Die schwerste Aufgabe im Leben, oder

die jeweilige Achillesferse – jede hat sie, keine mag sie, und doch muss frau sich wohl damit auseinandersetzen, wenn frau irgendwann mal erwachsen werden will, fürchte ich. Die Achillesferse ist für die jeweilige Trägerin nahezu unsichtbar, sie schmerzt nur, wenn sie berührt wird und führt zu unkontrollierten und teils unkontrollierbaren Reaktionen. Seltsamerweise ist sie für interessierte oder auch nur sensible Dritte mühelos und ohne weitere Anstrengungen erkennbar.

Wovon ich eigentlich spreche? Na, von dem wunden Punkt, dem ungelösten Problem, das (nahezu) jede Frau mit sich herumschleppt und ohne es zu wollen hegt und pflegt. Dem Splitter im Auge der Nächsten, der größer ist als das Brett vor dem eigenen Kopf. Ich zum Beispiel bin eine Älteste von vier Geschwistern, als ich fünf war, hatte ich schon drei jüngere Brüder.

Von klein auf wurde von mir Selbständigkeit und Hilfe erwartet, schließlich gab es immer mindestens einen Kleineren, der getragen, gefüttert, gehätschelt oder getröstet werden musste, und zwar dringender als ich. Ich kenne dieses Gefühl der aufsteigenden Tränen noch sehr gut, wenn meine kindlichen Bedürfnisse mal wieder nichts zählten, weil anderes wichtiger war. Nicht, dass ich meine Mutter nicht verstehe, ich bin selbst Mutter von drei Kindern und weiß, wie anstrengend das ist. Aber ich habe daraus gelernt, nicht zu klagen (das geht so weit, dass mein erster Reflex, wenn ich mich verletzt habe, der ist, so zu tun, als wenn nichts passiert wäre), so tüchtig wie möglich zu sein, für alle zu sorgen, sich um alles zu kümmern und nicht zu erwarten, dass jemand etwas für mich tut.

Nun, hört sich gar nicht so nach Charakterdeformation an, oder? Das ist Material, aus dem leistungs- und leidensfähige Lichtgestalten gemacht sind. Die Kehrseite ist nur, dass ich eben doch gerne hätte, dass jemand sich mal um mich kümmert. Oder zumindest sieht, was ich alles so mache. Und ich will auch mal irgendwo die Nummer eins sein und nicht immer nur die, die sich um alles kümmert. Die Krux dabei ist, dass ich mir das selbst verwehre, weil ich ja denke, dass ich nur dann geschätzt werde, wenn ich immer … siehe oben.

Wenn nun also doch mal alles zuviel ist oder irgendetwas aus dem Ruder läuft oder jemand das, was ich gut machen wollte, kritisiert, dann kann das zu unschönen Eruptionen führen. Unschön für mich und unschön für andere, zumal die anderen ja oft gar nicht darum gebeten haben, dass ich mich um alles kümmere (wobei es in der Regel zumindest klaglos hingenommen wird, soweit ich Männer kennen gelernt habe, nur beschweren soll ich mich nicht darüber).

Nun, das Leben hat mir einen netten Wink gegeben, mit dem Zaunpfahl, nachdem all die subtilen Hinweise mein dickes Fell nicht durchdrungen haben: Ich habe mir den Fuß gebrochen, und zwar so, dass ich nur mit zwei Krücken laufen und überhaupt nicht Autofahren kann. Was dazu führt, dass ich auch im Haushalt ein Totalausfall bin, weder einkaufen noch kochen noch aufräumen kann… Es wird ein interessanter Feldversuch unter unkontrollierten Bedingungen, wie meine Familie und ich das hinbekommen werden. Ich muss loslassen, und sie müssen machen. Alles mögliche… Ich werde berichten, wie es läuft!

  • Als erstes: Gute Besserung!!!

    und zweitens: die Beschreibung kommt mir irgenwie bekannt vor :-). Und deshalb harre ich hier ab sofort täglich voller Spannung auf die Schilderungen dessen, was sich ab sofort und während der kommenden Wochen täglich so alles ereignen wird. Vielleicht lerne ich etwas daraus für mich, und dass ohne Bruch.

    Nochmals gute Besserung und viele positive Erfahrungen!

  • Liebe Janne, auch von mir gute Besserung. Beinbruch hört sich nicht gut an. Deine Gefühle kann ich aber sehr gut nachvollziehen. Ich habe eigentlich auch immer das Gefühl, hintenanzustehen, zurückzustecken und ganz viel Rücksicht auf die anderen zu nehmen bzw. erwartet wird, dass ich diese Rücksicht nehme, da ich ja älter, weiser und was weiss ich bin. Gefällt mir auch nicht. Komischerweise habe ich auch immer das Gefühl, dass, wenn ich mich mal durchsetzen oder meine persönlichen Interessen stärker betonen möchte, mir das verdammt übel genommen wird. Weiss aber trotz meiner 50 Jahre immer noch nicht, wie ich damit umgehen soll. Nicht leicht.

    Bin auch mal gespannt, wie es bei Dir so läuft. Alles Gute.

  • Liebe Janne,
    ich hab das eben erst gelesen, da du den Artikel ja dankenswerterweise im BB verlinkt hattest.
    Wie immer von dir, wieder wunderbar kurzweilig geschrieben und trefflich, um nicht zu sagen auf den Punkt, formuliert!!

    Ich sollte hier mehr Zeit verbringen. Wenn ich nicht wüßte, daß du dein Geld mit etwas verdienst, was dich ausfüllt und was du liebst, mit Schreiben könntest du deine Familie sicher auch mehr als nur durchbringen!

  • naja, Janne verdient ihr Geld doch mit Schreiben – unter anderem 😀

  • Danke, liebe Vivian, das bedeutet mir viel, wenn ich so tolle Rückmeldungen bekomme!

  • Wünsche dir eine baldige und gute Genesung!

    Deine Texte sind so schön, ich kann mich so gut in manches hineinversetzen. Ich bin auch die Älteste unter meinen Geschwistern und kann diese Gefühle und Gedanken nur unterschreiben. Das lässt auch nie nach, auch wenn wir alle inzwischen doch älter sind, ich bin doch immer eher nicht nur große Schwester, sondern irgendwie auch „Halb-Mutter“, die vernünftiger ist, ermahnt, kontrolliert, hilft etc. ; )

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