Ein außerordentlich beeindruckendes, aber auch sehr hartes Buch,

das ich uneingeschränkt nur Leserinnen mit starken Nerven empfehlen kann: Das geraubte Leben des Waisen Jun Do von Adam Johnson.

Pak Jun Do hat noch nie einen Film gesehen, kaum je ein Werbeplakat, er findet es merkwürdig, dass woanders Leute Tiere im Haus halten, und wundert sich über Maschinen, die Geld auswerfen. Er kennt keine Ironie, keine Kunst, keine Mode und keine Magazine. Aufgewachsen im nordkoreanischen Waisenhaus Frohe Zukunft, ist er ein winziges Rädchen im großen Getriebe der absurd-grausamen Herrschaft des »Geliebten Führers« Kim Jong Il. Nur ein falsches Wort kann jeden sofort ins Lager bringen. Doch mit der Zeit beginnt Jun Do an etwas zu glauben, was stärker ist als Staatstreue: Freundschaft und Liebe. Als er die Schauspielerin Sun Moon trifft, lernt er das bedingungslose Vertrauen in einen anderen Menschen kennen. Und nur dafür lohnt es sich zu überleben.

Ich glaube, jeder hat eine Vorstellung davon, dass es sich bei Nordkorea um einen menschenverachtenden Unrechtsstaat mit ausgeprägter Verehrungskultur ihrer wahnsinnigen Führer handelt, und ich hatte auch schon mal davon gehört, dass auch die nordkoreanische Bevölkerung bis heute schwer hungert. Aber wie bei sovielen eigentlich bekannten Verhältnissen wird mir die tatsächliche Tragweite immer erst dann klar, wenn ich eine Beschreibung des Alltags lese. Das Buch erzählt schnörkellos von einer Gesellschaft, in der ein junger Mann 2012 noch nie einen Arzt, geschweige denn einen Zahnarzt in seinem Leben gesehen hat, genausowenig ein Stück Fleisch oder eine Schule von innen. Eine Kultur, in der abends der Strom in der Hauptstadt abgeschaltet wird, obwohl die Stadt aus Hochhäusern besteht, Gemeinschaftslatrinen der Standard sind und Bürger abends von Kommandos auf der Straße zur Reisernte abgefischt werden. Und von unvorstellbaren Verhältnissen in Straflagern und Folterkellern. Es sind Sätze wie „Die kräftige Statur des Mannes zeigte mir, dass er vor der großen Hungersnot aufgewachsen sein musste“, die eine Realität abbilden.

Ich empfehle das Buch nachdrücklich, es ist unglaublich berührend und verstörend, aber nichts für sensible Gemüter, mir geht es bis heute nicht aus dem Kopf.

3 Kommentare

  • Klingt sehr traurig. Ich könnte jetzt schon weinen. Aber ich glaube auch, dass man so eine Geschichte mal lesen sollte 🙁

  • Mir zieht sich schon beim Lesen der Buchbeschreibung der Magen zusammen, trotzdem habe ich das Buch auf meinen Wunschzettel gesetzt.

  • Der Titel kommt auch auf meine Leseliste. Ich muss dazu aber eine emotional stabile Phase erwischen, wenn ich gerade im Hormonchaos bin, kann ich so etwas schlecht lesen. Andererseits – andere Menschen müssen das leben. Vielen Dank für die Empfehlung, liebe Janne.

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