Ich bin versucht, diesen Post…

… Kotzreiz zu nennen. Ich saß gestern nichtsahnend am Frühstückstisch, hatte mein Brötchen mit ausgesprochen leckerem Biokäse belegt und griff frohgemut zu meiner üblichen Sonntags-Frühstück-Lektüre, die Frankfurter Sonntagszeitung. Diese schätze ich im allgemeinen sehr (apropos: die Neueinrichtung namens „Fragen Sie Helmut Schmidt“ ist einfach köstlich – wobei Marcel Reich-Ranicki natürlich unübertroffen ist…), aber mir kam fast das Brötchen wieder hoch.

Nachdem in den vergangenen Wochen schon eifrig gegen die Frauenquote in allen Varianten geschrieben wurde und die vorgeblichen Gefahren (!) so richtig schön breit gewalzt wurden, wurde gestern im Wirtschaftsteil der vorläufige Höhepunkt erreicht. Ich denke gerade daran, das Abo zu kündigen.

Vor zwei oder drei Wochen gab es einen Artikel darüber, was Frauen „wirklich wollen“. Nein, die Rede war nicht von gutem Sex, es ging darum, dass die intelligenten, gut gebildeten Frauen um die 45 bis 50, die auch karrieretechnisch schon fortgeschritten sind, einfach nicht mehr mit dem männlichen Gehabe in den Chefetagen umgehen wollen und lieber ihr eigenes Ding machen. Das konnte ich mit Mühe nachvollziehen. Wenn man es sich leisten kann, mag jeder gerne sein eigenes Ding machen. Ich fände es auch sehr schön, wenn ich pro Blogpost 250 Euro bekäme (oder 500???) und einen entspannten Tag hätte. Nun ja, das trifft wohl auf die wenigsten zu.

Gestern gab es dann den krönenden Höhepunkt: unter dem Titel „Lauter verlorene Männer“* versehen mit dem Untertitel  „Die Wirtschaft will weiblich werden. Wie wild befördern die Konzerne Frauen. Auf der Strecke bleibt eine Männergeneration“* beschrieb die Autorin (!!!) das Leid der armen Männer um die 40, die einfach keine Chance mehr auf Karriere haben, weil ja jetzt im Maximalfall 30% der Führungspositionen durch Frauen besetzt werden sollen. Die Ärmsten.

Mein Gott, wie kann das sein? Nur noch 70% oder 80% der Stellen männlich besetzt? Und das für die Hälfte der Bevölkerung, die noch nicht einmal die Hälfte der Uniabschlüsse schafft? Ein SKANDAL. Was sage ich: ein RIESENSKANDAL.

Da wird dann ein Mitarbeiter der Telekom zitiert mit der Aussage: „Bei mancher fragt sich der 40-Jährige: wie um alles auf der Welt kam sie auf die Position?“* Ja, das ist eine Frage, die ich mir in der Vergangenheit auch sehr häufig gestellt habe. Allerdings bei Männern.

Waren die Leute von der FAS in letzter Zeit mal in irgendeinem Konzern unterwegs? Die Autorin zumindest nicht, da bin ich mir ganz sicher. Selbst in der Kosmetikindustrie, ich schrieb über den Bloggerevent von Biotherm. Jede Menge Frauen und jetzt ratet mal, welches Geschlecht der Geschäftsführer hatte? Wobei L’oreal wohl insgesamt frauentechnisch gut unterwegs ist.

Ich kann dieses Frauenquotenblabla nicht mehr hören. Niemand trennt sich gerne vom „Gewohnheitsrecht“, natürlich ist es für die Herren bequem, wenn man keine Konkurrenz bekommt. Und wenn die Männer alle so furchtbar gut und clever sind, haben sie ja wohl keine Probleme, die blöden Quotenfrauen in ihre Schranken zu weisen. Oder sollte die eine Hälfte der Menschheit doch nicht blöder sein als die andere?

Habe ich das wirklich in der Frankfurter gelesen? Ich kann es immer noch nicht glauben. Haben die mal einen Artikel über die Generationen von frustrierten Frauen geschrieben, die vom Männerclub ausgebootet wurden? Oder warum nur Frauen, aber niemals Männer gefragt werden, wie sie die Kinderbetreuung managen? Oder darüber, dass bei einer Ersteinstellungsquote von über 50% Frauen im Förderclübchen für den nächsten Karriereschritt leider leider nur 10% Frauen sind? Naja, die müssen ja auch keine Familie ernähren. Und über Fußball unterhalten sie sich auch nur gezwungenermaßen.

Ach ja, und dann war da natürlich noch die Mathematik. Ich weiß auch, dass zur Erreichung der angestrebten Frauenquoten bei der Stellenneubesetzung der Anteil an Frauen hoch ist. Wenn ich 100 Stellen habe, 30% Frauenquote in drei Jahren anstrebe und die Fluktuation bei sagen wir mal 20 Stellen pro Jahr liegt, dann muss ich jede zweite Stelle mit einer Frau besetzen. Ja und? Regt sich irgendeiner darüber auf, dass jede zweite Stelle mit einem Mann besetzt wird?

(Alle Zitate mit * stammen aus der Frankfurter Sonntagszeitung vom 3.6.2012)

  • Oh Mann. Bei sowas könnt ich auch immer wahlweise was kaputtschlagen oder mich resigniert hinsetzen und heulen. Es ist auch immer wieder zum Verzweifeln, was dabei herauskommt, wenn ich mit meinem (männlichen UND weiblichen) Umfeld die Frauenquote diskutiere. Da zweifele ich regelmäßig an meinem Verstand.

    Gern genommenes Argument der Frauenquotengegner, die ich kenne: Wenn Frauen gut sind, dann kriegen sie die Jobs auch, dafür brauchen sie keine Quote. Da wird einfach komplett abgestritten, dass dies eben nicht so ist.

    Ich bin 33, in einem männlich dominierten Beruf unterwegs und kann ein Liedchen davon singen. Und gleichzeitig behaupten so viele Frauen meiner Generation, der Feminismus sei „heutzutage“ ja eine überflüssige Einrichtung. Traurig.

  • Ja – die armen Männer. Erst wollten sie unbedingt ein Kind, aber die Partnerin will nicht, weil sie sich noch selbst verwirklichen muss, und jetzt werden sie nicht mal mehr befördert, weil möglicherweise eine mäßig kompetente Frau den coolen Job bekommt, den sie selbst gern mäßig kompetent ausgeübt hätten.
    Übrigens war immer ein (Haupt-)Motivator in meiner beruflichen Laufbahn, die Männer genauer anzuschauen, die das Pöstchen bereits hatten, mich nicht von ihrem Geschwätz und ihren Posen blenden zu lassen, und festzustellen: Das bißchen, was die bringen, schüttele ich aus dem Ärmel.

  • Ich bin erst dann zufrieden, wenn genauso viele inkompetente Frauen befördert worden sind wie inkompetente Männer. Dafür werden wir vermutlich noch 100 Jahre brauchen. Im RBB-Inforadio kam am Samstag abend ein Gespräch mit Ingo Kahle, der einen offensichtlichen Frauenhasser eingeladen hatte, der die Frauen belehrte, wie Karriere nicht geht. Also jedenfalls geht sie nicht für Frauen, denn die wollen doch dann eh alle Kinder und dann sind sie weg. Und wenn es mal klappt, dann sind sie …. EINSAM. Also, Mädels, lasst es lieber. Ich habe an den RBB geschrieben und vorgeschlagen, er möge mal Jutta Allmendinger oder Ursula von der Leyen einladen, das ist doch nicht auszuhalten.

  • „…wenn genauso viele inkompetente Frauen befördert worden sind wie inkompetente Männer.“ 100% Zustimmung! Erst das ist Gleichberechtigung. (Aber die Von der Leyen brauchen die auch nicht einladen – du wärst der richtige Radiogast!)

Deine Meinung?