Halt dich raus, Mama, oder

wenn Kinder älter werden, wird der Ton rauher. Nicht, dass meine kleine Tochter (10) das zu mir sagen würde, nein, das ist vielmehr der Titel des Buches, das sie gerade liest. Und das sie mir dann wortlos entgegen hält, wenn sie findet, dass ich nervig bin oder ihr zu nahe trete oder mich in Sachen einmische, die mich nichts angehen. Was ungefähr andauernd der Fall ist. Findet sie.

Finde ich nicht immer unbedingt, aber ich denke darüber nach, wenn sie mir das sagt. Und ich muss feststellen, dass sie in vielen Situationen zumindest teilweise recht hat. Ich kann mich fast immer noch ein bisschen mehr heraushalten. Nicht immer ganz und auch nicht immer, aber sehr oft. Wie schnell weist man an, kommandiert herum, besteht darauf, dass JETZT der Schulranzen gepackt wird, der Flur aufgeräumt, das Zimmer in Ordnung gebracht undsoweiterundsofort. Fast immer ist es möglich, meiner Tochter zumindest die Entscheidung zu überlassen, wann (bis zum Zubettgehen) sie diese Sachen erledigt, ob sie erst badet und dann isst oder erst isst und dann packt oder was auch immer.

Wenn ich genau hinschaue, geht es oft nicht um Notwendigkeiten, sondern darum, mich durchzusetzen, einfach, damit es dann erledigt ist. Das ist natürlich kein legitimer Grund – vor allem  nicht, wenn ich damit meine Tochter in diesen Punkten unnötig entmündige, klein halte, wie auch immer man das ausdrücken will. Wir können nicht einerseits postulieren, unsere Kinder zu selbständigen, verantwortungsbewussten Menschen erziehen zu wollen, und sie andererseits künstlich „klein“ halten, indem wir ihnen den möglichen Autonomieraum nicht zubilligen. Denn wenn ich genau hinschaue, ist er fast immer größer, als ich selbst annehmen, und zwar ohne dass das Kind verkommt, verlaust oder nackt in die Schule geht. Ich rede nicht von der Verantwortungslosigkeit, dem Sich-Nicht-Kümmern-Wollen, sondern davon, die Reife und Verantwortungsbereitschaft des Kindes zu beobachten. Und wenn mal was nicht klappt, so what? Machen wir immer alles richtig? Lernkurven sind normal und auch notwendig.

  • Ein sehr schön geschriebener Beitrag. Und obwohl meine Tochter noch klein ist, bemerke ich bereits, dass ich mich ähnlich verhalte. Es ist notwendig, den Kindern /jungen Erwachsenen ihre Geheimnisse zu lassen – auch wenn es uns Erwachsenen schwer fällt, weil wir immer alles wissen,steuern und besprechen wollen. Sehr schön habe ich dazu bei Maria Montessori gelesen:“ …Ein Kind ohne Geheimnis wird ein Erwachsener ohne Persönlichkeit. Dieses Geheimnis, das Kinder haben, ist nichts so sehr Mysteriöses. Es ist das Prinzip ihres eigenen Werdens, das sie unmöglich jemandem erklären können, wenn auch ein törichter Erwachsener versuchen möchte, ihnen ihr Geheimnis zu entreißen.“
    Und wie du schreibst: beobachten wir unsere Kinder mehr und geben ihnen die Chance zum Lernen. Und sein wir da, wenn sie sich hilfesuchend an uns wenden.
    Einen schönen Tag dir 😉

    Viele Grüße
    Nadine

  • Guten Morgen,
    Du hast vollkommen recht mit Deinem Artikel. Sie können tatsächlich mehr und freier entscheiden als wir unserem Nachwuchs oft zubilligen. Nerven tut es aber trotzdem, wenn solche Aufgaben wie Müll rausbringen oder Spüler ausräumen zeitlich diskutiert werden. Wannn er sein Zimmer aufräumt ist mir dagegen relativ egal.
    Viele Grüße
    Rani

  • Sehr schön geschrieben – ich finde es toll, wie reflektiert Du mit den Bedürfnissen des Kindes umgehst.

  • Danke, Ihr Lieben – wir versuchen doch alle, soviel wie möglich richtig zu machen. Natürlich bin ich nicht immer reflektiert, aber ich höre meinen Kindern zu und versuche ihnen gerecht zu werden. Wie wir alle.

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