Wenn Kinder sich mit der Schule schwertun, oder

was machen Eltern dann eigentlich Vernünftiges? Ich meine außer Schimpfen, Anfeuern, bei den Hausaufgaben helfen, Nachhilfelehrer bezahlen undsoweiterundsofort. Ich rede jetzt nicht von echten Lernproblemen, oder Kindern, die noch unreif sind und einfach etwas mehr Zeit brauchen, sondern von den Kindern, die es eigentlich gut könnten, aber trotzdem nicht hinbekommen.

Meine jüngste Tochter ist, oder hoffentlich war so ein Fall. Begabt, klug, für ihr Alter belesen und aufgeweckt (ihr solltet die Diskussionen hören, die wir hier führen). Kommt also aufs Gymnasium und ist einerseits erschlagen von der Fülle dort. Fülle an unbekannten Klassenkameraden, Fülle an neuen Lehrern, Fülle an neuen Fächern und vor allem Fülle an ganz neuen Anforderungen. Nämlich selbständig aufzuschreiben, wenn es um Hausaufgaben, Arbeitsmaterialien oder was auch immer geht. Ich verstehe, dass einen das schocken kann, aber nicht verstanden habe ich, dass sie dann mehr oder weniger den Kopf in den Sand gesteckt und versucht hat, sich durchzuwursteln. Was, wie wir alle wissen, meist nicht so richtig gut klappt. Hier natürlich auch nicht, unweigerlich kamen die ersten wenig begeisternden Noten, flankiert von noch weniger zufriedenstellenden Rückmeldungen der Lehrer. Ob mein Kind eher depressiv sei? Warum sie sich nicht konzentrieren könne? Ob sie nicht gerne zur Schule ginge? – Ich war verblüfft. Jeder kennt meine Tochter als extrovertiert bis anstrengend in ihren Kommunikationsbemühungen, depressiv ist ein Adjektiv, was man nicht mit ihr verbindet. Sie kann sich wunderbar konzentrieren und sie macht auch vieles gut und gerne. Ja, aber hier war auch der Knackpunkt: Sie macht alles gerne, wofür sie sich interessiert. Darauf kann sie sich auch stundenlang konzentrieren.

Nun hat sie herausgefunden, dass sie auch die Sachen gerne macht, wo sie Erfolg erlebt, sprich, gute Noten bekommt. Und siehe da, schon ist ihr auch aufgefallen, dass sie die Fächer, die sie nicht so gut kann, üben muss, damit sie auch dort Erfolg erlebt. Und schon ist es geradezu beglückend zu sehen, wie sie das selbst in die Hand nimmt, Arbeitspläne macht und diese dann äußerst konzentriert abarbeitet. Das Zaubermittel lautet also wie überall Bestätigung und Lob statt Kritik und Abwertung.

  • Du hast es bereits geschrieben: sie ist erschlagen von der Fülle, muss sich erst einmal neu sortieren und ihren Arbeitsweg finden! Und dass sie nicht aufgibt sondern die Dinge dann doch so diszipliniert in die Hand nimmt, ist ganz toll! Leider haben wir im „Regelschulsystem“ oft diese Zeit nicht, die die Kinder brauchen, aber Lob und Bestätigung ist sicherlich der bessere Weg als Abwertung und Kritik. Ich hätte gerne mehr solcher Schüler, die Freiheit, die sie bei uns haben, wissen sie oft nicht zu schätzen. Mit Freiheit meine ich nicht, dass sie tun und lassen können, was sie wollen sondern im gesteckten Rahmen ihre Lernprozesse selbst steuern. Das ist ein langer Weg, den Kinder erst lernen müssen, deshalb finde ich es klasse, dass deine Tochter da einen Weg für sich gefunden hat. Und die Kommentare der Lehrer finde ich – nun ja etwas sehr daneben. Was soll sich das Kind unter dem Satz:“ Du musst dich mehr konzentrieren!“ vorstellen? Es wäre richtiger, nach Strategien zu suchen, die es dem Schüler ermöglichen, konzentrierter zu arbeiten, ohne ihn mit diesem leeren Wort zu belangen. Depressiv ist in meinen Augen ein schwieriger Begriff, auf dem Weg dahin gibt es so viele Abstufungen. Und wenn ein Kind sich zunächst zurückzieht, um die Situation zu beobachten und auf seine Weise zu analysieren (ich glaube, das hat deine Tochter getan) dann ist das kein Zeichen von Depression sondern von Klugheit. Unsere Situationsanalysen dauern nicht lang, weil wir als Erwachsene die Erfahrung haben, die Kinder erst machen müssen.
    Die Schubladen im Kopf werden nur allzu gerne und schnell aufgezogen…Ich glaube, du bist auf dem richtigen Weg mit deiner Tochter und ich hoffe für sie, dass sie ihren Weg so weiter geht!

  • Ich kann da leider nicht so „mitreden“, weil ich keine Kinder habe, sondern dies nur aus dem Umfeld mitbekomme…und ein klein bißchen an die eigene Schulzeit denke. Erstens lernt jede(r) ein bißchen anders, zweitens kommt der Moment, wo man (auch als Kind) merkt, daß einem nicht alles zufliegt, das muß man dann erstmal bewusst erkennen (ich war da irgendwie erstmal mit mir selbst sauer und musste gucken, was los ist) und drittens schaut man vielleicht auch hin, wie man mit dem Stoff und den Lehrern umgehen kann, die gleich die Alarmglocken läuten….

    Aus heutiger Sicht würde ich mehr darauf achten, daß mir die Freude an bestimmten Dingen nicht gänzlich durch den Unterricht verdorben wird (Gedichte z.B…wunderschön aber totgestampft durch zahlreiche Interpretationen) …und ich wüsste auch meine eigenen Gefühle im Unterricht wessentlich besser zu „deuten“. Das stimmt absolut, was Nadine schreibt, das Argument habe ich noch nie so bewusst gesehen: Als Kind ist man mittendrin und hat das tatsächlich noch nicht so im Überblick.
    Letzten Endes musste Deine Tochter vielleicht auch, so wie wir „Großen“ wenn es ein Problem gibt, schauen, welcher weitere Weg der Bessere ist, für sich selber rausfinden, wo es überhaupt hakt (das war vielleicht das „Herumwurschteln“?) und manchmal erst falschliegen, und danach dann das Richtige finden?

  • Ja, da habt ihr vollkommen recht. Ich muss auch sagen, dass ich mich zwar darüber gefreut habe, dass die Lehrerinnen angerufen haben, aber andererseits über deren fertige Urteile auch etwas verwundert war. Leonie hat mittlerweile ihr Halbjahreszeugnis von diesem Probehalbjahr bekommen, sie hat eine vier, nicht toll, ok, aber auf dem Weg zur drei, und sonst nur dreien und zweien, da kann man doch nicht sagen, dass sie für das Gymnasium nicht geeignet ist? Wie ihre Klassenlehrerin meinte??

  • Liebe Janne,

    ich finde erstmal nichts Beunruhigendes an deiner Schilderung über die schulische Entwicklung deiner Tochter. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Kinder mit dem Wechsel aufs Gymnasium anfangs einen Leistungsabfall haben. Das hängt – wie du ja selbst schreibst – vor allem mit der Umstellung und Verarbeitung der komplett neuen Situation und Anforderungen zusammen. Deine Tochter scheint den Übergang doch inzwischen gemeistert zu haben und ist nun um ein Stück Lebenserfahrung („ich muss mich für Erfolg manchmal anstrengen, aber wenn ich es will, dann schaffe ich es auch“) reicher.

    Dass die Lehrerin das Gespräch mit den Eltern gesucht hat, spricht m. E. nach für sie. Es gibt genug Eltern, die aus verschiedensten Gründen unbedingt wollen, dass ihr Kind aufs Gymnasium geht, obwohl es sich dort nur quält, so dass die Frage nach der Eignung durchaus dem Interesse am Wohl des Kindes entsprungen sein kann. Sieh es mal so. Und da dein Kind ja auf dem Weg zu den besseren Zensuren ist, ist die Antwort in diesem Falle wohl auch klar 😉

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