Ein wunderbarer Frauenroman, oder

bitte dieses Buch von Giaconda Belli nur anfassen, wenn ihr auch Zeit habt, es zuende zu lesen, denn es ist schwer, es wieder aus der Hand zu legen. Die bewohnte Frau erzählt die Geschichte einer jungen, aus der privilegierten Aristokratie stammenden Frau im Nicaragua der siebziger Jahre, als sich die Sandinisten gegen die Somoza-Diktatur letztlich erfolgreich erhoben.

Alleine das ist schon eine spannende Geschichte, wie die eher unbeschwerte, fast ein wenig oberflächlich dargestellte Frau allmählich erwacht und um sich herum Armut, Unterdrückung und Unfreiheit erkennt, die sie natürlich selbst zunächst gar nicht betrifft, da sie reich, unabhängig, gebildet und frei ist.

Das ist aber noch nicht alles, Giaconda Belli (die ich schon lange vor allem wegen ihrer kraftvollen Lyrik bewundere) hat das Buch Die bewohnte Frau genannt, weil sie auf einer anderen Ebene gleichzeitig noch den Kampf der Ureinwohner Nicaraguas gegen die spanischen Eindringlinge schildert. Das ist nicht nur informativ, sondern auch durch die Erzählweise äußerst beeindruckend. Sie wählt nämlich die Gefährtin des damaligen Häuptlings als Ich-Erzählerin, die mittlerweile als Orangenbaum oder in einem Orangenbaum die junge Architekten beobachtet/beeinflusst/stärkt und dabei von ihrem langen und letztlich erfolglosen Kampf berichtet.

Ich kann dieses Buch nur nachdrücklich empfehlen, denn so angenehm und eindrücklich ist mir Kolonialgeschichte und neuere Geschichte Südamerikas verbunden noch mit einer berührenden Liebesgeschichte und dem Feminismus noch nie vermittelt worden.

  • Liebe Janne, gerade habe ich das Buch aus dem Regal geholt und werde es in den nächsten Tagen noch einmal lesen. Mein Exemplar ist von 1991 und ich erinnere mich nicht mehr an alles. Ich finde es immer wieder überraschend, Texte nach Jahrzehnten wieder zu lesen – ich merke auch daran, wie ich mich im Lauf der Zeit verändere.

  • Ich liebe Gioconda Belli und ihre Sprache. Sie schreibt auch unglaubliche Gedichte. Diese bildhafte Sprache finde ich, ist etwas typisch Lateinamerikanisches. Gabriel Garcia Màrquez, Pablo Neruda und Gioconda Belli gehören zu meinen absoluten Lieblingsautoren/-Lyrikern.

  • Absolut hinreißend finde ich Skarmeta :“Mit brennender Geduld“ – eine Hommage an seinen Freund Neruda. Ich mag die Lateinamerikaner auch sehr. Mitte der 70er Jahre sind sie auf dem deutschen Buchmarkt sehr präsent gewesen. Der magische Realismus war für mich damals etwas völlig Neues und hat mich sehr beeindruckt.

  • @Lissy: Danke für den Tipp. Das Buch werde ich mir zulegen. Als ich das erste Mal Nerudas Liebesgedichte las, habe ich seine (jeweilige) Geliebte sehr beneidet. 🙂 Eine Schönheit war er ja nicht, aber Neruda hat seine Lieben wahrscheinlich alleine schon mit Worten für sich eingenommen. Ich hätte mich bestimmt verliebt. 🙂
    Wegen Neruda habe ich vor Jahren angefangen Spanisch zu lernen, damit ich ihn irgendwann im Original lesen kann. Im Moment mache ich eine laange Pause, aber irgendwann nehm ich meine Spanischstunden wieder auf. Für Neruda, Màrquez und Gioconda Belli (und hier schließt sich dann wieder der Kreis).

  • Spanisch kann ich leider nicht viel, aber meine Gedichtausgaben von Neruda sind zweisprachig, so dass ich mit Französisch- und Lateinkenntnissen ganz gut mal rübergucken und vergleichen kann. Aber der Klang der Sprache! Gerade bei Lyrik!
    Schreib vielleicht gelegentlich mal, wie der Skarmeta dir gefallen hat! Ich glaube, Neruda hätte er gefallen.

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