Von anderen lernen ist in diesem Fall besonders sinnvoll, oder

warum die Äußerungen von Sterbenden für uns so wichtig sein sollten. Ein britische Sterbebegleiterin hat ein Buch geschrieben (bislang leider nur auf englisch erschienen) über ihre Beobachtungen an Sterbebetten. Nach ihrer Erfahrung gibt es neben den Menschen, die ohne Bedauern oder Reue sterben – lasst uns an sie als die Glücklichen denken – am häufigsten fünf Kernaussagen, was Sterbende bedauern.

Ich fand das Buch faszinierend, weil es einerseits zum größten Teil bestätigt hat, was auch zum Beispiel Andreas Winter in seinen Büchern und Seminaren vermittelt, und andererseits so erstaunlich plakativ und damit sehr beeindruckend ist. Nun liegt es auf der Hand, dass Bedauern auf dem Sterbebett nicht mehr viel nützt, schließlich kann man es einfach nicht mehr umsetzen, was einem da auf den letzten Metern klar wird. Um so mehr Grund für uns, davon zu lernen, auf dass wir nicht auch auf dem Sterbebett die gleiche Reue verspüren. Hier sind nun die fünf Hauptaussagen und die Schlüsse, die wir, die wir hoffentlich noch Zeit haben, daraus ziehen können:

Die häufigste Aussage betraf das Unglück, nicht das eigene Leben gelebt, sondern sich viel zu viel nach den Wünschen und Ansprüchen anderer gerichtet zu haben. Das stelle ich mir auch wirklich schlimm vor, wenn einem klar wird, dass das eigene Leben ganz anders ausgesehen hätte. Ich denke oft, dass den Leuten eher leid tun wird, was sie alles nicht gemacht haben, als das, was sie taten. Es ist wichtig, sich ab und zu die Zeit zu nehmen, in Ruhe Bilanz zu ziehen: Wo stehe ich? Bin ich zufrieden? Wo sehe ich mich in fünf Jahren? Gefällt mir das? Wenn nicht, wo will ich hin? Was kann ich dafür tun? Wer kann mir helfen, mich wirklich an mir zu orientieren?

Die zweite Aussage war (hauptsächlich) von Männern, dass sie einfach viel zuviel gearbeitet hätten, anstatt zu leben. Auch das kann ich mir sehr gut vorstellen. Erst bastelt Mann mit Hochdruck an der Karriere, hat er sie, frisst sie ihn auf. Und irgendwie gibt es wie bei dem Esel mit der Karotte vor der Nase immer noch einen Grund, weiter zu schuften, denn um die Ecke wartet hat das größere Büro/die Beförderung/die Gehaltserhöhung/bitte beliebig ergänzen.

Die dritte Auassage ist auch sehr naheliegend, nämlich darüber, die eigenen Gefühle nicht hinreichend gegenüber den Nächsten ausgedrückt zu haben – wer nicht sagt, wie ihm ist und was ihn freut/verletzt/umtreibt, gibt seiner Umgebung keine Chance, sich darauf einzustellen. Die vierte Aussage betrifft ein weiteres Unterlassen, nämlich sich nicht genug um die nächsten Angehörigen und die Freunde gekümmert zu haben. Ja, was sind wir, wenn unsere sozialen Beziehungen nicht funktionieren? Alleine, einsam, ohne Liebe, ohne Zuwendung. Und noch schlimmer ist es, wenn wir andere, die uns zugewandt sind, nicht aufmerksam wahrnehmen – irgendwann hören dann auch diese Menschen auf, sich um uns zu kümmern.

Die fünfte Aussage fand ich am verblüffendsten: Die Sterbenden bedauerten, sich nicht mehr Glück und Freude gegönnt zu haben. Interessant finde ich die verbreitete Einsicht unter Sterbenden, dass Glück tatsächlich unter anderem eine Frage der freien Entscheidung ist. Also, lasst uns daran denken und in der Regel dafür sorgen, mindestens dreimal am Tag richtig glücklich zu sein. Wie das zu erreichen ist, wird jede für sich selbst am besten wissen. Mir gelingt es immer mit einem langen Lauf, auf dem ich auch noch viele Tiere sehe und die Natur genieße, und im Zusammensein mit meiner Familie und meinen engen Freunden.

  • Liebe Janne,
    ein richtiges Novemberthema! Ich habe mich in diesem Jahr aus gegebenem Anlaß recht ausführlich damit auseinandergesetzt.
    Allerdings treibt mich manchmal die Frage um, was wäre wenn man an einer Weggabelung des Lebens anders entschieden hätte. Wäre ich genauso glücklich und zufrieden geworden wie in meinem jetzigen Leben nur eben anders oder…?
    Eine spannende Frage, wobei ich denke, dass meiste hängt von den Menschen und nicht vom Leben ab.
    Ein schönes Wochenende
    Rani

  • Das ist natürlich auch eine spannende Frage. Ich denke, Entscheidungen haben Konsequenzen. Alle. Wenn du studierst, kannst du in der Zeit kein Geld verdienen. Wenn du arbeitest, kannst du nicht studieren. Wenn du diesen Mann heiratest, wirst du keinen anderen heiraten. Wenn du Kinder bekommst, wirst du einige Jahre nicht viel Zeit für andere Dinge haben. Aber was wirklich schlimm ist, ist gar keine Entscheidung aktiv zu treffen. Dann bereust du auf dem Totenbett, dass du nicht dein Leben gelebt hast.

  • Das ist richtig und war ja auch Thema Deines Artikels.Da ist es mit Sicherheit besser falsche als gar keine Entscheidungen zu treffen.
    Ich meinte nur den Reiz der „was wäre wenn gewesen“ Gedanken. Wohlwissend, dass ich diese Entscheidungen getroffen habe und sie nach wie vor richtig und auch passend für mich finde.

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