das mit den Vorschriften und deswegen bin ich auch ein Kopftuchhasser. Kruzifixe in öffentlichen Räumen mag ich auch nicht.

65 Kommentare

  • BRAVO! Sehe ich genau so. Und die Religionen waren mal matriarchial, auch der Islam, wenn man ganz weit zurück schaut. Und ja, Männer haben Angst vor starken, unabhängigen Frauen.

  • Grandios! Mein Herz hüpft vor Freude. Bei jedem Satz ein Nicken. Das niedergeschrieben zu lesen, was ich selbst hätte nicht besser auf den Punkt bringen können, ist eine wahre Wonne. Weiter so! Wir sind nicht alle gleich verkniffene Emanzen, weil wir einfach nur das tun möchten, was und wie wir es wollen. Religionen oder besser das, was aus ihnen gemacht wird, sind das Grundübel der Menschheit. Ich glaube, nichts anderes hat jemals so viel Leid über Frauen und auch Männer gebracht. (dies ist übrigens mein erster Kommentar hier, und das, obwohl ich schon länger eine seeehr interessierte „Zuleserin“ bin)

  • Ich finde Religionen gefährlich, entmündigend und noch vieles mehr.

  • Honeypearl

    Du hast es auf den Punkt gebracht! Ob Religionen oder gesellschaftliche Konventionen, alles was Menschen unterdrückt und sie an ihrer freien Entfaltung hindert, darf nicht toleriert werden (da könnt ich zum Extremisten werden). Das ist ein Thema, in das ich mich richtig schön reinsteigern kann… Jeder so wie er mag, solange man keinen anderen verletzt etc. Warum müssen Religionen repressiv sein? Warum können sie nicht einfach fördern und Stärke geben, wenn man sie braucht und zwar unabhängig vom Geschlecht? So wünsche ich mir Religion.

  • Ich kann das auch nicht mehr hören, wenn diese gehirngewaschenen Frauen öffentlich erklären, sie trügen ihr Kopftuch selbstbewusst, hätten studiert und zu Hause die Hosen an undsoweiterundsofort. Das interessiert mich nicht, denn das ist auch nicht der Punkt. Man kann sicher auch selbstbewusst bleiben, wenn man in einer schwierigen Situation ist. Aber der Punkt, auf den es ankommt, ist doch, ob diese Frauen das Kopftuch selbstbestimmt tragen. Sprich, ob sie es sich ausgesucht haben. Ob sie es auch freiwillig tragen würden, wenn es niemand von ihnen erwarten würde. Und das ist nicht der Fall.Selbstbestimmtheit gibt es zur Frage Kopftuch einfach nicht. Und deswegen bin ich dagegen. So wie ich überhaupt dagegen bin, anderen Vorschriften zu machen.

  • Bravo! Echt gut geschrieben!! Ich glaube der wichtigste Punkt ist und bleibt…ja…Männer HABEN so viel Angst vor Frauen! Wir bringen lebende Wesen auf die Welt (die wir auch noch ernären können). Wir bluten 7 Tage im Monat ohne zu sterben und wir können Männer schlicht mit unserem dasein verzaubern…klar haben sie Angst vor uns! Die Angst wird dann besiegt imdem das magische Wesen unterdrückt wird (da haben Frauen schlechte Karten da Männer uns meistens körperlich überlegen sind)…bis ins 21 Jahrhundert!! Was mich am meisten ärgert sind aber die Frauen die diese miese Ungerechtigkeit nicht nur akzeptieren, aber ihren eigenen Mädchen weiter einflösen. Ich glaube zwar an eine höhere Gewalt (ob die nun Gott, Buddah oder Allah heisst)…kann aber in der Religion nicht mehr richtig Fuß fassen.

  • Prinzipiell stimme ich zu und der Artikel ist sehr gut geschrieben. Das Wort „Vorschriften“ taucht sehr oft auf, daher nehme ich dies mal zum Anlass. Vorschriften sind des einen Leid und des anderen Freud. So traf ich vor einiger Zeit mal eine ca. 90jährige (sehr beeindruckende) Dame, die sich Dekaden zurück dazu entschloss, einer Ordensgemeinschaft angehören zu wollen. Sie erzählte mir ihre Lebensgeschichte und lieferte den O-Ton aus der Sicht eines Einzelnen innerhalb des Systems. Die Frage danach, warum sie sich für ein solches Leben entschied, beantwortete sie überaus klargeistig. Dabei forcierte sie weniger den Aspekt der Flucht vor etwas Weltlichem, als vielmehr den Gedanken und Glauben an Schutz, Halt und Freiheit, wobei das Wort „Freiheit“ vorsichtig und differenziert zu betrachten ist. Es nicht die Freiheit im Sinne der kompletten persönlichen Entfaltung (die nicht möglich war/ist), sondern durch Bindung frei sein zu dürfen für Dienste an Gott und den Nächsten (z.B. freiwillige, diakonische Dienste). Innerhalb der Gemeinschaft fand sie natürlich Gleichgesinnte und wusste immer, wo sie hingehört, nur verliebt war sie in all den Jahren nie 🙂 Was sie nach eigener Aussage zwar mal hinterfragt und gleichermaßen vermisst hat aber für sie war Sexualität nebensächlich, so wie für viele Andere, die sich keiner Gemeinschaft oder Religion unterordnen, entweder weil sie abstinent leben wollen oder vielleicht asexuell sind (aber da gibt es ja auch wieder verschiedene Typen und Abstufungen, das würde jetzt zu weit gehen^^).

  • Der Artikel spricht mir auch aus der Seele. Aus den genannten Gründen kann ich ebenfalls Religionen so gar nichts abgewinnen, meiner Meinung nach geht es da auch fast nur um Macht, allerdings auf eine besonders perfide Art, die mit den Ängsten der Menschen spielt…
    Leider geht auch in der bis vor nicht allzu langer Zeit so fortschrittlichen Türkei auch der „Trend“ wieder zum Kopftuch, und zwar nicht nur in den ländlichen Regionen, sondern auch in der Metropole Istanbul.

  • Ich bin praktizierende evangelische Christin und habe mich durch den Glauben nie bevormundet gefühlt. Du sollst … ist für mich ein Gebot (kein Verbot), das mir die Freiheit gibt, mich für oder gegen die Einhaltung zu entscheiden. Der Gott, den ich kenne, ist verzeihend und nicht rächend. Das Bodenpersonal ist allerdings oft richtig schlecht, das stimmt und da muss man aufpassen und auch den Mund aufmachen.

    Anderen Frauen abzusprechen, dass sie selbstbestimmt sind, weil sie etwas tun, was wir nicht nachvollziehen können (kann ich beim Kopftuch auch nicht), halte ich mittlerweile für unangemessen. Ich möchte nicht die bessere oder die freiere Frau sein, ich möchte lieber solidarisch mit anderen Frauen sein, egal in welcher Lage sie sind. Ich möchte lieber die Beweggründe kennenlernen und sie nicht verurteilen.

  • In meinem ganz persönlichen Wertekanon stehen Freiheit, Wachstum, Kreativität auch sehr, sehr weit oben und oft danke ich wem auch immer, in dieser Zeit und in diesem Land geboren zu sein. Auch wenn hier auch nicht alles Gold ist, haben Frauen doch sehr viel Freiheit und Entwicklungsmöglichkeiten. Das gilt es zu schätzen und auszubauen. Trotzdem sind wie die unterschiedliche Gewichtung der persönlichen Werte auch die Begriffe von Freiheit individuell verschieden und ich toleriere sie in der Regel so lange, wie sie mich nicht bedrängen und zu „bekehren“ suchen. Die Toleranz, die ich Andersdenkenden wirklich gern entgegenbringe, erwarte ich auch umgekehrt. Als Atheistin fühle ich mich frei und nach meinem Ermessen verhalte ich mich grundsätzlicher viel ethischer als manche, die Ihren Glauben groß verkünden und andere damit unterdrücken, verängstigen und ausbeuten.

  • Was ich mir wünsche, ist eine komplette Trennung von Kirche und Staat. Warum zieht der Staat für die Kirche – und zwar nur für die hier hauptgrassierenden Sekten – die Kirchensteuer ein und (re-)finanziert deren „christlichen“
    Aktivitäten, unter deren Deckmantel Tarife unterlaufen und illegale Vorschriften gemacht werden. Warum zahlt unser (?) Staat seit Jahrhunderten Etnschädigungen für irgendwelche Ländereien, das gibt es in keinem anderen Zusammenhang und wird von allen SteuerzahlerInnen mitgetragen.

  • interessante Gedankengänge

    Was mich erstaunt hat: genau ein Kommentar einer Leserin, die zur Kirche steht. Da hätte ich mehr erwartet. Muslimische Leserinnen haben wir scheint es auch nicht – oder zumindest kommentieren sie nicht.

    Bei näherem Hinsehen ist es doch nicht so erstaunlich, Janne und ich vertreten sehr deutlich eine bestimmte gesellschaftliche und politische Richtung, vermutlich fühlen sich auch Leserinnen, die ähnlich denken, sich von diesem Blog angesprochen.

    Was mich zurück zur Ausrichtung des Blogs bringt. In letzter Zeit habe ich sehr viel mehr Lust, über genau diese Themen nachzudenken als Reviews zu schreiben. Ich bemerke, dass ich bei Produkten immer kritteliger werde und eigentlich nur noch pber die 90%+-Produkte schreiben mag, sprich: die, die wirklich richtig gut sind. Mal sehen, wo die Reise hingeht…

  • Ich bin evangelisch getauft und habe es vor allem in der DDR als recht befreiend empfunden, einen toleranten Raum für mich zu haben. Ich sehe Vieles in der Kirche sehr kritisch, sehe aber immer noch genug, was gut läuft. Wir haben hier einen sehr intelligenten, offen homosexuellen Pfarrer, der Toleranz predigt, aber auch die Ideale wie Nächstenliebe, Materialismuskritik usw. vermittelt. Dies finde ich für den Konfirmandenunterricht meines Sohnes sehr gut. Mir hat der Glaube geholfen, so manche schwierige Situation gelassener zu sehen. Im Osten war man als Christ ja eher Exot. Ich bin zB dankbar und froh, dass die evangelischen Kirchen (Nikolaikirche oder die Zionskirche Berlin) in der DDR Oasen der Toleranz und Zuflucht waren und Ausgangspunkte der Demonstrationen und Schutzorte vor der Stasi. Die Unterdrückung Andersdenkender und die Frauenfeindlichkeit im Namen des Glaubens sind natürlich das Letzte. Bin übrigens auch für die Trennung von Kirche und Staat. Damit sich Gläubige freier den Kirchen nähern können, ohne direkt vom Damoklesschwert der Kirchensteuer abgeschreckt zu werden. Wobei ich hoffe, dass die vielen „Atheisten“, die am Heiligen Abend unsere Kirche besuchen zwecks theatraler Berieselung auch mal darüber nachdenken, wer ihnen das Event finanziert.

  • Da ich mich als Atheistin hier positioniert habe, eine kleine Anmerkung zum letzten Satz von Nice: Auf jeden Fall sehe ich das Christentum und die anderen Religionen und ebenso die heidnisch-kultischen Überlieferungen als Teil der Menschheits- und Kulturgeschichte und habe auch gar nichts gegen die daraus entstandenen Traditionen. Ich zahle keine Kirchensteuer, spende aber sehr gern und freizügig für die Instandhaltung z.B. unserer kleinen Kapelle hier im Ort und wenn ich ein Ogelkonzert o.ä. besuche gibt es immer die Möglichkeit, einen Beitrag zu leisten. Das tue ich sehr gern und ganz gezielt. Genau diese „theatrale Berieselung“ würde ich mir nicht antun …

  • Ich stimme Carlotta zu, wenn sie sagt, sie habe nicht das Recht, anderen (z.B. Kopftuchträgerinnen) zu unterstellen, sie seien fremdbestimmt. Ich bin allerdings, anders als sie, Atheistin, ohne Anführungszeichen.
    Früher war ich durchaus der Meinung, Regelungen, die Kopftuchtragen verbieten, seien nötig (das müsste allerdings sowieso für alle Glaubensrichtungen gelten). Inzwischen bin ich da liberaler geworden, solange niemandem Kleidung/ein Lebensstil/Eingriffe am Körper ohne Mitspracherecht o. ä. aufgezwungen werden.
    Ich bin definitiv der Meinung, (christliche) Religion und Staat sind in Deutschland viel zu eng verzahnt und die Kirchen haben erschreckend viel Freiraum und bewegen sich teilweise im rechtsfreien Raum.
    Als Begründung dafür wird gerne von der christlich-abendländischen Kultur gefaselt, aber dabei gerne vergessen, dass sich moderne Ideen von Demokratie und Menschenrechten oft gegen den Widerstand Kirche und Religion entwickelt haben.

  • Conny, das unterschreibe ich auch.

  • Irit: ich weiß , dass es gar nicht zum Thema passt! Sorry! Aber besprichst du das Origins – oil noch? Wolle es mir kaufen , aber erst dein Urteil abwarten 🙂

  • @Sabine: ja, ist sogar schon fertig (kannst es unbesorgt kaufen…), aber da gibt es eine hübsche Aktion von Melvita und da habe ich ein wenig umgestellt… kommt am 25.10.

  • @Nice: das sehe ich als ev. Christin genauso und habe dem nichts hinzuzufügen.

    @Andrea: die Trennung von Staat und Kirche, die auch ich für eine unbedingte Notwendigkeit halte, ist in Deutschland schon sehr konsequent. Na gut, abgesehen von lehrenden katholischen Nonnen in Bayern und der Kirchensteuer, die das staatliche Finanzamt einzieht. Aber im Vergleich zu anderen Religionen in anderen Länden, die das private und öffentliche Leben weitreichend bestimmen, bin ich froh, hier zu leben.

    Grundsätzlich bin ich der Meinung, das Religion Privatsache sein und demzufolge auch nicht demonstrativ der Öffentlichkeit vorgeführt werden sollte. In diesem Sinne bin ich auch gegen z.B. das Tragen des Kopftuches aus religiösen Gründen in der Öffentlichkeit, schon gar nicht in Bereichen, wo wiederum eine Beeinflussung Dritter stattfindet, z.B. in Schulen. Dasselbe gilt auch für jeden anderen Glauben.

  • @Irit: Danke, liebe Irit:)! Noch ein schoenes Restwochenende !

  • @Conny: Mit theatraler Berieselung meine ich den Eindruck, den ein für Christen recht wichtiges Ereignis wie der heilige Abend auf Besucher machen muss, denen das nichts bedeutet. Sie sind natürlich trotzdem herzlich willkommen. Denn für uns ist Toleranz und Liebe das Ideal einer guten Kirche.

  • Na, mit Nice sind es ja Zwei, die sich „outen“. Es ist manchmal schwierig, bekennender Christ zu sein. Immer hat man nämlich auf die stetig wiederkehrenden, oft unangenehm geführten Diskussionen wenig Lust, weil sie häufig von mangelnder Toleranz zeigen. Aber verstecken will ich mich auch nicht. Mir ist es egal, ob jemand gläubig ist oder nicht. Ich frage das nicht ab, wenn ich Menschen kennenlerne und ich beurteile auch niemanden danach. Umgekehrt höre ich aber oft eine erstauntes „Du wirkst so modern, das hätten wir jetzt nicht gedacht“. Lächerlich, wer so denkt, zeigt, dass er engstirnig und verkrustet ist.
    Ich nehme Kopftuch nicht (mehr) als religiöses Symbol wahr, genau so wenig, wie ein Kreuz am Hals eines Menschen.
    Findet ihr wirklich, dass Kirche und Staat eng verzahnt sind? An welchen Stellen denn? Vielleicht bin ich auf den Auge blind, aber viel mehr als die Kirchensteuer fällt mir grad nicht ein.

  • Carlotta, ich gebe Dir recht. Die ev. Kirche schreibt mir eigentlich nichts vor. Die meisten Gebote haben sich im sog. gesunden Menschenverstand sowieso als erstrebenswert durchgesetzt. Einzig der Glaube macht den Unterschied. Ich stelle aber fest, dass viele doch an „etwas“ glauben, nur nicht benennen können woran. Im Zuge der Konfirmandenzeit suchen hier viele atheistische Eltern nach Alternativen für ihre Kinder. Und es wird gerade da viel Geld verdient mit zusammengewurschtelten Ritualen – von Schlafen im Wald bis Jugendweihe. Also scheint es den Sinn einer Art von Religion oder geistigem Input doch zu geben, außerhalb von Opium fürs Volk? Habe manchmal den Eindruck, Buddhismus klingt manchmal schicker als evangelisch zu sein. Aber deren erstrebenswerte Ideale unterscheiden sich eigentlich nicht.

  • Exilberlinerin

    Ich bin am Wochenende nicht online und sehen den Post gerade erst. Ich kenne durchaus Muslimas, die ihr Kopftuch selbstbestimmt tragen und sich aus freien Stücken dazu entschieden haben. Manchmal ist es halt so ein bisschen ein politisches Statement, und das ist es oft, was viele Leute hier nicht verknusen können und was sie eigentlich ärgert, wenn die Botschaft ankommt: ätsch, ich trage Kopftuch, denn ich bin stolz Muslima zu sein, da könnt ihr noch so viel zetern und versuchen, uns Vorschriften zu machen. Denn: Vorschriften unsererseits, KEIN Kopftuch tragen zu dürfen sind genauso daneben wie Vorschriften von Vätern, Ehemännern, eines tragen zu müssen. Wir leben zum Glück in einem freien Land, in dem jeder sich so kleiden darf wie er möchte, und das soll auch so bleiben, ein Kopftuchverbot würde mich sehr beschämen und traurig machen, dass entspricht nicht meiner Idee von Freiheit und Demokratie. Wenn Männer Frauen vorschreiben, wie sie sich anziehen sollen, ist das Sexismus. Wenn Deutsche Frauen aus anderen Kulturen vorschreiben, wie sie sich anziehen sollen, ist das Rassismus. Ist nicht von mir, irgendwer hat das unlängst getwittert, aber so sehe ich das auch….

  • Nice, ich bin mal bei einer freigeistigen Hochzeitsfeier gewesen. Das war wie Kirche ohne Gott. Die Feier war sehr schön, aber strukturell einem Gottesdienst ähnlich aufgebaut und das Ganze strotzte nur so von Symbolen. Offensichtlich wird manches eben doch gebraucht.
    Exilberlinerin, mir wäre der Ausdruck Rassismus zu heftig, aber die Richtung stimmt schon.

  • Ist dann die Kleidervorschrift auch Rassismus, dass man/frau nicht in kurzen Hosen oder dem kleinen Schulterfreien den Petersdom besuchen darf? Oder dass frau bei einer Hochzeit kein weißes Kleid tragen sollte – es sei denn sie ist die Braut? 😉 Letzteres ist zwar keine Vorschrift, aber doch eine Art „Gebot“, wenn auch nur der Tradition und Höflichkeit.
    Rassismus ist mir in diesem Zusammenhang ein zu stark bzw. falsch besetzter Begriff.

  • „…Buddhismus klingt manchmal schicker als evangelisch zu sein.“ Nice, das unterstelle ich einigen auch als Motiv 😉
    Zur manchmal krampfhaften Suche nach Ersatzritualen: Aber die christlichen Kirchen haben ihre Rituale ja durchaus auch geklaut – äh, von anderen Kulturen übernommen; das ist also in der Menschheitsgeschichte ein ganz normaler Prozess. Ich gestehe zB, trotz Atheismus Weihnachtsfan zu sein – ein schönes Lichterfest passt nun mal perfekt in die Jahreszeit, das hat die frühe Kirche auch gemerkt (in den Gottesdienst setze ich mich aber nicht und eine freigeistige Hochzeitsfeier klingt genauso gruselig für mich wie eine kirchliche „Traumhochzeit“ …!!!).
    Kopftuch: Ja, genau in die Richtung hat sich meine Überzeugung weiterentwickelt.
    Carlotta, zur Verschränkung von Kirche und Staat: z.B. Kirchensteuer, vom Staat mit viel Aufwand organisiert, wobei einige Landeskirchen soweit gehen, vom besser verdienenden nichtchristlichen Ehepartner „Kirchgeld“ zu erheben als Ausgleich für entgangene Einnahmen.
    Der Staat finanziert zu großen Teilen christliche Einrichtungen (Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten), hat aber wenig bis keine Mitsprache, zB bei der Auswahl der Mitarbeiter.
    zuwenig Kontrolle der Kirchenfinanzen (siehe aktueller Skandal).
    Religionsunterricht an staatlichen Schulen als Pflichtunterricht, nicht Zusatz, durch vom Staat ausgebildete und bezahlte Religionslehrer.
    Naja, das ist meine Meinung, im Moment ist es wohl noch gesellschaftlicher Konsens, dass das so gut und richtig sei.

  • Ich habe nichts gegen religiöse Menschen aller Art – soll jeder so machen wie er meint. Mir ist auch egal, ob jemand Christ, Muslim, Hindu oder Anbeter des Gurumurusch ist.

    @Exilberlinerin: in solche Kirchen gehe ich nicht und in Länder, wo ich nicht in Sommerkleidung rumlaufen kann, fahre ich nicht. Warum soll ich solchen Leuten auch noch mein Geld nachtragen? Das Beispiel mit der Ätsch-Muslima erinnert mich an Kinder, die im Winter ihre Handschuhe nicht anziehen und lieber die Finger abfrieren als der Mutter recht zu geben.

    Die Verzahnung mit dem Staat gefällt mir auch nicht, Andrea hat in der Aufzählung noch die Reparationszahlungen (oder wie die auch immer heißen mögen) aus dem 18. oder 19. Jahrhundert vergessen.

    Aber mal eine Frage (um zurück zum Kopftuch zu kommen): wieso trägt jemand freiwillig dieses unbequeme und warme Ding auf dem Kopf? Und wieso müssen es nur Frauen tragen? DAS ist es, was mich stört. Als Frau bist du der Depp, der sich bedeckt halten soll – im wahrsten Sinne des Wortes.

    Und dann natürlich noch die Kleinigkeit, dass strenggläubige Männer gerne mal alle Frauen, die nicht so ticken, wie sie wollen, als Huren oder schlimmeres bezeichnen. Oder als Freiwild betrachten.

  • @Carlotta: Die Verzahnung von Kirche und Staat sehe ich z.B. im flächendeckenden Religionsunterricht und Schulgottesdiensten an staatlichen Schulen, im „Wort zum Sonntag“ und Morgenandachten im öffentlich-rechtlichen TV, Rundfunk … Als mein Sohn in die Schule gekommen ist, haben wir ihm frei gestellt, ob er am Reli-Unterricht teilnehmen will. Aus Interesse ist er zunächst hingegangen, aber dann wurde es ihm wohl zu langweilig. Dann hatte er halt „Holstunden“ mit den nicht dem christlichen Glauben angehörigen Migrantenkindern, den Ethik oder eine Alternative gab es in der Grundschule noch nicht. Die von dir oben angesprochene mangelnde Toleranz gibt es ja auf allen Seiten und früher oder später ist wohl jeder mal damit konfrontiert. Leider.

  • … sorry für die Tippfehler. Ich sehe das hier irgendwie immer erst hinterher und kann nicht mehr editieren.

  • Irit, du hast völlig Recht – die Fragen stelle ich mir auch immer. Hatte ob des Verlaufs der Diskussion komplett vergessen, mich auch dazu zu äußern.
    Es sind zwei paar Stiefel: Religiöse Bräuche in Frage stellen und sich darüber zu wundern heißt ja nicht den Gläubigen das Recht absprechen, diesen Brauch zu leben.
    Besonders schön: Angehörige der „christlich-abendländischen Kultur“, die sich über kopftuchtragende Muslimas erheben und dabei vergessen, dass es noch gar nicht solange her ist, dass eine anständige westeuropäische Frau, zumindest auf dem Dorf, auch ihr Haar bedeckt zu halten hatte. Wenn Frau eine Audienz beim Papst hat, bedeckt sie ihr Haar. Verheiratete orthodoxe Jüdinnen tragen Perücke. Religion ist per se frauenfeindlich.
    Allerdings gehe ich ab und an aus kulturellem Interesse auch in Kirchen wie den Petersdom und halte mich dann aus Höflichkeit an die Regeln – bis zu gewissen Grenzen. In den Petersdom kommen wenigstens auch keine Männer im Netzunterhemd und zu kurzen Shorts!
    Meine Aufzählung von oben erhebt wahrlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern sollte Beispiele geben. Es gibt noch viel mehr, aber jedes Feld für sich ist ohnehin groß genug.

  • Liebe Irit, natürlich stammt das Tragen von Kopftüchern aus einer anderen Zeit und für mich fremden (aber interessanten) Welt. Orthodoxe jüdische Frauen tragen z. B. auch eine Perücke, (Lese gerade wieder „Mein Vater der Rabbi“ von Isaak Bashevis Singer – sehr zu empfehlen.) Männer Mützen und Schläfenlocken. Alte Frauen in Bulgarien tragen auch noch Kopftücher usw. Alte – vielleicht rätselhafte Traditionen, oft mit mehr Stil und Würde als jede moderne Uniformierung (wie die üblen Oktoberfestdirndl, die jede Touristin sich dort FREIWILLIG überwirft). Natürlich trage ich in der Kathedrale auch ein Tuch um die Schultern und mein Mann etwas auf dem Kopf auf dem jüdischen Friedhof. Einfach aus Respekt. Die Frage für mich ist: Gibt es überhaupt wahrhaft freie Kleiderwahl, z.B. Bankangestellte, die ganz und gar freiwillig jeden Tag dunkelblaue oder mausgraue Kostüme tragen? Gibt es Polizistinnen, die freiwillig diese senfgelbe Hässlichkeit von Uniform anziehen? Gibt es überhaupt eine freie Kleiderwahl oder gibt es nicht immer Zwänge aus strukturellen oder materiellen oder sonstwelchen Gründen? (Bin übrigens persönlich für den Zwang, Jack – der deutsche Nerz – Wanderlook-Wolfskin oder Wellenstein oder wie das Zeug jetzt heißt, SOFORT aus dem Straßenbild in den Städten zu verbannen :)) Nein, können wir überhaupt muslimischen Frauen, die sagen, sie tragen das Kopftuch freiwillig absprechen, dass sie es freiwillig tragen?

  • @Andrea – sehe gerade nachdem ich den Kommentar nicht gleich abgeschickt hatte wegen Abendessen – gleiche Gedankengänge zu unpassender Kleidung außerhalb des Petersdoms 🙂 Meine Schlussfolgerung ist aber nicht, dass Religion per se frauenfeindlich ist. Nur die Auslegung und Interpretation derselben durch Männer ist es. Wir haben es selbst in der Hand, Religion anders zu leben.

  • @Nice: interessanter Aspekt, Kleidung als mehr oder minder freiwilliger (z.T. unterbewusster?) Ausdruck von Gruppenzugehörigkeit.
    Der Initiative „verbannt den Tatzenlook aus der Stadt“ trete ich übrigens sofort bei. Kann ich meinen Mitgliedsbeitrag in Form von geschmackvollen Kleidungskäufen und -tragen entrichten ?

  • @April, ja das meine ich. Es ist vielleicht in D oft nicht die bewusste Wahl eines Kopftuchs aus religiösen oder anderen Gründen sondern eher strukturbedingt: um dazu zu gehören. So wie bestimmte Marken bei anderen Gruppen. Würden türkische Mädchen in Vierteln wohnen, wo es weniger andere Muslime gäbe, würden sie andere Schulen besuchen und andere Kleidung tragen. P.S.: Mitgliedsbeiträge im Klub der „Wanderklamottengegner in der Stadt“ sind selbstverständlich in Form des Kaufs schöner Kleider akzeptabel

  • beim Tatzenlook-Verbot bin ich auch dabei… ich finde, es GIBT einen Unterschied zwischen Großstadt und Outdoor

  • und beim Dirndlverbot für Nichtbayern auch!

    zur Kleidung muslimischer Mädchen: ich bin immer wieder erstaunt, dass da hautenge Jeans und Oberteile getragen werden – mit Kopftuch. Das macht es dann auch nicht mehr…

  • @Irit, ja eben weil Kopftuch bei vielen vielleicht eher nicht religiös motiviert ist, sondern die Freundinnen das auch so tragen. Und sie wollen den Jungs ihrer Gruppe gefallen: seht her, sexy und doch traditionell bin ich = die Dirndl-Fräuleins aus Nichtbayern.

  • Exilberlinerin

    @Irit: ich habe keine Probleme damit, mich in anderen Ländern den dortigen Gebräuchen anzupassen, in Kirchen züchtig was umzunehmen etc. warum auch nicht. Ich habe sogar selbst schonmal ein Kopftuch getragen, anlässliches der Traufeierlichkeiten für einen sehr engen Freund in einer großen Moschee hier in Belgien. die Moschee hat sich mit uns auch ausgesprochen flexibel gezeigt und, ganz gegen sonstige Geboten, Frauen und Nichtmuslime mit in den großen Männergebetssaal gelassen, und zwar aus Mitleid und Barmherzigkeit angesichts unserer verheulten trauernden Gesichter. Aber das führt zu weit. Ich meine eigentlich, dass MEIN Land, UNSER Land, keines werden sollte, in dem man sicht nicht kleiden darf wie man möchte. Oft wird ja als Argument angeführt „bei DENEN müssen wir uns ja auch anpassen, wenn WIR in den Iran fahren, müssen wir ja auch Tschador… also sollen DIE sich hier auch….“ das finde ich aber nicht. Ich möchte in einem freien Land leben, wo jeder so sein kann wie er will (natürlich gibt es da die lästigen Dresscodes, wie oben angesprochen), aber ich finde, sie sollen ihre Kopftücher tragen wenn sie möchten !!! Was stört es uns??? Und auch Kopftuch zu engen Jeans und sexy Top… So what? Wenn sie es mögen? Es geht in der Tat hier also eher um ein statement, um ein Zugehörigkeitsgefühl, und nicht mehr primär um das unkenntlich machen der sexuellen Reize. Um so besser ! Persönlich glaube ich zwar an Gott, oder das göttlliche, aber bin überzeugt davon, dass Gott keine Kleidungsregeln durchgegeben hat, weder an die Christen noch die Muslime noch sonstwen. Das ist eine naive, kindliche Vorstellung. Bestimmte Regeln stammen halt aus dem damaligen, kulturellen und klimatischen Kontext, klar ist es besser, im Wüstenwind was auf dem Kopp zu haben. Jeder, der mal selbst in der Wüste war, wird das sofort bestätigen. Und da die Männer damals wilde Gesellen ohne soziale Kompetenzen waren, so war es schon besser, so sie nicht auch noch ständig besoffen gegenseitig mit ihren Krummsâbeln aufeinander losgingen oder Frauen vergewaltigen, und damit es ankam, gab es halt ein pauschales Alkoholverbot. Die heutige Gesellschaft könnte durchaus, sowie auch z.B. die katholische Kirche, eine modernisierende Reform gebrauche. Aber das alles hat ja nichts damit zu tun, dass ich mir anmaße, Frauen zu kritisieren, die ein Kopftuch tragen möchten, aus welchen Gründen auch immer. Genauso wenig, wie ich kritisiert werden möchte, keines zu tragen. quid pro quoi

  • Exilberlinerin

    Ein guter Artikel zum Thema:

    http://www.zeit.de/2010/19/DOS-Kopftuch

  • Exilberlinerin

    „Intellektuelle muslimische Frauen in westlichen Ländern nutzen das Tragen des Kopftuches auch als Möglichkeit, ihr Bekenntnis zur Religion öffentlich zu machen. Sie zwingen damit den Betrachter, sich mit ihrer Position als einer dezidiert religiös begründeten auseinander zu setzen. Ihr Ziel ist es, im öffentlichen Raum nicht in der Masse ‚unterzugehen‘ und somit als muslimische Frau unsichtbar zu sein, sondern sie deuten das negativ konnotierte Symbol um. Ihr Ziel ist es, als muslimische Frau in der Gesellschaft wahrgenommen zu werden, Akzeptanz ihres ‚Andersseins‘ einzufordern. Diskriminierungserfahrungen bestärken diesen Ansatz des Bekenntnisses zur eigenen Religion. Das Kopftuch wird hier zu einer Differenzierungs- und Identifizierungsstrategie zugleich.“
    Vons der Bundeszentrale für Politische Bildung

  • @Exilberlinerin: die Religion ist für mich nicht der Punkt. Janne hat es sehr schön geschrieben:

    „Aber der Punkt, auf den es ankommt, ist doch, ob diese Frauen das Kopftuch selbstbestimmt tragen. Sprich, ob sie es sich ausgesucht haben. Ob sie es auch freiwillig tragen würden, wenn es niemand von ihnen erwarten würde.“

    Abgesehen davon finde ich öffentlich ausgestellte Religiosität fragwürdig, das ist privat. Ich habe noch nie verstanden, wozu das gut sein soll. Außer, dass ich mit den Leuten nichts zu tun haben mag.

  • Exilberlinerin

    Das ist schon klar, dass es Dir nicht um Religiosität geht. Ich denke, die meisten Frauen tragen es selbstbestimmt, das ist das, was ich versucht habe, deutlich zu machen. Siehe oben „Ihr Ziel ist es, als muslimische Frau in der Gesellschaft wahrgenommen zu werden und Akzeptanz ihres Andersseins einzufordern“. Diskriminierungserfahrungen bestârken diesen Ansatz. Das fasst doch die Sache sehr gut zusammen, und ist somit vollkommen verständlich und legitim. Das Nicht-Selbstbestimmte-Kopftuch-Tragen wäre wür mich genauso schlimm wie das Nicht-Selbstbestimmte-NICHT-Kopftuchtragen. Im Grunde glaube ich, dass es bei den geführten Debatten (dies hier geführt ist ja noch sehr harmlos und bleibt an der Oberfläche) auch gar nicht wirklich um das harmlose Stückchen Stoff eines Kopftuches geht, sondern dass das Kopftuch Projektionsfläche für alles mögliche Andere ist und die Debatte stellvertretend dafür geführt wird.

  • Du meinst also, dass die Frauen Kopftuch tragen, weil sie damit die Akzeptanz der Gesellschaft einfordern? Das verstehe ich nicht – sie verhüllen sich und nehmen sich ihre eigene Freiheit, um als Muslimin wahrgenommen zu werden? Dass ihnen dies von der muslimischen Gesellschaft und insbesondere ihrer Familie aufgenötigt wird, bleibt dabei ebenso unberücksichtigt wie die Frage, warum das überhaupt nötig sein soll? Wir haben hier eine freie Gesellschaft, in der jeder innerhalb bestimmter Grenzen glauben kann, was er will. Anders als in den meisten islamisch dominierten Gesellschaften.

  • Exilberlinerin, ich verstehe deinen bzw. den zitierten Denkansatz durchaus, ebenso den feinen Unterschied zwischen selbstbestimmter und nichtselbstbestimmter Kleidung.
    Was ich nicht verstehe ist, warum Muslimas überhaupt das Bedürfnis haben sollten, ihre Religion der Öffentlichkeit sozusagen ins Gesicht zu schleudern. Ich habe noch nie das Bedürfnis gehabt, in einem anderen Land ein T-Shirt mit der Aufschrift „schaut hin, ich bin anders als ihr“ oder „ich bin aus einem anderen Kulturkreis“ oder „ich habe eine andere Religion als ihr“ zu tragen. Zur Wahrnehmung als (besonderer) Mensch ist m.E. kein besonderes Kleidungsstück von Nöten , andersherum, wenn es erst eines solchen bedarf, um wahrgenommen zu werden, läuft etwas falsch.
    Ich bin aber auch der Meinung, dass das Kopftuch jedoch eher als Symbol für andere Konflikte auf verschiedenen Ebenen dient.

  • @Exilberlinerin: etwas touchierte mich in deinem Text, mit dem ich nicht ganz einverstanden bin. Das Wort Akzeptanz. Diese einzufordern gelingt (wenn der Wille nicht vorhanden ist) in den seltensten Fällen. Also vielleicht lieber eine Stufe zurückrudern und auf das Toleranz-Podest begeben. Akzeptanz klingt nach zwanghaftem Dauerzustand, Toleranz dagegen zwar etwas fragiler aber durchaus friedlicher.

  • Exilberlinerin

    @NiQa: ok, Toleranz statt Akzeptanz, das wäre ja schon super. Klingt schlüssig. Der Text mit der „Akzeptanz“ ist nicht von mir (ich hatte auch brav mit „“zitier, sondern ein Zitat von der – sehr fundierten und die Frage sehr eingehend von allen Seiten beleuchtenden – Website der Bundeszentrale fÜr politische Bildung. Wenn Euch das Thema interessiert, lohnt es sich, dort mal vorbeizuschauen. Sehr richtig wird dort die Frage in verschiedene Unterdebatten aufgeteilt: Die politische Debatte: nur ein Stück Stoff oder nicht? Die juristische Debatte: Religionsfreiheit versus Gleichheit der Geschlechter versus Neutralitätsgebot, die feministische Debatte: Unterdrückung oder freier Bekenntnis, die europäische Debatte: Kopftuch als Zeichen fehlenden Integrationswillen und schliesslich und endlich die religiöse Debatte: schreibt der Islam Kopftuch überhaupt vor?
    http://www.bpb.de/politik/innenpolitik/konfliktstoff-kopftuch/

  • Exilberlinerin

    @April. Stimmt, ich auch nicht, ich habe auch noch nie in einem anderen Land das Bedürfnis gehabt (ausser bei der Fussball-WM hier in Belgien, wenn ich mit einem kleinen schwarz-rot-goldene Armreifen zur Arbeit gehe) 😉
    Aber liebe April, wir haben (nehme ich an) auch noch nie zu einer diskriminierten Minderheit gehört. Solange Menschen anderen Ursprungs bei uns diskriminiert werden, so werden sie auch das Bedürfnis haben, uns ihr Anderssein ins Gesicht schleudern zu wollen, zumindest die, die sich nicht assimilieren wollen.

  • Das eine Muslima zeigen will, was ein Teil von ihr ist (ihre Relegion), kann ich gut verstehen. Ich glaube, es geht weniger um Wahrnehmung als besonderer Mensch, sondern um Wahrnehmung und der Toleranz des Wahrgenommenen allgemein. Aber diese Protesthaltung unterstelle ich den wenigsten muslimischen Frauen. Ich denke eher, es ist ihnen einfach normal ein Kopftuch zu tragen, weil sie es nicht anders kennen. Das mag ursprünglich Unterdrückung gewesen sein und ist es vielleicht auch heute noch, wird aber wahrscheinlich gar nicht so von ihnen wahrgenommen. Das finde ich dann auch entscheidend. Für deutsche Frauen galt früher, dass sie sich nicht schminkten, keine Hosen trugen, nicht arbeiten gingen und, und, und. Das kann doch nicht vergessen sein, dass auch deutsche Frauen sich da viel erkämpfen mussten und so lange her ist das nun wirklich nicht. Ich bin noch mit dem Satz „Mädchen tun das nicht“ aufgewachsen.
    Seit ihr alle noch so jung, dass ihr deutsche Kopftuch tragende Frauen nicht mehr kennt? In den 50igern Jahren haben viele Frauen noch Kopftuch getragen, auch auf der Straße als normale Kopfbedeckung. Meine Mutter wäre nie ohne aus dem Haus gegangen (für Gut hatte sie Hüte).
    Zu den kirchlichen Kindergärten würde ich gerne noch anmerken, dass zumindest in den evangelischen Kindergärten, Kinder aller Religionsgemeinschaften und auch atheistische Kinder aufgenommen werden. Deshalb werden die Zuschüsse von den Gemeinden bezahlt. Kirchliche Schulen gibt es hier nicht und das nächste katholische Krankenhaus ist in der Nachbarstadt. Sehr klein, sehr kompetent, ich bin dort sehr gut behandelt worden – und habe Null vom Katholizismus mitbekommen. Finanziert solche Krankenhäuser der Staat oder meine Krankenversicherung? Gibt es überhaupt noch echte öffentliche Krankenhäuser. Ich lese meistens nur noch Namen von irgendwelchen Großbetreibern.
    Eigentlich gefällt es mir ganz gut, wenn Geldgeber bei Einstellungen nicht mitreden dürfen, andererseits gefällt mir die Personalpraxis bei Kirchens (aber auch in vielen anderen öffentlichen Bereichen) auch nicht immer.

  • Exilberlinerin

    @Jeanne und Irit, ich will Euch nicht angreifen mit meinen Beiträgen, nur um das klarzustellen. Ihr wolltet ja diskutieren 😉 Es ist halt ein heisses Eisen, das ihr da angepackt habt, und es wird sehr emotional diskutiert, weil vielen bei dieser Frage das Messer in der Tasche aufgeht. So auch mir. Ein weiteres Zeichen dafür, dass die Kopftuchfrage für viel mehr steht. Ich spreche hier im Namen der Frauen, die in unseren freieren westlichen Gesellschaft ein Kopftrug tragen möchten, weil sie es eben möchten, aus welchen Gründen auch immer. Dass Frauen unter Strafe gezwungen werden, in Afganistan, Iran, Saudiarabien etc. diese entsetzlichen Ganzkörpergefängnisse tragen müssen, steht nun wieder auf einem ganz anderen Blatt und ist in der Tat eine durch die Männer ausgeführte Verletzung der Menschenrechte. Aber da muss man m.E. differenzieren.

  • Exilberlinerin

    Hier noch ein letztes Zitat von der BPB, und dann lass ich Euch damit in Ruhe 🙂 Hier ist in besseren, klareren Worten erklärt, wieso ich meine, dass man von einer Frau zur anderen differenzieren muss, wieso sie das Kopftuch trägt:

    „Auch das Kopftuch in islamischen Ländern kann sehr unterschiedliche Bedeutungen haben: Es markiert für die einen die Befreiung von der Wahrnehmung als Sexualobjekt, für die anderen die symbolische Trennung von Öffentlichem und Privatem. Während es einerseits zum Symbol der Befreiung von einer oktroyierten Verwestlichung geworden ist (z.B. im Zuge der islamischen Revolution im Iran), dient es andererseits als Unterdrückungsinstrument der Herrschenden gegenüber den Frauen (z.B. unter den Taliban in Afghanistan sowie in Saudi Arabien). Wo es nicht von Staats wegen als Zwangsmaßnahme verordnet ist, kann es als Ausdruck für kulturelle Zugehörigkeit, Traditionsbewusstsein oder auch für den Wunsch nach Vereinbarkeit scheinbar widersprüchlicher Ideale der „Moderne“ und „Religiosität“ sein. Zu unterscheiden wären also die Funktionen des Kopftuches, je nach Ort, an dem es getragen wird und nach individuellen Gründen seiner Trägerin, als identitätsstiftendes, emanzipatorisches, schützendes und politisches Symbol.“

  • Das fasst es mal schön zusammen, Exilberlinerin. Und ja, wir alle richten uns doch in irgendeiner Form nach anderen. Der Mensch ist ja nun mal ein Gesellschaftstier, nicht wahr. Die Möglichkeit, Individualismus auszuleben, ist dabei natürlich auch ein Ausdruck von Wohlstand in der Gesellschaft. Wenn man sich – mal angenommen – als Familie zu acht ein Zimmer als Wohnung teilen muss, ist es nicht ganz so einfach, sich Konventionen zu widersetzen wie hier, wo der richtige Brotbelag auf dem Kindergartenbrot bei einigen schwere Diskussionen herbeiführen kann. Für Menschen, die aus der einen in die andere Welt kommen ist auch die Umstellung auf neue Maßstäbe sehr schwer. Da halten evtl. in Deutschland die eingewanderten Eltern an Konventionen fest, um ihre Töchter zu halten usw. Ganz verstehen kann man kaum etwas und alles rational erklären auch nicht. Ich weiß z. B. nicht, warum ich persönlich an Gott glaube, Gott ist nicht rational erklärbar – Ich glaube einfach. Im Übrigen wie viele andere, denke mal, nicht ganz blöde Leute, auch. Empfehlenswerte Lektüre für eine Vertiefung des Ganzen aus philosophischer Sicht zum Thema allgemeine ethische Werte, Glaube und mehr: Martini / Umberto Ecco: „Woran glaubt, wer nicht glaubt?“.

  • ich find Euch klasse

    ich kenne keine andere Plattform, wo so sachlich ein sehr heißes Thema diskutiert wird – Applaus!

  • D A S hat mir auch sehr gefallen!

  • jaaa und in Kürze könnte Irit mal eine Diskussion über Hosting Provider starten 😉

  • Ich fand’s auch Klasse! Genau was ich mir wünsche: Philosphiezirkel mit Make up 🙂

  • Ich wollte schon gestern schreiben, aber die Technik… 😉
    Mir gefallen die reflektierte Debatte und ihr Verlauf hier auch sehr. Danke Irit und Janne für eure Denkanstöße. Exilberlinerin und Nice, eure letzten beiden Beiträge zur Sache finde ich ganz klasse.

  • Ihr seid super, Mädels, ich freue mich jeden Morgen über die Kommentare, wenn ich hier reinschaue!!

  • DAS wäre doch mal ein schöner neuer Untertitel: Philosophiezirkel mit Makeup 😉

  • Auch mir hat die sachlich geführte Debatte hier sehr gut gefallen. Für mich hat sie einige Facetten in Sachen Kopftuchtragen eröffnet, die ich vorher noch nicht so gesehen habe, insofern kann zumindest ich sogar einen deutlichen Mehrwert daraus mitnehmen. Finde ich toll, von mir aus gern mehr Philosophie, es macht Spaß, an einer gepflegten Diskussion teilnehmen zu dürfen.
    Und natürlich nicht weniger Make Up bitte !

  • Exilberlinerin

    Dem schliesse ich mich an ! Vielen Dank an alle für diesen sehr konstruktiven Austausch ! Danke, danke,dank. @NiQa: bei hosting providers muss ich dann allerdings passen. Keine Ahnung was das ist 🙂

  • Der Provider sorgt dafür, dass die Seite hier funktioniert und zugreifbar ist 🙂 Allerdings ist die Performance des Providers mittelmäßig bis schwach, zu viel Schluckauf im System, der zu Ausfällen führt. Wenn man mal in die AGB bekannter Provider schaut, garantieren sie in der Regel 99% Funktionalität, klingt erst mal viel. Aber die fehlenden 1 Prozent stehen für knappe 87 Stunden, in denen der Server down sein darf. Bei den Premiumprovidern wird das in der Regel nicht ausgereizt. Es gibt auch Provider, die 99,9% garantieren.

  • ach, im großen und ganzen passt das schon mit dem Provider, in den letzten drei Jahren hatten wir eigentlich nur zweimal wirklich Ausfälle, vor ein paar Tagen und irgendwann vor ein paar Monaten – dafür kostet die Seite auch nur 140 Euro im Jahr.

  • find’s nur schade und ärgerlich, wenn sowas dann zu Stoßzeiten oder irgendwann am Tag passiert, Grund zur flächendeckenden Detonation 😀 aber hier hängt ja kein Shopsystem oder Gewerbe dran…

  • Kann Dir nur zustimmen. Ich halte mich gerade in Jordanien auf, das ja eigentlich ein eher gemäßigtes muslimisches Land ist, aber auch hier sieht man fast nur Frauen mit Kopftuch bzw. voll verschleiert. Habe mir sehr viel Gedanken darüber gemacht, wie sich so viele Menschen den Vorschriften einer Religion unterwerfen und ihr tägliches Leben danach ausrichten. Ich lehne das Kopftuch vehement ab. Als ich eine Moschee hier besuchte, musste ich auch einen dieser schrecklichen schwarzen Säcke überziehen, mir war so dermassen unwohl und ich musste dauernd dem Impuls widerstehen, mir die Kapuze vom Kopf zu ziehen. Am toten Meer sassen bis auf die Augenschlitze verschleierte Frauen vor dem Pool, in dem Europäerinnen im Bikini schwammen. Usw. Aber es hört ja nicht da auf. Sobald der Muezzin ruft steht hier das Leben still. Taxifahrer hören Korangesänge beim Autofahren. Die Liste lässt sich unendlich weiterführen. Ihr könnt ja gerne mal auf meinem Blog vorbeischauen, wenn es Euch interessiert, was meine weiteren Gedanken dazu sind.

Deine Meinung?