Nein, danke, für mich kein Obst, oder

wann hat das eigentlich angefangen, dass nahezu jeder ein Problem mit irgendeinem Nahrungsmittel hat? Dass viele Leute in Restaurants weder Essen noch Getränke von der Karte bestellen, sondern immer die Sally machen, sprich etwas anders/zusätzlich/weniger/ausgetauscht haben wollen?

Ich kann mich von früher an solche Erscheinungen nicht erinnern. Nun bin ich ohnehin noch nach dem Motto „es wird gegessen, was auf den Tisch kommt“erzogen worden von zwei Kriegskindern, die Jahre ihrer Kindheit gehungert haben und daher aus ihrer Sicht zu Recht der Meinung waren, dass wir froh sein könnten, dass wir uns jeden Tag satt essen konnten. Das ist vielleicht ein bisschen zu hart, von Kindern zu verlangen, alles zu essen, denn Kinder ekeln sich vor manchen Konsistenzen oder Farben eben doch, jeder weiß das.

Aber was heute gang und gäbe ist, ist auch nicht angenehm. Ich empfinde das als grenzwertiges bis schlechtes Benehmen, sich ständig zur Ausnahme zu machen, auch und gerade in guten Restaurants. Denn aus meiner Hotelzeit weiß ich noch ganz genau, wieviel Mühe sich der Koch mit der Komposition der Gerichte macht, da wird lange nachgedacht und probiert. Entsprechend groß ist die Begeisterung beim Küchenchef, wenn Beilagen ausgetauscht oder separiert werden. Das stört den Ablauf und stellt insofern eine Beleidigung des Küchenchefs dar, als der Gast sich anmaßt, besser zu wissen, was zu welchen Elementen passt. Noch schlimmer, wenn Gäste in dem liebevoll komponierten Auswahlmenü Hauptgerichte gegen den Zwischengang tauschen oder zusätzlich einen als Hauptgericht gedachten Zwischengang („nur eine kleine Portion“) bestellen. Das Drama in der Küche möchte ich mir nicht vorstellen.

Aber auch privat hab ich da schon einiges erlebt. Gut, Vegetariern setze ich kein Fleisch vor, selbstverständlich. Und ich frage in der Regel, ob jemand Unverträglichkeiten hat. Trotzdem ist es passiert, dass bei einem liebevoll gekochten Essen der eine weibliche Gast nur das Fleisch und sonst gar nichts gegessen hat („Ich mache gerade Atkins-Diät!“) und bei einem anderen Essen ein weiterer weiblicher (zuvor unbekannter und auch nachher nicht vermisster) Gast GAR NICHTS gegessen und getrunken hat. Allerdings konsequent auch ohne jede Erklärung.

Da frag ich mich, ob das Motto „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt!“ wirklich so falsch ist??

  • Beautybaerchi

    Tja ich weiß auch nicht genau wann das aufgekommen ist mit dem umbestellen etc. Leider gehöre ich inzwischen auch zu denen die manchmal umbestellen müssen, aufgrund einer Unverträglichkeit. In meinem Fall lässt es sich zum Glück oft ganz einfach regeln. Ich bestelle meistens etwas, dass die unverträglichen Lebensmittel nicht enthält (was meistens heißt: Ohne Soße). Insgesamt merke ich auch, dass ich seither seltener essen gehe. Das schadet auch meinem Geldbeutel nicht 😉
    Trotzdem merke ich auch in meinem Freundeskreis, dass sich die Unverträglichkeiten häufen. Es ist schon nicht ungewöhliches mehr, dass ich 3 Gäste mit 5 Unverträglichkeiten habe. Meistens klappt das aber ganz gut. Ich nehme Rücksicht bei der Auswahl des essens und die Gäste bereiten sich vor bzw. essen nicht so viel. Damit kann ich aber leben. Nichts essen ohne jede Erklärung versteh ich dann irgendwie nicht 🙁 Da käme ich mir als Gastgeber komisch vor 🙁

  • Ja, das ist leider so.
    Ich kann es verstehen, wenn jemand unter ernsthaften Krankheiten leidet,dann nimmt man gerne Rücksicht.
    Ansonsten entsteht bei mir öfter der Eindruck des vermeintlichen Besserwissens à la „so etwas (Kohlehydrate, Wurst austauscbar)esst ihr noch – wir nicht mehr! Auch wir pflegen gelegentlich Ernährungsspleens, die wir aber nur ausleben, wenn wir allein sind. Alles andere verbietet die Höflichkeit.
    Ich bin tatsächlich immer ganz beglückt, wenn ich auf Nachfrage zu hören bekommen „ach wir essen alles“. Da freut sich der Gastgeber!
    Viele Grüße

  • Janne, Du schreibst (wie so häufig) genau das, was ich denke.

    Ich bin GsD mit Kindern gesegnet, die alles essen (Auf die Frage der Kinderärztin, was sie am liebst essen kam die Antwort „Schnecken, Muscheln und Gambas..“) aber vermutlich nur, weil WIR es ihnen vorleben. Man darf etwas nicht mögen, und man darf auch Unverträglichkeiten haben – aber man darf nicht „rumfiesteln“. Vermutlich bedingt durch den Film wurde vermittelt, dass man etwas „Besonderes“ ist, wenn man Extrawünsche hat. Eine Frage des schwachen Egos?! Ich jedenfalls finde es lächerlich, sowohl bei Besuch als auch im Restaurant ständig Extrawürste haben zu wollen.

  • Ich finde es gar nicht schlimm, wenn sich jemand von einer Speise nur wenig auftut oder eine Beilage nicht isst, ich will zu diesem Zeitpunkt aber auch keine Erklärungen hören. Nein, danke genügt dann. Lange und breite Diskussionen über Laktoseunverträglichkeiten, Bedingungen in der Tierhaltung oder bestimmte Diätformen sind kein würdiges Tischgespräch.

  • Ich habe Gott sei Dank keine Allergien oder sonstiges bei Lebensmitteln. Mir schmeckt ( leider oder Gott sei dank 🙂 auch vieles und ich esse und trinke gerne. Ich setzte mich wahnsinnig gerne an einen schön gedeckten Tisch, freue mich über eine private Einladung zum Essen ( zu Hause), und nicht im Lokal. Das ist nat. auch nett, aber nicht ganz so persönlich. Und ich wertschätze die Idee, die Initiative, die Arbeit, Zeit, Geld, die damit verbunden sind. Wertschätzung ist dann allerdings etwas, von dem ich aktuell den Eindruck habe, das sie immer weniger Beachtung/ Bedeutung erhält. Mein persönlicher Eindruck ist, dass das individuelle Anspruchsdenken( ich will, ich bin, ich muss, also ich…..) extrem ausgeprägt ist, und sich immer weiter ausweitet. Den anderen wertschätzen findet nur noch selten oder minimal, zunehmend auch gar nicht mehr statt.
    Eine private Einladung zum essen nach Hause oder ein Essen im Lokal ist keine Selbstverständlichkeit, und sie darf nicht mit Übelaunigkeit, nicht essen, oder vergleichbarem honoriert werden.

  • Wir sind einfach dem Essen entfremdet. Es ist für uns nicht mehr Nahrung, Genuß und soziales Bindemittel, sondern es wird hauptsächlich als Kalorienträger, Status- und Weltanschauungssymbol und potentieller Krankmacher gesehen. Der Respekt vor Pflanze und Tier und den Beteiligten der Wertschöpfungskette bleibt da komplett aussen vor.

  • @ Janne
    genau das ist das Problem. Schlechtes Benehmen und die zunehmend steigende Überheblichkeit der Menschen, sich als etwas Besseres darstellen zu müssen, als sie evtl. sind.
    Es reicht nicht der gute Rotwein von der Ahr, es muss natürlich wieder was Besonderes aus
    Spanien(über deren Qualität sich eh diskutieren lässt, ist ja auch Geschmacksache ) oder sonst etwas exotisches sein.
    Benehmen zu Tisch ist wirklich selten geworden. ( Ich habe, zugegeben ein Problem damit, mit Genuss zu essen, wenn am Nebentisch ein fettige Haarsträhne am Kopf zu sehen ist) Deshalb finde ich auch , das es sich in privater Atmosphäre und mit Freunden selbst gekochtem Essen, mit mehr Appetit speisen lässt.

  • Einmal im Jahr geht’s zum hiesigen Sternekoch. Wenn ich den Tisch reserviere, weiss ich schon, was ich essen werde. Die Karte ist ja klein… und man darf ein Gericht austasuchen, wenn man mag – ich mag kein Wild? Kein Problem…

    Nun geschah es so, dass ich stockschwanger loszog – vorab!! hatte ich schon angekündigt, dass ich ein vegetarisches Menü möchte, und als der Koch am Tisch kam, sagte ich ihm, ich könne nicht scharf essen. Er lachte, sagte er hätte zwei Kinder und alles wäre supi. De facto konnte ich zu dem Zeitpunkt vieles nicht vertragen, aber dann gehe ich halt nicht essen?! Das Essen war köstlich, eine Sache habe ich dann tatsächlich nicht vertragen – hat aber 1A geschmeckt, wie das so ist mit den bösen Dingen, und das war’s.

    Nun ist es aber so, dass ich eine Laktoseintoleranz habe. Hatte ich schon immer – aber schlimm ist es erst seit ein paar Jahren.

    Da ich ebenfalls mit „was auf den Tisch kommt!“ aufgewachsen bin, habe ich das eine Weile unterschlagen, ich hasse es udem auch, wenn bei einer Bestellung tausend Extras, Fragen und Sonderwünsche kommen.
    Nachdem ich auf Geschäftsreisen schon die eine oder andere ancht auf den Klo verbracht habe und völlig fertig war, frage ich immer an oder kündige es an. Leider muss man das eben manchmal in Anspruch nehmen…

    Ansonsten gehe ich einfach nicht essen, oder kündige das an wenn ich zu Besuch bin, wobei das nie ein Problem war oder ist, ich esse sonst gerne alles. Da ist es eher mein Ehemann, der alle mit meinen Sonderwünschen verrückt macht, weil er sich so um mich sorgt 😉

    Besuch mit Veganern und FLeischfressern zusammen habe ich druch die Familie – das ist nervig. Aber auch eine Herausforderung in der Küche!

    Allerdings – ja, wir sind dem Essen, dem Ritual und uns selbst entfremdet, das ist leider sehr schade. Aber bei anerkannten Unvertäglichkeiten wie Laktose oder Gluten kann man nix machen.
    Es ist keine Moderscheinung-ich denke man wusste es früher nicht, und heute geht man damit etwas aktiver um.

    In DE wird sehr viel Milchzeug kosnumiert, total ungesund, während in anderen Ländern, wo die Intoleranz verbreitet ist, so etwas gar nicht erst auf den Tisch kommt und somit kein Thema sein muss.

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