Ein wunderbar vielschichtiger Roman über Geschichte und Justiz,

Landgericht von Ursula Krechel, die für dieses Buch den Deutschen Buchpreis 2012 bekommen hat. Sie schildert das Leben von Richard Kornitzer, einem Juden in Deutschland, aufgewachsen in Berlin, 1931 zum Richter ernannt, der im Zuge der Judenverfolgung aus dem Dienst entfernt wird und schließlich großes Glück hat, überhaupt nach Kuba zu entkommen. Er kehrt nach dem Krieg zurück zu seiner (arischen) Frau, die aufgrund ihrer Weigerung, sich von ihm scheiden zu lassen, von der Gestapo schikaniert, gefoltert und vergewaltigt worden ist.

Diese Claire Kornitzer ist überhaupt mit das Interessanteste an diesem Buch, denn sie war bereits vor dem zweiten Weltkrieg in Berlin Geschäftsführerin einer Firma für Filmwerbung, die von den Nazis ebenfalls zerschlagen wurde. Die beiden gemeinsamen Kinder können auf einem Kindertransport nach England untergebracht werden, jahrelang gibt es überhaupt keinen Kontakt zwischen den Familienmitgliedern.

Nach dem Krieg kehrt Kornitzer zurück, auch die Kinder werden aufgefunden. Einerseits bekommt er eine Stelle am Landgericht in Mainz, wo man ihn dienstrechtlich im Wesentlichen so behandelt, als wenn er nicht aus dem Dienst entfernt worden wäre, er wird befördert und findet Befriedigung in seiner Arbeit, die er gut macht. Andererseits sind die Kinder den Eltern entfremdet, eigentlich Engländer geworden, die in ihren Gastfamilien zu Hause sind. Andererseits ist die Gesundheit von Claire Kornitzer ebenso ruiniert wie Kornitzers eigene. Und was das Schlimmste ist: Sie stoßen auf die Ignoranz der anderen, die sich für ihre Geschichte nicht interessieren, davon nichts hören wollen, der Verfolgung das eigene im Krieg erlittene Leid durch Bomben und Flucht gegenüber stellen. Und Kornitzer reibt sich auf in seinen Wiedergutmachungsangelegenheiten, die rigide und kleinlich gehandhabt werden. Ich kann verstehen, dass dieser Mann an der Behandlung durch die Behörden dienstunfähig geworden ist.

Ein etwas sperriges, sehr ausführliches, wunderbar geschriebenes Buch, auf das ich mich einlassen konnte. Ich bin sehr froh, das gelesen zu haben. Wer sich wie ich für die deutsche Geschichte interessiert, wird Spaß daran haben – etwas Zeit am Stück sollte vorhanden sein, denn das ist kein Buch, das man häppchenweise zu sich nehmen kann.

  • ganz richtig! „etwas sperrig“ ist genau die richtige bezeichnung. aber hinterher ist man froh, es gelesen zu haben.
    ich bin durch denis scheck drauf aufmerksam geworden, frau krechel fand ich im interview auch etwas spröde, aber wer
    sich drauf einlässt, wird erhellendes und aussergewöhnlich fesselndes erfahren!

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