Serge Lutens Santal Majuscle

Der gute Serge ist seit langen Jahren mein ständiger Begleiter, meine Vorlieben haben sich zwar leicht gewandelt, aber sollte ich DAS Lieblingsparfum nennen – dann kommt nur ein Duft von ihm in Frage. Früher war es Douce Amere (mag ich immer noch), ich hatte längere Flirts mit Louve, Chergui und Bois et Fruits (nur in Paris erhältlich), aktuell und schon seit längerem begleiten mich Gris Clair und Borneo 1834 (im Winter). 

Die diversen eher leichteren Düfte, die in letzter Zeit erschienen sind, waren nicht so mein Fall. Ich mochte und mag an Serge Lutens, dass die Düfte einzigartig sind und den „Hallo, hier bin ich“-Charakter haben. Das traf dann in letzter Zeit auf einige nicht so sehr zu. Immer noch auf meiner Wunschliste steht Vitriol d’oeillet, der ungewöhnliche Nelkenduft.

Lange Vorrede, ich war auf jeden Fall hocherfreut, als mich die Agentur von Serge Lutens anschrieb – nicht unbedingt, weil sich dann hier die Parfumflaschen türmen, aber man bekommt vorab die Infos und – wie im Fall von Santal Majuscle – eine Duftprobe. Wobei ich auch nichts gegen große Flaschen habe…

Wie immer bei Serge Lutens ist die Duftbeschreibung eher knapp: Sandelholz, Türkische Rose, Kakao. Der Flakon mit 50 ml (er kommt wie alle Flakons als Schüttflasche mit optionalem Sprüher, der natürlich auch sicher zu verschließen ist) kostet 98 Euro.

Womit wir dann beim schwierigen Teil angekommen sind… wie immer fällt es mir schwer, die diversen tieferliegenden Nuancen zu beschreiben. Es duftet auf jeden Fall nach Sandelholz. Dazu kommt der trockene Duft nach dunklem Kakao und ein süßlicher Beigeschmack von der Rose. Ich überlege noch, ob wir zwei dicke Freunde werden. Ich mag sehr gerne den trockenen und scharfen Duft von Borneo, der durch das Zusammenspiel von Patschouli und Kakao entsteht. Hier stört (?) mich ein wenig die Rose, ich bin mir nicht, ob ich diese süß-blumige Note dazu mag. Mal sehen.

Allerdings geht es mir bei den meisten Lutens-Düften so – immer erst Liebe auf den zweiten bis fünften Blick. Ich werde mein Fläschchen also mal beiseite legen, einen Monat warten und die nächste Runde einläuten.

Nicht vorenthalten möchte ich euch aber den Text von Serge Lutens zu diesem Duft:

Winter 1952.

In jener Nacht hatte es kurz vor Tagesanbruch geschneit.

Mit hochgestelltem Kragen ging der Junge zur Schule. Ein zarter weißer Schleier glitt unter seinen Schritten dahin und bildete gedämpft die Worte: „Ich werde zu spät kommen!“. Zunächst wollte er die Verspätung aufholen, aber dann, als sei es gar nicht seine eigene Idee gewesen, verwarf er den Gedanken und ging noch langsamer. Von diesem Moment an trug er den Nordpol in sich. Er ging an den Mauern entlang, hielt sich mühsam an ihnen fest. Trotz des Schneesturms änderte er sein Alibi und trat aus seiner eigenen Geschichte heraus. Inmitten der Kälte, auf dem Trottoir, legte er seinen Schulranzen ab, hauchte in seine Handflächen und dachte nach. Er hielt die Zeit an. Als er fand, es sei genügend Zeit verstrichen, als seine Finger wieder warm waren und er sich sein Szenario zurechtgelegt hatte, ging er weiter. In der Klasse angekommen, schob er die Schuld höflich auf die frühe Morgenstunde, die Kälte, den Wecker und die eisglatten Pflastersteine, die ihn „nach Kräften hatten hinfallen lassen“, entschuldigte sich für die zwanzigminütige Verspätung, streifte seinen Schulkittel über und setzte sich auf seinen Platz.

Den Uhrzeigern nach zu urteilen, war es noch nicht Zeit für die Pause.

Als er saß und seine Anspannung sich unter der Wärme des Holzofens löste, beruhigte sich der Junge.

Monsieur Vantienen, mit dem Rücken zur Klasse, hielt in der Hand – ein Stück KäseTips To Get Ur Boyfriend Back

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Der Junge, der zuerst nur leicht abgelenkt gewesen war, verließ die Führung und schließlich die Seine, um woandershin zu gehen.

Warum, aus welchem unbewussten Motiv heraus hob der Junge jeden Tag seinen Blick zu einem Oberlicht? Warum ließ er seinen Blick zu einem zitternden Ast nach draußen schweifen? Warum bewirkte dieses verglaste Bild, dass sein zweites Ich zum Leben erwachte? War es nötig, dass Vantienen ihn mit einem sonoren Lutens! aus seinen Träumen riss?

„Lutens! Stehen Sie auf!“
Der Mond konnte auch nicht helfen.

„Warum setzen Sie dauernd ohne ersichtlichen Grund diese Großbuchstaben (*), ich zitiere: Gold, Wolf, Feuer, Kerker, Blume… und so weiter!“

Er kommentierte einen Aufsatz vom Vortag, in dem der Schüler einen Text über das Mittelalter wie bei einer Illumination mit verzierten Großbuchstaben versehen hatte.

Vantienen ließ nicht locker:

„Ich habe Sie etwas gefragt. Anworten Sie!“

„…“

Der Junge zählte die Punkte.

Es ist gemeinhin bekannt, dass Spiegel Bilder verdrehen. Weniger bekannt ist hingegen, dass Bilder auch Spiegel verdrehen können.

Daher sagte der Junge, der sich seiner noch nicht sehr sicher war, zögernd:

„Ich weiß es nicht.“

„Das ist keine Antwort!“

Das „das“ traf den Jungen an einem sensiblen Punkt. Es ging hier um seine Großbuchstaben. Also stieß er hervor, als sei es eine Selbstverständlichkeit:

„Weil ich das bin!“

Vantienen schoss zurück:

„Weil Sie was sind: der Himmel? Der Schnee, der Wolf, die Blume? Ach, eins habe ich noch vergessen: die Prinzessin. Erklären Sie mir das!“

Wie auf einem Amboss hämmerte der Junge vier Silben:

„Ja. Das. Bin. Ich.“

Mit einem Schulterzucken und Gekicher aus den hinteren Reihen, das nach einem scharfen „Ruhe!“ von Vantienen erstarb, war die Sache erledigt. Alles war gesagt.

Stolz verlangt nach Beachtung. Deshalb stellte der Junge sich vor, wie er in Ritterrüstung auf einem Pferd zusammen mit einer fantastischen Prinzessin in Trauerkleidung inmitten trappelnder Holzschuhe zur Krönungsmesse in eine Kirche einreitet, und zwar genau zum Zeitpunkt Wandlung. In dem Moment also, wo der Priester die große Hostie zum Kreuz und dem Gekreuzigten emporhebt.

(*Anmerkung: Im Französischen werden Substantive für gewöhnlich klein geschrieben.)

(Quelle Bildmaterial: Serge Lutens, eine Produktprobe wurde zur Verfügung gestellt)

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