Lasst euch nicht instrumentalisieren, Teil I, oder

was mir wieder auffiel angesichts der Reaktionen auf meinen Artikel zum Thema Stress der berufstätigen Mutter, wenn das Kind sich verletzt hat: Es gibt zwei Themen, bei denen auch sonst besonnenen und netten Frauen sofort das Messer in der Tasche aufgeht: Kinder/Kinderlosigkeit und Berufstätigkeit von Müttern.

Das liegt sicher erstens daran, dass die Entscheidung für oder gegen Kinder eine der großen Lebensentscheidungen ist, vergleichbar mit Ausbildung/Berufswahl und Partnerwahl. Vielleicht noch existentieller, weil ab einem gewissen Alter jedenfalls für Frauen nur noch schwer reversibel (es sei denn, frau heißt Gianna Nannini und lebt im Land der unbegrenzten Befruchtungsmöglichkeiten Italien – ob das wünschenswert ist, sei mal dahingestellt!).

Ich habe eine Untersuchung dazu gelesen, dass Menschen, die Kinder haben, es fast nie bereuen, diese bekommen zu haben, selbst wenn die Kinder im Leben wenig erfolgreich sind und die Vorstellungen und Wünsche, die ihre Eltern für sie hatten, nicht umgesetzt haben. Hingegen sind auch Kinderlose mit ihrem Leben überwiegend zufrieden, auch wenn sie sich Kinder gewünscht haben, vor allem, wenn es ihnen gelungen ist, ihrem Lebe auf andere Art den Sinn und die Tiefe zu geben, um die es ihnen ging.

Nun ist das ja auch alles nicht ganz so einfach, und das macht das Thema zu einem erlesenen Minenfeld: Die Zahl der ungewollt Kinderlosen steigt seit Jahrzehnten kontinuierlich an, ob das nun an der Umweltbelastung liegt oder doch eher daran, dass Menschen heute aufgrund anderer Lebensentwürfe einfach erst im höheren Alter anfangen zu versuchen, Kinder zu zeugen, vermag ich nicht zu beurteilen und lasse es daher dahinstehen.

Fakt ist, dass es mittlerweile wahrscheinlich ist, dass bei Diskussionen über Kinder ja/nein jemand dabei ist, der ungewollt kinderlos ist und dementsprechend menschlich verständlich, aber doch oft sehr unverhofft emotional/ aggressiv/ vorwurfsvoll/ gereizt/ gekränkt/ beleidigt reagiert. Aber auch sonst ist es kaum möglich, eine unbefangene Diskussion über diese Frage zu führen.

Das gleiche gilt für die Diskussion der Berufstätigkeit von Frauen. Hier habe ich nach wie vor den Eindruck, dass ich als Mutter nur die Wahl zwischen Pest und Cholera und Typhus habe, denn Kritik gibt es immer. Höre ich auf zu arbeiten, zeigt sich mal wieder, wie Frauen sind. Arbeite ich Teilzeit, bin ich nicht belastbar und nicht leistungsbereit. Arbeite ich schlicht weiter, habe ich meine Kinder, um die ich mich ja nicht mal kümmern will, ersichtlich nicht verdient.

Worauf ich hinaus will? Das kommt in Teil II, denn ich wünsche mir etwas von euch, von uns Frauen!

  • HI Janne,

    toller Artikel, ich bin gespannt auf den 2. Teil.
    Ich finde auch, dass die Ansprüche in vielen Lebensbereichen in den letzten 10-20 Jahren immens gestiegen sind.
    Frau muß perfekt sein…. perfekt aussehen, einen tollen Job haben, die Wohnung perfekt dekoriert ( wann machen die das eigentlich??) und wohlgeratene Kinder…
    LG Sabine

  • Hallo Janne,

    vielen Dank für diesen Beitrag, du sprichst mir aus der Seele!
    Wer eine Lösung für das Problem gefunden hat – immer her damit!

    Grüße,
    Jess

  • Egal, für welches Modell man sich entscheidet, man hat immer den schwarzen Peter gezogen. Deine Liste lässt sich noch so fortsetzen: Frauen, die bewusst auf Kinder verzichten, sind egoistische Karriereschlampen. Wurde mir grad letztens von meiner Mutter verklickert. Man wird es also nie allen recht machen können. MMn ist es am wichtigsten, dass es für einen selber (und den Partner) stimmt.

  • Hallo Janne,

    sehr interessanter Beitrag, und es stimmt in Jedem Punkt , wie du Dasein von Frau beschreibst.
    und es stimmt auch mit dem schwarzen Peter. Z.z. führe ich Diskussionen mit meinen Mädchen über den Zeitpunk des Kindern bekommen. (23,20,16) Und wir kamen zur Erkenntnis kein Zeitpunkt ist optimal. Vor Studium, während oder danach?! (abgesehen von dem richtigen Partner:)
    Kinder wollen sie alle drei, aber wann?
    LG Miriam

  • Meine persönliche Meinung dazu, Miriam, ist, so früh wie möglich, sprich spätestens zum Ende der Ausbildung. Dann klappt das in der Regel gesundheitlich noch problemlos, frau ist belastbarer als mit Ende Dreißig und meist ergibt sich doch auch so eine kleine Pause zwischen Studium und Arbeitsaufnahme, da kann frau prima ein paar Monate Elternzeit unterbringen. Wenn frau es dann schon kann, lassen sich auch ein zweites und drittes Kind problemlos unterbringen.Nicht vor dem Studium, ich finde, ein bisschen Spaß sollte frau doch auch gehabt haben, bevor die Kinder kommen. Und was den Partner angeht: viel Glück und Konsequenz!

  • Ich frage mich immer, wen es zum Kuckuck eigentlich was angeht, ob ich Kinder habe oder nicht, ob ich dann arbeite oder nicht.
    Immer lese ich in meinen Elternzeitschriften, dass Frauen angefeindet werden, wenn sie nicht stillen oder sonst irgendwas machen oder nicht – hä? (auf gut Schwäbisch…). Ich glaube ehrlich gesagt, dass es typisch Deutsch ist, dass jeder es besser weiß. Kenne solches weder aus meinem Geburtsland (ehemalige Sowjetunion) noch aus anderen Ländern (Freunde, Verwandte leben mit Kindern in Schweden, Frankreich).
    Soviel zur Selbstbestimmung und zum Feminismus…

  • honeypearl

    Vielleicht spielen wir Frauen das Thema ein bisschen zu hoch und nehmen uns darin etwas zu wichtig, da wir es ja sind, die die Kinder bekommen können – ist das Thema Kind dann unser einziger Trumpf? Bei Scheidungskrieg auch gegen den Mann und letztendlich gegen das Kind? Männer gehen mit diesem Thema doch viel entspannter um – oftmals weil sie den Frauen die Entscheidung über Kinder – wenn ja, wann, wie viele etc., überlassen. Die Sensibilität von Frauen, die aus gesundheitlichen Gründen (egal ob Mann oder Frau unfruchtbar ist) keine Kinder bekommen können und sich welche wünschen ist nachvollziehbar – aber auch mit Einschränkungen. Was ich wirklich nicht verstehen kann sind Eltern, die ihr acht Wochen altes Wunschkind in eine KiTa geben, um dann wieder Vollzeit arbeiten zu gehen. Das ist für mich absolut nicht nachvollziehbar und würde mir das Herz brechen… Bei Alleinerziehenden, die finanziell darauf angewiesen sind und keine andere Chance haben kann ich es verstehen. Muss Frau / Mann ALLES haben? Wenn wir ehrlich sind, muss uns doch bewusst sein, dass irgendetwas immer darunter leidet… Ich bin auf den zweiten Teil gespannt.

  • „togliersi la vita“ – Das Leben einfach zu nehmen wie es ist finde ich am wichtigsten. Ich bin früh wieder arbeiten gegangen nach meinen Kindern, obwohl ich nicht allein erziehend bin und finde das auch nicht herzlos. Im Kindergarten werden sie schließlich super umsorgt. Es bekommt ihnen und mir ganz ausgezeichnet. Habe allerdings auch eine Weile im Ausland gelebt und stamme aus der DDR. In Frankreich z. B. ist das ganz normal.

  • Exilberlinerin

    Das ist ein sehr interessanter Beitrag, und spricht mir aus der Seele. Ich kenne das auch, kinderlose Frauen, sogar Freundinnen, denen beim Thema Kinder das Messer in der Tasche aufgeht und die über die blöde „Muttis“ herziehen, die sich (aus ihrer Sicht) mit ihrem Muttersein total aufspielen, in Prenzlauer Berg mit ihren 2000 Euro Buggies die Cafés blockieren und meinen, sie hätten mehr zivile Rechte als andere. Ein Phänomen, das mir persönlich unbekannt ist. Allerdings war ich auch schon seit Ewitkeiten nicht mehr in Prenzlauer Berg. Ich habe das Gefühl, dass meine kinderlosen Freundinnen sich letztlich doch irgendwie unter Rechtfertigungsdruck fühlen, und das sie das stresst. Und manchmal vielleicht auch ein Quentchen Neid dazukommt (steinigt mich nicht), der sich dann in Herablassung und Mütter-Bashing umwandelt. Ich kenne aber auch gewollt Kinderlose, die ihre Rolle als coole Tante absolute schnafte finden und mit keiner Mutter tauschen wollten.
    Ich persönlich reagiere manchmal beim Thema „Einzelkinder“, und wie schlecht das sei für die Entwicklung, etwas verschnupft, weil ich halt nur ein Kind habe und mir sehr noch eins oder zwei mehr gewünscht hätte. Mein Kind habe ich mit 30 bekommen und dann kam nichts mehr, weil ich sehr früh in die Wechseljahre gekommen bin. Kann man halt nichts machen, oder jedenfalls nur mit allergrösstem Aufwand, und für den hatte ich dann letztendlich doch zu viel Stress im Beruf.
    Allerdings kann ich auch bestätigen, dass die Diskussion um Vollzeit-Teilzeit-Arbeit oder ganz zu Hause bleiben ein typisch deutsches Problem ist. Ich lebe in Belgien, und hier stellt sich die Frage schon seit ewigen Zeiten überhaupt nicht mehr. Keine Familie kann von nur einem Gehalt leben, bzw kaum jemand, richtig reiche Leute gibt es natürlich auch hier. Von daher ist es eine Selbstverständlichkeit, als Frau nach ein paar Monaten wieder einzusteigen, und die Frage, die sich stellt, ist dann eben ob Tagesmutter, Krippe oder private Nanny am besten ist. Kann man sich natürlich auch schön drüber streiten, aber im Grunde sind solche Diskussionen so überflüssig wie ein Kropf.

  • @Exilberlinerin: neue Studien (war gerade in der NIDO oder ELTERN) zeigen, dass Einzelkinder viel besser teilen können (weil sie nie alles horten oder vor Geschwistern verstecken mussten), höhere Bildung haben (da Eltern sich oft mehr darum kümmern bei einem Kind und dem auch mehr Zeit widmen). Management Positionen sind viel häufiger mit Einzelkindern besetzt. Und vieles mehr 😉

  • Diese Ergebnisse zu Einzelkinder sind nicht neu. Untersuchungen gab es schon vor vielen Jahren, dass Einzelkinder sehr selbständige und soziale Wesen sind.

    Ich denke, dass Problem liegt oft darin, dass Mütter oder Nicht-Mütter in ihren Entscheidungen oft selbst nicht sicher sind und diese Unsicherheiten nach transportieren. Ich bin aus der Kindererziehungszeit raus, bin aber – in den 80igern – nur ein einziges Mal angefeindet worden – von einem Mann, der fand, dass ich eine Rabenmutter sei, weil berufstätig. Den konnte ich auslachen, weil es so durchschaubar war, dass er mich als Frau herabsetzen wollte. Allerdings habe ich mich auch nie dafür entschuldigt, dass ich berufstätig bin und habe nie jemandem erzählt, dass man mit einem Gehalt nicht leben kann (wir hätten können). Ich habe immer vertreten, dass ich arbeiten wollte, weil mir das Spaß macht, ich eine gute Ausbildung habe und mein Kind trotzdem eine zusätzliche Freude ist. Und zurückblickend bin ich ganz stolz, weil das genau richtig gewesen ist.

  • Exilberlinerin

    @beautyjungel: Hey das hört sich ja super an ! Dann werde ich das Thema gleich nochmal googeln ! 🙂 You made my day !

    @Carlotta: ja das meine ich auch, dass vieles auf Verunsichrung zurückzuführen ist. Ich selbst hatte nie einen Zweifel daran, dass ich weiterarbeiten will, obwohl ich finanziell trotzdem auch gar keine Wahl gehabt hätte. Weiterarbeiten sei es weil der Beruf Spass macht (manchmal), sei es aber auch, weil es undenkbar wäre, finanziell nicht unabhängig zu sein. Nun bin ich bald auch raus aus der Zeit (mein Sohn wird siebzehn) und ich seh jetzt schon ein ganz anderes Problem auf mich zukommen. Empty nest nennen die Amerika das wohl….

  • Exilberlinerin

    ..und ergänzend wollte ich noch erzählen, dass mein Arbeitgeber (die EU-Institutionen) sich in den letzten 15 Jahren doch erheblich verbessert hat, was familienfreundlich Personalpolitik betrifft. Das ist in Deutschland wohl noch in einer Entwicklungsperiode. Mich hat man damals noch – alternativlos – nach 16 Wochen Mutterschaftsurlaub vollzeit zurück an den Arbeitsplatz gejagt, und ich habe das als zu früh empfunden und (auch rein körperlich) darunter gelitten. Heute ist man hier viel, viel flexibler was Familienzeit, Teilzeit usw. betrifft und auch der reine Mutterschaftsurlaub ist auf 20 Wochen erweitert. Die Gesellschaft ist also sicherlich noch ausbau- und optimierungsfähig diesbezüglich.

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